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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-24 · 30 (24.7.1896) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
30 (24.7.1896)
Date
1896-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jahrgang XIII. «r. 30. Dr. Bloch’s Centralorgan für die gelammten Interessen des Indenthum«. f Ä. ft. PoyfparraWen-AmI Clrsringverkrhr Nr. 810.976. RrdarNon und Adminiftratwn: Wien Lnlrrr Vugarlrngratzr l». Telephon-Nr- 6535. =* Wien, 24. Juli 1896. Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse; Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift Wien. Brrus»xrri» für Srstrrrrtrh: Halbjährig 4 fl. — 8 Ät. Einzelexemplare S5 It. Mr'-» Ausland: halb -ihrig 5 fl. -- 10Xr. ganzjährig M „ 39 * Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile IS kr. Inhalt. Leitartikel: Der Untergang des Liberalismus in der Steiermark. — Die verjubele Rettungsgesellschaft. — Schönerer kommt nicht! — Die racenreinen Arier!!— Zum neuen Statut der Wiener israelitischen Cultusgemeinde. — Zum Deutschmeisterjubiläum. — Die Petition des Vorstandes und der Repräsentanten der Berliner jüdischen Gemeinde an den Kultusminister. — Vom goldenen Horn. — Die Geschichte eines Modells. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die jüdischen Speisegesetze und die Gesundheilsstatistik. Eine wackere That. Schwierige Lebensrettung durch einen Juden. Hofopernsänger Felix als Lebensretter. Die neuen italienischen Minister. Der allgemeine deutsche Studententag. Vom Grazer Vergani Die Antisemiten und Friedrich Nietzsche. Die gelöste Preisaufgabe. Israelitische Gastfreundschaft. Christof von Schmid. Eine denkwürdige Begebenheit. Die Beduinen und Dr. Lueger. — Zum Ursprung der Erzählung von den drei Ringen. — Correspondeuzen: Wien, Budapest, Rossitz, St. Pölten, Brünn, Ueber den Antisemitismus der Volkspartei, Brünn, Czernowitz, Gregorig in Karlsbad, Berlin, München, Petersburg, Dr. Dembo-Jubiläum, New-Aork, Tanger. — Vermischte s: Wien, Brody, Olmütz, Abbazia, Lemberg, Berlin. — Feuilleton: Kinder des Ghetto. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der Untergang des Liberalismus in der Steiermark. Die Vertrauensmänner-Conferenz der Deutschen Steiermarks hat der liberalen Partei eine empfindliche Niederlage gebracht. Der vorgelegte Wahlaufruf fand nicht die Billigung der Majorität. Man hat das ablehnende Votum durch einen Vertagungsbeschluß zu verkleistern gesucht, aber das Fiasco ist unleugbar. Und wer den Wahlaufruf liest, begreift auch, daß es so kommen mußte. Es heißt in dem Schriftstücke: „Wirerklären, daß inder großen Gemeinschaft der Deutschen Steiermarks sowohl für Gegner als für Anhänger des Antisemitismus Raum sein m ü s s e". Die steirischen Liberalen sind also bereit, auf Kosten des Liberalismus ein Compromiß mit dem Antisemitismus zu schließen. Aber die simplen Landbürgermeister, welche in dem Vertrauensmänner-Collegium die Mehrheit bilden, verstehen dieses Diplomatisiren nicht. Bei ihnen ist zwei mal zwei vier. Sie sagen: Entweder ist der Antisemitismus zur Erhaltung des deutschen Volksthums nothwendig, dann muß er obligatorisch sein, oder er ist dazu nicht nothwendig, dann braucht man auch den facultativen nicht. Die Mehrzahl ist allerdings der Ansicht, daß der Antisemitismus ein unentbehrliches Requisit des deutschen Volksthums ist. Und das ist nach den Vorgängen der letzten Jahre sehr