Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 28 (10.7.1896)
- Date
- 1896-07-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr Vlvch's Wochenschrift Seite 547 untersucht Dr. Feilbogen zunächst von einem hohen geschichtsphilosopbischen Standpunkte ans das Wesen des österreichischen Staatsgedankens. Wir erinnern uns nicht, in der ganzen antisemitischen Literatur einer so tiefgehenden Analyse des österreichischen Staatsinteresses begegnet zu sein. Ueber den — bei dem Umstande, daß Ungarn zu einem Drittel katholisch ist — offenbar oberflächlichen oder erlogenen Gedanken des „katholischen Staates" kommt der antisemitische Geschichtsphilosoph nicht leicht hinaus. Kein Wunder! Hat er doch über das österreichische Staatsinteresse niemals viel nachgedacht. Wir überlassen es unseren Lesern, die feinsinnige Lösung des Problems in dem Jahresberichte nachzulesen und dabei gegen einen Gulden Jahresbeitrag Mitglieder eines Vereines zu werden, dessen Tragweite, wenn wir ihn einmal ernstlich ausnutzen wollen, gar nicht abzusehen ist. Es ist nur zu bedauern, daß ein Vortrag von seltenem Werthe für das Verständniß der Gemeinschädlichkeit des Antisemitismus in so nachlässiger Weise abgedruckt ist. Jeder gutwillige Leser wird freilich die zahlreichen Druckfehler leicht berichtigen. Seite 23, Zeile 10 soll es offenbar heißen: „auf das Thor ihrer Burg hat setzen lassen." Seite 25, Zeile 10: „Territoriums" statt „Terrorismus". Seite 25, Zeile 11: „Stücke" statt „Städte". Seite 33, Zeile 5: „fortgehetztes" statt „fortgesetztes". Seite 29, Zeile 15: „hassen" statt „hoffen" u. s. w. Die letztcitirte Passage können wir uns nicht versagen, vollinhaltlich wiederzugeben: „Daß die Juden dabei (bei der antisemitischen Agitation) Selbstzweck wären, das zu glauben, sind sie nicht unbescheiden genug. Die finsteren Mächte, welche den Antisemitismus Nlit ihren Capitalien so reichlich nähren, hassen und lieben die Juden nicht mehr als der Fischer den Regenwurm. Aber der arme Wurm muß auf die Angel gespießt werden, sonst kommt der dumme Karpfen nicht, um anzubeißen. Man muß schon dem Volke das bischen Judenhetze gönnen, damit es sich in tollem Jubel in die eigene Knechtschaft stürze, damit es sich recht tief in das aufgewärmte Stück Mittelalter verbeiße und seine Söhne und seinen Staat für „das Christenthum", für die „Kirche Christi" auf die Schlachtbank schicke, wenn das eiserne Würfelspiel wieder losgehen sollte." Die Unterscheidung zwischen dem wahren „Christenthum" als dem . Geist selbstloser Demuth und Nächstenliebe und dem „Clericalismus" als dem Streben nach unduldsamer Herrschaft geistlichen Ehrgeizes und der Hinweis aus die immensen internationalen Gefahren einer clericalen Parteiherrschaft ist selten so scharf herausgearbeitet worden, wie in diesem Vorträge. 'Derselbe führte zur Annahme des bekannten Antrages des Herrn Dr. Feilbogen, wonach das Präsidium bei passendem Anlässe an die gesetzgebenden Körperschaften und an die Regierung mit dem Ansuchen herantreten solle, es sei in den von öffentlichen Behörden ausgestellten Documenten oder für öffentliche Behörden bestimmten Anmeldungen die Angabe der Confession nicht zu gestatten, da es vermöge der Staatsgrundgesetze den öffentlichen Behörden nicht erlaubt ist, die Zugehörigkeit zu einer Confession als Bedingung für die Erlangung einer Rechtsstellung zu beachten. Es ist dies eine Forderung, welche die Juden Oesterreichs in aller Zukunft als Prüfstein der Auftichtigkeit ihrer „liberalen" oder „fortschrittlichen" Mitbürger anwenden sollten. Das „Deutsche Volksblatt" hat sie mit der höhnischen Glosse begleitet, der Antragsteller scheine zu glauben, er befände sich in Judäo- Magyarien. Wir machen unsere ungarischen Glaubensgenoffen auf den guten Rath aufmerksam, den ihnen der Feind gibt. In Ungarn könnte mit dieser in Frankreich längst durchgesührten Bürgschaft der praktischen Gleichberechtigung der Anfang gemacht werden. Im Laufe der darauffolgenden Discussion ergriffen die Herren Mislap, Bezirksausschuß Waldstein, Störck und Rothziegel das Work. Frau Morgenstern stellte den Antrag aus Abhaltung monatlicher geselliger Abende mit Ausschluß der Sommermonate. Da der Antrag angenommen wurde, so sehen wir den diesbezüglichen Verfügungen des Bereinspräsidiums, welche in der That nach den Worten der Antragstellerin die „segensreiche, aber zu ruhige Wirksamkeit des Vereines" beleben könnten, mit lebhaftem Interesse entgegen. Der Antisemitismus in Galizien. Krakau, 3. Juli. Ein Wiener Blatt veröffentlichte jüngster Zeit mannigfache Ansichten und Meinungen, welche angesehene Polen von verschiedenem Stand und Berufe gegenüber einem Interviewer über den Antisemitismus in