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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-17 · 29 (17.7.1896) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 57% Dr. Vloch's Wochenschrift- Nr. 39 zart, aber es geschah das erstemal, daß der Tod eines zu sich i genommen HMe. Die ihm unfaßbare Tragödie von Benjamins Ende erschütterte die Seele des Kindes auf's Tiefste. Der arme Junge! Wie schrecklich, kalt und steif unter dem Schnee liegen zu müssen! Was nützen jetzt alle seine Pläne, große Romane zu schreiben? Der Name Ansell würde nun rühmlos erlöschen. Ob „Unser Eigenthum" ringehen würde? Gewiß, daran war kein Zweifel. Und was für welttiche Hoffnungen hatte sie auf Benjamins Talente gebaut! Ach, es war klar, die Befreiung der Ansells vom Joche der Armuth war auf lange Zeit hinausgeschoben. 9tun hing die Erlösung der Familie von chr, von ihr allein ab. Aber sie wollte die Aufgabe des todten Knaben auf sich nehmen und sie erfüllen, so gut es ging. Sie ballte die kleinen Hände mtt eiserner Entschlossenheit. Moses Ansell wußte nichts von ihren Zweifeln, noch von ihrem Ehrgeiz. Er hatte noch immer dreimal die Woche Arbeit, und das genügte. Aber selbst bei Esther wurden die scharfen Kanten des Schmerzes von dem unaufhörlich in Bewegung befindlichen Mühlstein des Schullebens und ihrer Quasi-Mutterschaft abgerieben. Das Verbot von Vergnügungen während des Trauerjahres war freilich nicht in Gefahr, überschritten zu werden; denn die arme, kleine Esther lief weder auf Kinderbälle, noch ins Theater. Ihr Kopf war voll von dem bevorstehenden Fischkauf, während sie sich durch die Menge drängte, die so fest gekeilt und von den Gasflammen der Läden und Verkaufsständeu so hell beleuchtet war, daß der kalte Wind des frühen Aprilabends seine Herbigkeit verlor. Zwei entgegengesetzte Sttöme von schwerbeladenen Fußgängern bemühten sich, dasselbe Stück Pflaster zur selben Zeit einzunehmen, und das Gesetz des Raumes hielt sie fest, bis sie sich in seinen erbarmungslosen Zwang fügen. Reiche und Arme stießen einander mit den Ellbogen. Feine Damen in Seidenkleidern und Pelzen waren neben fremd aussehenden, armen Frauen festgekellt, deren Köpfe in schmutzige Taschentücher gehüllt waren, und ein paar christliche, rohe Michel beobachteten die jüdischen Händler und Kunden mit belustigter Ueberlegenheit. Denn das war die Nacht der Nächte, wo die Einkäufe für das Fest besorgt wurden 'und große Damen aus dem Westend, ihre klavierspielenden und in der Bibliothek abonnirten Töchter zu Hause lassend, in das geliebte Ghetto kamen, um den Firniß der Verfeinerung abzustreifen, mit unbehandschuhten Händen in Fässer zu greifen, wo eingelegte Gurken in ihrem eigenen Säst sich wälzten, und fette Oliven äus den vollgehäusten Tonnen herauszuholen. Mein Gott, was für eine Tragikomödie lag hinter der flüchtigen Glückseligkeit dieser sinnlichen Gesichter, welche mit der Sorglosigkeit von Schulmädchen lachten und kauten. Denn heute Abend brauchten sie sich nicht nach den Fleischtöpfen Egyptens zu sehnen. Heute Abend konnten sie lachen und mit ihren alten Bekannten über die „Olow hascholontt'-Zeiten — über die „Friede sei mit ihm"- Tage — plaudern, heute konnten sie das Mieder socialen Ehrgeizes lockern, indem sie selbst das Ghetto mit der Pracht ihrer Kleidung und der Glorie des Westends, aus dem sie kamen, blendeten. Es war eine Scene, die in der Geschichte der Welt keine Parallele hat — diese Phantasmagorie von Raupen und Schmetterlingen, welche sich um der guten alten Zeit willen auf ihrem geliebten Brutplatz zusammenfanden. „Hollah, bist Du's wirklich, Bethsy?", sagte irgend ein graubärtiger, schäbiger alter Mann mit unschuldigem Entzücken zu Frau Arthur Montmorency. „Wirklich, Du bift's? Ich habe meinen Augen nicht getraut. Nein, was für eine schöne Frau Du geworden bist! Das ist also wirklich die kleine Bethsy, die ihrem Vater den Kaffee in einem Thonkrug zu bringen Pflegte, als er und ich nebeneinander in Petticoat Laue standen? Er hat elf Jahre neben meinem Stand Pantoffeln verkauft. Nein, nein, wie die Zett verfliegt!" Dann wurde Bethsy Montmorency's schneeweißes Gesicht scharlachroth, sie runzelte die Stirn, zog ihren Zobelpelz fester um sich und schaute unwillkürlich umher, ob nicht einer ihrer neuen Freunde in Hörweite