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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-17 · 29 (17.7.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 566 Dr VLoch s Wochenschrift Nr. 39 Publicist und talentvoller Journalist, der stets für die Wahrheit und Freiheit gekämpft und diesen Kampf noch bis auf den heutigen Tag fortfetzt, ein Mann, der sich einer großen und wohlverdienten Popularität erfteut. Und dieser Mann sprach zu mir diese bedeutungsvollen Worte, die sich in einem so seltsamen Mißverhältnis zu der Sachlage befinden, die ich jenseits der Grenze in der fernen Heimat zurückgelassen. Man kann sich kaum zwei grellere Gegensätze denken, als diese beiden Länder. Und obige bedeutungsvolle, inhaltsreichen Worte gehören nicht der grauen Vergangenheit, sondern der modernen Gegenwart Mi. Thatsächlich wurden sie dieser Tage, in den letzten Tagen des Juni im Jahre des Heils Eintausendachthundertsechsundneunzig gesprochen. Und der Mann, der sie sprach, fand darin nichts Ungewöhnliches, sondern drückte blos seine innersten Empfindungen aus und war ganz perplex, als er gewahr wurde — welchen tiefen Eindruck diese ihm ganz gewöhnlich dünkenden Worte auf mich, da ich dergleichen noch nie gehört, gemacht hatten. Und das, was mir mein Gewährsmann hier sagte, fand ich auch andererseits bestätigt. Während meines sechsstündigen Aufenthaltes in der Metropole dieses phantastischen Landes (in welchem gerade eine Millenniumsausstellung gelegentlich des tausendjährigen Wiegenfestes des ritterlichen Volkes stattfand) hatte ich Gelegenheit mtt den Verttetern der verschiedentlichsten Gesellschastsschichten zu verkehren, mit hochstehenden Beamten und einfachen Bürgern, mit hervorragenden Schriftstellern und Männern aus dem Volke, mit edlen Frauen und hochherzigen Männern jeglichen Standes, und von allen Seiten hörte ich dieselben Ansichten über das Judenthum aussprechen, die mich so sehr überraschten. Und wenn auch hie und da sich eine antisemitischclericale Note bemühte, dich? Harmonie durch einen schrillen Mißton zu stören, so gelang es ihr doch nicht. Im Gegentheil trug dieser vereinzelle schrille Mißton noch mehr dazu bei, die vollendete Harmonie des Ganzen noch mehr hervorzuheben. Und als der berühmteste aller lebenden Schriftsteller, der selbst eine ganze Bibliothek versaßt, der in der ganzen Culturwelt gefeierte, in allen Spracheir übersetzte Belletrist (der trotz seiner mehr als siebzig Jahre fortsährt, unermüdlich zu schassen, nicht nur Volksvertreter ist, sondern auch täglich in der Arena der Publicisttk austritt, sein blankes, scharfes Schwert für Recht, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkett und Wahrheit schwingt und der Lügenbrut gar manchen wuchttgen Hieb versetzt) sich mir gegenüber in ganz ähnlichem Sinne ausspracb, da konnte ich nicht umhin, an die Realität alles dessen, was ich sah, hörte und erlebte, zu glauben. Maurice Jokai, denn von dem berühmtesten europäischen Schriftsteller ist hier die Rede, richtet an mich einen in französischer Sprache geschriebenen Brief, den ich auch in sämmtlichen russischen Zeittmgen veröffentlicht habe, aus welchem ich hier blos folgende Stelle in wortgetreuer Uebersetzung citire: Die Völker selb st kennen keinen nationalen Haß. Das ist das Dogma ihrer falschen Propheten. Die Pflicht des Schriftstellers besteht eben darin, unter den Völkern das Gefühl der Brüderlichkeit zu verbreiten. Die Literatur ist der Leitstern der öffentlichen Meinung." UI. Judäo-Magyaren. Kennst Du das Land, wo solche Männer so denken, schreiben und — handeln? Ungarn heißt dieses gelobte Land der Freiheit und Cultur. Und ich danke meinem Schöpfer, der mir Gelegenheit gab, dieses herrliche Land und dessen ritterliches Volk kennen zu lernen. Ungarn, dieses mächttge Bollwerk des Fortschrittes und der Aufklärung, an welchem sich die schäumenden Wogen des österreichischen Anttsemitismus brüllend machtlos brechen. Einer fteundlichst an die Vertreter der russischen Journalistik ergangenen Einladung der Mrllenniums-Ausstellungscommiffion von Budapest Folge leistend, war ich nach der ungarischen Metropole gekommen mit zahlreichen Vorurtheilen gegen die Magyaren, die man uns als eingefleischte Russenseinde dargestellt und hassen gelernt hatte. Doch gleich dem alttestamentarischen Pattiarchen, der mit der zum Fluche erhobenen Hand den Segen ertheilte, so wurden wir Alle anderer Meinung, als wir Ungarn und die Magyaren näher kennen lernten. In einem Toast, den ich während eines Bankets auf der Margaretheninsel aus das Wohl des erlauchten Besitzers, des Erzherzogs Joseph ausbrachte, sagte ich unter Anderem: „Gleich dem, wie wir uns soeben in den Thermen der Margarethenins el von dem Straßenstaub und den Schlacken des Lebens gereinigt, so sind wir auch durch unseren kurzen Aufenthalt in