Galizien geäußert haben. Nahezu Alle stimmten darin überein, daß der Antisemitismus hierzulande keine Existenzberechtigung habe und für Galizien von großem Uebel wäre. Von unstreitig besonderer Bedeutung ist die diesbezügliche, wahrhaft humane Aeußerung des bekannten polnischen Schriftstellers und geistreichen Publizisten Stanislaw Ritter von Kozmian, der bekanntlich in der bei uns dominirenden conservativen Toriepartei eine hervorragende, einflußreiche Stellung einnimmt. Allein, so anerkennenswerth die veröffentlichten liberalen Anschauungen auch sind, können wir gleichwohl nicht umhin, hier zu bemerken, daß dieselben, unbeschadet der Ansrichttgkeit der dabei zuui Ausdrucke gelangten „persönlicher:" Ueberzeugungen, von einer gewissen Schönfärberei nicht ftei und mit den thatsächlichen Verhältnissen und Zuständen Galiziens, wo die moderne sociale Krankheit des Religions- und Racenhaffes leider bereits fast alle Volksschichten angesteckt hat, durcharrs nicht consorm sind. Ueberhaupt haben die betreffender: irtterpellirter: Herren den Antisemitismus sozusagen nur äußerlich gestreift, seir: wahres Wesen aber nicht berührt oder eigentlich ganz verkannt; ur:d dies ist offenbar die Ursache, daß irrthümlicher Weise einerseits Herr von Kozmian den auf Lug und Trug beruhenden, der lichtvollen Cultur der Gegenwart cynisch hohnsprechenden Antisemitismus mit dem „ehrlichen" mittelalterlichen Judenhaffe, der ans unschuldigem religiösem Wahne entstand und in der Ausklärungsperiode nahezu verschwand, verwechselte und andererseits der Krakauer Universitüts Professor, Herrnhausmitglied Friedrich Zoll den antisemittschen „Rawdies" die Ehre erwies, ihr schmähliches Treiben mit dem Kampfe der „wiaei-g. contribueus pieba“ im alten Ron: zu vergleichen, wo die aller Rechte beraubten Sclaven sich gegen die im Ueberslusse schwelgenden römischen Großen wehrte::, während der heutige, größtentheils arbeitscheue, nach ftemdem Besitze lüsterne und raussüchttge Anttsemite:rpöbel bekanntlich von reichen Aristokratei: — wie Fürst Alois Liechtenstein und andere ihm gleichgesinnten „frommen" Magnaten — geftihrt und gehetzt wird! Leider bat der Wiener Anttsemittsmus auch Galizien inficirt. Es ist selbstverständlich, daß angesichts des Geschickes der russische!: Polen diese das russische Beispiel gegenüber den Juden in Galizien „offen" nicht befolgen können. Aber Factum ist es, daß der Antisemitismus hierzulande existirt und immer größere Dimensionen anniulmt. Der finstere Geist Lueger's und seiner Bande tritt bei uns allerdings nicht wie in Wien in seiner häßlichen, nackten Gestalt, sondern, wie in den erwähnten veröffentlichten Aeußerungen einer Anzahl diesbezüglich interpellirter Polen, gewissermaßen mit einem Feigenblatte aus. Auch hierzulande wird die racenverhetzende Agitation durch geheim schürende clericale Elemente im Bunde mit gewissenlosen, unlautere Zwecke verfolgenden Sttebern bewirkt. Charakteristisch ist dabei der jesuitische Vorgang dieser antisemitischen Hetzer. Da m Galizien, wo eine große Arinuth unter den Juden herrscht, kein Boden für den bekanntlich vorläufig nur gegen das jüdische Capital kämpfenden Antisemitismus vorhanden ist, wurde bei uns zum Zwecke der Ausbreitung desselben ein neues Schlagwort: „Ausbeutende jüdische Concurrenz", ersonnen! — Um die arglistige Verlogenheit dieser Verleumdung zu beweisen, genügt die Thatsache anzusühren, daß es ftüher bei uns zu Lande keinem Polen je in den Sinn kam, den Juden einen Vorwurf zu machen, daß sie sich mit dem Handel beschäftigen, daß vielmehr bekanntermaßen jeder „Schlachziz", und als solcher gerirt sich jeder Pole, seinen Juden, den sprichwörtlich gewordenen „Moschek", hatte und größtentheils noch hat, der ihm alle Geschäfte besorgt. — Dagegen ließ sich vor einigen Jahren eine sehr gewichttge Stimme über eine ganz andere, rein „arische" , Ausbeutung des galizischen Landvolkes vernehmen. Es war kein Geringerer als Graf Stanislaw Tarnowski, Herrenhausmitglied, Universitätsprofessor und Präsident der hiesigen Akademie der Wissenschaften, der in einer seinerzeit großes Aussehen erregenden Broschüre: „Porcya" die galizischen Schlachzizen offen beschuldigte, daß sie durch einen eigenartigen Wucher die armen bäuerlichen Arbeiter rücksichtslos ausbeuten. Der einzige lindernde Umstand, der zu Gunsten dieser Gutsbesitzer sprach, bestand darin, daß sie keine — Juden waren! Als viele hierländische Juden nach der ihnen gewährten Gleichberechtigung den Handel bettieben, und theils durch Pachtung, theils durch Ankauf von Gütern dem Ackerbau sich widmeten und in einige:: derselben allgemein anerkannte Musterwirthschaften geschaffen haben, erhoben unsere nationalen Chan-