Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 558 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. Nr. 28 daß Du Talent genug hast, um den Besen hineinzubringen, nachdem das Stück schon geschrieben ist?" schloß er zweifelnd. Pinkas drückte den Finger an die Nase und lächelte beruhigend. „Es wird ganz Besen sein." „Und wann wirst Du es mir vorlesen?" „Wird es Dir morgen um diese Zeit passen?" „Wie Honig dem Bären." Die Thüre schloß sich hinter ihm; im nächsten Augenblicke öffnete er sie wieder ein wenig und schob sein grinsendes Gesicht durch die Oeffnung. „Zehn Procent von den Einnahmen?", fragte er mit seiner schmeichelnden, digitonasalen Geberde. Gewiß," antwortete der Director rasch, „nach Bezahlung der Auslagen zehn Procent von den Einnahmen!" „Wirst Du auch nicht vergessen?" „Nein!" Pinkas trat auf die Straße und zündete sich in seinem Entzücken eine neue Cigarre an. Was für ein Glück, daß das Stück noch nicht geschrieben war! Nun konnte es sich vollständig um die Achse des Besens drehen. „Es wird ganz Besen sein!" Seine eigenen Worte klangen wie wollüstige Hochzeitsglocken in seinem Ohr. Jawohl, es würde ganz Besen sein; mit diesem Besen wollte er alle seine Feinde, alle die elenden Verschwörer mit einem Male in die Hölle fegen. Er würde sie über den Boden fegen — so, und dabei grinsen; er würde zu ihrem Todesgeschrei den Tact schlagen — so, und dabei lachen; er würde sie damit auf den Kopf schlagen — so, und jubeln; er würde sich in statuenhafter Größe darauf stützen — so, und sie würde erbeben; er würde ihre Ueberreste damit wegkehren — so, und vor Freude weinen, daß die lange Verfolgung nun erstickt war. Die ganze Nacht schrieb er mit Blitzesschnelle an dem Stück — wie ein Nachtexpreßzug, indem er Rauchwolken ausstieß, während er vorwärtskeuchte. „Ich tauche meine Feder in ihr Blut", sagte er von Zeit zu Zeit vor sich hin, warf den Kopf zurück und lachte laut in der Stille der Nacht. Am nächsten Tage hatte Pinkas viele Mühe, dem Director zu erklären, wo das Komische bei der Sache wäre. „Freilich, Du verstehst nicht alle Anspielungen, die heimlichen Hiebe, die verborgenen Stiche," gab der Autor zu, „aber das große Herz d-s Volles wird es verstehen.- »ovo Der Director ließ sich nicht überzeugen, gestand aber zu, daß sehr viel vom Besen darin vorkomme, und in Anbetracht dessen, daß der Dichter seine Ansprüche auf fünf Procent ermäßigte, willigte er ein, es mit dem Stück zu versuchen. Unter dem Titel „Die Horniß von Juda" wurde es in mehreren Straßen placatirt, und der Name Melchisedek Pinkas erschien in Buchstaben von der Größe, die der Finger auf der Nase stipulirt hatte. Aber die erste Schauspielerin, von den verliebten Avancen des Dichters angewidert, legte im letzten Moment ihre Rolle nieder; nun erbot sich Pinkas, die Rolle selbst zu spielen, und obwohl sein Anerbieten zurückgewiesen ward, zog er Frauenröcke an und strich sich roth und weiß an, um die an die Stelle der ersten vorgerückte zweite Schauspielerin zu ersetzen. Er schnitt sogar seinen Bart ab. „Wer trotz dieses heldenmüthigen Opfers waren die Götter nicht günstig gesinnt. Während der ganzen ersten beiden Acte wurde der Dichter in elegantem Jargon geneckt. In der trüb beleuchteten Halle waren nur sehr wenige Zuschauer vorhanden, denn der Ruhm des Dichters war von Berlin, Mogador, Constantiuopel und der übrigen Welt noch nicht hierher gedrungen. Kein Mensch verstand das Stück mit seiner unaufhörlichen Satyre gegen Prediger mit vier Geliebten, Rabbis, die ihre Töchter verkauften, Börsenmakler, die weder Hebräisch noch Englisch kannten, Arbeiterführer, die Fonds veruntreuten und dergleichen. Vergeblich fegte der Director mit seinem Besen den Boden, schlug er mit seinem Besen Tact, prügelte er mit seinem Besen ferne Schwiegermutter, stützte er sich auf den Besen und kehrte er ein Stückchen weißes Papier mit dem Besen fort. Die leere Halle erdröhnte von höhnischem Gelächter. Zuletzt bekamen die Zuschauer das Lachen satt, und die Balken hallten vom Geschrei wider. Am Ende des zweiten Actes trat Melchisedek Pinkas, dem die Schminke und der Schweiß von der Stirne liefen, in seinen weiten Röcken vor und hielt von der Bühne