begreiflich. Die einst so starke liberale Partei in Steiermark steht heute ohne Wähler da. Wie ist das möglich? Sind die Wähler gestorben, hat sie der Erdboden verschlungen? Nein — aber sie sind antisemitisch geworden. Und Niemand Anderer hat sie antisemitisch gemacht, als die Führer der liberalen Partei. Im Jahre 1889 war der nachmalige Handelsminister Graf Wurmbrand Landeshauptmann von Steiermark. Und in dieser angesehenen Stellung hielt er eine Rede, in welcher er den Ä n t agonismus der Arier gegenüber den Juden für gerade so berechtigt erklärte, wie den Kampf des Bürgerthums gegen den Adel. Es sei dies der Kampf gegen eine Ges ellschaftsclasse, welche vonder Uebermacht rücksichtslosen Gebrauch gemacht habe und deshalb gehaßt wurde. Das sei politisch zu begreifen, wenn auch nicht zu billigen. So sprach vor sieben Jahren ein Führer der liberalen Partei, der zugleich der erste Würdenträger des Landes war und die biederen Deutschen Steiermarks seine „Landeskinder" nannte. Er hat den Antisemitismus nicht gebilligt, aber er hat vor demselben seine Reverenz gemacht, er hat ihn „begreiflich" gefunden. Was Wunder, daß ihn auch seine braven „Landeskinder" begreiflich fanden und fick demselben in Massen zuwendeten? Der schlichte Aelpler kennt die subtilen Unterscheidungen zwischen „billigen" und „begreiflich finden" nicht, die der hochgeborene und hochgebildete Herr Graf zu machen wußte. Was der Sohn des Volkes „begreiflich" findet, das billigt er auch. Und so erfolgte der Abfall der Tausende und Abertausende vom Liberalismus zum Antisemitismus. Der Wahlaufruf nun, welcher in der letzten Vertrauensmänner-Conferenz vorgelegt wurde, ist durchaus Geist vom Geiste des ehemaligen Landeshauptmannes und nachmaligen „liberalen" Ministers Grafen Wurmbrand. Seine liberalen Verfasser billigen den Antisemitismus gleichfalls nicht, aber sie gestehen ihm eine facultative Berechtigung zu, sie erklären, daß in ihrer Partei sowohl für Gegner als für Anhänger des Antisemitismus Raum sein müsse. Die Wähler aber, die schon sieben Jahre vorher so wirksam für den Antisemitismus erzogen wurden, find keine Freunde der Halbschlächtigkeit. Die Gesinnungslosigkeit, welche bereit ist, für die Erhaltung eines oder zweier Dutzend Mandate die Grundsätze des Gegners zu adoptiren, widert sie an. Wenn schon von der liberalen Partei selbst zugegeben wird, daß der Judenhaß berechtigt sei, dann wenden sie sich doch lieber gleich dorthin, wo der Antisemitismus in voller Frische, Reinheit und Echtheit verzapft wird — zur antisemitischen Partei! Das Wurmbrand'sche Recept der Bekämpfung einer Gesellschaftsclasse, welche angeblich „von ihrer Uebermacht rücksichtslosen Gebrauch macht", wird doch durch den obligatorischen Antisemitismus viel besser zur Wirkung gebracht, als durch den facultativen. „Der Jude muß erschlagen werden" — das wird der Maffe immer plausibler klingen als das diplomatische „Der Jude kann erschlagen werden." Es wiederholt sich wieder die alte, tausendfache Erfahrimg, daß eine -.Partei umso schneller abwirthschastet, je mehr sie in dem Glauben, sich damit zu erhalten, dem Gegner Concesfionen macht. Um ihre Mandate zu behaupten, hat die Liberale Partei den Liberalismus preisgegeben und damit erst recht den Ast abgesägt, auf welchem sie saß. Der Verlauf der Grazer Vertrauensmänner-Versammlung hat aber gezeigt, daß sie aus den

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