Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 548 Nr. 28 Vr. VLmtz's Wochenschrift vinisten einen großen Lärm, daß der „heilige" Boden Galiziens in den Besitz von Fremden übergehen und „entnationalisirt" werde! Es ist begreiflich, daß, seitdem die galizischeir Edelleute mit seltenen Ausnahmen in Folge des Terrorismus der nationalen Heißsporne, Güter an Juden weder verkaufen, noch verpachten wollen. — Aber auch die Juden müssen leben und ihre Familien ernähren. Und nachdem einerseits den jüdischen Handwerkern die Aufnahme in hierländische Werkstätten consequent verweigert wird und andererseits, trotz der Staatsgrundgesetzt, Juden zu den autonomen und Regierungsämtern nicht zugelassen werden, so bleibt ihnen doch kein anderer Erwerbzweig, als ihre Jahrhunderte alte Beschäftigung, der Handel! Aber auch dieser ist durch die Misere der Zeit, besonders in Galizien, sehr in Verfall gerathen, in Folge dessen das Gros der hierländischen Juden, besonders auf dem flachen Lande, in den Dörfern, in einem Zustande jammervollen Elends sich befindet! Und diese der nothwendigsten Lebensbedürfniffe entbehrenden, förmlich hungernden, bemitleidenswerthen, menschlichen Wesen, die das Unglück haben, Juden zu sein, sollen, nach der Behauptung der hiesigen Jesuiten im Talar und Frack, die sich „mästenden" Ausbeuter des Landvolkes sein?! Diesen nahezu eine halbe Million zählenden unglücklichen Menschen wollen nun unsere antisemitischen Bolksbeglücker aus christlicher Nächstenliebe durch Errichtung sogenannter Handelsverbände und bäuerlicher Consumgeschäfte (,K61ka roluicze“) in allen galizischeir Ortschaften den einzigen Erwerbzweig rauben! Das Tragikomische ist dabei der charakteristische Umstand, daß der galizische Landtag beschlossen hat, diese gegen die Juden errichtete „Kölka roimcze" aus dem Landessonde zu subventioniren, zu welchem bekanntlich auch die hierländische jüdische Bevölkerung in sehr beträchtlicher Weise beiträgt! Durch diese zu schaffende eigenartige Concurrenz gegen den jüdischen Handel wird einerseits der Pauperismus unter den Juden zum unberechenbaren Schaden des Landes zusehends vergrößert und andererseits das arme bethörte Landvolk erst recht ausgebeutet, indem es gezwungen wird, die Waare in den katholischen Geschäften theurer als bei dem Juden zu bezahlen, so daß der ganze stutzen der christlichen Handelsverbände („Koka iolnicze“) nur in die Tasche der dieselben leitenden antisemitischen Schwindler fließt! — Zur Steuer der Wahrheit muß hier bemerkt werden, daß die polnische Aristokratie im Stillen dieses schmähliche Treiben dieser gewissenlosen Geschäftsantisemiten nicht billigt; sie hat aber leider nicht den Muth, gegen dieselben offen aufzutreten. Daß sie aber in dieser Beziehung viel Unheil verhüten könnte, hievon zeigt sattsam das erbärmliche Ende des Pater Stojalowski, der, eure treue Copie von Lueger, auch unter dem galizischeir Landvolke das neue Evangelium des „christlichen Socialismus" predigte und seitens unserer tonangebenden Feudalen nur aus dem Grunde unschädlich gemacht wurde, weil er gegen sie das Landvolk aufhetzte. Wir fürchten, daß unsere gegenüber der judenfeindlichen Bewegung hierzulande sich kühl und gleichgiltig verhallenden blaublütigen Machthaber sich nur zu bald überzeugen dürften, daß die antisemitischen Demagogen viel gefährlicher für Galizien sind als Pater Stojalowski! - - Caveant consules! — — Arthur Eibenschütz. Vom Jahrmarkt des Lebens. Sand in die Augen. Der niederösterreichische Landtag war am Tage, bevor er geschlossen wurde, der Schauplatz von Scenen, wie sie selbst diese Körperschaft noch niemals gewesen. Das will wohl etwas heißen. Schneider wrd Gregorig, diese bewährten, eiftigen, unerreichten Meister des Scandals, nahmen noch im letzten Momente alle ihre Kräfte zusammen, um der Welt zu zeigen, was Antisemiten an Verachtung des Anstandes, Mißhandlung der Vernunft und Verletzung des Rechtsgefühles zu leisten vermögen. Die Gemeinheit hielt unerhörte Orgien, die Lüge feierte Triumphe, der Wahnsinn siegte. Man wußte zwar nicht genau, ob Schneider oder Gregorig die Versammlung mit den größeren Infamien regalire, aber einmüthig wurde das Urtheil abgegeben, daß in dieser letzten denkwürdigen Sitzung der Gipfel des Scandals erreicht wurde. Man könnte sagen, die Cheops- Pyramide des Luegerianismus wurde erklommen. Schneider bestritt den Juden nicht nur die Menschenrechte, er forderte ihre Austreibung, die Confiscation ihrer Güter und beantragte — wohl zur Feier der Civilehe — Jeder, der mit ihnen verkehre, solle wegen Unzucht wider die Natur bestraft werden. So sprach das Subject, dem einst mit den Worten: „Sie gehören in's Zuchthaus" ein flammendes Brandmal auf die Stirne gedrückt ward. Gregorig aber gab zu den alten, wüsten, abgestandenen Lügen noch eine ganz funkelnagelneue zum Besten. Er behauptete, die Juden hätten in ihren Tempeln hinter dem Vorhänge statt der Gesetzesrollen Proscriptionslisten aufliegen, auf denen die Namen der Christen verzeichnet stünden, mit denen sie geschäftlich verkehren dürfen! Die Ausführungen Schneider's und Gregorig's, die man in einem Jrrenhause ganz anr Platze finden miißte, konnten — auch in der niederösterreichischen Landesstube ungestört und ungehindert losgelassen werden. Der Vorsitzende schnitt den beideu blutrünstigen Clowns das Wort nicht ab, die Abgeordneten erhoben sich nicht zornentbrannt, um der Schändung des Hauses Einhalt zu thun, Niemand rief nach Aerzten, keiner dachte an die Nothwendigkeit, die beiden Tobsüchtigen da oben in Zwangsjacken stecken zu lassen. Glaubte man vielleicht, daß das wahnsinnige Treiben der Beiden ein wohlausgedachtes, planvolles System sei, mit dem ein bestimmter Zweck verfolgt werde? In der That, wir sind der Meinung, daß Schneider und Gregorig sich nur toll geberdeten, die Verrücktheit nur affectirten, den Wahnsinn nur markirten, daß sie aber ganz gut und genau wußten, was sie mit ihren unfläthigen Ergüssen erzielten. Es galt, durch den tollen, wüsten Spectakel die Bevölkerung Wiens, die treuen Anhänger der antisemitischen Heilslehre über das Fiasco des Antisemitismus, iiber seine Unfähigkeit zum praktischen Schaffen, über seinen Bankerott zu täuschen. Die antisemitische Aera brachte bisher Alles eher, als die Erfüllung der reichen Versprechungen, mit denen die gewissenlosen Führer das thörichte, leichtglüilbige Volk gängelten und köderten. Reichlohnende Arbeit, erhöhte Erwerbsthätigkeit, Gehaltserhöhungen, Steuernachlässe, das alles ist ausgeblieben. Dafür ist aber die Stagnation immer schlimmer, daß Leben immer härter, der Kampf ums Dasein immer drückender geworden. Die Phrasen geben kein Brot, mit den Schimpfereien zahlt man keine Löhne aus. Die Hetze gegen die Juden ersetzt nicht das Geschäft. Der Niedergang Wiens, der sich auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens in erschreckenden Ziffern verräth, ist eine Carricatur der messianischen Zeit, wie sie die antisemischen Führer ihren verzückten Anhängern prophezeit hatten. Das gelobte Land des Antiseinitismus ist erobert worden, die communale Verwaltung ist in der Hand Lueger's, aber es fließt nicht Milch noch Honig in Wien, im Gegentheil, die Noth ist im Steigen begriffen. Ein Erwerbsgebiet nach dem andern wird dem Wiener- Markte entzogen und bei den Gewerbeinspectoren klagen die Meister mehr als einer Branche, daß ihnen der ungarische Platz verloren gegangen sei. Glaubten die Antisemiten vielleicht gar, daß die maßlose Hetze gegen Ungarn das Resultat haben werde, die beschimpfte und besudelte Kundschaft mit magischer Gewalt nach Wien zu ziehen? Die Antisemitenführer wissen nun ganz gut, daß an dem Tage ihre Herrschaft ein Ende nehmen wird, an welchem der Bevölkerung Wiens die Augen aufgehen und sie erkennen wird, daß sie belogen und betrogen wurde. Da gilt es nun, um jeden Preis die Stunde der Erkeimtniß, der Ernüchterung zurückzudrängen; deshalb wird der Versuch gemacht, den Rausch des Hasses und der Wuth zu verlängern, darum bemühen sich Schneider und Gregorig mit den verzweifeltsten Mitteln die Erbitterung, die Wuth, die leidenschaftliche Erregung gegen die Juden auf das Aeußerste zu stacheln. Das Volk von Wien soll in feiner Verblendung festgehalten werden, es soll Alles durch den blutigen Schleier des Hasses und der Wuth sehen. — Man muß ihm Sand in die Augen streuen. Wird das den Schneiders und Gregorigs auf die Dauer gelingen? Wehe den Bolksverführern, wenn die Betrogenen endlich sich den Sand aus den Augen reiben werden und sie die Wahrheit erkennen! — a — Gregorig in Karlsbad. Die Motive zur neuesten Brandrede des „rühmlichst" bekannten Gregorig, gehalten am 3. Juli im niederösterreichischen Landtage, dürfen den Lesern dieses Blattes nicht vorenthalten bleiben. Wir lassen selbe hier in Kürze folgen. Besagter Gregorig hatte vor Kurzem eine Geschäftsreise „in Antisemitenthum" nach Karlsbad angetreten und stolzirte daselbst als alleiniger Menschenfreund mit einen: riesigen Bouquet weißer Nelken im Knopfloche und ebensolchen Bouquets in beiden Händen unter der leidenden Menschheit umher. Da machten sich