herab eine Ansprache an die Zuhörer. Er sprach von der großen englischen Verschwörung und drückte seinen Kummer und sein Erstaunen aus, daß dieselbe das ganze Ghetto angesteckt habe. Einen dritten Act gab es nicht. Das war das erste und letzte Erscheinen des Dichters auf den Brettern, die die Welt bedeuten. (Fortsetzung folgt.) Eine Mutter im Israel. Von Hjalman Hjonth Bojensen. Eine sehr werthvolle Bekanntschaft machte Baruch in der Person des polnischen Juden Ephraim Vollmann, Doctor der Philosophie von der Universität in Warschau. Sie trafen sich wiederholt auf der Treppe ihres gemeinsamen Wohnhauses in der Baxter Street und fingen schließlich ein Gespräch an. Völlmann hatte etwas außerordentlich Fesselndes an sich. Wenn man ihn auf der Straße traf,, blieb man unwillkürlich stehen und sah ihm nach, denn in seinem Blick lag eine Macht, die Jeden bannte. Er war ein bedeutender Gelehrter und erbot sich fteiwillig, David unentgeltlich Unterricht zu ertheilen, wofür ihm Rachel innig dankbar war. Gleichfalls auf seine Anregung begann Baruch einen Hausirhandel, nachdem er von seinem Freunde bei einem jüdischen Kaufmann eingeführt worden war, welcher ihm den ersten Kasten mit Halsbinden, Hosenträgern, Hemdknöpfen rc. auf Credit gab. Aber unglücklicherweise mangelte es Baruch an dem seiner Race eigenen Gesckäftsgeiste. Nacht für Nacht kam er mit schwerem Herzen uno unvermindertem Waarenvorrathe heim. Er verzehrte sich in edlem Feuereifer, seiner Mutter die Last zu erleichtern, indem er selbst die Sorge für Davids Lebensunterhalt auf sich nahm. Es betrübte ihn tief, sie über den Waschtrog gebeugt zu sehen, bis ihre schönen Hände rauh und wund waren, und der heiße, übelriechende Dampf ihre Augen entzündete. Nie hörte er sie klagen; niemals entschlüpfte ihren Lippen ein Wort der Ungeduld oder Verbitterung. Aber mitten in all ihrer Mühsal und ihrem Leiden schimmerte ihr ein Freudenstrahl. Wenn Dr. Vollmann des Abends kam- David zu unterrichten, ließ Rachel die Arbeit ruhen und lauschte mit von mütterlichem Stolz und Glück verklärtem Gesicht den poetischen Legenden der Griechen oder den klingenden Versen des Ovid und Virgil, welche David — obgleich mit vielen Fehlern — wiederholte. Sie hatte keinen Begriff von der Aufgabe, welche der Doctor auf sich genommen; und dieser, als er David's geringe Intelligenz erkannte, hatte nicht das Herz, sie darüber aufzuklären. Er sah, wie sie in dieser einzigen Hoffnung lebte und athmete, und lieber wollte er seine Kenntnisse in das Danaidenfaß schütten, als diese edle, heroische Mutter ihrer schönen Illusion berauben. Es fiel ihm nicht einmal, sondern hundertmal auf, daß Baruch, welcher mit begierigen Blicken und lebhafter Intelligenz einer grammatikalischen Erklärung oder historischen Abhandlung folgte, ein weitaus fähigerer Schüler war und viel edler veranlagt als sein träger, apathischer Bruder. Gegen Mitte April trat ein Ereigniß ein, welches von großer Wichtigkeit war, Baruch wurde krank, und David erbettelte sich die Erlaubniß, für seinen Bruder hausiren zu dürfen, bis dieser wieder hergestellt wäre und Dr. Bollmann überredete Rachel, ihre Einwilligung zu geben. Niemals hatte David für eine Sache so viel Interesse gezeigt, noch jemals so viel Klugheit und Lebhaftigkeit bewiesen, als er nun an den Tag legte, indem er ein Dutzend Hosenträger um seine Schulter schlang und seinen Hut mit Hemdknöpfen und allerlei Flittertand schmückte. Aber eine noch größere Ueberraschung erwartete Rachel, als er am Abend, ganz athemlos vor freudiger Erregung, heimkehrte. Er hatte wirklich beinahe den halben Kasten ausverkauft, und manch vortheilhaften Handel mit anderen Hausirern abgeschlossen, welche ihn für ein „gretn horu" gehalten hatten, aber nun jedenfalls ihre Meinung geändert haben mußten. David lachte Thränen, als er erzählte, wie er den einen überlistet und den andern betrogen, und er machte sich darüber eben so viele moralische Scrupel, wie eine Hellbuke, die einen Hering verschlingt. Rachel horchte mit unaussprechlicher Bangigkeit dieser Schilderung seiner Abenteuer, aber sie erschrak tödtlich, als David plötzlich inmitten seiner griechischen Declinationen abbrach, indem er ausrief: