Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 29 Seite 577 Dr. Vloch's Wochenschrift Besserungsanstalt in Kostenblatt, das zum Gerichtsbezirk Bilin gehört, angestellt. Berlin, 2. Juli. Herr Uhrmacher P. Michaelis feierte am 28. v. M. zugleich mit seinem 50jährigen Geschäfts-Jubiläum das Fest der g o l d e n e n H o ch z e i t. Berlin, 6. Juli. Dem Maler Prof. Max Liebermann ist vom König von Italien das Ritterkreuz des St. M a u r i z i ou n d L a z a r o - O r d e n s verliehen worden. Leipzig, 2. Juli. Herr Privatdocent Dr. G. Witkowski ist zum Professor für d e n t s ch e Sprache und Literatur an der hiesigen Universität ernannt worden. Berlin. (Eine Paß frage). Aus Berlin wird uns telegraphirt: Nach einer Mittheilung Birchow's ist die Paßfrage beim Moskauer internationalen A erztec o n g r e ß dahin entschieden, daß jedem als Kongreßmitglied legitimirten deutschen Arzte ohne Unterschied der Religion der Zutritt nach Rußland gestattet wird. Ein verurtheilter Redaeteur. Aus Berlin wird uns unterm 13. d. M. telegraphirt: Der Redactenr der „Agrarischen Bank- und Handelszeitung", lauf e, wurde heute wegen Beleidigung der Bankfirma Jacob Landau zu sechshundert Mark, eventuell 120 Tagen Gefängniß, verurtheilt. London. Samstag speiste der Herzog von Cambridge bei Herrn Fandet Phillips. Cardiff. Gelegentlich des Besuches Seiner königlichen Hoheit des Prinzen von Wales in Cardiff hatten Hauptmann Goldsmid und Herr Reuben Sassoon die Ehre, der kölnglichen Tafel zugezogerl zu werden. An dem Feste, das der Bürgermeister von Cardiff, Lord Windsor, und seine Gemalin dem Prinzen und Prinzessin von Wales und den Prinzessinen Victoria und Maud zu Ehren, gab, hatten außer den obengenannten Herren noch die Ehre, theilzunehmen: Mr. Louis Samuel, Mr. Jsaac Salnuel und Gemalin und Mr. Sol. Barnett und Gemalin. Feuilleton. Zum neunten Ab. Mit traurigem Herzen und gebeugtem Gemüthe wird von jedem glaubensfreudigen und seiner Abstammung sich wohl bewußten Juden jener Tag wehmuthsvoll begangen, an dem die jüdische Nation ihre staatliche Selbstständigkeit verloren, an dem die einstmalige Hauptstadt des jüdischen Reiches in Brand gesetzt und eingeäschert ward und an dem der Tempel und die feste Burg der Könige ein Raub des furchtbaren und zerstörenden Elementes wurden. Tiefe Wehmuth muß den das Gotteshaus Betretenden beschleichen, wenn er am 9. Ab die klagenden Gesänge des Propheten vernimmt, wenn seine Lippen bebend stammeln den ergreifenden und tieferschütternden Gesang, den Israel und Juda in Rede und Gegenrede anstimmen. Wen sollten auch nicht bis in das tiefste Innere des Herzens jene wehmnthsvollen Hlagetöne treffen, die uns aus dem Buche der Klagelieder entgegenschallen? — Unsere Phantasie führt uns in jene Periode zurück, in der Jerusalem von den römischen Legionen umzingelt, die starken Mauern durch die- Widder und andere Kriegswerkzeuge erschüttert wurden, sie geleitet uns zu jenem Tage, an dem feindliche Rohheit und Gewalt sich in die Straßen der heiligen Stadt ergossen, um Schandthaten zu vollbringen, vor denen wir entsetzt zurückschaudern, um die tapferen Söhne Juda's gefesselt im Triumphzuge dem schaulustigen, verweichlichten Römer zu zeigen, sie hernach in das dunkelste Verließ zu werfen, oder sie als Gladiatoren zur Belustigung des wahnwitzigen Cäsar und blutrünstigen Mob de» Löwen und anderen Bestien ohne Waffen, in dürftiger Bekleidung entgegenzustellen oder endlich sie, feiler Waare gleich, als Sclaven zu verkaufen, um auf diese Weise den Widerstand des Volkes zu brechen. In diesem Kampfe standen an der Spitze des jüdischen Volkes Helden, die wahrlich an Muth einem Leonidas oder Scävola nichts nachgaben, die keinem Heros der Griechen oder Römer an Tugend, Ausdauer und Heldenmuth zurückstanden. Konnten sich nicht etwa Streiter wie Johannes von Giscala und Simon Jeras mit jenen vergleichen? Wie viele verwegene Ausfälle machten diese Beiden auf die Feinde, um die Stadt doch noch befreien zu können! Alle Bewohner der Stadt, Reich und Arm, Alt und Jung, Jungfrau wie Jüngling waren darauf bedacht, das drohende Berhängniß von dem Lande uvd von der Stadt abzuwenden und von ven Kleinen und Nachkommen die Sclaverei abzuwehren. — — — — Und wir? Wir Epigonen dieser trefflichen Kriegerschar? Gleichen wir nicht gar sehr jenem Knaben, der, als aus seiner Hand die Nachtigall das Weite gesucht, bitterlich ob des Verlustes klagte und jammerte und dabei vergaß, daß er auch in feiner anderen Hand eine Amsel hatte, die zwar nicht so melodisch trillerte, die aber ebenfalls in Folge der Unaufmerksamkeit des Knaben die Freiheit erlangte. Es