Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29 Vr. Vloch's Wochenschrift. Seite 565 Einen Augenblick hatte es auch den Anschein, daß einige hiezu berufene jüdische Reichsrathsabgeordnete aus Galizien den löblichen Beschluß faßten, eine diesbezügliche Hilfsaction einzuleiten. Dies dauerte leider nur einen Augenblick! Der, wie es scheint, nur allzu schwach und vielleicht eben nur für eine kurze Zeit gebaute Rettungskahn hat gleich nach dem ersten Rudern, aus einer diesbezüglichen ersten Berathung in Lemberg, einen Leck bekommen, und ist seitdem in den Abgrund der allgemeinen Indifferenz gesunken!!-- Seitdem wollen die genannten reichsrathlichen Philantropen sich die Finger an der „brennenden" Frage der Abhilfe der jüdischen Nothlage in Galizien nicht — verbrennen. Ohne Zweifel haben sie erkannt, daß die auch nur einigermaßen herbeizuführende Verbesserung der Lage einer halben Million Menschen durch einen sogenannten privaten Wohlthätigkeitsact eine völlige Unmöglichkeit ist, und daß das hiezu geplante Mittel der Schaffung einer Hausindustrie durchaus nicht den gewünschten Zweck erreichen würde, indem durch eine auf diese Weise gewissermaßen anzubahnende zeitgemäße Erziehung der galizischen Inden und durch ihre anzustrebende Ausbildung in diesem Industriezweige vielleicht die galizischen Juden in der Mitte des nächsten Jahrhunderts zu einem ernährenden Erwerbe gelangen dürften, die jetzt lebende Generation der hierländischen Judenheit zweifellos deni Hungertode preisgegeben wird!! Was soll nun aber doch geschehen, um dem wachsenden Elend der galizischen Inden nach Möglichkeit abzuhelfen? Wenn man eine Krankheit heilen will, muß man ihre Ursache kennen und diese zu beseitigen suchen. Der eigentliche Grund der Nothlage der jüdischen Bevölkerung Galiziens liegt in der großen Anzahl derselben; und leider hat sich da die sonst viel bestrittene Malthusische Theorie nur zu schrecklich bewährt: daß die Menschen sich in geometrischer Progression vermehren, während die Nahrungs- und Unterhaltungsmittel nur in arithmetischer Reihenfolge zunehmen und daß deshalb jede Ueberbevölkernng die Ursache alles materiellen Elendes ist. Bei so bewandten Umständen gibt es zur Abhilfe dieses Uebelstaudes nach der übereinstimmenden Ansicht der größten Nationalöconomen der alten und neuen Zeit nur ein Mittel — die Auswanderung! Dieses Thema beabsichtigen wir in einem besonderen Artikel näher zu beleuchten. Arthur Eiben schütz. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. L. Les extremes se touchent., Ich halte es für geboten, nachstehenden Zeilen die Bemerkung vorauszuschicken, daß deren Inhalt eigentlich nidjt ganz in den Rahmen des Cyklus der Artikelserie paßt, die ich seit etwa zwei Jahren zufolge eines an mich seitens der Redaction der „Österreichischen Wochenschrift" ergangenen ehrenvollen Auftrags veröffentlichte und noch ferner forUusetzen gedenke, da es an reichhaltigem Stoffe nicht mangelt. Ich hatte mir die Aufgabe gestellt, in meinem „Beitrag zur Geschichte der russischen Juden" das Material zu dieser in den Annalen der Geschichte fast beispiellos dastehenden Martyrologie der Inden Rußlands zu liefern, welche dem künftigen Historiker, wie bescheiden auch ihr Inhalt sei, nicht unwillkommen sein dürfte. Trotz der vor zwei Jahren angebrochenen neuen Aera, welche zu den rosigsten Hoffnungen zu berechtigen schien, habe ich mich zu den neuerdings aufgetauchten optimistischen Anschauungen skeptisch verhalten, und die Ereignisse der Neuzeit haben leider dem Pessimismus nur zu sehr Recht gegeben. Trotzdem, daß man den Honig der Liebe auf den Lippen trägt, fährt man fort, die Galle des Haffes im Herzen zu rühren und die ausschließlichen Repressivmaßregeln gegen unsere Glaubensgenossen scheinen noch weit nicht erschöpft zu sein. Das stereotype, verhängnißvolle „Kromje Jewrejew" (die Juden ausgenommen) zieht sich wie früher gleich einem rothen Faden durch die russische Gesetzgebung. Man weigert sich noch immer, uns den uns mit Recht am Bankettische des Lebens gebührenden Platz einzuräumen undfährt fort, uns selbst die primitivsten menschlichen Rechte vorzuenthalten. Unserem Streben nach Bildung und Aufklärung setzt man, wie früher, die größten Hindernisse entgegen und in der neuerrichteten Ingenieurschule in Moskau, sowie in der baldigst zu eröffnenden Frauenuniversität irr Petersburg ist ausdrücklich ein Paragraph enthalten, der den Bekennern der Lehre Mosi den Eintritt in diesen Tempel der Wissenschaft strick untersagt. „Kromje Jewrejew" scheint die Devise des neuen Curses zu sein, wie sie die