Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 590 Vr. Vloch's Wochrnschrifl Rr. 30 Sie wollen nämlich die Entdeckung gemacht haben, daß der große deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche ein Jude sei. Welch profunde Forschungen sie zu diesem Zweck angestellt haben, das verschweigen sie wohlweislich. Sie haben auch keine Antwort auf die Frage, wie es komme, daß Nietzs che's Vater protestantischer Pfarrer in Naumburg war. Sie decretiren einfach: Nietzsche ist ein Jude, und damit ist die Sache erledigt. Wir glauben übrigens die Beweggründe zu kennen, welche die Herren veranlassen, Nietzsche zu einem Juden zu stempeln. Der geistsprühende Denker hat mehrmals in seinen Werken über die Verfechter der arischen Racentheorie die Geißel seiner Satyre klatschen lassen und die antisemitische Bewegung als eine banausische Zeitströmung und als einen Ausbruch vulgärer Triebe gebrandmarkt. Nietzsche hat sogar für das stetige Anschwellen des Antisemitismus eine Erklärung gefunden, die er mit einem Goethe'schen Spruche formulirte, der folgenden Wortlaut hat: „Ueber das Mederträchtige Niemand sich beklage, Denn es ist das Mächtige, Was man Dir auch sage." Metzsche hat aber noch durch eine andere schwerwiegende Thatsache seine semitische Abstammung in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise documentirt. Er hat es nämlich gewagt, Heinrich Heine als einen der größten deutschen Dichter zu feiern; ja, er hat erklärt, daß Heine „ein europäisches Ereigniß" sei. Also lauter augenfällige Beweise für das Judenthum des Philosophen. Die antisemitischen Gelehrten scheinen übrigens nicht zu wissen, daß Metzsche behauptete, daß seine Vorfahren Polen waren. Da ihnen nun diese Thatsache bekanntgegeben wird, so werden die „Deutschvolklichen" sicherlich in Bälde die weitere Entdeckung machen, daß Nietzsche der Enkel eines polnischen Wuuderrabbi und daß seine berühmte „Herrenmoral" nichts Anderes, als die „Tarnopoler Moral" sei. Die gelöste Preisaufgabe. „Man setze den Fall", sagt Friedrich Delbrück in seinen „Ansichten der Gemüthswelt" (S. 140 f.): „es würde zur Preisaufgabe gemacht, ein Volksbuch zu schreiben, woraus, in wie viele Sprachen es auch übertragen würde, ein eigentümlicher Geist spräche; ein Buch, woran die erhabensten Gedanken und die heiligsten Gefühle sich knüpfen ließen; ein Buch, tauglich, den öffentlichen und häuslichen Festen eine höhere Weihe zu geben, indem es Gebutt und Tod, Eintritt in die menschliche und bürgerliche Gesellschaft und jede Art der Bundeshandlung durch Inschriften schmückte; reich dabei an Wahlsprüchen für jegliches Alter, welche die Freuden des Lebens zu erhöhen, desselben Leiden und Widerwärtigkeiten zu mildern sich eigneten; unerschöpflich an Stoff zu Gesängen, in welchen die von Andacht durchdrungene Seele, sei es in einsamer Kammer, sei es im Verein mit Gemüthsverwandten, himmelan stiege; ein Buch, welches auf eine Art in Umlauf kommen müßte, worin sichere Bürgschaft läge, daß es seine erhebende und tröstende Kraft an Millionen von Jahrhundert zu Jahrhundert zu bewahren nicht aufhören würde. Würde nicht eine solche Aufforderung seltsam, ihr Genüge zu leisten ganz unmöglich sein? Aber ist sie denn nicht gelöst, diese Aufgabe, gelöst vor beinahe zwei Jahrtausenden? Bon Geschlecht zu Geschlecht hat die Bibel wie eine vertraute Geisterstimme an den großen und kleinen Händeln der Welt Antheil gehabt, eingreifend mit Rath und Trost, voll Würde und Herrlichkeit, Fürsten und Bettler einwechend zum Leben und Sterben, jedem Gott ergebenen Gemüth das heiligste Gefäß der heiligsten Gedanken. Israelitische Gastfreundschaft. Wir lesen in einer christlichen Miffionszeitschrift: In den Lebens- und Berufserinnerungen der Gräfin Rittberg, der Oberin des Hilfsschwesternvereines in Berlin, fircket sich ein Beitrag zur Behandlung des obigen Themas. Während des Krieges von 1866 kam die Gräfin einst um Mitternacht mit anderen Pflegerinnen in die böhmische Stadt Horitz. Der Leiterwagen, welcher die sechs Frauen von Königinhof aus dorthin gebracht hatte, hielt auf dem Marktplatz. Man suchte zunächst eine Nonne auf, von welcher ein Malteserritter behauptet hatte, daß sie noch eine Matratze vorräthig habe. Mer die letztere konnte den müden Reisenden nicht mehr als Nachtlager überwiesen werden, die Nonne hatte sie längst an einen Verwundeten vergeben. Außerdem war im Lazareth nicht einmal mehr für Eine Person Raum, geschweige denn für sechs. „Sehr enttäuscht", schreibt die Gräfin, „ja etwas verzweifelt, trat ich den Rückweg an. Wir konnten doch unmöglich die Nacht auf dem Marktplatz stehen