Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 568 Dr Bloch's WochrnfchrM Nr. 29 Land, und die dürfen sich auch afsimiliren, die werden resorbirt. Ist aber diese unbestimmbare Anzahl überschritten, dann rust der Antisemitismus Halt! Ich glaube, der Indenstaat wird insbesondere den Ländern nützlich sein, wo es heute noch keinen offenen Antisemitismus gibt. Bedenken Sie: die Kunde, daß es den Juden irgendwo nicht schlecht geht, lockt die Unglücklichen an. Sie wandern ein. Wehe, wenn sie arm bleiben und dnrch ihre Genügsamkeit in den Existenzbedingungen den Arbeitslohn drucken — damr ruiniren sie die Eingeborenen! Wehe aber auch, wenn die Eingewanderten reich werden — dann haben sie das Volk ausgesogen. Darum brauchen wir für unsere Armen eine Heimat, ein Land, das uns völkerrechtlich gehört. Kleinere Völker, als das unsere, haben es gewagt, das politische Eigenthum eines Stückes der Erdoberffäche zu verlangen. Und weil sie es wagten, weil sie den Staatsmuth hatten, haben sie es auch bekommen. Und unser ebenso berühmtes als unglückliches Volk, unser Volk, dessen Geschichte in der heiligen Schrift steht, sollte diesen Wunsch nicht erklären dürfen? Ja, begreifen denn die jüdischen Gegner des Indenstaates nicht, daß wir schon, durch das bloße Aussprechen dieser Forderung die Achtung der Welt erwerben? Wir haben mindestens so viel Recht, wie die Anderen, ein Land als Körper unserer nationalen Existenz zu verlangen. Wir haben dieses Recht erworben durch Leiden, die in der Geschichte des menschlichen Geschlechts beispiellos sind. Ein Strom von Blut hat unseren Gang durch die Jahrhunderte begleitet. Es waren sinnlose Qualen, wenn wir sie nicht in der Hoffnung auf den Iudenstaat aushielten. Werfen wir unser Judenthum weg, wie ein zerfetztes altes Kleid, wenn wir nicht an den Judenstaat denken! . Aber es ist doch ein unmöglicher Traum? Wer sagt das? Zur Stunde, wo ich mit Ihnen spreche, beschäftigen sich mächtige Fürsten in ernsthafter Weise mit dem Plane. In welcher Form wird er verwirklicht werden? Das weiß ich nicht. Aber verwirklicht wird er werden, davon bin ich in tiefster Seele überzeugt. Diejenigen, die gestern noch über unsere Schwärmerei lachten, werden morgen beschämt sein. Es fällt mir übrigens durchaus nicht ein, alle Gegner unseres Planes für dumm oder schlecht zu erklären. Es befinden sich unter ihnen sogar vortreffliche Männer, deren Leistungen für unsere armen Brüder ich dankbar bewundere. Leider sind sie zu — zu menschenfreundlich. Es klingt paradox. Einem Volke kann man nicht philantropisch helfen, sondern einzig und allein politisch. Diese Woblthäter haben nun einen gewissen Widerwillen gegen die jüdische Staatsidee, weil sie besorgen, daß das nützliche Colonisationswerk gestört werden könnte, wenn die leitenden Kreise erführen, daß die Juden eine Staatsgründung beabsichtigen. Ich kann die Colonisatoren beruhigen, denn ich komme von Constantinopel. Der Sultan ist den Juden gnädig gesinnt. Ich wage sogar zu behaupten, daß die Juden in der ganzen Welt gegenwärtig keinen großmüthigeren Freund haben, als Seine Majestät den jetzt regierenden Sultan! Es steht heute bereits fest, daß ich dem Colonisationswerk, wie es bisher betrieben wurde, nicht geschadet habe. Allerdings halte ich es für ein ungenügendes, wie viel Wohlwollen darin auch stecken mag. Denn die Judenfrage ist nicht gelöst, wenn wir ein paar Hundert oder einige Tausend Familien in Palästina ansiedeln. Ich glaube vielmehr, daß die Gefahr für die Angesiedelten wächst, je zahlreicher sie werden, ohne ihren eigenen staatlichen Schutz zu besitzen. Dann sind sie auf die Gnade wechselnder Machthaber angewiesen. Ein Fürst ist mild, sein Nachfolger hart — wie ost haben die Juden das erlebt. Es nützt absolut nichts, die Augen vor den Thatsachen und ihren nothwendigen Folgen zu verschließen, die jedem historisch Gebildeten klar sein müssen. Der spärlichen jetzigen Colonisirung Palästinas wird man von Seite der Hohen Pforte vermuthlich keine neuen Schwierigkeiten bereiten. Ich glaube jedoch, daß man eine Infiltration in größeren! Maßstab absolut nicht gestatten wird, ohne daß darin die mindeste Feindseligkeit gegen die Juden wäre. Einer größeren Infiltration könnte nur der Staatsgedanke zu Grunde liegen, und wenn man die Einrichtung eines mehr oder weniger unabhängigen jüdischen Gemeinwesens überhaupt zuzulassen geneigt ist, so wird man diese für uns so werthvolle Sache doch nicht ohne Entschädigung gewähren. Und das ist ganz recht, das ist auch ganz in unserem Interesse. Wir müßten und wir würden für die völkerrechtliche Einräumung eines Territoriums — ob es