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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-17 · 29 (17.7.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«Seite 564 Vr. Bloch's Wochensrtzrtfl Nr. 29 allen Pfarrbüchern und Gebmlsuiatrikeln herumstöbcrn wollte. Aber diesen einleuchtenden Grund verschwieg er den Interpellanten. Das hätten die Anhänger Schmuhl Leeb Kohn's am Ende auch gebilligt. Statt besten drosch Herr» Lueger leeres Stroh. Er meinte, Herr Tachau sei „sein bester Beamter..." Schöne Grundsätze das. Damit kämen wir weit. Das wäre ja die reinste „Verjudung". Du lieber Himmel! Da ziehen wir ja die „jndenliberale" Wirthschaft beiweitem vor. Damals kamen solch haarsträubende Dinge gewiß nicht vor. Wo steht denn geschrieben, daß just die „besten Beamten" ernannt werden müssen. Das wäre nett. Da würde der Beamtenkörper im Rathhaus und vielleicht noch in manchem anderen öffentlichen Gebäude rasch verjuden. Das ist ja Gesinnungslumperei! Lueger, der Berjudete! Pfui Lueger! Die „antisemitische Corruption". Der Proceß Feichtinger und Consorten hat die gesammte antisemitische Presse außer Rand und Band gebracht. Auch die Dickhäutigkeit dieser aus Mißachtung der Wahrheit und Gerechtigkeit begründeten Zeitungsunternehmui-gen scheint also eine Grenze zu haben, die allerdings erst beim Gerichtssaale beginnt. Dieüberreichen scandalösenEnthüllungen,welche imBerlaufe dieses Procestes über die in Corruption watenden Corruptionsbekämpier gebracht wurden, konnten von einem in journalistischen Unterschlagungen bewährten Manne wie Vergani beim schlechtesten Willen nicht ganz verschwiegen werden. Vergani strich, milderte, entstellte, fälschte, aber das half Alles nichts. Der üble Duft, der selbst aus den purificirten Berichten des „Deutschen Volksblatt" emporstieg, reichte hin, um die antisemitische Atmosphäre noch unreiner zu machen, als sie bereits war, und die Vertuschungs- und Beschönigungskünste Vergani's verfehlten diesmal ihre Wirkung. In eine noch seltsamere Situation gerieth aber die „Ostdeutsche Rundschau", die in einem, „Antisemitische Corruption" benannten Artikel den Versuch macht, beidem antisemitischenBrande ihr Süppchen zu kochen. Das deutschnationale Antisemitenblatt kühlt ihr Müthchen an den Christlich-Se cialen und schlägt zugleich auch auf die Juden. Bei diesem zweifachen Beginnen entschlüpfen dem Blatte aber so viele Naivetäten und Widersprüche, so viele Lügen und Albernheiten und so viele selbstmörderische Bekenntnisse, daß man gar wohl erkennt, der Proceß Feichtinger habe auch in diesen Kreisen ebenso niederschmetternd wie verwirrend gewirkt. Hören wir vor Allem eine Charakteristik über die Anhänger des Antisemitismus: „Außerdem brauchen wir uns gar nicht darüber zu täuschen, daß unter den schon nach Millionen zählenden Anhängern des Antisemitismus ein ganz gewaltiger Heerhaufen ist, der ohne wahre unerschütterliche Ucberzeugung blos dem Erfolge nachläuft, auch wenn jeder Tag einen Antisemiten wegen Betruges in den Kerker brächte." Man kann nicht sagen, daß dieses Bild ein schmeichelhaftes wäre, aber wahr ist es. Es ist sogar wahr, daß wirklich jeder Tag fast einen Antisemiten in den Kerker bringt. Ja, so sieht die Mehrzahl der Bekenner des Antisemitismus aus, und man darf fragen, ob ein Blatt, welches so von den Antisemiten denkt, nicht wohl daran thäte, statt die Juden lieber die — Antisemiten zur moralischen Erhebung und Läuterung zu mahnen. Nach der Wahrheit über die Antisemiten kommt aber gleich eine mächtig: Lüge gegen die Juden. Die „Ostdeutsche Rundschau" wirft sich mit affectirter arischer Biederkeit in die Brust und ruft pathetisch aus, sie wolle nicht „der jüdischen Manier huldigen" und einen wegen Verbrechens verurtheilten Menschen, der zufällig im gegnerischen Lager steht, der ganzen gegnerischen Partei als Brandmal an den Hals setzen. So viele Worte, so viele Lügen. D e r ganze Antisemitismus steht und fällt darnit, daß für den Fehler des einzelnenJuden alle verantwortlich gemacht werden. Ohne diese Generalisirung gibt es keinen Antisemitismus» gäbe es auch keine „Ostdeutsche Rundschau". Den Juden ist cs niemals eingefallen, zu leugnen, daß es in ihrer Mitte sündige und strafwürdige Menschen gebe. Aber sie sind wohl berechtigt, es als eine Infamie ohne Gleichen zu bezeichnen, wenn man alle Juden in Bausch und Bogen für diese Auswüchse verurtheilt. Die Juden machen auch die antisemitischen Führer dafür nicht verantwortlich, daß es in ihrer Partei räudige Schafe gibt, wohl aber dürften sie der antisemitischen Partei die merkwürdige, frappirende Thatsache in Erinnerung bringen, daß die meisten lhrer Führer früher oder später im Gerichtssaale als durch und durch corrupteSubjecte entlarvt werden. Der Unterschied aber ist ein beträchtlicher: die Juden haben unlautere Elmrentein ihrer Mitte, diewerdenverachtetund verdammt, abernicht zu Führern erkoren und verehrt, wie dies bei den Antisemiten so häufig der Fall zu sein Pflegt. Das