sei. Eine andere Montmorency schlug für dieses eine Mal die Feinheit in den Wind, beanttvortete lebhaft die Grüße ihrer alten Bekannten und gebrauchte die alten Ausdrücke und Bezeichnungen mtt dem seltsamen Gefühl, das man hat, wenn man Zuckersachen sttehlt. Eine dritte Bethsy Montmorency — eine geistreichere und des Namens würdigere — rief aber einer Bethsy Jacobs zu: „Was, bist Du's, Bethsy? Wie gehts, wie gehts? Ich freue mich, Dich zu sehen. Willst Du nicht mit mir eine Tasse Chocolade bei Bann trinken, um zu zeigen, daß Du die alten „Olow-Hascholaum" nicht vergessen hast?" Und dann vertiefte sich die Montmorency in Erinnerungen an diese gute, alte „Friedeseimitihm-Zeit, bis die Raupe die Pracht des Schmetterlings vergaß und fteudig zusammen mit ihm allen alten Scandal ausgrub. Doch wenige dieser Montmorencys, welcher Art sie auch angehören mochten, verließen das Ghetto, ohne im schäbigen Hinterzimmer, wo alte Freunde oderarme Verwandte verwitterten, in halb widerwillige Hände ein Goldstück gedrückt zu haben. Oben brannten schweigend die Sterne, aber Niemand blickte zu ihnen auf. Unten lag der dicke, schwarze Schmutzschleier, den Petticoat Lane nie lüftet, aber Niemand schaute auf ihn nieder. Es war unmöglich, in dem Lärm und der Verwirrung, in dem Stoßen und Drängen, dem Drücken und Schreien an etwas anderes zu denken, als au die hastende Menschheit, deren Lärm Bettler, Verkäufer, Käufer, Gaffer, Taschenspieler noch verstärken. „Kuchen, Kuchen! Alle jontefdig, jontefdig!" — „Hosenträger, schöne Hosenträger, alle —" „Jontefdig, nur ein Schilling. —" „So befiehlt es der Rabbi, alle Hammelkeulen müssen — "- „Gurken, Gurken!" „Die schönsten Beinkleider, meine Herren! Kosten mich, so wahr ich da steh' —" „Dir gesagt, Du alter —" „Arbe-kanfes, Arbe —" „Mein Mann hat sich operiren lassen müssen —" „Aus dem Weg! Aus dem Weg!" „Bei meinem und Deinem Leben, Bethsy —" „Gott segne Euch, Herr! Tausend Jahr sollt Ihr —" „Die besten Mazzes!" „Die Knochen gehen drauf, Frau. Ich habe sie so klein als möglich geschnitten." „Charoißes," „Morer," "Chrain," „pesachdig." „Feine Schollen! So helf mir Gott —" „Jontefdig, Jontefdig, nur ein Schilling —" „Eine Ohrfeige kriegst Du, wenn Du nicht —" „Gott segne Sie, empfehlen Sie mich Jacob!„ „Schenken Sie mir etwas, liebe Frau —" „Nein, Sale, wie hast Du Dich verändert!" „Auf Ehrenwort, Herr, die Fische werden vor Ihnen p Hause sein." „Ein Schwamm —" „Ich schneide ein Stück von dieser Melone für —" „Sie ist todt, die arme, Friede sei mit ihr." „Jontefdig! Drei Schilling für eine Börse, enthaltend —" „Der echte, lebendige, tätowirte Indianer vom afrikanischen Archipelagus. Nur herreinspaziert!!" „Hier ist zu sehen der Zwerg, verspricht, tanzt und singt!" „Drei Lemonen um einen Pfennig, drei Lemonen —" „Einen Stibbur (Pfennig) für einen armen Blinden!" „Jontefdig, Jontefdig, Jontefdig —" In diesem letzten Gebrüll, das den meisten der Händlergemeinsam war, vermengte sich oft das ganze Babel für einen Augenblick und verschwand, um gleich darauf wieder in seiner abgebrochenen Vielfältigkeit anfzutauchen. Alle, die Esther kannte, befanden sich in der Menge; sie traf sie früher oder später. An der Ecke der Wentworth Street unter Kohlbättern, Kericht und Abfällen stand der kummervolle Mekisch, bot seine winzigen Schwämme aus und köderte die Mitleidigen mit Grimassen und epileptischen Anfällen in wohl abgemessenen Zeiträumen. Ein paar Zoll weiter kaufte seine Frau iit einer kostbaren Sealskin-Jacke mit den Manieren einer Aristokratin Lachs ein. _ In einer Ecke fest gekeilt stand Joschi Schmendrik. Sein Rockschvß war gelb von den Dottern zerdrückter Eier, die er in der Tasche trug. Er fragte Esther außer sich, ob sie nicht einen Knaben gesehen hatte, den er zum Nachhansetragen seines Stockfisches und seiner Henne ausgenommen hatte. „Meine Frau", erklärte er ihr, „war im Laden beschäftigt und hatte mich abgesandt, die häuslichen Pflichten zu erfüllen." Es ist anzunehmen, daß Frau Schmendrik, einst Witwe Finkelstein, wenn sie jemals diese Leckerbissen empfing, zu der Erkenntniß kommen mußte, daß ihr guter Mann Fische gekauft habe, die künstlich mit Luft aufgepumpt, und Hennen, die mit braunem Papier ausgestopft waren. Der gute Sam Abra-

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