Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. Vloch's Wochrnschrifl. Seite 563 Nr. 29 weniger unsere Sache sein, als das alte, semitische Urchristenthnm von diesen Anklagen gar nicht betroffen wird. Diese richten sich vornehmlich gegen das spätere Christenthum, in der Gestalt, die ihm die arischen Völker im Lause der Zeit mit Gewalt ausgeprägt haben. Allein unsere Schuld ist es jedenfalls nicht, daß so viele Einrichtungen der katholischen Kirche, die Hierarchie, Papst und 70gliedriges Cardinälcollegium, die Liturgie u. s. w. altjüdische Einrichtungen zum Muster gehabt haben; daß Päpste, Bischöfe und Pfarrer in ihren Hirtenbriefen und Predigten weit öfter auf Aussprüche des Alten als des Neuen Testamentes sich beziehen; daß beim christlichen Gottesdienste unsere Psalmen gesungen, die Reden der jüdischen Propheten vorgetragen werden, ja daß die Apostel und ersten Lehrer der Kirche Juden gewesen sind. Die Eröffnungsfeier der Berliner Gewerbeansstellung ist mit der Absingung des Chorals aus den Psalmen: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" eingeleitet worden. Bei der Krönung des Czaren ist wohl kein Jude in der Kirche anwesend gewesen, aber beim feierlichsten Momente, als der Czar sich selbst die Krone aufsetzte, hat der Metropolit einen Psalm Davids angestimmt. Mit den Waffen der Wissenschaft ist gegen diese historischen Thatsachen nicht anzukämpfen. Darum flüchten sich mit Recht unsere „Deutschvolklichen" unter die Fittiche der Ignoranz, ihre Macht ist groß und reicht weit, vermag aller Wissenschaft und aller Geschichte zu trotzen; ihr huldigen die neu entstandenen „ostdeutschen Germanen"; für die Wissenschaft aber bleibt es wahr, „daß das jüdische Volk in Moses, Jesajas, Jesus, Lassalle und Marx die größten und nachhaltigst wirkenden Socialisten der Welt hervorgebracht Hütte." Wer das Urevangelium des Socialismus kennen lernen will, der lese den jüdischen Philosophen Philo in seiner Schrift „Nur der Rechtschaffene ist frei", Edit. Mangey, II, S. 457—479 und den jüdischen Geschichtsschreiber I o s e p h u s „Der jüdische Krieg", Buch II, Cap. 8, 2—4" und Archäologie, Buch XVIII, Cap. 1, 2, 5. Mehr als die modernen Germanen scheint Spiegelberg von der Geschichte geahnt zu haben, wenn er Moor zuruft: „Den Joseph ns mußtDulese n". Nationale Prügelknaben. Die Deutschen Nordmährens haben eine Resolulion verfaßt, in der sehr viel von den nationalen Gütern des deutschen Volkes die Rede ist, in der die Czechcn schlecht wegkommen und alle Volksgenossen zum frisch-fröhlichen Kampfe gegen den slavischen Erbfeind aufgernfen werden. „Volksgenossen" ist ein gut deutsches Wort. Eigentlich kein complicirter Begriff. Und doch bedeutet Volksgenosse im Nordmährischen etwas ganz Anderes wie etwa im Steierischen. Die Nordmährer fasten unter Volksgenossen alle Jene zusammen, die tauglich dünken, als Stimmvieh einen Stimmzettelwall um die bedrohten Mandate der Chlumeckys und der Prombers zu errichten.- Den Stimmzetteln ist ja das Vespasian'sche „Non ölet“ nachzurühmen. Der echte Nordmährer ist ein treuer, deutscher Mann; er mag keinen Juden leiden, doch seine Stimme hält' er gern. Da haben's die Steiermärker besser. Die können mit ihren nationalen Allüren ins Weite gehen. Dort wird auf die paar hundert Juden gepfiffen. Dort bedeutet „Volksgenosse" soviel wie Heilo-Rufer im Streit gegen die Juden. Und diese Art von Volksgenossen scheint in der grünen Steiermark weit verbreitet zu sein. Wir haben letztens dafür einenunverdächtigenZeugen gehört. JmFeichtinger-Proceß war es. Da meinte der Angeklagte, er hätte nur bei Parteigenoffen gepumpt. Und darauf erhob sich der Staatsanwalt und rief dem Feichtinger die entrüsteten Worte zu: „Da hätten Sie in der ganzen Stadt herumlaufen können". Also, wo es Tausende von Juden gibt, dort blüht und gedeiht die heutzutage so seltene blaue Blume der Toleranz. Da sind die Juden wackere „Volksgenossen", geschätzte Mitkämpfer im nationalen Streit. Da haben sie gar keine unangenehmen