Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 552 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 28 es wäre denn, daß sie nach bewährter antisemitischer Methode den Fall in's Gegentheil entstellt erzählen würden. I. H- Lemberg, 28. Juni. Der jüngst erschienene Jahresbericht des „Vereins der landwirthschastlichen Verbände" enthüllt dem aufmerksamen Leser die ungeheure Verheerung, welche dieser Verein unter den ärmeren Schichten der jüdischen Bevölkerung angerichtet hat. Derselbe hat sich bei seiner vor etwa anderthalb Decennien erfolgten Begründung die Ausgabe gestellt, die materielle Lage der Landbevölkerung dadurch zu heben, daß, zu einem rationellen Betrieb des Ackerbaues angeleitel, ihr die Beschaffung von landwirthschaftlichen Maschinen, von Samen zum Anbau und dgl. erleichtert wird. Aber bei uns zu Lände kann nun einmal keine Action im größeren Style eingeleitet werden, ohne daß sie eine gegen die Jude'.: gekehrte Spitze erhält, und so wurde denn später das Programm dahin erweitert, daß der Verein sich auch als handeltreibende Körperschaft constituirte, um beim Verkauf der landwirthschastlichen Produkte zu vermittelet und durch Gründung von „christlichen" Läden der Bauernbevölkerung „billige Beschaffung ihrer Bedürfnisse" zu ermöglichen. Der zweite Theil des Programms war offenbar darauf berechnet, die Juden aus dem Kleinhandel zu verdrängen, und batte zugleich den Bortheil, daß die Action dadurch den Charakter eines Kampfes gegen die Juden gewann und so die wachsende Unzufriedenheit der Bauernbevölkerung vom Adel abgelenkt wurde und eine Richtung gegen die Juden erhielt. Nach fünfjähriger „Rettung" der Bauern haben sich im verflossenen Jahre die Früchte gezeigt: Massenauswanderuug der ländlichen Bevölkerung aus allen Theilen Galiziens nach Brasilien und im Lande eine bedrohliche Gährung, welche sich in der stets wachsenden radicalen Volkspartei ausdrückt, die die beiden sonst feindlichen Stämme zu einer mächtigen Bauernpartei zusammengeschweißt bat. mit einer ausgesprochenen feindlichen Richtung gegen Adel und Geistlichkeit. Anfangs glaubte man, dieser Bewegung Herr werden;u können, nun aber steht man ihr rathlos gegenüber. Offenbar hat die „Rettung" der Bauern durch Aufreibung der Juden wenig genutzt. Innerhalb des Vereins wurde ein ..Handelsbund" gegründet, welcher natürlich nicht auf eigenen Füßen stehen konnte und daher noch immer mit großen Mitteln aus der Landescaffe erhalten werden muß. Die Hebung des Bauernstandes durch Anleitung zum Klein» Handel ist gänzlich mißlungen, aber die Vernichtung von zahllosen jüdischen Existenzen ist vorzüglich gelungen. In Westgalizien allein besitzt der Verein nicht weniger als 300 „christliche" Handlungen, in ganz Galizien sind ihrer mehr als 700. Dieselben weisen allesammi ein Deficit auf und können nur durch kräftige Unterstützung aufrecht erhallen werden. Aber zahllos sind die Opfer, welche dieser unbarmherzige Vernichtungskrieg unter den Juden gefordert hat, und trotzdem geschieht von Seiten unserer Glaubensgenossen nichts, um dem drohenden Verderben entaeqenzutreten. Krakau. Bei den letzten Gemeinderathswahlen ist der famose Pater Chotkowsky, dessen Märchen im Reichsrathe ihn „berühmt" gemacht haben, glänzend durchgefallen. Von den 1900. Stimmen der ersten Curie erhielt Chotkowsky 340, während auf seinen Gegner Kasparek über 1000 Stimmen sich vereinigten. Diese Mederlage ist umso empfindlicher, als in dieser Curie die Juden blos über 180 Stimmen verfügen. Herr Kasparek hatte bekanntlich im Gemeinderath den Antrag gestellt, den Abgeordneten Pater Chotkowsky amtlich zu zwingen, seine Mittheilung im Reichsrathe zu widerrufen. Mit diesem Anträge blieb er in der Minorität, nun aber haben die Wähler das Urtheil gesprochen. Brünn, 5. Juli 1896. (Ein schmählicher Rückzugder Deutsch-Nationalen.) Herr K H. Wolf und sein getreuer Cumpan, der Wiener Gemeinderath Pacher, haben diese Woche in unserer Landeshauptstadt eine Lehre erhalten, an die sie gewiß denken werden. Sie werden wohl Beide selbst soviel Einsicht haben, zu erkennen, daß der Brünner Boden für die verschämten Anhänger Lueger's und die unverschämten Schönerer's zu heiß ist; man kann sich da nicht nur die Finger' allein verbrennen. In stolzen Worten wurde durch roth-weiße Anschlagzettel der Bürgerschaft, dem Gewerbe-, Handels- und Arbeiterstande deutscher Nationalität in unserer Landeshauptstadt angekündigt, daß der hiesige Deutsch-nationale Verein beweisen wolle, es „wehe auch hier ein neuer Geist", natürlich ist dies der allein seligmachende, antisemitisch-teutonische; daher haben besagte Teutonen, welche sonst nur gewohnt sind, mtra wuro8 Wotan zu huldigen, Bier zu trinken und auf die Juden zu schimpfen, das Bedürfniß gefühlt, diesen „neuen Geist" auch öffentlich zu bekunden, d. h. Wotan in einem größeren Locale Alt-Brünns Libationen