des alten Curses gewesen, obgleich der junge Monarch unstreitig von den edelsten, humansten Gesinnungen beseelt ist. Jedoch an den Traditionen einer dreizehnjährigen, verhänguißvolleu Politik der Vergangenheit kann selbst der humanste Autokrat nicht rütteln, ohne Gefahr zu taufen, bedrohliche Verwirrungen hervorzurufen. Doch von den Allem und noch von manchen Anderem später. Jetzt zu dem eigentlichen Gegenstände meines heutigen Schreibens, der, wie ich am Eingänge bemerkte, eigentlich nicht in den Rahmen meiner Artikelserie paßt. Doch konnte ich nicht umhin, diesen Gegenstand zu berühren, um die Richtigkeit des alten Spruches darzuthun, daß jedes Land eben die Juden hat, welche es verdient. Ich war dieser Tage tu einem Lande, in welchen! die Juden eine Stellung einnehmen, wie in keinem anderen Lande der Welt, wo sie nicht nur vollkommen gleichberechtigt sind (das sind sie ja in jedem anderen Staate, wie z. B. in Oesterreich, freilich nur auf dem Papier), sondern sich auch einer großen Beliebtheit erfreuen, wo man sie nicht als Landplage, sondern als Gottes Segen betrachtet. Ja, es gibt noch solch ein phantastisches Land, welches auf seine Juden stolz ist, welches einsieht und freimüthig eingesteht, daß die jüdische Bevölkerung eines der nützlichsten Elemente, einer der nothwendigsten Factoren des Staaten- und Volkslebens ist. Zur Ehre der Cultur sei es gesagt, es gibt noch ein Land, wo der Antisemitismus keine solchen Blüthen treibt, als an den Ufern der schönen blauen Donau oder an den Gestaden der lieblichen Spree. Es gibt noch ein Land, welches von dieser modernen Pestbeule verschont geblieben, weil es sich dagegen gewappnet, weil es diese entsetzliche Jnfectionskrankheit mit allen ihr zu Gebote stehenden Waffen der Cultur urid Humanität bekämpft, weil es diesen Aussatz der Menschheit, diese modernen Laster auszurotten entschlossen ist, damit er nicht den gesunden Organismus inficire. Nicht, daß es an Versuchen gefehlt hat, die Epidemie auch in dieses gesegnete Land hiueiuzuschmuggelu (trotz scharfsichtiger Grenzcordons), dessen ritterliche Bevölkerung damit zu inficireu. Sporadische Fälle des Antisemitismus, welcher sich so üppig auf dem Boden des Clericalismus entwickelt und eine so verhängnißvolle Frucht gibt, kommen auch in diesem privilegirten Lande vor, von dem weiter unten die Rede sein wird, doch können sie nicht Bürgerrechte erlangen, da das geeignete Terrain dafür fehlt und sowohl die Gesellschaft als auch die Regierung eifrigst bestrebt sind, der Verbreitung der Epidemie erfolgreich Widerstand zu leisten. Kennst Du das Land, wo die giftgeschwollene Macht des Antisemitismus nicht blüht, wo Glaubenhaß und Racenhader keine Blüthen treiben? Kennst Du das Land, das unter dem Pannier der Freiheit, unter der Fahne der Cultur einen edlen Kampf begonnen mit der Macht der Finsterniß, und wo der Helle Tag der Aufklärung die dunkle Nacht des Fanatismus verscheucht? Kennst Du das Land, wo Friede und Eintracht zwischen Racen und Religionen herrschen, wo man Niemanden fragt, was er glaubt, zu welchem Gott, in welcher Sprache er betet? Ebenso wie in Frankreich la recherche de la patermte untersagt ist, so ist in dem Lande, von welchem unten die Rede sein wird, die Nachfrage nach der Confession untersagt, und haben sich daselbst die Worte des großen Friedrichs bethätigt: „Möge ein Jeder nach seiner Faoon selig werden". Kennst Du das Land? LI. Im Reiche der Phantasie. „Wir sind glücklich, daß wir eine jüdische Bevölkerung besitzen, eine loyale, opfermuthige, patriotische jüdische Bevölkerung, die einen so wichtigen und nützlichen Factor in unserem Staaten- und Volksleben bildet. Unsere Juden haben dem Lande so eclatante Beweise patriotischer Hingebung gegeben, daß wir sie stolz zu unseren Mitbürgern zählen und ihrer unter keiner Bedingung entrathen würden. Unsere Juden haben zum intellectuellen Aufschwung, zum materiellen Gedeihen des Landes und Volkes so mächtig beigetragen, daß Niemand ihnen seine bedingungslose Anerkennung versagen kann. Wir haben begründete Ursache, auf unsere jüdischen Mitbürger stolz zu sein und machen aus diesen Gefühlen durchaus kein Hehl." So sprach zu mir ein Mann, der in dem phantastischen Lande, von dem hier die Rede ist, eine sehr geachtete Stellung einnimmt, der mit den Mächtigsten der Erde auf dem intimsten Fuße verkehrt, der sich eines großen Einflusses erfreut, obgleich er nicht an dem sausenden Webstuhl der Geschäfte sitzt und die politischen Ereignisse nach Belieben formt. Er ist ein Manu der That und des Wortes, ein Held der Feder, ein geistreicher