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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-17 · 29 (17.7.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
29 (17.7.1896)
Date
1896-07-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 562 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. Nr. 29 Nun aber wird das Zimmermannshandwerk seines Vaters ins Feld geführt — „welches erwiesenermaßen ein Jude noch nie ausgeübt hat", versichert die deutschvolkliche Ignoranz, welche von der Zeitgeschichte Jesu nicht die geringste Ahnung hat, dafür aber mit ungenirter Frechheit öffentliche Urtheile sich gestattet. Nahezu s ä m m t l i ch e Pharisäer zur-Zeit Jesu waren Handwerker. Ueber „das jüdische Handwerkerleben zur Zeit Jesu" existirt bereits eine bedeutsame, nicht blos jüdische, sondern auch protestantische Literatur, welche jedem Gebildeten bekannt sein sollte. Die Verachtung des Handwerkes ist ein Merkmal ausschließlich des arischen Geistes. „Die Handarbeiter verdienen nicht den Namen „Bürger", sie haben keinen Adel der Gesinnung"; „es ist kein Unterschied zwischen ihnen und den Sclaven", „dieser eigenen Gattung von Menschen, die die Natur dazu geschaffen, damit sie mit ihrem Körper für uns arbeiten" sagte der Weise von Stagira. (Artet. Polit. I. 3; II. 1; III. 1; IV. 2.) Ackerbauer und Handwerker, kann sie auch der Staat nicht entbehren, sind nichtsdestoweniger unwürdig, Vollbürger zu sein, den Bürgernamen zu führen; denn sie sind keiner bürgerlichen Seelengröße fähig. (Polit VI. c. 2.) Hätte der große Philosoph unser kleingewerbliches Spießbürgerthum kennen gelernt, welches sich so schwer in den Ideen des Rechtes und der Freiheit zurechtfindet, alle Privilegien und Vorrechte ungenirt und mit dreister Stimme für sich reclamirt, aber einen lauten Protest erhebt, daß das Recht und die Freiheit der Arbeit auch anderen belassen werde — hätte er diese sonderbaren Helden des Gewerbestandes kennen gelernt — sie wären ihm sicherlich als passende Jllustratiouen für seine These willkommen gewesen. In Theben verlor die Fähigkeit zur Staatsverwaltung für 10 Jahre, wer ein Gewerbe betrieb (Artet Polit. 3.8. ff.); der Handwerker galt nicht einmal als ein rechter Mann. (X^nopb. Occ. 4, 2.) Arbeitsscheue und Hang zum Müßiggänge bildet . einen Charakterzug der Völker des Alterthums überhaupt. Ganz besonders waren die mechanischen Gewerbe und industriellen Beschäftigungen mißachtet. Die Berichte, welche Tacitus von den alten Germanen bietet (Germ. 14, 15), daß sie es für feig und unwürdig hielten, im Schweiße ihres Angesichtes zu erwerben, stimmen genau mit den Mittheilungen Cicero's von den Galliern (de republ. 3, 6), welche jede Gattung der Arbeit, selbst den Ackerbau als schimpflich verabscheuten. Dagegen die Dichter und Denker des hebräischen Volkes, die Sänger und Schriftsteller Palästinas haben nie aufgehört, die Arbeit in allen Tönen und Farben zu preisen. Dort trugen berühmte Lehrer nicht allein ihren Sessel auf eigenen Schultern zum Lehrhaus, weil körperlich anstrengende Arbeit eine Ehre sei (Nedarim 49b), sondern ein gewisser Pinehas bearbeitete Steine, als man dem Steinmetzen anzeigte, daß er zum Hohenpriester gewählt sei (Sifra ed. Malbim t. 192 b). Kein Volk und kein Land der Welt kann sich dessen rühmen, daß in seiner Elite des Geistes, unter seinen Gesetzgebern und Richtern, den Männern, welche die Zierde bildeten seiner Lehrhallen, die Häupter seiner Akademien, Handwerker den ersten Rang eingenommen haben, Arbeiter, welche nicht zur Spielerei, als eine Art Koketterie, sondern als hauptsächliche Nahrungsquelle, zum täglichen Broterwerb das Handwerk neben ihrer hohen Stellung betrieben haben. Ein Müllerspruch im Talmud lautet : „Jeder Mensch hat sein Glück in seinem Troge", (jer. Peah I.ln. öst.) Darum drehte ein Gelehrrer oft fleißig die Mühle und ein zweiter schleppte Balken, indem er die schweißtriefende Arbeit anpries (Gittin 67b), und mehr als 100 Autoren, welche an der Herstellung