Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Dr. Vloch's WochrnftyrtU. Seite 589 Nr. 30 Die neuen italienischen Minister. Rom, 15. Juli. Die neuen Minister haben heute die Angelobung geleistet. Morgen trifft Herr Visconti-Venosta in Rom ein; nimmt er das ihm angebotene Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten an, so wird das vernewerte Cabinet sich Dienstag der Kammer vollzählig vorstellen können. Ueber L u z z a t t i und P r i n e t t i liest man in den Oppositionsblättern die schnurrigsten Urtheile. Die „Tribuna" beispielsweise meint, daß Luzzatti dem Cabinet Rudini vor vier Monaten große Dienste Hütte leisten können, jetzt aber — nur ein Element der Schwäche sei. Warum? Darüber läßt die „Tribuna" ihre Leser im Dunkeln; vielleicht ist sie aber des Glaubens, daß der geniale Mann, in dem Clericale und Liberale einen begeisterten Apostel der wirthschaftlichen Befreiung der armen Classen verehren, vom Monate März bis jetzt im Stande gewesen wäre, dem von den afrikanischen Abenteuern geschlagenen Volke das Selbstvertrauen und Kraftbewußtsein der friiheren Jahre wiederzugeben. Luzzatti's Ideen sind bekannt. Wenn es nach seinem Sinne gegangen wäre, würde Sonnino's Rentensteuer niemals zur That geworden und die Heilung des trostlosen Zustandes, in welchem sich das Land befindet, durch wirthschaftliche Maßregeln und durch eine allgemeine Steuerreform angebahnt worden sein, für welche die im Jahre 1894 triumphirenden Empiriker keinen Sinn haben. Die Ausgabe, vor welcher er heute steht, ist nicht leicht. Colombo glaubte aus technischen Gründen der Erhöhung des Kriegsbudgets um 12 Millionen nicht zustimmen zu sollen. Luzzatti hatte für die politischen Nothwendigkeiten des Reiches einen weiteren Blick, als der Mailänder Professor, der das Leben eines Volkes in dürre Ziffern auflöst. Er hat der Forderung des Generals Pelloux stattgegeben — er muß nun aber fiir die Mehrausgabe eine Mehreinnahme finden, und das wird nicht leicht sein. Ende November wird der Ausfall wieder auf 40 Millionen gestiegen sein; bis dahin wird er aber jene Vorlagen ausgearbeitet haben, fiir welche er und sein neuer Genosse Prinetti seit Jahren mit einer Geistesschärfe und Willenskraft kämpfen, die ihnen die Anerkennung und Dankbarkeit aller Verständigen eintragen müßte. Herr Rudini hat den Plänen der zwei im Temperamente grundverschieden und im Charakter dennoch so gleichgestimmten Männer seine bedingungslose Unterstützung zugesagt. Möge ihnen die Arbeit gedeihen. Luzzatti ist noch zu einer andern, nicht minder großen Aufgabe berufen. Er soll im Vereine mit Visconti- V e n o st a die brennende Frage des tunesischen Handelsvertrages einer billigen und freundschaftlichen Lösung zuftihren. Hier wird sich seiner Geschicklichkeit und wirthschaftspolitischen Schmiegsamkeit der weiteste Spielraum eröffnen. Er hatte die Angelegenheit sein Langem ins Auge gefaßt, und die vertraulichen Verhandlungen, die er vor vier Jahren darüber mit Leon Say führte, würden den ersehnten Modus vivendi längst herbeigeführt haben, wenn die Vorurtheile der leitenden Kreise und der Starrsinn der Schutzzöllner den guten Willen der ftanzösischen Regierung nicht gelähmt hätten. Heute steht Herr Meline am Ruder, und er hat es an sich selber erfahren, daß die Kunst des Regierens aus Transactionen besteht. Heute kann Italien der ftanzösischen Regierung als Preis fiir einen ehrlichen wirthschaftlichen Frieden den Verzicht auf alle Vorbehalte hinsichtlich der Regentschaft anbieten. Die Absichten Luzzatti's finden in Visconti-Venosta einen beredten Anwalt, denn nach nichts steht ihm so sehr der Sinn, als nach der Beseitigung jener Irrungen, welche die Beziehungen Italiens zu Frankreich ohne jeden Grund bis zur Unerträglichkeit verbitterten. Visconti-Venosta weiß auch, daß Italiens Verbündete diesem Friedenswerke das beste Gelingen wünschen — es bangt ihm nur vor den Unterströmungen, welche die französische Politik beeinflussen, und er sieht darum dem Ausgange der S.ache mit Sorge entgegen. F- Der allgemeine deutsche Studententag. Nachdem die öffentliche Behörde durch die Auslosung der Wiener arisch-nationalen Studentenvereine denselben ihr Oeffentlichkeitsrecht auf nationale und antisemitische Propaganda benommen, hat die Wiener Studentenschaft von der Initiative abgelaffen und wenigstens s ch e inb ar die Führung den Grazer akademischen Be reinen überlassen. Die Kundmachung des dortigen Rektorats, die Drohung, mit den strengsten Maßregeln gegen alle Studirenden der Grazer Universität vorzugehen, welche sich an diesen Umtrieben beiheiligen würden, veranlaßte die Führer der Bewegung, ihr Hauptquartier nach Innsbruck zu verlegen und die dortige akademische Burschenschaft „Germania" ins Bordertreffen zu stellen. Diese