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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-17 · 29 (17.7.1896) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 572 Dr. Vlortz's Wochrnschrist. Vlv. 29 die Gelehrten aus Frankfurt a. M. und der Verfasser des Ture Sah ab, R. David Levy, weiland Oberrabbiner in Lemberg — alle find sie der Ansicht Rabbenu Simchas, für die Scheidung also im Falle die Frau unheilbar geistesumnachtet ist, aber wohl gemerkt, nicht etwa Scheidung im Sinne unserer Zeit, sondern in der oben von mir wiederholt geschilderten Weise. Ist hingegen Geistesumnachtung beim M a n n e eingetreten, dann gibt es gar kein Mittel, um eine Auslösung der Ehe herbeizuführen, weil die Willensäußerung des Mannes, die nach der Bibel bei der Auslösung der Ehe unumgänglich zum Ausdruck kommen muß, hier mangelt, weswegen nach übereinstimmender Meinung der Gelehrten eine Scheidung dann nicht mehr denkbar ist. Hierin also weichen die Talmudisten und Rabbiner allerdings vom § 1552 des Entwurfes ab. Im Uebrigen aber steht der Schulchan Aruch vollständig auf dem Boden dieses Paragraphen, und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch in prax', selbstverständlich nach Erfüllung der vom Landesgefetze vorgeschriebenen Formalitäten. S t r a ß b u r g, 30. Juni 1896. Rabbiner Dr. A s ch k a n a z e. Correspondenzen. Wien. (Jüdische akademische Lesehalle.) Der Ausschuß der Jüdischen akademischen Lesehalle hat an jene Abiturienten, welche mit Beginn des neuen Schuljahres eine der Wiener Hochschulen beziehen, folgenden Aufruf erlaffeu: Jüdische Abiturienten! Unter dem Eindrücke, den rohe und verachtungswürdige Angriffe aus unsere Ehre und somit auch auf die Ehre des gesammten Judenthums in den Herzen aller sittlich Lenkenden Menschen hinterlasien haben, unter dem auch Ihr gewiß schmerzlich berührt seid, deren freudige Hoffnung es ist, akademische Bürger mit dem Anspruch auf die .Rechte und Freiheiten solcher zu werden — tritt d i e Jüdische a k a d e m i s ch e L e s e h a l l e, als die Centrale der jüdischen Studentenschaft Wiens, an Euch heran. Euch zu mahnen und zu bedeuten, die hehren Ziele dieser für die jüdische akademische Jugend wahrhaft unschätzbaren Institution bei Euerem Eintrite in die Hallen der Wiener Hochschulen nicht zu verkennen, sondern zuversichtlich und ohne Bedenken ihre Reihen zu stärken. Was Ihr während Eueres jetzigen Studiums von der Mehrheit Euerer arischen College« zu erdulden hattet, wird vielen von Euch den Weg in unsere Mitte weisen. Auf den Bänken der Mittelschule waren Euere Hände und Euer Wille gefesselt; als akademische Bürger und Mitglieder der I ü d i s ch e n a k a d e m i s ch e n L e setz a l l e werdet Ihr die Freiheit zu Trutz und Schutz genießen und die Bedeutung der Einigkeit der jüdischen Hochschüler schätzen lernen. Einigkeit und treues Zusammenhalten, die erhaltende Kraft in den schlimmsten Tagen, thut der jüdischen Studentenschaft dringend noth. Schwere Verantwortung trifft Diejenigen, welche, sei es von rechts oder links, ein Schisma herbeiführen. Geschaart um das altehrwürdige Panier des Judenthums, werbet Ihr auch das Selb st bewußtsei n, das halb oder ganz einzubüßen herrschende Mode geworden ist, zur Wahrung Eurer selbst und Eures Charakters zurückgewinnen. Hebung des jüdischen Selbstbewußtseins ist eine der Hauptaufgaben unseres Vereines, der ein Sammelplatz aller jüdischen Studenten sei, die in ihrer politischen Meinung, möge diese wie immer sein, gänzlich unbeeinflußt bleiben. Die Jüdische akademische Lesehalle bietet nicht nur die edelsten geistigen Anregungen durch reiche Bücherschätze, eine bedeutende Anzahl Zeitungen jeder Art und vor Allem die Worte hervorragender Gelehrter, Profefforen und Schriftsteller, sie gibt auch Gelegenheit, Arm und Nacken durch Turnen und Fechten zu stählen und das Gemüth durch die Pflege edlen Gesanges zu erheitern, um so eine harmonische Ausbildung des Körpers und der Seele zu schaffen. Abiturienten! Alle, die Ihr die treffliche Absicht habet, die Reihen unseres Vereines zu stärken, Ihr müßt nur charaktervoll durch Euer Thun verkünden: „Ich darf das Fahrzeug nicht verlassen, auf dem ich die Idee der Sittlichkeit an Bord durch die Welt führen soll". Ihr müßt nur die Wahrheit auf den Lippen und im Herzen tragen, und dürft des stolzen, selbstbewußten Wortes Euch nicht schämen: „ Wir sind Juden!" Als solche heißen wir Euch heute schon auf das Herzlichste willkommen. ^Derartige Patrioten". Ein Wiener Antisemitenblatt zerreißt sich das Maul über eine Anrede, welche der Oberrabbiner von Budapest, Dr. K o h n, an den israelitischen Landeslehrerverein hielt. Der