nun Palästina oder ein anderes sei — große materielle Vortheile gegenleisten; nur müßten und würden wir uns bei dieser Gelegenheit auch alle jeue Garantien ausbedingen, die für die endlich zu sichernde Zukunst unserer nationalen Existenz nöthig sind. Das schwerste Gebrechen der philantropischen Colonisirung ist, daß sie mit der Eventualität künftiger Stimmungsumschläge in den besiedelten Ländern nicht rechnet. Wenn man den Menschen, die wegen Verfolgungen auswanderu, eine neue Heimat — wäre es auch die historische — anweist, so muß man ihnen doch wenigstens versprechen können, daß sie aus religiösen oder nationalen Gründen nie mehr verfolgt werden sollen. Das verspricht unser politischer Judenstaatsgedanke. Es ist das Einzige, was er verspricht. Denn es ist keine Marktschreierei darin. Wir verheißen nicht das Blaue vom Himmel. Es wird auch im Judenstaat Unglückliche, Kranke und Arme geben. Aber der Druck, der alle Leiden noch bitterer macht, wird aufhören, und kein Talent wird daran verderben, daß es jüdischen Ursprungs ist. Das fühlen unsere jungen und armen Leute deutlich, darum hat die Idee bei ihnen so mächtig gezündet. Und wer unseren Arnien und Jungen wirklich helfen will, der muß vom wohlthätigen zunl politischen Zionismus übergehen. Glauben Sie nicht, daß ich das sage, um die Führung auch dieser Kräfte des jüdischen Volkes zu erlangen. Es ist im Gegentheil mein innigster Wunsch, mich von der Leitung dieser Bewegung zurückzuziehen, die ganz unpersönlich, rein und stark sein soll. Ich bin nur ein Schriftsteller. Der jüdische Staatsgedanke hat mich aus meiner Arbeitsstube herausgejagt, und ich bin eigentlich sehr erstaunt, wenn ich mich in Versammlungen wie diese hier, reden höre oder mit regierenden Politikern verhandeln sehe. Kaum wage ich in Gegenwart eines unserer Freunde, der sich gestern interviewen ließ, zu gestehen, daß ich sogar mit Finanziers verkehre. Ich bin eben der Ansicht, daß das Geld so gut oder so schlecht ist, wie der Gebrauch, den man davon macht. Es wäre schöner, wenn wir durch irgend einen romantischen Feldzug das Land für unseren Staat erobern könnten, aber man muß zwanzig Jahre alt sein, um das für möglich zu halten. Nein, auf dem Boden der Vernunft, mit den Mitteln, über die wir verfügen, und innerhalb der Grenzen einer praktischen Politik muß es geschehen. Alle unsere besten Kräfte müssen sich in den Dienst der wunderbaren Sache stellen, und um allen gerechten Bedenken Rechnung zu tragen, formulire ich das Programm der Society of Jews, die in diesen Tagen gegründet werden soll, in der folgenden Weise: Die Society of Jews macht sich zur Aufgabe die völkerrechtliche Erwerbung eines Territoriums für diejenigen Juden, die sich nicht assimiliren können. Dieses Programm dürfen, wie mir scheint, auch die besten Patrioten aller Länder unterschreiben. Man muß nicht einmal Jude sein, um es zu unterschreiben. Wenn ich nicht irre, wäre Mr. Holman Hunt sofort dazu bereit. Und Einer vor Allen hätte es wohl unterschrieben, wenn er die merkwürdigen Ereignisse der letzten Monate erlebt hätte. Es ist schwer, im Trauerjahre nach Baron Hirsch in einer jüdischen Versammlung zu sprechen, ohne dieses Mannes zu gedenken. Es ist viel, es ist genug, wenn man von einem Menschen sagen kann: er hatte ein Herz für seine armen Brüder. Darum wird die Gestalt des Baron Hirsch nie aus dem Gedächtniß des jüdischen Volkes schwinden. Wohl glaubte er, daß man den Juden philantropisch helfen könne, aber seine Intelligenz war weit genug, auch auf den politischen Zionismus einzugehen, wenn er gesehen hätte, daß diese Bestrebung von den Regierungen ernst genommen wird. An einem Frühlingstage dieses Jahres wurde ich, wie Sie Alle, durch die Nachricht vom Tode des Baron Hirsch überrascht und tief erschüttert. Und es gab ein seltsames Zusammentreffen: an demselben Tage erhielt ich die Aufforderung, die Judensache einem Souverän vorzutragen. An diesem Frühlingstage starb der wohlthätige Zionismus und der politische wurde geboren. Den Inhalt jener Audienz kann ich vorläufig nur einem kleinen Kreise von Vertrauensmännern mittheilen, denn der Souverän, von dem ich spreche, der uns feilte ivöhlwollende Unterstützung gewährt, hegt die edle Besorgniß, daß seine jüdischen Unterthanen es mißverständlich als Antisemitismus auslegen könnten, wenn er die Gründmra des Judenstaates fördern will. Alst Mißverständnisse müssen im Vorhinein beseitigt werden. Alle Welt muß ganz klar sehen in dem was wir wollen, und wenn wir die Sache auch mit der ganzen Behutsamkeit politischer Unterhandlungen anfassen und betreiben, so haben wir doch nichts zu verbergen.