Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Vloch's WochrnplpM. Seite 583 Eine unverhältnißmäßige Zahl der Aerzte, namentlich aber der unbesoldeten Freiwilligen, bekennt sich zum jüdischen Glauben. Die Spender, die Gründer sind zum großen Theile Juden. Unter den unterstützenden Mitgliedern der Gesellschaft befindet sich ein weitaus, ein ganz unverschämi bedeutenderer Percentsatz von Juden, als es ihrer Bevölkerungszahl entspricht. Nur eine Kleinigkeit ist nicht „verjudet". Unter den Geretteten gibt es selbstverständlich nicht mehr Juden, als eben statistisch verunglückte und zu rettende Juden auf die Hilfe der Gesellschaft Anspruch erheben. Wo Lueger und Consorten Recht haben, haben Sie Recht. kater peccavinraal Wir sehen ein. Mit der Verjudung gehts nicht weiter. Die Juden dürfen nicht vordringlich sein. Sie müssen sich in der Bethätigung des Gemeinsinnes, der praktischen Wohlthätigkeit, des Idealismus zurückhallen. Sie dürfen die Grenzen des Percentsatzes nicht überschreiten. Freilich ist der Stadtrath zu bescheiden. Er verlangt nicht das Präsentationsrecht für die u n t e r st ü tz e n d e n Mitglieder. Er heischt nicht die Befugniß, jüdische Geber zurückzuweisen. Da müssen wir den Herren auf halbem Wege entgegenkommen, ihnen ihre schwierige Aufgabe erleichtern. Wenn die Rettungsgesellschaft entjudet werden soll, sind wir schließlich auch dabei. Durch einigen Fleiß und eifriges Bemühen werden wir uns schließlich doch die Schnabl'sche Moral aneignen, daß Jeder sich selbst der Nächste sei, und daß das Hemd näher ist, als der Rock. _ Schönerer kommt nicht! Die jüngste Nummer der „Unverfälschten Deutschen Worte" enthielt die folgende Briefkastennotiz: „Herr Schönerer hat Niemanden ermächtigt, für ihn als Wahlbewerber aufzutreten, und hat derselbe wiederholt erklärt, keineswegs wieder in das Abgeordnetenhaus eintreten zu wollen". Diese Nachricht hat in dem arg zusammengeschmolzenen Kreise der Schönerer-Anhänger schmerzliche Bestürzung hervorgerufen, aber überraschend kam sie ihnen nicht, obgleich sie diesen Anschein erregen möchten. Sie wissen ganz genau und ganz gut, weshalb Schönerer, der in der letzten Zeit wiederholt die Neigung verrathen, das Gegentheil von dem zu thun, was seine jüngste Verlautbarung behauptet, von dieser Absicht abgekommen ist. Schönerer resignirt in dem durchbohrenden Gefühle, daß er ein verlassener, ein vereinsamter, ein aufgegebener Mann sei. Andere haben geerntet, wo er gesäet hat, der Lohn für die Mühe und Arbeit seines Lebens fällt Anderen in den Schoß, der Jubel, die Begeisterung der Menge umbraust nicht ihn mehr, sondern Jene, die einst gering und unbedeutend neben ihm erschienen. Schönerer ist entthront; Lueger ist heute der Götze, aus dessen Altar alle Opfer dargebracht werden. Verbittert, vergessen, verrathen, muß der Gutsherr von Rosenau sehen, wie seine einstigen Verehrer der neuen Sonne huldigen, sie anbeten, vor ihr ihm Staube liegen. Lueger ist der Mächtige, der große, der gefeierte Held und Schönerer nur der nergelnde, unzufriedene Mann, dessen Gepolter man mit Hohn, mit Spott, mit Lächeln begleitet. Einst war es anders, da war Schönerer der gefeierte Führer, zu dem Lueger verehrungsvoll emporsah, glücklich, wenn ein Strahl von dem leuchtenden Gestirne auch auf ihn fiel. Nur wenige Jahre sind seit dem Tage verflossen, wo auch Lueger ehrfurchtsvoll sich der Schaar der ergebenen Jünger und Freunde anschloß, die den Zoll der Huldigung dem großen Meister und Führer darbrachten, der wie ein Messias begrüßt wurde, als die Pforten des Gefängnisses sich wieder vor ihm öffneten. Heute gehört alle Begeisterung, aller Jubel, alle Ehrfurcht dem Dr. Lueger und Schönerer, der die Bewegung geschaffen, durch die Lueger überhaupt etwas wurde, ist ein überwundener Mann. Ja mehr noch, der tödtliche Hohn, der zermalmende Spott richtet seine Pfeile gegen ihn und in jenem Blatte, welches der Intimus Lueger's herausgibt, liest man zur Feier des Geburtstages Schönerer's einen Festärtikel, der folgenden Wortlaut hat: A m „17. Heuert 2009". Deutsches Volk, wie tief bist Du gesunken, wie wenig bist Du Deines Volksthumes bewußt, daß