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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-17 · 29 (17.7.1896) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Vlortz's Wochenschrift. Seite 567 Antisemiten so viel Interessantes und Lehrreiches mitgetheilt und ich selbst habe ans der Rückreise von Budapest über Wien so vieles Bemerkenswerthes erfahren, daß ich mir gestatten werde, diesen interessanten und erbaulichen Gegenstand in einer nächsten Correspondenz eingehend zu behandeln. Dr. Theodor Herzl über seinen „Iudenflsat". Rede im Makkabäer-Club, 6. Juli 1896. Meine Herren! Seit ich zum letztenmale die Ehre hatte, vor Ihnen zu sprechen, hat die Judensache Fortschritte gemacht. Ich werde Ihnen heute hier nicht Alles sagen können, weil gerade die wichtigsten Dinge, ioelche vorgekommen sind, eine äußerst delicate Behandlung erfordern. Aber ich habe drei Männern, die von Ihnen geachtet werden, vertrauliche Aufschlüsse gegeben. Diese drei Männer sind Oberst Goldsmid, Sir Samuel Montage und Reverend Singer. Was ich also nur andeuten kann oder geradezu verschweigen muß, steht unter der moralischen Garantie dieser drei Männer. Als einen nicht geringen Fortschritt glaube ich es ansehen zu dürfen, daß der Plan der Errichtung eines Judenstaates von regierenden Persönlichkeiten in durchaus ernster Weise mit nrir discutirt worden ist. Das wird Manche überraschen, die vor einigen Monaten mit ungemein ironischem Lächeln aus mich und meine verrückte Idee herabzusehen beliebten. Gelächter, Geschrei, Beschimpfungen und Verdächtigungen begleiten jede menschliche Idee auf ihrem Schmerzensweg. Daran hat es auch in diesem Falle nicht gefehlt. Die Hauptsache ist, daß wir unbekümmert weitergehen. Als ich mein kleines Buch vom Judenstaat schrieb, glaubte ich besonders schlau zu sein, indem ich alle Einwände vvrwegzunehmen versuchte. Das hat aber nichts genützt. Alle Einwände, die ich schon in meiner Schrift logisch zu widerlegen versucht hatte, wurden dennoch vorgebracht, ohne Rücksicht aus meine .anticipative Widerlegung. Bemerken Sie: meine Gründe wurden nicht bekämpft, sondern nicht beachtet. Viele Menschen lesen in einem Buche nicht, was darin steht, sondern was sie hineinlegen. Und gar diejenigen, die nur den Titel kennen! Die waren in ihrem Urtheil am erbittertsten. Der Judenstaat! Welcher Wahnwitz! Oder soll man sagen: Dummheit? Oder ist es nicht noch eher der Spaß eines Humoristen, der einmal die Welt recht herzlich lachen machen möchte — auf Kosten seines eigenen unglücklichen Volkes? Die abfälligen Bemerkungen waren gar nicht zu zählen. Manche habe ich aufbewahrt, und sie werden einmal ein schönes Denkmal für ihre Verfasser bilden, wenn der Judenstaat entstehen sollte. Was meine Philosophie zu einer heiteren machte, war der Umstand, daß die Kritiker sich gegenseitig noch schärfer widersprachen als mir. Ich stand mit meiner Schrift sozusagen in der Mitte. Der Eine erklärte mich für einen thörichten Optimisten, der Andere für einen angstvollen Pessimisten. Bald war der Plan ein Traum in Wolken, bald eine raffinirte Geschäftssache. Die Völker, unter denen wir zerstreut leben, wären ftoh, wenn wir gingen, aber wir würden nicht gehen. Nein, erklärte ein Anderer ebenso bestimmt, man würde uns nicht ziehen lassen, obwohl wir gerne zögen. Natürlich hat man sich auch mit meiner Person beschäftigt, und die Behauptung war verbreitet, daß ich König oder Minister im Judenstaat werden wolle, während Vielen eine andere Ansicht einleuchtete: daß ich auf einen jüdischen Posten im Auslande reflectire, etwa auf den eines Botschafters in Wien. 0a ne pent pas contenter tont le monde et sonpere. Glauben Sie aber darum nicht, daß ich mich rechthaberisch an jedes Wort klammere, das in meiner Broschüre steht. Es ist ein politischer Gedanke, und in der Politik muß man sich oft von der Nützlichkeit leiten lassen — selbstverständlich unter Festhaltung des Zieles. Ich habe mich vielfach über meine Jrrthümer belehren lassen. In dem Plane sind wichtige Aenderungen eingetreten, welche die praktische Durchführung fordert. Ich wollte ja nur eine Anregung geben, wie man dem tiefen, alten Elend unseres Volkes vielleicht abhelfen könnte. Aber meine Jrrthümer wurden unserer Sache nützlich. Viele sinnreiche Köpfe arbeiteten mit, indem sie meine Fehler berichtigten. Durch Wort und Schrift wurde der Gedanke des Judenstaates von unseren besten Männern ausgestaltet und heute fliegt er schon über Land und Meer. Und das war der größte meiner Jrrthümer, dessen