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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-24 · 30 (24.7.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
30 (24.7.1896)
Date
1896-07-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 582 Nr. 30 Vr. Vlmtz's Wochenfchrist. hundertfältigen Erfahrungen der letzten Jahre nichts gelernt hat. Und sie scheint auch weiterhin nichts lernen zu wollen, denn der tiefe Gegensatz zwischen Nationalismus und Liberalismus hat sich chren Reformatoren noch immer nicht erschlossen. Auch die neue „Deutsche Fortschrittspartei" nimmt diesen unausgleichbaren Conflict in ihr Programm hinüber, und zu spät wird sie erkennen, daß sie doch nie im Stande sein kann, den Racen- Anüsemitismus an nationaler Phrasendrescherei zu übertrumpfen. * * Was nun die angebliche Uebermacht der Juden gegenüber dem arischen Elemente betrifft, so führen wir gegen diese lächerliche Behauptung neuerdings Folgendes an: Wie es in Wirklichkeit mit den Rechten und Vorrechten der Juden aussieht, das belegt ein Blick in die Liste der Beamten, Officiere und Notare. Die Advocaten aus der Steiermark haben mittelst Kammerbeschlusses sich verpflichtet, keinen jüdischen Concipienten in chre Kanzlei aufzunehmen; wie groß muß die Uebermacht dieser armen Concipienten sein, wenn sie solche Gegenwehr herausfordert! Trotzdem unsere Verfassung bereits ein Jubiläum gefeiert hat, ist noch keinem Juden im höheren I u st i z d i e n st ' eine Stellung zu erringen geglückt. Me wissenschaftliche Begabung, alle moralischen Charaktereigenschaften, anstreirgender, beispielloser Fleiß und unerschütterliche Dienstestreue gelten nichts, wenn der Aspirant nicht durch den Taufschein den Beweis erbringt, daß er bereit ist, für die Carriere Gott, Volk und Familie zu verleugnen. „Amtsrichter", das ist die höchste Stufe, welche der Jude im Justizdienst je hat erklimmen können. Bei der heutigen Zeitströmung wird es als Glück gepriesen, wenn es Einer nur bis zum Adjuncten bringt. Als Se. Excellenz der Herr Cultusminister von Gautsch zwei jüdische Supplenten nach vieljährigem Warten zu ordentlichen Lehrern an Mittelschulen berufen hatte, sang ganz Israel in allen Sprachen und Melodien Preislieder dem großen Helden am Minoritenplatze. Wie sieht es mit den anderen Staatsämtern aus? Hat der Jude Aussicht auf Aufnahme in den Verwaltungsdienst? Wer kennt nicht die heikle Geschichte von der Bestellung eines Vertreters der nordamerikanischen Republik in Wien? Und ist es in, der Heeresverwaltung anders? Selbst der Eisenbahndienst der Privatgesellschaften, wie bei der Nord- und Südbahn, welche durch jüdisches Capital geschaffen worden sind, ist den Juden beinahe gänzlich verschlossen. Es nützen dem Bewerber weder Fähigkeiten noch Protectionen, wenn er in der Wahl seiner Eltern unglücklich gewesen. Die Berufsarten, welche den Juden noch offen stehen, sind heute wie im Mittelalter nur der H a n d e l, die A d v oc a t u r und die ä r z t l i ch e P r ax is. Die christliche Liebe hat uns zusammengedrängt auf dieses kleine Gebiet der Geistes¬ und Geschäftstätigkeit. Welch unnatürliche Zustände dadurch entstanden sind, welch namenloses Elend dadurch erzeugt worden, beweist die Thatsache, daß in mancher Stadt auf 6 Familien 2 Aerzte und 2 Juristen kommen. Und was die „Ausbeutung" anbelangt, so erinnern wir an die merkwürdige Thatsache, daß es in Wien Stiftungen gibt, welche Semiten für Arme gestiftet haben, für Arme ohne Unterschied der Consession — in welche Institute aber heute kein Jude mehr ausgenommen wird, weil die Gerechtigkeit der Arier, in deren Händen die Verwaltung liegt, es nicht zuläßt. Wo also ist die angebliche Machtstellung, welche die Juden rücksichtslos gebrauchen? Rothschild und wiederum Rothschild! An die zahlreichen arischen Millionäre denkt Niemand, an die hat auch Graf Wurmbrand vergessen. Der Ruf jenes Handwerksburschen: „Rothschild hat Alles, das christliche Volk hat nichts" hat kurz und prägnant das bezeichnet, was Herr Graf Wurmbrand weitläufig umschreibt. Die Barone Rothschild sind doch wenigstens unermüdlich besttebt, durch Acte der Wohllhättgkeit die Welt mit ihrem Glücke zu versöhnen. Die arischen Millionäre erachten sich dieser Pflicht eitthoben. Und dießer Haß, den Graf Wurmbrand als den Kampf bezeichnet „gegen eine Gesellschaftsclasse, welche von der Uebermackt rücksichtslosen Gebrauch gemacht hatte und verhaßt wurde", wird geführt gegen die Aermsten, die kaum eine Lagerstätte ihr Eigen nennen, um das Haupt zur Ruhe hinzulegen! Wir wiederholen, was wir 1889 darüber schrieben: „Man kann sich kaum vorstellen, welche Unruhe diese Strömung