ist ein so markanter Unterschied, daß selbst die „Ostdeutsche Rundschau" ihn mit Sophismen nicht überbrücken wird. Man verfällt keineswegs in den Fehler des Gene-! ralisirens, wenn man aus der Thatsache, daß die meisten der Parteiführer corrupt sind, einen Schluß auf die Partei selbst zieht. So unglücklich die „Ostdeutsche Rundschau" mit dem Borwurfe des Generalisirens ist, wenn sie die Juden damit treffen will, so treffend und gerecht müssen wir jene Ausführungen bezeichnen, die sie an die Wiener christlich-sociale Partei und deren Feichtingers richtet. Die „Ostdeutsche Rundschau" meint, es gebe auch in Wien eine» Feichtinger, „gegen den unter Anbot des Wahrheitsbeweises und Anführung bestimmter Thatsachen die Beschuldigung erhoben wurde, er habe Gemeindegelder unterschlagen", und verübelt der Partei, daß sie diesen Mann, — dessen Namen zu verrathen nicht unsere Sache ist — mit ihrem Leibe deckt. Sehr wahr, sehr richtig! Aber die „Ostdeutsche Rundschau" wird es sich wieder von den Christlich-Socialen gefallen lassen müssen, daß diese daran erinnern, wie auch im deutschnationalen Lager nicht Alles so reinlich sei, wie dieses Blatt glauben machen will. Mit Fug und Recht werden da wieder die christlich-socialen Gestalten der reichsdeutschen Antisemitenführer Revue passiren lassen, die deutschnational bis in die Knochen waren, deren Corruption aber ebenso weit reicht. Die „Ostdeutsche Rundschau" wird sich ein langes, langes Register vvrsagen lassen müssen, welches nur Namen von hervorragenden Deutschnationalen enthält, die mehr oder minder — zumeist aber mehr — als sittlich Defecte ihre Laufbahn beendeten. Und unter diesen Namen werden sich auch solche finden, die die „Ostdeutsche Rundschau" gar nicht in der Ferne suchen muß, die vielmehr in trauter, heimatlicher Nähe zu entdecken sind. Die „Ostdeutsche Rundschau" hat nach alldem unseres Erachtens mit ihrem Artikel „Antisemitische Corruption" sich überflüssige Mühe gemacht, indem sie den Titel unter „Gänsefüßchen" setzte. Sie kann getrost von der antisemitischen Corruption ohne Einschränkung sprechen. —a— Der Antisemitismus in Galtzien. ll. Krakau, 12. Juli. Nach der Genesis und Entwicklung der antisentitischen Bewegung als s p e c i f i s ch Protestantisch-germanisches Product war man unstreitigzu der Schlußfolgerung berechtigt, daß die Polen, die sich als die treuesten Söhne der katholischen Kirche geriren, das schmähliche antisemitische Unwesen deutsch-protestantischer Provenienz entschieden perhorresciren sollten, und dies umsomehr, als diese verwerfliche, geradezu unmoralische Judenhetze besonders für Galizien, das ohnehin an großer materieller Misere und an immer mehr zunehmender Parteizerklüftung laborirt, sowohl in öconomischer, als auch politischer Hinsicht die schlimmsten Folgen herbeiführen muß! In richtiger Erkenntniß und gebührender Würdigung dieser Sachlage wird der hierzulande um sich greifende häßliche Geschäftsantisemitismus — der in dem gegen den jüdischen Handel gerichteten „Boycott", in den „Kolba roluicze“, Ausdruck findet — nicht nur, wie im ersten Artikel erwähnt — im Stillen von der polnischen Aristokratie mißbilligt, aber auch von der höheren Geistlichkeit bei jedem Anlässe öffentlich verdammt! So sind die diesbezüglichen, wiederholt geäußerten lobenswerthen Ansichten des Tarnower Bischofs Lobos sattsam bekannt; und erst vorige Woche hat Erzbischof Jssakowicz, den bei seiner Ankunft in Rzeszow Vertreter aller Confessionen am Bahnhofe empfingen, in seiner, wahre evangelische Nächstenliebe athmenden Erwiderung aus die Begrüßungsrede des Bürgermeisters gesagt: daß es ihn fteue, Eintracht unter den ihn bewillkommnenden Confessionen wahrzunehmen, und fügte hinzu: „gebe Gott, daß wir noch die Zeiten erleben, wo wir jeden Menschen als unseren nächsten Gleichberechtigten betrachten werden, auch hoffe ich, daß die außerhalb Galiziens herrschende schmachvolle Strömung nicht vermögen wird, zu uns zu dringen und uns zu zerklüften!" Leider aber verhallen diese beherzigenswerthen Aeußerungen edel denkender Kirchenfürsten bei uns ohne jede Wirkung, weil auch hierzulande die „fromme" Corruption im mißbrauchten Namen Gottes täglich zunimmt und gewissenlose Streber im Bunde mit gewinnsüchtigen Unternehmern, zu welchen in erster Linie einige schmutzige, egoistische Zwecke verfolgende Herausgeber antisemitischer Schandblätter gehören, durch fortwährende Aufreizungen gegen die Juden die einträglichsten Geschäfte machen! Andererseits ist die Frage: was soll nun zur Abwehr der die materielle Existenz hunderttausender jüdischer Familien in Galizien untergrabenden antisemitischen Wühlereien angewendet werden? Nachdem von keiner Seite, weder von den autonomen Landesbehörden, noch von der Regierung irgend welche Linderung der jammervollen Nothlage des Gros der hierländischen jüdischen Bevölkerung zu erwarten ist, so bleibt nothwendig kein anderes Mittel, als — Selbsthilfe!

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