Eigenschaften, da unterscheiden sie sich in nichts, rein in gar nichts von ihren christlichen Mitbürgern. Mit einem Worte: Da sind sie assimilirbar, mehr als das: Da sind sie affimilirt. Und wo sie einen verschwindenden Bruchtheil der Bevölkerung ausmachen, wo ihrer eine Handvoll unterzugehen scheint in der großen dichten Menge der Anderen, da verhält sich die Sache gerade umgekehrt. Da sind sie das widerhaarige, fremdartige Element. Da rechtfertigen sie das wirthschaftliche Ausrottungssystem, das gegen sie inscenirt wird. Da tragen sie die Schuld an den Ausschreitungen des brutalen Fanatismus. Da reizen sie die ihnen Tod und Vernichtung wackelnden Kröpfe. Welch' sonderbares Naturspiel! So wird der gewöhnliche Lauf der Dinge auf den Kopf gestellt. Viele Juden erzeugen Toleranz, wenige Juden Antisemitismus! Wenn nur die Erklärung nicht so furchtbar nahe läge. Man braucht nationale Prügelknaben, im einen Fall, damit sie prügeln helfen, im anderen, damit Jemand da ist, der geprügelt werden kann' Der heutige Antisemitismus ist die Folge des ausgearteten, ercessiven Nationalitätendusels, und viel zu spät erinnern sich die Juden daran, daß es nicht ihre Aufgabe ist, in dieses Feuer zu blasen und den qualmenden Rauch, der ihm entsteigt, als der Wohlgerüche herrlichsten zu preisen. Hätten die Juden sich ihre Vergangenheit stets vor Augen gehalten, wäre F i s ch h o f beispielsweise nicht zum Prediger in der Wüste geworden, die Jude» hätten sich an diesem Feuer nicht so gründlich — die Finger verbrannt. Der derjudete Lueger. Das antisemirische Wien hat gegenwärtig Tage bangen Zweifels durchzumachen. Man forscht in den undurchdringlichen Zügen Dr. Lueger's und fragt sich — lnens a non lucendn, welche — Ueberzen g u n g der große Mann in jener hochwichtigen Angelegenheit hat. Wird Herr Victor T a ch a u Magistratsdirector von Wien? Der Mann ist Christ, hat die entsprechende Anzahl von Dienstjahren, ist dem Rang nach der Erstberufene, die erwähnte Stelle einzunehmen. Er hat sich auch den gegenwärtigen Machthabern im Rathhaus keineswegs feindlich entgegengestellt. Er hat es auch nicht nöthig gehabt, er brauchte mit den Traditionen des liberalen Prix nicht zu brechen. Sie standen keineswegs im schreienden Widerspruche mit jenen Grundsätzen, welche die Strobachs und Luegers in die städtische Verwaltung eingeführt wissen wollten. Er brauchte nur dafür zu sorgen, daß das Rathhaus weiter „judenrein" bleibe. Ein treuer Diener seiner verschiedenen Herren, sah er darauf, daß die Prix'sche Saat in die Lueger'schen Halme sprieße. Warum soll dieser Mann nicht Magistratsdirector werden? Dr. Lueger wußte keinen Grund dafür. Wir ebensowenig. Die Sache schien in der schönsten Ordnung. Aber da hatte man die Sache ohne die „Unbedingten" von der Josefstadt gemacht. Dort im achten Bezirk scheinen erfolgreiche genealogische Studien gemacht zu werden. Und da kam man dem Herrn Tachau auf einen Max Löw'schen Fleck auf der Ehr! In seinem Stammbaum ist nicht Alles unverfälscht. Und wenn auch Herr Tachau nicht so viel Recht hat, ein enragirter Antisemit zu sein, wie ein kleiner jüdischer Advocat, über dessen Ohren das Taufwasser noch nicht trocken geworden ist, so scheint es dennoch nachgewiesen, daß irgend einmal, an irgend einer Generation das reine Arierthum in Verlust gerieth. Da gingen die Unbedingten von der Josefstadt her, warfen sich nieder vor dem Herrn Lueger und sagten: ferne sei es von Dir und von uns, daß Du einen — Juden zum ersten Beamten von Wien machst. . . . Ein Jude kann es in der antisemitischen Carriere bis zum Gemeinderath bringen. Ein Jude kann unter Umständen den Pfarrer D e ck e r t vertheidigen. Ein Jude ist gut genug, antisemitischen „Zeitungsherausnehmern" Schweiggelder zu geben, aber eine Grenze muß fein. Weiter geht's absolut nicht! Aber Dr. Lueger war bockbeinig. Er konnte sich zur reinen Racentheorie nicht aufschwingen. Er ist ja Parteiführer. Er weiß, wie viele Gesinnungsgenossen er einbüßen muffe, wenn man zu viel in