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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-10 · 28 (10.7.1896) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
28 (10.7.1896)
Date
1896-07-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 88 Dr. Vloch'sWochrnfchrtfr. 157 — eilt Gymnasialschüler — und doch schreibt er das Hebräische fast grammatikalisch." Pinkas wußte das; hatte er nicht (als Erwiderung auf eine unreife hebräische Eulogie und eine neue Banknote) dem Knaben geschrieben: „Ich und Du sind die zwei einzigen Leute in England, die die heilige Sprache grammatikalisch schreiben"? „Das ist wahr", antwortete er jetzt, er wird bald mit mir und Ihnen wetteifern." Der alte Gelehrte nahm ungeduldig eine Prise. Pinkas fing an, ihn zu ärgern. „Adieu!", sagte er abermals. „Nein, warten Sie noch ein bischen!", ries Pinkas, indem er ihn entschlossen beim Knopf packte. Ich möchte Ihnen mein Akrostichon auf Simon Wolf zeigen. Ach, ich werde ihn erschießen, den elenden Arbeiterführer, der das Geld dieser Narren, der Soeialisten, die ihm trauen, veruntreut. Ah, das Akrostichon wird stehen wie bei Juvenal." „Ich habe keine Zeit", sagte der sanfte Gelehrte, dem die Geduld auszugehen begann. „Habe ich etwa Zeit? Ich muß bis morgen Mittag eine dreiactige Comödie verfassen. Ich werde wohl die ganze Nacht aufsitzen müssen, um rechtzeitig fertig zu werden." Da er die „alte Schnupftabaksdose", wie er ihn im Geiste für sein nächstes Akrostichon taufte, gänzlich versöhnen wollte, fügte er hinzu: „Wenn in dem Manuseript etwas ist, was Sie nicht entziffern oder verstehen können, so wird mich ein Brief an die Adresse des Reb Schemuel immer treffen. Ich habe ein besonderes Genie, Lücken in Manuscripten auszusüllen. Sie erinnern sich an die berühmte Entdeckung, die ich machte, als ich die sechs Zeilen neu schrieb, die aus der ersten Seite des von mir in Cyperu entdeckten Midrasch heransgerisseu waren." „Ja, jene sechs Zeilen bewiesen es gründlich!", höhnte der Gelehrte. „Aha, sehen Sie!" ries der Dichter, indem ein befriedigtes, kindisches Lächeln seine dunklen Züge überflog. „Aber ich muß Ihnen von meiner Comödie erzählen; es wird ein satyrisches Bild der englisch-jüdischen Gesellschaft sein, im Style Molieres, nur schärfer. Me werden sie darin Vorkommen; der Reverend Elkan Benjamin mit seinen vier Freundinnen, Gideon, das Am- Hooretz-Parlameutsmitglied — es wird schrecklich sein! Wenn ich sie nur dazu bewegen könnte, zur Vorstellung zu kommen, würden sie freies Entree bekommen." „Nein, erschießen Sie sie zuerst! Das wäre barmherziger. Mer wo soll diese Comödie ausgeführt werden?", fragte Ham-! burger neugierig. „Im Jargon-Theater, im großen Theater in Princes- Street, dem einzigen wirklich nationalen Theater in England. Die englische Bühne — Drury La ne — puh! Sie h armonirt nicht mit dem Volke, sie drückt nicht seine Gedanken ans." Hamburger mußte lächeln. Er kannte die armselige, kleine Halle, die wegen eines Massaeres von Unschuldigen, den Oprern eines verhängnißvollen Feuerlärms, der todtbringender ist, als . die gierigsten Flammen, eine traurige Berühmtheit erlangt hatte. „Aber wieso werden die Zuhörer es verstehen?", fragte er. „Oh, sie werden es sehr gut verstehen", rief der Dichter, indem er seinen Finger auf die Nase legte und grinste. „Sie wissen, wie unsere Gesellschaft verderbt ist. Glauben Sie, daß nicht das ganze Ghetto von der Verschwörung spricht, die besteht, um mich zu erdrücken, um mich aus England hinauszujagen, damit Ignoranten gedeihen und Heuckler fett werden köirnen? Was! Ganz Berlin, Constantinopel, Mogador, Jerusalem und Paris spricht davon, und hier sollte man nichts davon wissen? Außerdem wird die erste Schauspielerin einen Prolog sprechen. Oh, sie ist schön, schön wie Lillith, wie die Königin von Saba, wie Cleopatra! Und wie sie spielt! Sie und die Rahel — Beide sind Jüdinnen! Bedenken Sie das! Ja, wir sind ein großes Volk! Wenn ich Ihnen sagen könnte, was für Geheimnisse mir ihre Augen mittheilen, wenn sie mich ansieht! Aber nein! Sie sind trocken wie Staub, Sie sind die reine Prosa! Ein Orchester wird auch da sein, denn Pessach Weingott hat versprochen, die Ouvertüre auf seiner Fiedel zu spielen. Er rührt Einem die Seele auf! Wie David, als er vor Saul spielte!" „Ja, aber die Leute werden nicht Wurfspieße werfen!", murmelte Hamburger und fügte dann laut hinzu: „Die Musik zu dieser Ouvertüre haben Sie wohl auch eomponirt?" „Nein, eomponiren kann ich nicht", antwortete Pinkas. „Guter Gott, wirklich?!", schrie Gabriel Hamburger. „Das muß meine letzte Erinnerung an Sie sein! Nein, kein Wort mehr! Verderben Sie mir den Eindruck nicht! Adieu!" Und er eilte hinweg, während der Dichter erstaunt zurückblieb. „Verrückt, verrückt", sagte Pinkas, indem er sich bedeutungsvoll auf die Stirne klopfte. „Die alte Schnupftabaksdose ist verrückt!" Er lächelte in der Erinnerung an seine letzten Worte. „Diese Gelehrten stagniren zuviel, sie bekommen zu wenig von der Welt zu sehen. Ha, ich werde jetzt zu meiner Schauspielerin gehen!" Er reckte sich, stieß eine Rauchwolke aus und begab sich nach Petticoat Lane. Die Landsmännin Rahels wickelte eben ein dünnes Stück Hammelfleisch ein. Sie war eine Fleischerstochter, ein einfaches, liebenswürdiges Mädchen, das die Stelle einer ersten Schauspielerin in der Jargon-Gesellschaft nur angenommen hatte, um ihr Taschengeld zu erhöhen, und weil Niemand sonst da war, der die Stelle verlangt hätte. Wenn sie nicht roth und weiß bemalt war, sah sie ziemlich häßlich aus. In der Gesellschaft befanden sich auch mehrere talentvolle Schneider und Schneiderinnen; der Komiker war ein Holländer, der für gewöhnlich Häringe verkaufte. Bei allen war die Gabe der Improvisation mehr entwickelt als das Gedächtniß, so daß sie die erstere Fähigkeit niehr verwendeten. Das Repertoire war von Gott weiß wem geschrieben und sehr ausgedehnt. Es umfaßte alle Species, die Polonius im Hamlet anfzählt, einschließlich der komischen Oper, die der Däne nicht kannte. Es gab nichts, was b_te_ Gesellschaft nicht ausgesührt und worin sie nicht ziemlichen Erfolg errungen hätte. Einige der Stücke handelten von biblischen Gegenständen, aber das war die Minderzahl. Es gab auch einzelne in Reimen, obwohl der Jargon den Blankvers nicht kennt. Melchisedek trat an seine Interpretin heran und machte ihr verliebte Augen. Aber eine Schauspielerin, die in einem Fleischerladen dient, ist an solche Dinge doppelt gewöhnt, und da sie viel zu thuu hatte, achtete sie nicht auf den Dichter, obwohl er ihr sehr auffällige Beachtung schenkte. „Küsse mich, Du Schöne! Die Juwelen tu Deiner Krone sind Rampenlichter", sagte der Dichter, als die Kundschaft einen Augenblick abnahm. „Wenn Du mir in die Nähe kommst, hacke ich Dir Deinen häßlichen, kleinen Kops ab", drohte die Schauspielerin, indem sie das Beil schwang. „Wenn Du mir nicht Deine Lippen bietest, wirst Du nicht in meiner Comödie austreten", ries Pinkas zornig. „Meine Sorge!", antwortete die erste Schauspielerin und zuckte die Achseln. ' Pinkas erschien noch mehrere Male mit seinen! schmeichelnd an die Nase gedrückten Finger und seinem schmeichelnden Lächeln vor der offenen Ladenthür, aber zuletzt ging er böse fort und stöberte den Direetor aus, den einzigen, der aus den Vorstellungen irgend einen nennenswerthen Nutzen herausschlug. Dieser Herr hatte noch nicht eingewilligt, das Stück auszuft'chren, das Pinkas bereits als fertig geschrieben bezeichnete. Alle großen Theater der Welt hatten sich darum beworben, aber Pinkas reservirte es dem Director, dem ersten Schauspieler von Europa Das Ergebnis dieser Unterredung war, daß der Bühnenleiter den Bitten Pinkas', die durch häufiges Andrücken des Dichtersiugers an die Dichternase unterstützt wurden, nachgab. „Aber, was ist's mit dem Besen?", fragte der Director plötzlich. „Dem Besen?", wiederholte Pinkas, diesmal wirklich verblüfft. „Ja, Du sagst, daß Du alle Stücke gesehen hast, die ich aufführte. Hast Du nicht bemerkt, daß ich in allen meinen Stücken einen Besen benutze?" „Aha! Jetzt erinnere ich mich", sagte Pinkas. „Es ist ein alter Gartenbesen, die Quelle meines ganzen Glückes." Er ergriff einen Kehrbesen, der in einem Winkel stand. „Im Lustspiele kehre ich damit den Boden aus — so, und die Leute grinsen; in der komischen Oper schlage ich während des Singens den Tact — so, und die Leute lachen; in der Posse prügle ich damit meine Schwiegermutter — so, und die Leute brüllen vor Lachen; im Trauerspiel stütze ich mich darauf — so, und die Leute zittern; im Melodrama kehre ich damit den Schnee weg — so, und die Leute sangen an zu weinen. Gewöhnlich werden meine Stücke für mich geschrieben, und die Autoren wissen von dem Besen. Glaubst Du,

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