erließ nun eine Einladung zum deutschen Studenrentag und wurde bekanntlich im Laufe der vorigen Woche „w e g e n antisemitischer U m t r i e be" behördlich aufgelöst. Da nun die Behörde gegen Vereine, welche die Agitation leiteten, mit der Auflösungsmaßregel vorging, versuchen die Deutschnationalen, der Behörde dadurch jede Handhabe znm Eingreifen zu benehmen, daß sie von der Führung eines Vereines absehen und einem „Studentenausschuß" die Leitung überlassen. Dieser wurde nun an der Bergakademie in Leoben constituirt und erließ gestern einen Aufruf an die deutsche Studentenschaft, sich am allgemeinen deutschen Studententag, dessen Borberathungen in Leoben stattfinden werden, zahlreich zu betheiligen. Durch diese neue Tactik glauben die Deutschnationalen der Behörde die Möglichkeit zu einer Maßregelung zu benehmen. Der allgemeine deutsche Studententag wird sich mit der Organisation der deutschen Studentenschaft befassen. Die Deutschnationalen streben die folgenden Aenderungen an: Die „Universitas litteraruw Vindobonensis" führt den Namen: „Deutsche Universität in Wien". Da die Ausschließung fremder Nationalitäten momentan nicht durchführbar ist, soll vorläufig die alte Eintheilung der Studentenschaft nach National i t ä t e n angestrebt werden, wobei die Juden nicht als Confes s io n, sondern als Nation anzusehen sind. Die deutschen Studenten wählen einen Ausschuß, der sich an allen Activnen an der Universität betheilige, auch wenn dieselben Verordnungen der akademischen Behörde betreffen, so z. B. die Frage der „Mensa aoadewiea^ rc. Durch die Eintheilung nach Nationalitäten, bei denen also nur die deutsche stimmberechtigt und Vertreterin der Wiener Universität ist, würden alle anderen Nationalitäten von einer Beeinflussung der Studentenschaft an der Wiener Universität ausgeschlossen. D i e deutschen Stud enten verzichtet, auf dieBewerbung um alle Stipendien, die von A n gehörigen anderer Nationalität gegründet wurden. Bon den „Studenten anderer Nationalität" ist nur ein gewisser P e r c e nt s a tz zur Jnscription zuzulassen, damit nicht die eigentlich berechtigten deutschen Studenten durch die allzu große Anzahl der anderen behindert würden. Die „Anderen" sind auf andere österreichische Universitäten zu verweisen, besonders auf diejenigen, welche in ihrer Heimat bestehen. Die Deutschnationalen wollen durch diese Maßregel bewirken, daß die galizischen Studenten nur die Lemberger und Czernowitzer Universität besuchen. Schließlich wird der Grundsatz aufgestellt, daß die Deutschnationalen nur die Borlesungen der christlichen Professoren besuchen sollen. Alle öieje Maßregeln sollen, wenn nöthig, durch die Jnscriptionstactik durchgeführt werden, indem sich die Deutschnationalen bei bestimmten Professoren in einer so großen Anzahl bereits während der Ferien vormerken lassen und inscribiren, daß weitere Hörer nicht ausgenommen werden können. So weit die uns zugehenden Mittheilungen über diesen interessanten Feldzugsplan der deutschnationalen Studentenschaft. Nun, man wird hoffentlich maßgebendenorts dafür ,'orgen. daß die deutschnationalen Bäume an der Wiener Universität nicht in den Himmel wachsen! . ®om Grazer Bergnni schreibt die „Ostdeutsche": Josef Feichtinger scheint seine politische Lausbahn noch nicht fiir abgeschlossen zu halten. Nach dreimonatticher Untersuchungshaft wurde er wegen Veruntreuung verurtheilt, eine weitere Untersuchung wegen Betruges und Verleumdung wurde gegen ihn eingeleitet, und schon stürzt er sich mit voller Kraft wieder mitten in die agitatorische Thätigkeit. Er ließ sich von einigen ihm treu gebliebenen Gläubigern des „Grazer Extrablattes" Forderungen gegen dieses Blatt abtreten, die er nun geltend macht; er will in einer großen Versammlung seine Unschuld erweisen; er hat endlich die einleitenden Schritte zur Gründung eines neuen Blattes gemacht, doch scheint dieses Unternehmen schon vor der Geburt an dem Umstande zu scheitern, daß keine Grazer Druckerei sich ihm zur Verfügung stellen dürste. Sein Anhang hat sich zwar durch die während der Verhandlung aufgedeckten Dhatsachen verringert, ist aber durchaus noch nicht ganz verschwunden. Nur ein Theil der bisher einigen antisemitischen Gewerbepartei ist mit der neuesten Wendung und mit dem Bündnisse mit den Jungclericalen einverstanden; ein Theil hält noch immer an Feichtinger fest und scheint ihm auch auf seinen ferneren Wegen folgen zu wollen. Sollte das über Feichtinger gefällte Urtheil nicht vor den Wahlen bestätigt werden, so können wir es noch mit einer Feichtingerpartei zu thun bekommen. Ja, Graz wird Großstadt! Die Antisemite» und Friedrich Nietzsche. Die Gelehrten eines Berliner antisemitischen Blattes haben dieser Tage der staunenden Mitwelt eine verblüffende Neuigkeit verkündet.