Millionen Deiner Angehörigen nicht einmal wissen, was der „17. Heuert" ist und welch' wichtiges Ereigniß auf den genannten Tag fällt. Vor 53 Jahren, so klären uns die Organe für germanische Allotria auf, am „17. Heuert 1956" erblickte Schönerer das Licht der Welt. Die neue Zeitrechnung war damals zwar noch nicht erfunden, aber das ist's ja eben, worin die Wiedererweckung des deutschen Bolksthums durch Schönerer ihre köstlichste Blüthe trieb Am 17. Heuert 2009! Wer hört nicht bei diesen Worten das Rauschen der germanischen Wälder, fühlt sich nicht umweht vom Hauche heiliger Heine! Hörst Du nicht die Kunde, die durch die Gaue tönt: „Wieder hallt der Name des Gefürchteten, den man so gerne zu den Todten gelegt hätte, über den Kampfplan, „der Schönerer . . ." raunen sich Officiöse, Juden und Römlinge mit besorgten Mienen zu". Blinde Masse, erkennst Du noch nicht, daß es Wotan selbst ist, der am „17. Heuert 1956" Menschengestalt annahm, um sein Volk zu retten und die größte That des Jahrtausends vollbracht, als er ihm den neuen Kalender gab? Aber die Erdgeborenen vermögen das Große, Erhabene nicht zu fassen, verkannt schreitet der Große durch die Zeit und nur ein Dutzend „donnernde Heilo-Jnserate und der Beschluß des Norddeutschen Jugendbundes in Hamburg, sich von jetzt ab „Norddeutscher Jugendbund Schönerer" zu nennen, erinnern die undankbare Mitwelt daran, daß am „17. Heuert" das deutsche Volk auf den Knieen dem Schicksale danken sollte, daß es ihm zur gleichen Zeit zwei so große Männer wie Bisnkarck und Wotan-Schönerer geschenkt hat". Kann man da noch staunen, wenn der verbitterte, gekränkte Mann nun selbst einsieht, daß seine Zeit vorüber ist, daß er nichts mehr dort zu suchen hat, wo sein Erbe bereits vergeben ist? Soll .Schönerer vielleicht selbst die Steigbügel halten, wenn der große Lueger das Roß besteigt, um Heeresschau zu halten? Nein, da will Schönerer lieber nicht mitthun. Da erklärt er lieber, daß er „keineswegs in das Abgeordnetenhaus wieder eintreten wolle". Schönerer begnügt sich, Lueger's Größe und Triumph Ms der Ferne zu verfolgen; er hat geMg, wenn er in Rosenau sieht, wie Lueger „der Herr von Wien" ist. _ — a— „Austria" von LuegerGenoffen bestohlen! Im Baumgartner Casinopark wurde am letzten Sonntag ein Sommerfest des „Lueger-Bundes" abgehalten, über welches die antisemitischen Blätter überschwängliche Berichte veröffentlichten. Bürgermeister S t r o b a ch , Vice-Bürgermeister Dr. Lueger, Abgeordneter Steiner und viele andere antisemitische Abgeordnete, Gemeinderäthe und Bezirksausschüsse verherrlichten das Fest durch ihre Gegenwart. Die Hauptperson des Festes war Dr. Lueger, dem verschiedenartige Huldigungen dargebracht wurden, indem z. B. bei dem Schlußfeuerwerk „Lueger-Bomben" platzten und eine Front „Hoch Lueger" abgebrannt wurde. Eine Glanzproduction bei dem Feste bildete die Aufführung eines lebenden Bildes: „Austria und Vindobona, denen das Volk huldigt." Frau Hof-Photographin Rosa Jenik stellte die „Austria", Fräulein Melanie Hude tz die „Vindobona" dar. Heber diese Aufführung berichtet ein antisemitisches Blatt Folgendes: „Das Bild enthielt drei Theile: Im ersten kam die „Austria" zur besonderen Geltung, es wurde „2, du mein Oesterreich" gespielt, und im stürmischen Applaus zeigte sich die Begeisterung der Zuseher. Im zweiten Theile kam die „Vindobona" zum hervorragenden Ausdrucke, die Musik intonirte den „Donau-Walzer", und neuerlicher Jubel erscholl. Im dritten Theile hielt „Vindobona" die Hände segnend übereine Lueger-Büste, indeß die „Austria" mit Schwert und Schild eine schützendeHaltung annahm. In die Klänge des Lueger-Marsches mischten sich stürmischer, endloser Jubel, Applaus und Hochrufe, und Dr. Lueger mußt» sich oftmals erheben, um für die Ovationen der Zuhörer zu danken. Diese Allegorie hat nun einen Epilog. Wie die „Correspondeuz Wilhelm" meldet, zeigte Frau Hof-Photographin Rosa Därfler-Jenik, Josefstadt, Maria-Treugaffe Nr. 6 wohnhaft, dem Polizei-Com - missariate Hietzing an, daß ihr am 19. d. M. beim Sommerfeste des Vereines „Lueger-Bund" im Casino zu Baumgarten, bei dem sie die „Austria" in den lebenden