gereicht uns zur Tugend die Erinnerung an jene Tobten, die ihr Leben für ihr Vaterland und für den Glauben einsetzten, die lieber durch das Schwert der Römer fallen wollten, als unter den Pranken der Löwen im Circus sterben, die ihre Weiber und Jungfrauen getödtet, um sie nicht der Schmach und Schande preiszugeben — aber gedenken wir auch unserer Jugend, unserer Nachkommen! Geben wir uns nicht dem dumpfen Brüten, dem insichgekehrten Peffimismus hin, sondern ergreifen wir die Waffen für u n s e r e K i n ö e r, sowie es jene Helden für uns gethan. Wir haben zwar keine Stadt, kein Land zu vertheidigen, wohl aber unsere Gleichberechtigung in einem Staate, dem wir Dienste leisten, von dem wir aber auch unsere Rechte verlangen können und müssen. Wir haben zwar keine Mauern zu beschützen und zu beschirmen, wohl aber Menschenrechte zu vertheidigen gegen die, welche sie uns nehmen wollen. Wir haben zwar keinen Titus zu fürchten, wohl aber eine heulende, wuthschnaubende, geldgierige Pöbelrotte, gegängelt und geleitet von einem Führer, dem das Hängen und Köpfen eines Juden so geläufig ist, wie einem Cäsar das hochaufspritzende Blut eines Gladiators. Ehren wir also das Andenken jener Helden auch dadurch, daß wir ihrem Beispiele folgen! — Namentlich an uns Jüngern unseres hehren, erhabenen Glaubens geht diese ernste Mahnung, schaaren wir uns zusammen, wir, denen man entringen will das Licht der Wiffenschast, die Fackel der Bildung, wir, die man wieder in den tiefen Abgrund der Unwissenheit und der mittelalterlichen Finsterniß hinabzustürzen gesonnen ist, kämpfen wir für unsere Freiheit, für Recht und Gerechtigkeit, fechten wir für das Judenthum und für unseren angestammten Glauben, so wie es unsere Vorfahren in jenem Kriege getban. Ziehen wir in den Kampf, erzwingen wir unser R-cht, wehren wir ab das Unglück, das uns und unseren Nachkommen dräut, kämpfen wir allein und ohne jegliche Hilfe und Stütze von Außen, erwarten wir nicht von Anderen Zuzug im Kampfe, sondern treten wir beherzt und furchtlos dem Feinde entgegen und jene dunkle Schaar wird sich zerstreuen, sowie die Schreckgestalten der finstern Nacht zerstieben durch den hellen Strahl des leuchtenden Helios. A u s p i tz, im Monate Ab 5656. Ludwig Rieß. stnä. meä. Kinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) (Nachdruck verboten.) Z w e i u n d z w a n g z i g st e s Capitel. Die gute, alte Zeit. Peßach mit feiner durchgreifenden Verwandlung der ganzen Kochkunst, seinem vollständigen Verbot alles Gesäuerten ist noch immer das malerischeste der drei Feste. Ein kühner Archäologe des dreißigsten Jahrhunderts mag den Ursprung des Festes auf das Frühjahrsreinemachen, die jährliche Orgie der Hausfrauen, zurückführen; denn das ist die Zeit, da das Ghetto seine Wände weißt, sich scheuert, malt und putzt und seine Töpfe in der Feuertaufe reinigt. Das ist die Zeit, da der Schankwirth sich ein weißes Placat verschafft, es vor der Thür aufhängt und verkündigt, daß er koscheren Schnaps mit der Erlaubniß des Oberrabbiners verkauft. Nun tauscht der Zuckerbäcker seine „gefüllten Strudel", seine Torten, seine Schaumrollen und Käsekuchen gegen ungesäuerte „Palavas" und Mandelkuchen aus. Es gab eine Zeit, da die Passahkost auf Obst, Fleisch und Gemüse beschränkt war. Aber Jahr um Jahr erweiterte sich der Kreis, und es würde nicht Wunder nehmen, wenn zuletzt auch eine Art Brot passahfähig gemacht würde. Das ist die Zeit, wo der ftomme Kaufmann, dessen Laden Gesäuertes enthält, sein Geschäft an einen befreundeten Christen verkauft und am Ende des Festes wieder zurückerwirbt; das ist die Zeit, da der Schlatten- Schammes von Früh bis Abends damit beschäftigt ist, Bittgesuche auszufüllen, die Kinder eines armen Mannes künstlich zu verdoppeln und seine Wohnung zu verkleinern; das ist die Zeit, wo ein ganzes Volk Brandopfer aus Brodkrumen aufsteigen läßt, und sich der Nationalgruß in ein: „Wie schmecken Ihnen die Mazzes?" verwandelt. Und es war am Abend vor dem Beginn des Passahfestes, als Esther Ansell für einen Schilling Fisch in Petticoat Lane kaufen ging. Eine der Entschädigungen, welche die Armuth bietet, ist. daß sie keine Zeit zum Trauern läßt. Die tägliche Pflicht ist die schmerzstillende Arznei des Armen. Esther und ihr Vater waren die einzigen beiden Familienmitglieder, auf welche der Tod Benjamins einen tiefen Eindruck machte. Er war solange vom Hause fort, daß er für die Uebrigen ein bloßer Schatten war. Aber Moses trug den Verlust mit Ergebung und machte seiner Trauer nur in dem täglichen Kaddisch Lust. Esther's Schmerz war bitterer und trotziger. Alle Kinder waren