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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-17 · 29 (17.7.1896) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 570 Pr. Vloch's WomruMrriN litt. 29 hatte. Was that Herr v o n Z b o r o w s k i? Er mußte, da mehr Stellen als Bewerber vorhanden waren, alle ernennen — so würde man glauben. Wozu ist denn jetzt ein „liberaler" Mann österreichischer Justizminister? Doch Leute wie Zborowski geniren sich nicht. Die christlichen Bewerber wurden alle ernannt, selbst der ohne Praxis und Prüfung, die Juden wurden abgewiesen, und wegen der fünf Stellen erfolgte eine neue Ausschreibung. Kurzer Proceß! Wie verträgt sich das mit dem Eid auf die Staatsgrundgesetze? Welches Vertrauen soll die Bevölkerung zur Rechtsprechung solcher Justizorgane hegen? Cine Schaudermähr! Das „Deutsche Volksblatt" tischt seinen Lesern ein gräßliches Gerücht auf: Der Küchenchef des Fürsten Bismarck soll ein Jude gewesen sein! Haarsträubend! Grauenhaft! Zitternd denkt jeder Antisemit an die verhängnißvolle Möglichkeit, daß der jüdische Küchenchef seine grenzenlose Macht dazu ausnützen konnte, den größten deutschen Mann — nicht zu vergiften, nein, ihm noch Schlimmeres zuzusügen — ihn rituell zu nähren! Bergani's Blatt spinnt einen ganzen historischen Roman aus, um den jüdischen Küchenchef zu einer Art Agenten der ^lliauee Israeiire zu stempeln und deutet an, daß auch Bleichröder dabei seine Hand im Spiele gehabt. Ja, es fehlt nicht viel, und Vergani erklärt aus diesem Anlasse, wie so es gekommen sei, daß Bismarck allmälig sich den Antisemiten entftemdete, sie sogar verächtlich von sich schüttelte, daß er bei seinem Besuche in Wien die deutschnationalen Antisemiten wie die Christlich-Socialen mit Abscheu mied und dafür den „jüdischen" Cheftedacteur der „jüdischen" „Neuen Freien Presse" empfing. Wer kann denn noch zweifeln, daß das Alles die fürchterliche Folge der „rituellen" jüdischen Kost gewesen! Arme Deutsche! Arme Antisemiten! Selbstmordversuch eines Fabrikanten. Ein bekannter Wiener Fabrikant hat Hand an sich gelegt. Bis zur Stunde ist das Motiv der That noch nicht völlig klargestellt. Der Lebensüberdrüssige ist der Inhaber der protokollirten Firma I. Heinrich Rieß, Normaltricotfabrik und Tricot- Confectionär, wohnhaft in Hietzing, Hütteldorferstraße. Das Haus, ein villenartiger Bau, schließt sich an die Fabriksräume, in welcher jedoch zur Zeit der Betrieb völlig eingestellt ist. Man nimmt vielleicht nicht ungerechtfertigt an, daß Rieß durch den Rückgang seines Geschäftes, welcher eine Folge seiner allzu eiftigen Betheiligung an der in Wien leider herrschenden antisemitischen Bewegung ist, zum Selbstmorde getrieben wurde. Auch ein Proceß wegen Verletzung des Marken-Schutzgesetzes, der gegen Rieß im Zuge ist, wirkte sehr verstimmend auf den Fabrikanten. Erst in der vorigen Woche soll über Veranlassung seines klägerischen Gegners in seinen Fabrikslocalitäten eine Hausdurchsuchung stattgefunden haben. Das Lueger-Vaterunser. Der 20-jährige Schuhmachersohn Aegidius L e i ß, welcher den Todessprung vom Stefansthurme vollbracht hat, zählte zu den begeisterten Verehrern des Dr. Lueger. Als man den Selbstmörder mit zerschmetterten Gliedern auf dem Thurme fand, da durchsuchte man seine Taschen. Unter den vielen Papieren fand sich auch ein Zettel und auf diesem stand folgender, in der Original-Orthographie wortgetreu wiedergegebener „Lueger-Vaterunser" Vater unser der Du bist in Wien, gelobt sei dein Name in Wien auch am Lande, beschütze unser christliches Volk. Dein Wille geschehe bei allen Völkern der Erde, verschaff uns kein Jüdisches Brod sondern nur christliches, und gebe billiges Fleisch dazu-, vergib allen Schuldem, welche durch Jüdische Wucherhände betrogen wurden, auch wollen wir Ihnen vergeben, führe uns nicht in Versuchung eines anderen Sinnes zu werden, sondern erlöse uns von dem Judengesindel Amen. Die fünf Dienstmäuner beim Landhaus. Vor einigen Monaten hat das „Deutsche Volksblatt" eine Notiz veröffentlicht, welche unter die gemeinsten Denunciationen dieses charmanten Blattes rangirte. Herr Vergani eröffnete einen Feldzug gegen — fünf arme Dienstmänner, welche beim Landhaus ihren Standplatz haben: sie sind „krummnasig und krummbeinig und mauscheln polnisch-jüdisch" — Gründe genug, um den Versuch zu wagen, sie und ihre Kinder brotlos zu machen. Die von echt christlichsocialer Menschenliebe erfüllte Notiz schloß nämlich mit der Hoffnung, daß den jüdischen Dienstmännern „in Folge übergroßer Langweile bald die Lust vergehen werde, das schöne Gebäude noch länger zu