Erkenntniß mich beglückt. Ich hatte zögernd zu sprechen begonnen und vorsichtig erklärt: ich weiß nicht ob meine Staatsschrift nicht nur ein Staatsroman ist. Ein Ruf der Zustimmung erhob sich mit Macht an allen Orten, wo die Juden leiden. So viel Begeisterung hatte ich selbst nicht erwartet, obwohl ich bekanntlich ein Optimist bin. In zahlreichen Resolutionen von Vereinen und Versammlungen wurde ich aufgefordert, der Schrift die That folgen zu lassen. Und so habe ich mich entschlossen, auf dem Wege der That weiterzugehen — obwohl ich bekanntlich ein Pessimist bin. Ich habe alle diese Kundgebungen, Zuschriften, Resolutionen, Zeitungsstimmen sorgfältig gesammelt. Ich wollte sie ursprünglich bei der ersten Gelegenheit, wo ich öffentlich spräche, vorlegen, aber es klänge ruhmredig und könnte den Eindruck machen, als wollte ich auf meine Person ableiten, was offenbar der Sache gilt. Ich werde diese Sammlung von Schriftstücken der Societ.y ot' Jews abtreten, die sich jetzt bilden soll. Es geht daraus mit überzeugender Kraft hervor, daß der Judenstaat nicht mehr der isolirte Traum eines Einzelnen ist, sondern von Unzähligen getheilt wird. Ich weiß heute schon, und morgen wird es die Welt wissen, daß die Juden ihren Staat haben wollen, wo sie endlich als freie Menschen leben und gedeihen können. Viele reiben sich ja noch verdutzt die Augen und ftagen: ob sie träumen oder ob ich träume? Wir haben so viele, viele Jahre hindurch gesagt Ueseboinck haboh bern?cholajim“ und uns gewöhnt, das nur für einen Spruch, für einen Seufzer zu halten. Nun soll es auf einmal möglich sein. Es ist so möglich wie das Erwachen, wenn man nicht todt ist, sondern nur schläft. Es ist so möglich, wie die Genesung eines Kranken, dessen Lebenskraft unverwüstlich ist. Es ist so möglich wie die Befreiung eines Gefangenen, der nicht für immer verurtheilt sein kann. Die Juden wollen erlöst werden von der Angst vor immer wiederkehrenden Verfolgungen. Denn selbst in den Ländern, wo unsere Brüder augenblicklich nicht zu leiden haben, ist ihre Freude eine zitternde. Ich habe dafür viele Beweise. Jeder Protest, der von solchen Gutsituirten gegen meinen Plan erhoben wird, ist ein Beweis. Sie meinen, mit Unrecht, daß ick die Duldung gefährde, die sie genießen, wenn ich vom Judenstaat spreche. Und beim ersten judenfeindlichen Ruf, den irgend ein Individuum ausstößt, fahren sie aus ihrer armseligen Ruhe auf und blicken scheu um sich: Fängt es schon an? Man hat gesagt, daß die Aufstellung der Judenstaatsidee den Patriotismus der Juden an ihren jetzigen Wohnorten verdächtig mache. Die das glauben, scheinen noch nie zugehört zu haben, wenn man von uns spricht. Als Fremde werden wir angesehen, im günstigsten Fall als Fremde, die man sich gefallen läßt — bis auf Widerruf (jns^u* ä nouvel ordre). Es heißt wirklich den Werth überschätzen, den man auf uns legt, wenn man glaubt, man werde uns in irgend einem Lande ungern scheiden sehen. Ja, wenn unsere Reichen mit ihren Reichthümern abzögen, hätte ncan vielleicht etwas dagegen. Aber die Reichen denken nicht daran, mitzugehen. Aber mein Plan beruht nur darauf, daß unsere Armen nach der neuen Heimat auswandern, die unsere alte Heimat ist, unterstützt durch die Wohlhabenden, die dabei nichts verlieren, sondern gewinnen, und geführt von unseren überproducirten mittleren Intelligenzen, die an ihren jetzigen Wohnorten durch die Judenverfolgung zu Proletariern werden. Nein, nein, ich glaube eher, daß man es uns in den Ländern, wo man die Juden nicht mag — und selbst in den anderen — als ein patriotisches Verdienst anrechnen wird, wenn wir die lästige alte Judenftage endlich lösen, wenn wir die überflüssigen Juden ableiten, und damit die Gefahr einer Revolution beseitigen, die bei den Inden anfinge, und man weiß nicht wo aufhören würde. Ich kann sagen, ich habe viel anhören müssen, aber von nichtjüdischer Seite ist mir der Gedanke, einen Judenstaat zu gründen, bisher nicht übel genommen worden. Im Gegentheil, er berührt sympathisch. Man glaubt nur, daß die Juden selbst es nicht wollen werden. Es ist ja kein Wunder, wenn der Staatsmuth uns im Laufe verfolgungsreicher Jahrhunderte abhanden gekommen ist. Aber das war der historische Sinn der Judenemancipation in der Neuzeit, daß wir dadurch den Staatsmuth wiedergewinnen sollen. Daß die Emancipation nicht zur Assimilirung führen kann und soll, beweist die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre. Eine Anzahl Inden verträgt gewiß jedes

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