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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-17 · 29 (17.7.1896) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 39 Dr. Vloch's Wochrnfchrifi Seite 579 Ham, der Bassist und Chorsänger, dessen lustiges Gesicht auf ellenweit Heiterkeit verbreitete, hielt Esther auf und gab ihr einen Pfennig. Weiterhin begegnete sie ihrer Lehrerin, Fräulein Mirjam Hyams, und machte ihr einen Knix, denn Esther gehörte nicht zu denen, die ihren Vorgesetzten „Herr Lehrer oder Frau Lehrerin oder Fräulein Lehrerin" Nachrufen, bis die Opfer sich Elischa's Einfluß über die Bären wünschen. Später sah sie zu ihrem Entsetzen den Bruder ihrer Lehrerin, der die hübsche Bessie Sugarman durch das dichteste Gedränge lootste. Zwischen zwei Fässern eingekeilt traf sie Frau Belkowitsch und Fanny, die zusammen einkauften, während Peßach Weingott, mit Packeten beladen, sie begleitete. „Esther, wenn Du meine Becky sehen solltest, so sage ihr, wo ich bin," bat Frau Belkowitsch. „Sie geht mit einem ihrer Verehrer. Ich bin so schwach, daß ich kaum herumkriechen kann, und meine Becky soll mir meine Gemüse stach Hause tragen. Sie hat gleiche Beine, nicht ein dickes und ein dünnes." Das Gedränge bei den Fischhändlern war groß. Der Fischhandel wurde fast gänzlich von englischen Juden monopolisirt. Es waren blonde, gesund aussehende Burschen mit muskulösen, nackten Armen, denen Niemand außer den tapfersten, fremden Jüdinnen ohne Zagen zu nahen wagte; die Scala ihrer Preise und ihrer Höflichkeit variirte nach dem Stande des Käufers. Esther, die für solche Dinge ein aufmerksames Auge und Ohr hatte, fand oft ein Vergnügen daran, unauffällig daneben zu stehen. Auch heute Abend erwartete sie die gewöhnliche Comödie. Die alte Frau Schmendrik, Joschi's Mutter, kam mit einem theueren Shawl statt eines Hutes auf dem Kopfe heran. Einer der Schrecken der englischen Fischhändler war, daß sie ihre Kunden zwangen, Englisch zu reden, solcher Art eine wichtige, erzieherische Function in der Gemeinde erfüllend. Sie ließen einen gewissen Percentsatz von Jargonworten zu, denn sie nahmen sich selbst in dieser Richtung manche Freiheiten heraus, aber das reine „Jiddisch" verstanden sie angeblich nicht. „Abraham, wie viel kost' dassagte die alte Frau Schmendrik, indem sie alle Fische befiihlte. „Hände weg!", rief Abraham grob. „Hören Sie, ich kenne Euch Polakinnen, ich werde Ihnen den niedrigsten Preis sagen und gebe keinen Heller nach. Verlieren werde ich an Ihnen, aber ärgern sollen Sie mich nicht. Acht Schillinge!" „Awrumkele (liebes Arahamchen) nimm elf Pences!" „Elf Pences?!", schrie Onkel Abraham, indem er sich verzweifelt in's Haar fuhr. „Ich habe es ja gewußt." Er packte eine riesige Scholle beim Schwanz, wirbelte sie durch die Luft und schlug damit Frau Schmendrik mitten in's Gesicht, indem er schrie: „Da hast Du, alte Hexe! Aber nun pack' Dich oder ich bringe Dich um!" „Du Hund!", schrie Frau Schmendrik, zu den reichlicheren Hilfsquellen ihres heimatlichen Idioms greifend. „Ein schwarzes Jahr auf Dich! Die Hand, die mich schlug, soll verstauben > Lebendig sollst Du verbrennen! Dein Vater war ein Ganew, und Du bist ein Ganew, und Deine ganze Familie sind Ganowim! Mögen Pharao's zehn Plagen —" Es war eigentlich nicht so böse gemeint, sondern blos die überschäumende Phantasie einer Race, deren erste Poesie darin bestand, daß sie Alles zweimal sagte. Onkel Abraham hob die Scholle drohend auf und rief; „Auf der Stelle soll ich sterben, wenn Sie nicht sofort gehen, stehe ich für die Folgen nicht ein. Also marsch!" „Awrumkele", sagte Frau Schmendrik, plötzlich von Schmähungen zu Schmeicheleien übergehend. „Nimm vierzehn Pences, hörst Du, mein Sohn? Vierzehn Stibburs sind eine Menge Geld." „Werden Sie gehen?", schrie Abraham in schrecklicher Wuth. „Jetzt gebe ich sie nicht anders als um zehn Schilling her." „Awrumkele, sag 14V- Pences! Ich bin ein armes Weib, also gut 15 Pences." Abraham packte die Frau bei der Schulter und schleuderte sie an die Mauer, wo sie höchst pittoresk fluchte. Esther hielt den Moment nicht fiir den richtigen, hier ihre kleinen Einkäufe zu machen. Sie drängte sich zu einem anderen Fischhändler durch. Sie kannte einen gutmüthigen, wettergebräunten alten Mann, mit dem sie schon oft, wenn den Ansells das Glück lächelte, einen Handel abgeschlossen hatte. Zu ihrer Freude bemerkte sie ihn auch jetzt. Auf seiner improvisirten Platte lag ein Haufen Knurrfische, und in ihrer Phantasie sah sich Esther schon mit dem Backen derselben beschäftigt. Dann aus einmal