verunzieren." „Hoffentlich werden alle Christen", hieß es dann weiter, „in diesem Hause ihr Möglichstes dazu beitragen." — Die fünf Dienstmänner, die sich durch diesen perfiden Angriff in ihrer armseligen Existenz bedroht sahen, waren natürlich verzweifelt, und wir erinnern uns der Worte eines derselben, eines alten, schwachen Mannes. „Ich habe fünf Kinder zu ernähren", sagte er, „und verdiene kaum das Nothwendigste; das will man uns auch wegnehmen, weil ich ein Jude bin! Ich habe mir nie eine Unhöflichkeit oder Taxüberschreitung zu Schulden kommen lassen, denn ich weiß, wce sehr ich als Jude nur Acht geben muß, damit man mir nichts anhaben kann; vor jedem Amtsdiener ziehe ich den Hut und mit dem kleinsten Bettag, den man mir für einen Weg zahlt, der oft weniger als die Taxe beträgt, bin ich zufrieden. Ich bin ein armer, ttänklicher Mensch und lege Niemanden etwas in den Weg. Was will man von uns, daß wir so schändlich verspottet werden, daß uirs die Gassenbuben nachlaufen.?!" Es fanden sich aber Leute, welche sich der Dienstmänner annahmen und dieselben klagten das V e r g a n i-Blatt auf Ehrenbeleidigung. Mehr war natürlich nicht nothwendig. Herr Vergani und seine Redacteure haben bekanntlich eine Jdiosynttasie vor dem Gerichtssaal — sie ließen es nicht zur Klage kommen, sondern stellten den krummnasigen, krummbeinigen, polnisch-jüdisch mauschelnden Dienstmännern eine Ehrenerklärung aus, welche rm „Deutschen Volksblatt" enthalten ist; sie lautet: Erklärung. Wir haben in der Nummer vom 19. März 1896 einer uns von einer außerhalb unserer Schriftleitung stehenden Person zukommenden Notiz Aufnahme gewährt, welche unter dem Titel: „Gibt es keine christlichen Dienstmänner mehr?" erschienen ist. In dieser Notiz wurden die Dienstmänner, welche vor dem Landhause in der Herrengasse ihren Standplatz haben, sowohl in ihrer persönlichen als auch geschäftlichen Ehre angegriffen. Wir haben uns nunmehr überzeugt, daß diese Angriffe gegen die genannten Dienstmänner jedes Hintergrundes entbehren, und daß dieselben ihren Beruf jederzeit aus gefüllt und durch keinerlei Jntriguen oder Machinationen sich in den Besitz des Standplatzes gesetzt haben, auf dem sie jetzt ihr Dienstmännergewerbe ausüben. Wir nehmen keinen Anstand, unser Bedauern darüber auszusprechen, daß die erwähnte Notiz in unserem Blatte Aufnahme gefunden hat. Die Redaction des „Deutschen Bolksblatt". Es wird bald keinen Juden irr Wien geben, welchem Herr Vergani nicht Ehrenerklärungen ausgestellt hat. Die Fabrikation der Blutlüge. Aus M i s k o l c z wird dem „P. L." berichtet: „Eine mysteriöse Affaire verursacht hier nicht geringe Aufregung. In den Hof des in der Szelesgasse wohnenden M. H. Neumann wurde Montag Vormittags eine Kiste geschmuggelt. Die Hauslente, denen die Kiste ausfiel, öffneten dieselbe und fanden darin ein vor Frost zitterndes, halbtodtes Mädchen im Alter von etwa dreizehn Jahren. Der von einem Polizisten herbeigerufene städtische Arzt Dr. Samuel I x e l brachte das Mädchen mit großer Mühe wieder zum Leben. Das Mädchen, welches erst nach längerer Zeit sprechen konnte, gab an, geknebelt und in die Kiste geworfen worden zu sein. Es hieß, ruchlose Hände hätten wieder eine Nitualmord-Affaire nach bekanntem Muster in's Werk setzen wollen. Manche wollen zwei in Frauenkleider gehüllte Mann er gestalten über die Hofmauer entweichen gesehen haben. Nach einer anderen Version hätte sich die dreizehnjährige Margarethe Vincze vor der Strenge ihrer Stiefeltern geflüchtet und wäre von ihrer Freundin, der etwas älteren Marie Szücs, in der Kiste verborgen worden". Der Correspondent der „N. Fr. Pr." meldet darüber unter dem Schlagwort: Ein Hund als Lebensretter. Sonntag um Mitternacht wurde der Greißler Friedmann durch unaufhörliches Geheul und Gewimmer des großen Hofhundes aus dem Schlafe geweckt. Er sprang aus dem Bett, machte Licht und begab sich in den Hof. Es war stockfinstere Nacht. Bellend umsprang das kluge Thier seinen Herrn, sprang vorwärts und blieb am äußersten Ende des Hofes plötzlich flillstehen. Friedmann beleuchtete die Stelle und sah zu seiner Ueberraschung an die Holzumfriedung angelehnt eine meterlange, 40 Centimeter hohe Kiste liegen. Er stieß an dieselbe, sie gab einen dumpfen Ton, er wollte sie vom Platze rühren, sie war zu schwer. Mittlerweile erwachte auch der Nachbar, der, Friedmann mit der brennenden Laterne in der Hand zu so ungewohnter Stunde durch's Fenster erblickend, sich sofort zu ihm gesellte. Unterdessen erwachte das ganze Gesinde beider Nachbarhäuser und sammelte sich um

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