Oberrabbiner hob hervor, daß „die Lehrer die Ersten gewesen, die, vom einigen Patriotismus beseelt, auch in den nichtmagyarischen Gegenden die magyarische Sprache in Wort und Schrift verbreiteten". Das Antisemitenblatt meint nun, „derartige Patrioten", die ihre Haut wechseln, wie einen Rock, sind für den Staat nicht eine Stütze, sondern eine Gefahr. Dieser unverschämte, deutschnationale Vortrag über Patriotismus wirkt geradezu komisch. Leute, deren Patriotismus ein so fadenscheiniger ist, wollen Andere darüber belehren! Die Juden sind Patrioten, sie sind treue Bürger der Länder und Staaten, in denen sie leben, während es eine der ältesten Klagen deutscher Staatsmänner ist, daß die Deutschen, die in fremde Länder gerathen, dort krampfhaft bestrebt sind, ihren deutschen Ursprung vergessen zu machen Unter den Führern der slavischen Völker Oesterreichs findet man germanische Renegaten als die eifrigsten Agitatoren und Deutschenhasser. In Paris producirte sich soeben als Urczeche ein Mann Namens Schmidt. Auch Fürst Bismarck hat mehr als einmal dem schmerzlichen Bedauern über das schwächliche nationale Empfinden der Deutschen Ausdruck verliehen. Es wäre daher den deutschnationalen Federfucbsern dringend zu empfehlen, gefälligst vor der eigenen Thüre kehren zu wollen. Antisemitische Studenten. Am 6. d. M. hat, wie berichtet, die Statthalterei von Tirol die Innsbrucker akademische Burschenschaft „Germania" aufgelöst, und zwar aus dem Grunde, weil dieselbe einen auf die Abhaltung eines allgemeinen deutschen Studententages bezughabenden Aufruf veröffentlichte; in dem Auflösungsdecrete heißt es: ..Mit uiejem Aufrufe hat die Buischenschast „Germania" ihren im § 3 der behördlich bescheinigten Statuten umschriebenen Wirkungskreis überschritten, indem sie sich an die ges.nnmte deutsche Studentenschaft Oesterreichs wendet, um eine Bewegung zu Gun fl en nationaler und a n t i s e m i t i s ch e r B e st r e b u n g e n zu erzielen, ein Vorgang, der außerhalb ihres statutenmäßifen Wirkungskreises gelegen ist." Es ist das erste Mal, daß in einem derartigen Actenstücke das Wort „antisemitisch" zu lesen ist; bisher ist es immer in irgend einer Weise umschrieben worden. Die deutschnationalen Studenten hatten bereits gelegentlich der Ausweisung des Reichsdeutschen O st h a u s beschlossen, den gefährlichen Wiener Boden zu verlassen und ihr Hauptquartier in einer anderen Universitätsstadt aufzuschlagen. Sie wählten G r a z. Doch hier wurde ihnen durch die Kundmachung des dortigen Rectorats ein schlechter Empfang in Aussicht gestellt, so daß man auch von diesem Projecte abließ, die Wiener überhaupt scheinbar die Initiative aufgaben und sich die Innsbrucker „Germania" als Einberuferin eines allgemeinen deutschen Studententages an die Spitze der Bewegung stellte. Diese für October geplante Versammlung sollte das gesammte Stndentenleben Oesterreichs in gewisse Bahnen lenken. So kam es, daß in der im Laufe der vorigen Woche in Angelegenheit der Mensa academica abgehaltenen allgemeinen Studentenversammlung die Deutschnationalen, welche direct aufgefordert wurden, zur Frage Stellung zu nehnien, den Studirenden O st h a u s demonstrativ autorisirten, in ihrem Namen die officielle Erklärung abzugeben, daß sie sich an einer Action, die von anderer Seite ausgehe, nicht betheiligen dürfen, obwohl sie durch ihr Erscheinen in der Versammlung beweisen, daß sie die Wichtigkeit derselben anerkennen und von der Nothwendigkeit der Durchführung der seitens der socialdemokratischen Studenten angeführten Maßnahmen überzeugt sind Der Allgemeine deutsche Studententag werde über diese Angelegenheit, welche sämmtliche Wiener Studenten betrifft, entscheiden. Der Allgemeine deutsche Studententag sollte Maßnahmen treffen, um den deutschen Charakter der Universität zu wahren; die Deutschnationalen wollten ganz einfach die Collegien jüdischer Professoren meiden und auch cjegeit sie als Prüfer bei den Rigorosen protestiren. Sie wollten m der „Mensa academica“ mit den jüdischen Studenten nicht 1 asselbe Brot essen und sie eventuell boycottiren. Die letztere Action konnte, wie der Redner in der Studentenversammlung richtig hervorhob, einstweilen deshalb noch nicht durchgeführt werden, „weil es auch bei den Dentschnationalen Hungerleider gibt", welche Bemerkung damals von den Antisemiten als offene Beleidigung aufgefaßt wurde und zu einer stürmischen Scene Veranlassung gab. Da sich nun der akademische Senat in I n n s b r u ck durch sein Einschreiten nicht dieselben Unannehmlichkeiten zuziehen wollte, wie sie dem Wiener Rectorat zu Theil wurden, überwies er einfach die Maß-

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