darzubringen, Reden gegen das verw... Judenthum zu halten, kurz in nationalen Sachen zu machen. Dazu hatten sie sich Herrn K. H. Wolf, Patent-Germanen und Redacteur der sattsam bekannten „Ostdeutschen Schund- Pardon Rundschau" ans Wien, verschrieben, der sollte'dem „dummen Kerl vor: Brünn" ein Licht darüber aufstecken, „was uns fehlt und was wir wollen". Uns wäre freilich am liebsten, wenn uns K. H. Wolf fehlte, ilnd das wollen wir, daß er uns nicht lveiter beglücke. So kam er denn, der gewaltige Schimpfer vor dem Herrn, er kam aus Berlin mrd, da er hier durchreiste, wollte er noch rasch hier den „neuen Geist" auf Flaschen ziehen. Aber Wotan oder vielleicht war es der Gott Israels, hatte es anders gewollt. Donnerstag den 2. Juli um 8 Uhr Abends sollte das große Evangelium W o l f 's und P a ch e r 's in der R e st a ur a t i o n N e u w i r t h i lt Altbrünn, einem sehr beliebtell Refugium unserer Bier consumirendell Teutonen,verkündet werden. Da kamen sie die teutonischen Mannen, etwa 300 an der Zahl, und alle umliegenden Felder waren der Kornblumen beraubt worden. Es fehlten natürlich auch unsere teutonischen Jugendbildner nicht. — Aber siehe da, die Teutonen erkannten sofort, daß der Saal nicht „judenrein" sei, denn etwa zwanzig wackere Glaubensgenossen, lauter Männer der That, . (wir besitzen Gottlob noch solche, K. H. Wolf und Pacher werden es bezeugen) hatten sich in die Höhle des germanischen Bären gewagt und etwa 100 Socialdemokraten sich ihnen ängeschlossen. Da entfiel dem Herrn H e e g e r, dem Haupt-Patron und „Schriftleiter" des im unverschämtesten Antisemitismus machenden hiesigen „Deutschen Blatte s", der Muth und sein Herz zerschmolz wie Wasser. Ja, es kommt nichts über die Tapferkeit, das wissen wir aus der germanischen Geschichte. Nun mahnte Herr H e e g e r die anwesenden Juden und Socialdemokraten, an deren Spitze der wackere Genosse C z e ch stand, sie mögen den Gang der Verhandlungen nicht stören. „Wenn wir nicht provocirt werden", so scholl es ihm entgegen. Jetzt begann K. H. W o l s den Juden auf die Hühnerairgen zu treten, das heißt das deutsch nationale Kornblumenprogramm des St. Georg von Zwettl zu entwickeln. Er begann aber nur. Sofort erhob sich Herr Straffer, Obmann der Ortsgruppe des Vereins reffender Kaufleute; er hat eine kräftige Hand, eine breite Brust und führt den Stock und das Wort vortrefflich und protestirte gegen jede wie immer geartete Beleidigung seiner Confession. „Ja, der forcht sich nit". „Wir sind steuerzahlende Bürger" rief er ans, „und Sie Herr Wolf kenne ich sehr gut; auch ich bin in Reichenberg gewesen und auch ihr Deutschthum ist mir wohlbekannt. Bleiben Sie mit ihren Lehren in Steffelsdorf beim Beuschel - Lueger". Kaum waren diese Worte verklungen, da erhob sich ein gelvaltiger Lärm. Soviel steht fest, unsere wackeren Glaubensgenossen „kniffen" nicht aus. K. H. Wolf lvollte noch reden, aber jede Beleidigrlng wurde niedergedonnert, und schließlich sah sich der Vertreter der Regierung genöthigt, diese denkwürdige Versammlung aufzulösen. K. H. Wolf und Pacher nahmen die Reisetaschen und fuhren entweder zur Bahn oder in die Pilsener Bi e r h a l l e , wo die muthigen Teutonen einen einschichtigeil Juden durchbläuten, um zu zeigen, daß der Muth in ihnen nicht erloschen. Die hiesigen Deutsch-Nationalen können nun wieder- „still mrd ruhig" über die Juden schimpfen, auch Somrwendfeiern veranstalten, um angezündete Holzstöße springen, die hiesigen Turnvereinsmitglieder, mit dem wackeren Obmann an der Spitze, können Reigentänze um die Johannisfeuer aufführen, aber das jüdische Geld doch einstecken, das Alles, Alles können sie — aber öffentliche Versammlungen anzukündigen, das werden sie wohlweislich unterlassen. K. H. Wolf wird weiter in Wien Schönerer und Wotan verehren und die Juden in seiner „Rundschau" todtschlagen, Pacher (heißt der Mann nicht Bacher?) wird als Gemeinderath sich unsterbliche Lorbeern pflückeir, aber die Brünner Luft werden sie meiden, wenn auch durch sie ein „neuer Geist" weht. — Die Lehre aus. der Geschichte können unsere Wiener Glaubensgenossen leicht ziehen. „Man darf sich nichts gefallen lassen, und sich w e h r e n bringt Ehre n". Der degradirte Dragonerofficier Suini, dem unser wackerer Lustig den Standpunkt klar geinacht, und K. H. Wolf, der unseren heimischen Boden so rasch verlassen, haben Zeit darüber, nachzudenken, wie die Brünner Juden über diese beiden Sätze denken — gewiß anders als die Wiener Israeliten. Ein Brünner Jude. Eaer. (Schönerer als Reichsrathscandida t). In einer unlängst abgehaltenen Besprechung von Vertrauensmännern des Bezirkes Asch in Böhmen wurde einstimmig eine Erklärung abgegeben folgenden Inhalts: „In Anbetracht der großen Verdienste, welche sich. Herr Georg Schönerer um die deutschen Bauern der Ostmark insbesondere und um das deutsche Volk überhaupt erworben hat, und