bleiben; der Kutscher verlangte, daß wir ihn sofort entließen. An eine Unterkunft in einem Gasthause war nicht zu denken, da überall Verwundete untergebracht waren. Da sah ich einen Mann dahin wandern. Ich stürzte ihm nach, trug ihm unser Anliegen vor und fragte ihn um Rath, wo wir wohl die Nacht Unterkommen könnten. Er bot uns in fteundlichster Weise sein eigenes Zimmer, sein eigenes Bett an, und nun hielten wir dankbaren Herzens unseren Einzug bei dem gastlichen Manne, der seine eigene Bequemlichkeit mit Freuden opferte; es war ein Jude." Die vorstehende Erzählung rief dem Schreiber dieses ein Erlebniß aus dem Sommer des Jahres 1886 ins Gedächtniß. Auf einer Missionsreise durch Galizien kam ich in später Abendstunde auf dem Bahnhof einer kleinen Stadt an. Ich machte hier die- Bekanntschaft zweier Israeliten, die am Orte ansässig waren. Wir pilgerten zusammen in die abseits von der Eisenbahn liegende Stadt. Unter lebhaften Gesprächen erreichten wir das Gasthaus, von dem mir meine Begleiter gesagt hatten, daß ich dort einkehren könnte. Aber es war schon Alles verschlossen und kein Licht mehr zu sehen. Als ich an die Thüre pochte, fuhr ein mächtiger Hund, der wohl von Außen das Haus zu bewachen hatte, auf mich zu und biß zwar nicht in die unmittelbare, aber doch in die mittelbare Bedeckung meiner Knochen, in ein Kleidungsstück, hinein. Da nahm sich der eine der beiden Israeliten des obdachlosen Missionärs an, führte ihn in fein Haus und bereitete ihm auf einem Sofa ein bequemes Lager. Christoph vou Sthmid, der berühmte Jugendschriftsteller, schreibt in seiner Selbstbiographie über die biblischen Geschichten (s. Schumann, Lehrbuch der Pädagogik, 2. Theil, S. 191): „Unter allen Geschichten sind die biblischen die vortrefflichsten. Da lebt Alles, Alles steht vor Augen, der Schauplatz der Geschichte ist immer bestimmt. Man ist überall in der wirklichen Welt, hat Berg und Thal, Baum, Felsen, Quellen und Gebirge; es ist die Zeit der Geschichte angegeben. Jetzt ist es Morgen, jetzt Abend, jetzt heißer Mittag. Bald ist es Erntezeit, bald Schafschur, bald Weinlese, die ganze sichtbare Natur ist in's Interesse gezogen. In diesen Geschichten leuchtet eine Sonne, ftmkeln die Sterne, man sieht den Regenbogen. Da ist ein Kornfeld, dort ein Weinberg, hier ein Oelgarten. Die Natur ist mit lebendigen Geschöpfen bevölkert, die nach ihrem Charakter gezeichnet sind. Bei aller Umständlichkeit fällt die biblische Erzählungsart nie in's Kleinliche. Da wird kein Sonnenaufgang, keine Landschaft geschildert, wodurch der Fortgang der Erzählung nur aufgehalten würde. Die handelnden Personen sind keine Schattengestalten, sie sind Menschen, die reden und handeln wie wir. Alle sind aus dem wirklichen Leben genommen, sie werden in ihren ländlichen und häuslichen Beschäftigungen vorgestellt, redend eingeführt. Sie reden aber nicht die Bürgersprache, sondern die des Herzens und der Natur, meist in kurzen Worten, die den Gemüth szustand vollkommen ausdrücken. Die Geberden sind oft noch ausdrucksvoller als die Worte. Die Charakteristik ist unübertrefflich, voll Natur und Wahrheit, umfaßt zuweilen auch noch die äußere Gestalt, wie bei Esau, Joseph David u. s. w. Was aber noch mehr Interesse in die Geschichte bringt, das ist das Wundervolle der Begebenheiten, das Auffallende der Situationen, das dramatische Fortschreiten der Handlung. Die biblische Geschichte hat einen hohen Werth in Absicht auf Sittenlehre. Sie ist ein hohes, herrliches, lebensvolles Gemälde der Sitten, stellt sittliche Charaktere aller Art auf. Es ist keine Tugend, kein Laster, die man hier nicht in mehreren Menschen, ganz nach dem Leben gezeichnet, fände, wobei meist noch die Gegensätze ergreifend . wirken. Die Tugend reißt zur Nachahmung hin, das Laster erregt Widerwillen und Abscheu. Die Charaktere der Bibel sind keine Ideale, sondern Menschen. Bei aller Tugendgröße haben sie noch ihre menschlichen Schwachheiten, bei aller Verworfenheit noch ihre glücklichen Augenblicke, ihr Gutes. Sie stellen uns Tugenden vor Augen, die wir erreichen, Laster, in die wir auch versinken können. Was den moralischen Schilderungen den höchsten Werth gibt, ist dies, daß gezeigt wird, aus welchen Quellen die Tugend und das Laster entspringen, und daß ein Leben sittlicher Personen nachgewiesen wird, wie sie sowohl zur Gottähnlichkeit kommen, als andererseits auch zu immer größerer Versunkenheit gelangen." Eine denkwürdige Begebenheit» Eine äußerst denkwürdige und folgenschwere Begebenheit hatte am Kolnidre-Abend des Schöpfungsjahres 4825 (22. September 1722) in der Synagoge zu Mährisch-Aussee sich zugettagen: