Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Vwch's Wochenschrift. Seite 549 circa 20 arme polnische Juden den Spaß und kauften sich noch größere Nelken-Bouquets und geleiteten Herrn Gregorig auf Schritt und Tritt mit den ernstesten Gesichtern der Welt. Man denke sich: In der Mitte Gregorig, hinter sich polnische Juden, vor sich polnische Juden, rechts und links von polnischen Juden umgeben, alle riesige Nelken-Bouquets schwingend. Tableau! — Da wurde dem armen Menschenfreund die Karlsbader Lust zu unheimlich und er nahm Reißaus, und — hielt die bekannte Brandrede. Nun wird den geehrten Lesern erst der Zusammenhang zwischen Karlsbad und den polnischen Juden mit ihren Peies klar werden. „Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich an die Sonnen" Herr Gregorig! Uebrigens mögen jene zwei polnische Juden, die nach der Rede Gregorigs zur Hoftafel zngezogen wurden, gewiß weit feiner und anständiger gewesen sein, als ihr Berunglimpfer. Die „Raee" im Wiener Gemeinderath. Der antisemitische Gemeinderath Joses Bündsdorf, Architekt, welcher zur deutschnationalen Fractiou gehört und demnach R a c e n-Antisemit ist, hat sich vor einigen Tagen mit Frl. Elsbeth Thausing, der Tochter des Herrn Julius Thausing, Brauerei-Directors in Simmering, verlobt; der Vater des Letzteren hieß noch Taussig und war als Jude geboren. Die Abrechnung mit den Magistratsbeamten. Undank ist zwar immer der Welten Lohn gewesen, aber das Schicksal der Wiener Magistratsbeamten, namentlich aber des antisemitischen Theiles desselben, ist doch ein zu hartes. Es greift uns an's Herz, wenn wir Zeugen des Schauspieles sind, wie diese einst so umworbenen Günstlinge der Antisemitenpartei nun von den Wort- und Schriftführern derselben in der schnödesten Weise behandelt werden. Vergessen ist, was die Biederen im Dienste der Partei gethan, wie sie vor nichts, aber schon wirklich vor nichts zurückschreckten, um den Zielen und Zwecken zu dienen, die diese anstrebte. Welch' heiße Danksagungen, welche Lobpreisungen und welche Versprechungen wurden ihnen damals zu Theil! Ach, wenn die antisemitische Partei einmal zur Herrschaft gelangt, dann sollen die treuen Freunde erfahren, wie ihr edles Wirken seinen Lohn findet! Nun, die Antisemiten fiitD zur Herrschaft gelangt, aber vorläufig haben die Magistratsbeamten Alles eher als die versprochenen Herrlichkeiten erhalten. Im Gegentheile, sie werden m „Deutschen Bvlksblatt" abgekanzelt, weiß Gott als wären sie durchwegs bezahlte Söldlinge der »Alliance israeJite«. Was sie thun, ist nicht recht, was sie sagen, klingt wie Anmaßung, was sie fordern, ist unbescheiden, und was sie beschließen, ist disciplinwidrig! Und wenn sie gar behaupten, daß es ihnen schlecht geht, so sagt ihnen der reiche wohlgemästete Bergani, es ist nicht wahr, sie übertreiben. Ja, das Blatt hat sich gewendet. Die armen Beamten sollen es sich gesagt sein lassen, sie sind aus dem Holzwege, wenn sie sich an dem Beispiele Geßmann, Pommer, Steinwender, Tomola u. s. w. bilden und gleich biefeit es wagen wollten, den Mund voll zu nehmen. Das dürfen sie nicht, das schickt sich nicht für sie, das müssen sie den großen Herren der Partei überlassen. Sie sollten es sich au dem Bewußtsein genügen lassen, daß sie beigetragen haben, die Antisemiten zur Herrschaft zu bringe«. Das ist süßer Lvhu genug. Wen« sie noch überdies auf die Erfüllung der ihnen gemachten Versprechungen rechnen, wenn sie eine Verbesserung ihrer materiellen Lage fordern, so zeigt das von schnöder Selbstsucht, die sich für so „kleine Leute" nicht ziemt; Herr Bergani hat ihnen den Standpunkt klar gemacht; an ihnen ist es nun, bescheiden und artig abzuwarten, was ihre hohen Gönner später einmal für sie thun werden. Wohlgemerkt, später. Deutschthum oder Judenhatz. Was ist dem Deutschen wichtiger, Schutz und Bertheidigung seiner Nationalität in den gefährdeten slavischen Gegenden oder die Befriedigung des Judenhasses, der gemeinen Raceninstincte? Wir haben an leitender Stelle in der letzten Nummer mit der sogenannten „deutschen Bolkspartei" darüber eine Auseinandersetzung gepflogen. Heute bietet der Deutsche Schulverein den Beitrag zur Beantwortung dieser Frage. Der Beschluß der Wiener Centrale des Deutschen Schulvereins, die deutschen Schulen in Holleschowitz, Lieben und W r s ch o w i tz mit Ende dieses Schuljahres als Bereinsschuleu aufzulassen und der Obsorge localer Thätigkeit zu überantworten, hat in einem Theile der böhmischen Presse Anlaß zu lebhaften Erörterungen gegeben und im Zusammenhänge damit stehen einige Enthüllungen und Kundgebungen, welche nicht ohne Interesse sind. Die Prager „Politik" erhält aus „deutschen Kreisen" eine Zuschrift, nach welcher die tragische Motivirung besagter Auslassung durch „die Wandelbarkeit der Volksgunst den eigenen Herren gegenüber" eine ganz eigenthümliche Beleuchtung erfährt. Nicht die geringere Theilnahme der Mitglieder, nicht die notorische Misere der Bereinscasse war es nach dieser Zuschrift, welche die Auflassung der angeführten drei Schulen herbeisührte, sondern die Nothwendigkeit. demdeutschen Antisemitismus, speciell dem immer mehr die Oberhand gewinnenden antisemitischen Theile der Mitglieder des Deutschen Schulvereins eine Concession zu machen, nachdem von dieser Seite geltend gemacht wurde, daß die besagten drei Schulen vornehmlich von jüdischen Kindern besucht werden, für deren Unterricht auszukommen man Antisemiten nicht zumuthen könne. Die drei Schulen waren eine Wohlthat nicht blos der dortigen jüdischen Bewohner, sondern auch zahlreicher christlicher Beamten deutscher Nationalität, die dorthin versprengt sind. Allein lieber läßt man diese deutschen Bolkssplitter gänzlich slavisiren, als der Gefahr sich aussetzen, einem Judenkinde deutschen Unterricht zu gewähren. Bergani, Pfister, Sonnenthal und Dräsche. Die „U. D. W." des Herrn Georg Schönerer, Nr. 13, Jahrgang 1896, schreiben: „Die gemeine Denunciations - Angelegenheit des Herrn P fiste r ist zur Genüge allgemein bekannt; das berüchtigte Vergani-Volksblatt schreibt darüber „ganz bescheidentlich" am 21. Juni d. I.: „(Wilhelm Pfister.) Die Judenblätter machen ein großes Geserres über die Verleihung der großen Salvator-Medaille an den Bezirksausschuß des V. Bezirkes Wilhelm Pfister, indem sie diesem vorwerfen, er habe einmal einen jüdischen Friseur wegen Majestätsbeleidigung denuncirt. Wie uns mitgetheilt wird, war Herr Pfister in Wirklichkeit nicht der Anzeiger, doch klingt es übrigens sonderbar, wie die judenliberale Partei und deren Presse, die sich doch seinerzeit zur Parole machten: „Wählet kaisertreu!" dazu kommen, jetzt über einen Mann losznziehen, der gegen die Beleidigung des Kaisers aufgetreten sein soll, wozu er ja verpflichtet war! Für die communale Auszeichnung Psister's war maßgebend, daß dieser sich ein Menschenalter hindurch namhafie Verdienste um die Gemeinde Wien und insbesondere um den V. Bezirk erworben Hai. Diese Verdienste wurden auch vom Bezirksausschüsse Margarethen anerkannt, welcher sich, obwohl seme Mehrheit liberal ist, für diese Auszeichnung aussprach. Demgemäß hat der Gemeinderath recht gehandelt, indem er den Lebensabend des alten Pfister verschönert hat." Im Jahre 1889 schrieb Bergani (am 24. September) au Herrn Schönerer Folgendes: „Hochgeehrter Herr von Schönerer! Der Deutschnationale Verein ist aufgelöst. Ich stehe Sie heute an, bewilligen Sie mir, einen „Deutschen Bolksverein" allsogleich zu gründen — ich flehe Sie an, sprechen Sie ein Machtwort für die Deutschnationalen und für das Volksblatt — denn es leidet die antisemitische Sache durch das Hervordrängen der sogenannten „Vereinigten Christen" oder „Christlich-Socialen" Leute wie Lueger! Gregorig! Hawranek! Pfister! Schneider! machen sich breit, hetzen offen gegen uns Nationale und geheim gegen mein Blatt —- Ich bitte, ich flehe Sie an, helfen Sie uns und lassen Sie Ihr Werk nicht so verunstalten. In Eile und Aufregung! Ihr ewig treuer Veigani." Uns dünkt, daß man von der Affaire Pfister viel zu viel Aufhebens macht. Daß einer einen politischen Gegner denuncirt und gleich am wirksamsten wegen Majestätsbeleidigung denuncirt — hat Dr. Lueger nicht recht, wenn er sagt, daß das jeder thäte, „jeder", das heißt das ganze ehr- und gesinnungslose Spießerthum ohne Rückgrat und Mannesstolz, denkunsähig gemacht durch den fortwährenden Loyalitätsdusel, aus das ein männliches Wort ärger wirkt als ein rother Lappen auf den Stier, und das von einer auch rmr eingebildeten Majestütsbeleidigung ärger getroffen wird, als das gläubigste Gemüth von einer Gotteslästerung. Oder soll man ungehalten sein über die warme Fürsprache, die Bergani dem Pfister angedeihen läßt, oder daß die Partei zu ihm hält? Nichts wäre verkehrter. Es ist nur ganz folgerichtig, daß eine Partei, die einen Bergani zu ihrem Publizisten macht, ihren Ehrencodex nach den Gesinnungen und Thaten eines Pfister bildet. Darum nennt der Führer des christlichen Volkes Herrn Pfister nicht minder seinen Freund wie Herrn Bergani. Und man muß selbst als Gegner zugestehen, daß Herr Bergani ebenso die Salvator-Medaille verdient, wie Herr Pfister, Ehrenbürger von Mühldorf zu werden.