überschauerte sie etwas wie eine plötzliche, eisige Douche, ihr Herz schien füll zu stehen. Denn, als sie die Hand in die Tasche steckte, um die Börse herauszunehmen, fand sie darin nur einen Fingerhut, einen Griffel und ein Taschentuch. Es dauerte^ein paar Minuten, ehe sie begreifen konnte und wollte, daß die 4'/, Schilling, von denen so viel abhing, fort waren. Specereiwaaren und Mazzes hatte die Wohlthätigkeit hergegeben, der Rosinenwein war schon seit Tagen vorbereitet, aber Fisch, Fleisch und alle kleineren Bestandtheile eines wohlbesetzten Passahtisches waren die Beute des Taschendiebs geworden. Ein schreckliche Verzweiflung überkam das Kind, eine unendlich größere, als nach dem Abend, da sie die Suppe ausgeschüttet hatte; die Knurrfische, die sie mit dem Finger hätte berühren können, schienen in weiter Ferne zu schweben; im nächsten Moment waren sie und alles von einer heißen Thränenfluth ausgelöscht, und der doppelte Strom der Menge schob sie wie in einem Traume hin und her. Seit dem Tode Benjamin's hatte sie noch nie ein solches Gefühl von Hohlheit und Ungewißheit ihrer Existenz gehabt. Was würde ihr Vater sagen, dessen frohlockende Ueberzeugung, daß die gütige Vorsehung für sein Passahsest gesorgt habe, nun in der elften Stunde so rauh zerstört wurde? Der arme Moses! Er war so stolz, daß er Geld genug verdient hatte, um seinen Kindern einen „guten Jontef" zu bereiten, und war mehr als je überzeugt, daß er, wenn er ein kleines Anfangs capital hätte, colossale Geschäfte machen würde. Nun aber mußte sie nach Hause gehen und Allen den Jontef verderben und die sauren Gesichter ihrer Kleinen um ein kahlen Sederttsch sehen. O es war schrecklich! Und das arme Kind weinte bitterlich vor sich hin, ohne daß Jemand in dem Babel sich um sie künimerte. Drei und zwanzigste s Capitel. Der tobte Affe. Eine alte Geschichte, die ihre Großmutter ihr erzählt hatte, kam Esther jetzt in den Sinn: „In einer Stadt, in Rußland lebte ein alter Jude, der kaum genug zu seinem Lebensunterhalt verdiente und die Hälfte von dem, was er verdiente, hergeben mußte, um die Beamten zu bestechen, damit sie ihn in Ruhe ließen. Aber ttotzdem er verfolgt und gespieen ward, verttaute er doch auf seinen Gott und pries seinen Namen. So kam das Passahsest heran. Der Winter war streng gewesen, der Jude verhungerte beinahe und seine Frau hatte noch keine Vorbereitungen für das Fest gemacht. In der Bitterkeit ihrer Seele spottete sie über das Verttauen ihres Gatten und verhöhnte ihn. Er aber sagte: „Hab' Geduld, mein Weib! Unser Sederttsch wird gedeckt sein wie immer in ftüheren Jahren." Das Fest aber kam immer näher, und noch immer war nichts im Hause vorhanden. Da spottete die Frau ihres Gatten noch mehr und sagte: „Glaubst Du vielleicht, daß der Prophet Elias Dich besuchen oder der Messias kommen wird?!" Aber er antwortete: „Der Prophet Elias wandelt auf Erden, da er nie gestorben ist; wer weiß, ob sein Blick nicht auch aui uns fallen wird?" Darüber lachte seine Frau laut. Nun fehlten nur noch wenige Sttlnden zu Peßach. Die Speisekammer war noch immer leer und der alte Jude noch immer voller Bertrauen. Da begab es sich, daß der Gouverneur der Stadt, ein harter und grausamer Mann, für die Auszahlung der Beamtengehälter Goldstücke in Packete sonderte; neben ihm saß sein Lieblingsaffe, und, während er das Geld sorttrte, machte der Affe es ihm nach, indem er zur Belustigung seines Herrn ebenfalls kleine Päckchen bildete. Und wenn der Gouverneur ein Goldstück nicht gleich fassen konnte, so machte er seinen Finger feucht, indem er ihn zum Munde führte, was der Asse jedesmal nachahmte; da er jedoch glaubte, daß sein Herr das Geld verzehre, verschlang er jedesmal eine Münze. Daher wurde er plötzlich krank und starb. „Das Vieh ist todt", sagte einer der Bedienten. „Was sollen wir damit thun?" Der Gouverneur war sehr ärgerlich; denn er konnte seine Rechnungen nicht in Ordnung bringen, und antwortete mürrisch : „Laßt mich in Ruhe! Werft ihn zu dem alten Juden drunten in der Straße hinein!" Der Mann nahm also den Cadaver, warf ihn in den Corridor des Juden und lief davon, so rasch er konnte. Die gute Frau kam beim Geräusch erschreckt heraus und sah den Cadaver über einen eisernen Eimer liegen, der im Corridor stand. Sie erkannte, daß ein Christ das gethan habe, und hob das Aas aus, um es zu begraben, als plötzlich ein Sttom von Goldstücken aus dem Magen hervorrieselte, den der scharfe Rand des Gefäßes aufgerissen hatte. Freudig rief sie ihren Gatten: „Komm, sieh,

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