des Talmuds mitgearbeitet haben, waren zugleich Handwerker und führten Handwerkernamen. Neben den: Astronomen Samuel (Mezia 85b), dem Arzt Theodus (Nasir 52a.), Baumeister Abba Josef (Midr. zu Exedus c. 13), dem Chirurgen Abba (Taanith 21b), dem Feldmesser Ada (Erubin 56 b), den Schreibern Meir (Gittin 67 a), Nahum und Nathan (Peah e. 2) findet man die Holzhauer Hillel und Akiba, welche die Gründer berühmter Schulen waren, den Böttcher bar Jllai (Jost, Geschichte des Judenthums 2, 86), welcher das Faß auf deu Schultern in's Lehrhaus trug, darauf er sitzend vortragen sollte, den Spengler ben Chananja, dessen Autorität eine große Geltung hatte, einen Fischer Jose, den Grützemacher Josua, einen Holzhauer Chanina, einen Lederarbeiter Jose, einen Ofensetzer Ami, einen Sandalenmacher Jochanan, einen Schmied Jsak, einen Sticker Simeon, einen Töpfer Nehemia, einen Walker Abba Oschaja, einen Zimmermann Abin, einen Zwirnmacher Simeon, die Schuster Oschaja und Chanina, die Schneider- Aba und Chanan und viele Andere, welche als die v o rn e h m st e n I u r i st e n in den palästinensischen Hochschulen und Akademien hohen Rang und Stellung eingenommen und weitreichenden Einfluß ausgeübt haben. „Was uns betrifft", schreibt der Geschichtsschreiber Josephus Flavius (6ontra A. 1, 12), „so bewohnen wir weder ein Küstenland, noch haben wir Freude an Handelsgeschäften und stehen darum auch nicht im Verkehr mit Anderen. Unsere Städte liegen vom Meere ab und unsere Beschäftigung ist, das gute Land, welches wir bewohnen, anzubauen". Mit dem Beweisen für die germanische Abstammung Jesu ist es also nichts und unsere „Deutschvolklichen" müssen also wählen zwischen Christus und Wotan. Wenn sie sich von der christlichen Cultur nicht abwenden und zur alten Barbarei zurückkehren wollen, so bleiben sie unrettbar „verjudet". Der Kampf gegen die „Verjudung", sagte der ehemalige Abgeordnete Dr. Bloch in einer seiner Erwiderungen auf die Angriffe Schönerer's, „der Kampf gegen die Verjudung erscheint ihm wie Jemand, der im Flusse schwimmt und mit den Händen den Wellen abwehrt — um nicht naß zu werden." Das Deutschthum ist durch und durch verjudet, ohne daß wir daran schuld sind. Wir sind doch nicht daran schuld, daß das älteste germanische Schriftdenkmal eine — Bibelübersetzung ist, nämlich die gothische Bibel des Bischofs Ulfilas aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts; daß mit Luther's Uebersetzung der Bibel in's Neuhochdeutsche dieses die Schriftsprache des deutschen Volkes geworden ist; daß der Lieblingsdichter des deutschen Volkes, der Dichterfürst Schiller, sein Deutsch hauptsächlich aus der Lutherischen Bibelübersetzung lernte und die fleißige Lecture der Bibel nicht blos auf seine Sprache, sondern auch auf sein Denken einen solch mächtigen Einfluß ausübte, daß in seinem Erstlingswerke, die Räuber, nicht weniger als sechzig Stellen sich finden, ■ welche der Bibel entweder buchstäblich entnommen sind oder zum mindesten biblische Gedanken wiedergeben. Wenn man aus Goethe's Dichtungen jene Theile auszuscheiden sich unterfinge, welche biblische Einflüsse und Einwirkungen aufweisen, was bliebe dann von dem großen Dichter? Der antisemitische Deutschnationalismus ist darum ein nackter bewußter Selbstbetrug. Was ist Euer Kampf gegen das Judenthum, das Ihr zugleich lästert mit), anbetet! Gegen die Beförderung eines getauften Juden zum Magistratsdirector könnt Ihr eifern und geifern; der germanische Christ läßt sich darum doch von der Geburt bis zum Grabe von dem semitischen Geiste geleiten; semitische Helden und Heilige ruft er an, wenn er andächtig vor Gott betet, zu ihnen schaut er auf, wenn er demüthig das Knie beugt, und ihrer gedenkt er als Zuversicht ewigen Heiles, als Bürgschaft des Sieges über Tod und Vergänglichkeit — wenn er den letzten Athemzug aushaucht. Die Kirche und ihre Geschichte gegen die Anklagen der Deutschnationalen in Schutz zu nehmen, dürfte umso-

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