Budapest von dem Vorurtheil geheilt worden, das wir in Bezug aus Ungarn und dessen ritterliches Volk hegten." Mit schwerem Herzen kamen wir nach Ungarn, weil wir nicht wußten, welch eines Empfanges wir hier gewärttg sein konnten; mit schwerem Herzen verlassen wir dieses schöne Land und sein ritterliches Volk, welches wir lieben und schätzen gelernt. Als ich nach Budapest abreiste, da warnte man mich in der Heimat gegen dieses verwegene Abenteuer; die Magyaren würden uns mit Haut und Haaren ausfressen. Diese düstere Prophezeiung hat sich auch theilweise bewahrheitet, denn wir lassen einen großen Theil unseres Herzens in Ungarn zurück." Und diese Worte waren keine bloße Phrase; sie kamen mir in der That aus dem Herzen, besonders nachdem ich die Ueberzeugung gewonnen, welch eine ehrenvolle Stellung unsere Glaubensgenossen in der Mitte dieses chevaleresken Volkes einnehmen, welcher Hochachtung sie sich erfreuen. Bei Besichtigung der Millenniumsausstellung verwendeten wir besondere Aufmerksamkeit auf die historische Abtheilung, die wir unter der liebenswürdigen Leitung des bekannten Gelehrten und Professors Dr. Adalbertus S z o b o r besichtigten. Diese Abtheilung legt einen schlagenden Beweis von der Pietät ab, mit welcher die Ungarn ihre Vergangenheit behandeln, was mich auch veranlaßte, bei einer anderen Gelgenheit, während eines zu Ehren der russischen Journalisten gegebenen Festmahles, folgenden Toast auszubringen, der auch von sämmtlichen Pester Blättern (sowohl magyarischen, als deutschen) reproducirt wurde: „Besonders frappirte mich während meines kurzen Aufenthaltes in der ungarischen Metropole das Gefühl glühenden Patriotismus, welches sich in den verschiedensten Schichten der Gesellschaft — in den höchsten, wie in den niedrigsten — kund thut. Die gesammte Bevölkerung scheint dieses Gefühl zn theilen, wodurch auch der wundersame Fortschritt Ungarns im Laufe einer so relativ kurzen Zeitperiode erklärt wird. Hand in Hand mit dieser nicht genug anzuerkennenden nationalen Empfindung gehen: die unbegrenzte Liebe zur Freiheit und ein wahrhaft rührendes Gefühl der Anhänglichkeit und Pietät für die Vergangenheit, welches als schönste Zierde der Gegenwart und als sicherste Garantie der Zukunft gelten darf. „Ehre Vater und Mutter, aus daß Du lange lebest auf Erden", besagt das göttliche Gebot, welches das magyarische Volk treu zu befolgen bestrebt ist. Die Magyaren bekunden einen rührenden Elterncultus, indem sie die Erinnerung an ihre Vorfahren hoch und heilig halten und gelegentlich ihres tausendjähriden Wiegenfestes in der Millenniums-Ausstellung eine historische Abtheilung ins Leben gerufen haben, die einzig in ihrer Art ist und Dank welcher die Geschichte Ungarns in allen ihren Phasen, mit Leiden und Freuden, Kämpfen und Enttäuschungen, glänzenden Siegen und empfindlichen Niederlagen vor dem Beschauer vorüberzieht. Möge das ritterliche Volk das zweite Millennium unter noch glänzenderen Auspicien begehen! Eljen Magyarorszäg! “ Professor S z o b o r, der unser liebenswürdiger Cicerone in dieser von ihm ins Leben gerufenen und mit besonderer Liebe culttvirten historischen Ausstellung war, ist ein katholischer Priester, was ihn jedoch nicht hindert, auch mit den Gegenständen des jüdischen Religionscultns vertraut zu sein. Neben den kostbaren Reliquienschränken (einer derselben, ein historisches, von Edelsteinen und Perlen strahlendes Unicum, besitzt einen unschätzbaren Werth und ist mit einer Million Gulden versichert) befinden sich die Heiligthümer der Synagoge, welche uns Professor S z o b o r demonstrirt und die einzelnen Gegenstände sehr correct und tadellos althebräisch benannte. Was den Elterncultus, den Cultus der Vergangenheit anbettifft, so habe ich zwischen den Magyaren und Juden eine große Aehnlichkeit gefunden. Bei beiden Volksstämmen finden wir dieselbe Pietät der Vergangenheit, dieselbe Eltern- und Ahnenliebe. Beide halten ihre Vergangenheit hoch, sind stolz auf ihre glorreiche Tradition. Vielleicht erklären sich dadurch die Sympathien, von denen die Magyaren in Bezug aus die Juden durchdrungen sind. Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß die letzteren den ersteren mit gleicher Münze zahlen und daß ein unlösbares Band von Freundschaft und Achtung sie aneinander knüpft. Noch ein zweiter, beiden Racen eigener Charakterzug bildet die Grundlage gegenseitiger Anhänglichkeit. Das ist der bei den Magyaren ebenso wie bei den Inden ganz besonders hervortretende Familiensinn. Und wenn die Herren Wiener Antisemiten das schöne Ungarland jetzt spottweise Judäo-Magyarien nennen, so liegt in diesem Namen Etwas, was dem Lueger und Genossen die Schamröthe in die Wangen treiben müßte. Doch derselbe bedeutende ungarische Publicist hat mir in Bezug auf die Wiener

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