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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-24 · 30 (24.7.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
30 (24.7.1896)
Date
1896-07-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 586 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 30 genossen beschränken, daß sie keinen Unterschied des Glaubens und der Abstammung kennen, wenn es gilt, zu helfen oder das Gemeinwohl zu fordern. EineS weiteren Beweises dieser allgemein bekanmen Thatsachen glauben wir überhoben zu sein, wir wollen nur beispielsweise an das neu errichtete Waisenhaus für Kinder aller Consessionen zu Schmargendorf und an den unter dem segensreichen Protectorat Ihrer Majestät der Kaiserin in neuester Zeit begründeten Heilstättenverein für Lungenkranke erinnern, für welchen die jüdischen Mitbürger etwa drei Viertel der bisher aufgebrachten Mittel gewährt haben. Nicht Rühmens halber haben wir geglaubt, auf diese Thatsachen Hinweisen zu müssen, wir sind vielmehr hierzu genöthigt, um einerseits den systematischen Verleumdungen entgegen zutreten, welchen unser Glaubensbekenntniß seit vielen Jahren ausgesetzt ist, und anderseits darzulegen, daß diese Religion es ist, welche das Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (3. Buch Moses 19, 18) für ihren Hauptgrundsatz erklärt hat. Und dennoch sollen Lehrkräfte, nur weil sie dieser Religion angehören, obwohl sie dieselbe Vorbildung genossen haben und in denselben Moralgrundsätzen erzogen sind, wie ihre Standesgenoffen der beiden christlichen Consessionen, Beschränkungen ausgesetzt werden, welche ihre Stellung und ihre Berufsfreudigkeit erheblich herabzudrücken geeignet sind. Sie sollen vorwiegend Religionsunterricht ertheilen, obwohl sie gerade in diesem Unterrichtsgegenstande einen staatlich geordneten Befähigungsnachweis nicht zu führen vermögen, es soll ihnen nur ganz ausnahmsweise ein Ordinariat übertragen werben und es soll ihnen nicht gestattet sein, die ihrem Unterricht anvertrauten Kinder durch mehrere Classen hinaufzuführen. Wir können nicht einsehen, wodurch die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen eine solche Zurücksetzung verdient haben. Es ist bereits angedeutet, daß nach den Einrichtungen der Berliner Volksschulen mit dem Ordinariat der Unterricht in den wichtigsten Unterrichtsgegenständen, namentlich im „Deutschen" verknüpft ist. Die Entziehung des Ordinariats ist demnach materiell fast gleichbedeutend mit der Entziehung der Lehrbefugniß überhaupt, abgesehen von dem Unterrichte in der jüdischen Religion. Zu dem gleichen Ergebnisse führt die Anordnung, daß eine Neuanstellung von Lehrpersonen jüdischen Glaubens nur zulässig ist, wenn die angestellten Lehrkräfte bis je zu zwölf Religionsstunden herangezogen sind, wie der Magistrat in seiner oben an^ezogenen Vorstellung bereits dargelegt hat. Es wird gesagt, die Rücksicht auf die Schüler der christlichen Religion gebiete solche Maßnahmen. Wir erlauben uns demgegenüber zunächst anzuführen, daß der jetzt seit länger als zwanzig Jahren in Berlin von Seiten jüdischer Lehrer und Lehrerinnen ertheilte Unterricht in profanen Wissenschaften von Seiten der Eltern der so unterrichteten Kinder keinerlei Beschwerden hervorgerufen hat, wie dies der Magistrat und die städtischen Schulbehörden bestätigen werden, wir glauben aber auch weiter hervorheben zu dürfen, daß auch vom Unterricht christlicher Kinder durch jüdische Lehrer gilt, was über den gemeinschaftlichen Unterricht von Kindern verschiedener Consessionen von einem der hervorragendsten Schulmänner Preußens gesagt worden ist. daß die Kinder dadurch „Toleranz und Humanität lernen, die größten Tugenden und Eigenschaften, welche die Staatsbehörde nach allen möglichen Richtungen zu fördern die Pflicht hat." Das Gegentheil würde unseres unvorgreiflichen Dafürhaltens erreicht, der Frieden und Bekenner der verschiedenen Religionen bedroht, das Gift'des Antisemitismus schon der Kinderseele eingeimpft werden, wenn die Kinder wahrnehmen, daß Lehrer, nur weil sie der jüdischen Religion angehören, trotzdem sie im Einzelfalle die Liebe und Verehrung der ihnen anvertrauten Schüler in gleicher Weise wie ihre christlichen Standesgenossen sich zu erwerben verstanden haben, in der mehrgedachten Weise zurückgesetzt werden. Wir glauben uns auf das Zeugniß sowohl der staatlichen, als der städtischen Schulbehörden dafür berufen zu dürfen, daß jüdische Lehrer und Lehrerinnen in den ihnen bisher anvertrauten Lehrstellungen sich bewährt haben, wir sind damit einverstanden, daß von ihren Leistungen das höchst zulässige Maß erfordert werde, und wir bitten Eure Ecellenz, vor der Entscheidung über unser Gesuch in eine Prüfung der Wirksamkeit jüdischer Lehrkräfte nach dieser Richtung hochgeneigtest eintreten zu wollen. Wir zweifeln nicht, daß alsdann Eure Excellenz zu dem Ergebnisse gelangen werden, welches wir inständigst erbitten : bezüglich der Anstellung und Beschäftigung