hervorruft. Der Kaufmann hat das Vertrauen zu seinem! Commis verloren, weil er gar nicht zu berechnen vermag, ob nicht der Feind im eigenen Hause durch die Leidenschaft verleitet werden wird, die Geheimnisse des Geschäftes preiszugeben. In jeder Bank sind Beamte zu finden, welche zu den Führern dieser Agitation zählen. Diese Menschen gelangen durch ihren Beruf zu einem genauen Einblick in die Verhältnisse zahlreicher Firmen, sie kennen das Vermögen, die Unternehmungen und Speculationen der Kunden, und der Gedanke, aus die Verschwiegenheit solcher rücksichtsloser Gegner bauen zu müssen, erweckt bei vielen Leuten ein ernstes Unbehagen. Die gesellschaftliche Atmosphäre in Wien ist sehr schwül geworden." „Der Lärm, welcher auf der Straße tönt, dringt nur gedämpft durch die Mauern der Paläste, und wer in einer Equipage durch die Gassen fährt, sicht die Blicke nicht, welche ihm folgen. Unser Mitleid gilt dem Hausirer, der in der Bierhalle geprügelt wird, weil selbst die Armuth den Zorn gegen die Rasse nicht entwaffnet, und weil man vielleicht glaubt, daß er nur zum Scheine alte Hosen kaufe, in Wahrheit aber in seiner Wohnung unermeßliche Reichthümer verberge. Wir bedauern die mittellosen Menschen, welche nicht im Stande sind, sich ängstlich in ein freiwilliges, durch die Selb stachtung gebotenes Ghetto zurückzuziehen, sondern durch ihren Beruf genöthigt werden, sich in das Gewühl des geschäftlichen Verkehrs zu begeben und all' die rohen Verletzungen ihrer vornehmsten Gefühle zu ertragen. Ein solcher Lastträger der Gesellschaft wird behandelt, als hätte er freien Eintritt in die Schatzkammern unserer wenigen großen Bankiers und als stände er im Verdachte, den Kupferring gegründet zu haben. Wenn die Reichen wüßten, wie schmerzlich die Dürftigen von solchen Handlungen berührt werden, so würde Manches nicht geschehen. In den glänzenden Salons, wo der Fuß über weiche Teppiche einherschreitet, wird die Sorge durch die Genüsse des Lebens gemildert. In den Niederungen aber, wo der Kummer um die Erhaltung das Dasein fast ganz ausfüllt, werden die allgemeinen Vorurtheile in ihrer ganzen Herbheit empfunden, und dort tritt der Haß dem Wehrlosen ohne jede Schonung entgegen." Nicht dort, wo Graf Wurmbrand sie sucht, liegen die Ursachen des Judenhasses. Er ist lediglich eine Aeußerung jener Reaction, welche unzertrennlich sich erweist von jedem nationalen Aufschwung des Deutschthumes, welches seine Siege noch stets nicht blos mit der eigenen Freiheit, sondern mit der Freiheit Europas bezahlt hat. Der Antisemitismus gehört sozusagen auch zu.den Merkmalen der — deutschen Staatssprache, für welche die Juden sich begeistern. Die derjudete Nettungsgesellschaft. Die Juden haben noch Vieles zu lernen. Sie müssen fleißig in die Elementarschule gehen, in die Taferlclosse der Politik, und die verlorenen Jahre sind sie nachzuholen verpflichtet, in denen sie sich den Kopf vollpropften mit dem nutzlosen Krimskrams des Idealismus und so lange Gemeingefühl simpelten, bis man daran ging, sie aus der Gemeinschaft auszuschließen. Wir sind ruhig und gefaßt. Wir denken sehr optimistisch. Denn die antisemitische Gesinnungslumperei ist ein prächtiger Lehrmeister. Ein Pädagoge, der selbst den härtesten Schädeln beikommt. Jetzt steht die R e 1 t u n g s g e s e l l s ch a f t auf der Tagesordnung und unsere bemittelten Glaubensgenossen lockern schon die Schnüre des Geldbeutels. Sie hören bereits ein vielstimmiges „Tua res agitur!" An Dir ist die Reihe! Du mußt vorbauen! Dein Geld soll es verhindern, daß der commnnale Schlendrian das Musterinstitnt der Wiener Rettungsgesellschaft ergreife und daß der Rettungswagen vom altersschwachen Amtsschimmel gezogen werde. Es ist richtig. Gegenwärtig vollzieht sich in dem besprochenen Fall jener Proceß, der hierzulande so oft bei Humanitären Gründungen und menschenfreundlichen Stiftungen beobachtet werden kann Die Form ist schroffer wie gewöhnlich, die Uebergänge merklicher und unvermittelter als sonst, aber im Uebrigen muthet uns die Assaire der Rettungsgesellschaft keineswegs neuartig oder originell an. Jüdische Geistesarbeit hat die Umrisse gezeichnet, mit jüdischem Gelbe wurden die Grundmauern des stolzen Baues ausgesührt, und urplötzlich wird daraus ein „sprechendes" Haus. Es spricht nicht viel, es spricht nicht lange Reden; aber was es sagt, ist klar und bezeichnend. Seine Rede lautet: Hepp! hepp! Also die Nettungsgesellschaft ist „verjudet", wie es im unreinlichen Lueger-Jargon heißt. Man soll berechtigte Vorwürfe nicht mit Schweigen abthun. Ja und nochmals ja! Die Rettungsgesellschaft ist verjudet.

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