jüdischer Lehrkräfte in Berlin eine Veränderung der bisherigen Praxis nicht eintreten lassen zu wollen. In Ehrerbietung Der Vorstand der jüdischen Gemeinde. (Unterschriften.) Die Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde. (Unterschriften.) An des Königlichen Staatsministers und Ministers der geistlichen Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten Herrn Dr. Bosse, Ercellenz zu Berlin. Vom goldenen Horn. C o n st a n t i n o p e l, den 12. Juli 1896. Wer den Orient nicht bereist hat, wer die Zustände im Morgenlande nicht näher kennt, wird wohl kaum wissen, daß, während man in allen anderen Staaten der Welt die Gelegenheit, den Herrscher des Landes zu sehen, als etwas Alltägliches betrachtet, dies ein außerordentliches Ereigniß im osmanischen Reiche ist. Man sieht den Sultan, der fast nie sein Schloß verläßt, höchst selten. Daher kommt es, daß das Volk seinen Beherrscher kaum kennt. Wenn es ihm gleichwohl in Liebe und Ergebenheit äußerst zugethan ist, so rührt das daher, daß das Volk von der Güte und unversiegbaren Gnade des Sultans überzeugt ist. Aber es bildet doch das Hauptverlangen eines Jeden, der die türkische Hauptstadt bewohnt oder Passirt, den Großherrn der Türkei zu sehen. Dazu braucht man eine besondere Empfehlung, die man nur durch einen Botschafter erhalten kann. Und leicht ist das nicht. Man muß denn eine hochstehende Persönlichkeit sein. Was Wunder nun, daß ich, seitdem ich mich hier aufhalte, den Wunsch hegte, die Gesichtszüge des Kaisers kennen zu lernen, dessen Wohlwollen für seine israelitischen Unterthanen meine Sehnsucht noch umsomehr steigerte. Wie groß war daher meine Freude, als ich durch den Botschafter von Frankreich in die Möglichkeit versetzt wurde, freien Zutritt im Aildiz-Kiosk zur Ceremonie des Selamliks zu haben. Dieselbe findet jeden Freitag statt. Da begibt sich der Sultan in die Hamidie-Moschee, am Palais gelegen, um dort sein Gebet zu verrichten. Der Anblick, der sich da bietet, ist einfach großartig. Zuerst der Aufmarsch der verschiedensten Truppengattungen in den mannigfaltigsten Trachten. Die Parade hinterläßt einen unvergeßlichen Eindruck. Dann kommen die Würdenträger und hohen Beamten, unter denen ich mehrere Glaubensgenossen bemerkte, in ihren glänzenden Uniformen, die Brust im Glanze prächtiger Orden erstrahlend. Zuletzt der Sultan in einem Galawagen, ihm gegenüber die Heldengestalt von Osman Pascha, des Siegers von Plewna. So sah ich den Herrscher, der keinen Unterschied der Abstammung und des Glaubens kennt und unter dessen Scepter die Juden weder an Unduldsamkeit noch an Zurücksetzung zu leiden haben, ganz in der Nähe. Die edlen Züge des Großherrn der Türken machen einen ungemein sympathischen Eindruck. Nur betrübt sein abgehärmtes, gramvolles Aussehen. Was mag er nicht für Sorgen, nicht für Leiden haben, die ihn alt machen vor der Zeit Die verschiedenen Nationalitäten von Constantinopel unternehmen jedes Jahr im Frühling Ausflüge in die reizende Umgegend. Auch die Juden verfehlten nicht, ihr Maifest zu veranstalten. Heuer war es großartig gelungen. Lassen Sich mich Ihnen hierüber berichten. Neben dem Vergnügen hatte diese Landpartie noch einen anderen Zweck: Nothleidenden Hilfe zu bringen. Das Fest wurde von israelitischen Bruder- und israelitischen Turnvereinen arrangirt. Sagen wir sofort, daß beide Gesellschaften der Judenheit der türkischen Hauptstadt zum Nutzen und zur Ehre gereichen. Doch was beide an Gutem leisten, das wissen die hiesigen Armen und die Schüler der deutsch-israelitischen Schule, die alle Lernmittel umsonst und Schuhe und Kleider bekommen, am besten. Ihre Thätigkeit verdient somit allgemeine Anerkennung und Förderung. Die Entstehungsgeschichte des israelitischen Turnvereines ist interessant. Denn den Anlaß, ihn ins Leben zu rufen, hat die aufwachende Judenfeindlichkeit des deutschen Turnvereines gegeben, dem früher die meisten unserer jungen Glaubensgenossen angehörten. Die jüdischen Mitglieder, die in der Mehrzahl waren, wollten sich keine Mißachtung gefallen lassen, sie wollten weder geduldet noch scheel angesehen werden. Was sehr erfreulich dabei war, sie hatten sofort den Muth, die reinlichste Scheidung vorzunehmen. Die deutschen Turner sind mit ihrer antisemitischen Gesinnung und ohne Einnahmen zurückgeblieben. Die jüdischen Turner gründeten einen eigenen Verein, der jetzt blüht und gedeiht. Doch wie hat nun'das jüdische Maifest ausgesehen? Es war in der That großartig. Beikos am Bosporus war der Bestimmungsort des Ausfluges. Herrliche Lage: im Norden die Ufer des Schwarzen Meeres, im Westen die Meerenge von Constantinopel. Der Festplatz selbst ein großes Wiesenthal, bepflanzt mit hundertjährigen Linden und durchflossen von einem krystallhellen Bächlein. Dorthin ging es in gemeinsamer Fahrt. Das Schiff war beflaggt, die Musik spielte und die freundliche Sonne lachte auf die fröhliche Menge herab und zeigte in seiner

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