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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-10 · 28 (10.7.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
28 (10.7.1896)
Date
1896-07-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 546 Dr. Vloch's Wochrnfchrifi Nr. 28 überwiesen wurde. In Graz werden Menschen dieses Kalibers vor das Strafgericht gestellt, in Wien, wo sie unter dem Schutze der Clericalen stehen, läßt der Landmarschall ihre unstäthige Beredtsamkeit ruhig sich über den Landtag ergießen. In Graz zieht der Staatsanwalt die Feichtinger und Genossen, die in der schamlosesten Weise ihre öffentlichen Stellungen zu verbrecherischen Acten der Corruption, der Protection und des Nepotismus mißbraucht haben, zur Verantwortung, in Wien läßt es der Staatsanwalt ungestraft geschehen, daß Herr Vergani in einer ganzen Artikelserie die gesammte österreichische Beamtenschaft der Corruption, der Protectionswirthschaft und des Nepotismus beschuldigt! In welchem Staate leben wir? Was ist noch Recht und Gesetz in diesem Staate und wo ist der Ariadne-Faden, der aus dieser labyrinthischen Verwirrung aller Rechtsbegriffe den Ausweg zeigt? Ist es möglich, daß die Grundlagen einer Gesellschaft und eines Staatswesens unerschüttert bleiben, wo eine Schaar von ehr- und gewissenlosen Schreckensmännern täglich und stündlich ungestraft dieselben Verbrechen verübt, deren sie mit Unrecht ganze Elasten und Stände beschuldigt? Das „Deutsche Volksblatt" hat die oben erwähnte Artikelserie „Sodoma und Gomorrha" betitelt und darunter den Nebentitel gesetzt: „Geschichte des Nepotismus, der Kameraderie und der Bureaukraten-Protection in Oesterreich". Wohlgemerkt, nicht wir, sondern das Leibblatt des Herrn Lueger nennt Oesterreich ein „Sodoma und Gomorrha". Und auch an uns ist es nicht, die also an den Pranger gestellte Ehre des Staates zu vertheidigen. Gewiß, es gibt Sünden, die zum Himmel stinken — inGraz verfolgt man sie, in Wien werden sie geduldet. Und wenn ein Fremder unsere Grenzen überschreitet, so mag er wohl vor Erstaunen über solche Zustände zur Salzsäule erstarren! Der Winkelried von Grs;. Nicht jeder Zeitungsgauner kann die zum zellenlosen Leben nothwendigen Strafausschließungsgründe aufbringen. Der Grazer Teutone Feichtinger verstand es nicht, auch nur die geringste Verjährung für sich geltend zu machen. Er scheidet aus der Mitte seiner Genossen und mit prophetischer Wehmuth ruft er ihnen den Scheidegruß zu: „Bleibt mir schön auf freiem Fuß!" Während die Wiener Feichtingers über die Grenze wandern, die Festung Potsdam, das Gefängniß Plötzensee bewundern, wird der Wissensdrang Feichtinger's gehemmt. Der Neid seiner Widersacher zwingt ihn, sich mit den heimischen Einrichtungen dieses Genres zu begnügen. Der Proceß Feichtinger hat manch' interessante Episode gebracht. Wir haben erfahren, wie sauer das Leben eines Kleingewerbetreibenden der Corruption ist, wie schwer es diesen 27 kr.-Banditen gemacht wird, für ihre arische Moral und Unbestechlichkeit einen Käufer zu finden. Es gibt kein trefflicheres Argument für den Antisemitismus, als daß es so schwer fällt, dem Satze: ^Erpreßt nur bei Christen!" praktische Geltung zu verschaffen. Blutenden Herzens mußte der Arier Feichtinger den Revolver auf die jüdische Brust des Moriz Wohl setzen. Er that es mit innerem Widerstreben. Es heißt einem Juden zu viel Ehre anthun, es bedeutet eine kränkende Zurücksetzung der eigenen Stammesgeuossen. Das sahen auch die eigenen Parteigenossen ein. Feichtinger ries, wie er erzählte, eine Art Parteitag ein und trug ihnen die Sache vor. Wie schüttelten die germanischen Lockenhäupter. Wohl gethan, wehrhafter Feichtinger! Schweigegelder sind eine schöne Sache. Aber mit Juden soll man sich nicht einlaffen! Da vertrat Feichtinger die Sache der Aufklärung, den Standpunkt der Humanität. Man darf auch die Juden bluten lassem Ein alter, erprobter Gebrauch. Dem huldigen auch jene hohen Herren welche gegen jüdische Recruten nichts einzuwenden haben. . . Feichtinger, der Toleranzapostel siegte. Aber nachträglich kamen ihm Bedenken. Er unterließ es, die hehre Sache des christlichen Zeitungsunlernehmens durch jüdisches Geld zu schänden und opferwillig bot er die eigene Tasche den jüdischen „Speeren". Der Staatsanwalt hat den Grazer Winkelried verkannt. Er bemängelte es, daß der unfreiwillige Beitrag, den der Jude Wohl für das antisemitische „Grazer Extrablatt" gespendet hatte, nicht gebucht worden sei. Und darauf fand die Feichtinger eine Antwort, die man als das Leitmotiv des Processes bezeichnen kann: „DenParteigenossen konnte iw es sagen, aber nicht meinem Beamten, meinem Buchhalter, meinem Cassier! „Den Parteigenossen konnte ich es sagen." Ja wohl, Herr Feichtinger, ihren Parteigenossen konnten Sie Alles sagen, ohne sich zu schaden. Im Gegentheil, Sie erbrachten auf diese Weise den besten Befähigungsnachweis, Ihre Partei zu leiten, zum Mindesten die Presse Ihrer Partei, diesen schmutzigsten Winkel des antisemitischen Augiasstalles. Nicht nur jedes Land, auch jede Partei hat die Presse, die sie verdient. Es ist eine traurige Zeit. Mitunter verhallen sogar die wildesten Noth- und Verzweiflungsschreie, die zum Pauschalienhimmel der Bankinstitute aufgellen. Da werden denn hohle Hände gemacht und die Schädel vorgestreckt, auf denen so viel, so riesig viel Butter Platz hat, und wie in Zeiten der Hungersnoth die Wölfe sich aus den Wäldern hervorwagen und nächst Dörfern nnd bewohnten Weilern streifen, so thun es die antisemitischen Pauschalienwölfe. Sie fallen Einzelne an. Und es gilt ihnen gleich, ob Jude, ob Christ . . Aber es ist ein gefährliches Gewerbe! Nicht Jeder versteht sich in gewissen Grenzen zu halten und sich still und bescheiden an einer — Gemeindecasse etwa zu nähren. Verein;ur Abwehr des Antisemitismus. Der soeben versendete Jahresbericht des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" enthält eine muthige, gegen die Gleichgiltigkeit, Trägheit und Feigheit des Opportunismus gerichtete Ansprache des Präsidenten, Freiherrn von Suttner, in welcher unter Anderem das von uns bereits mitgetheilte Schreibeir Carneri's zur Kenntniß gebracht und auf die Rechtsschutz-Abtheilung des Vereines für den Fall etwaiger Uebergriffe gegen die Rechte jüdischer Staatsbürger aufmerksam gemacht wird. Die Mitgliederzahl des Vereines ist im Berichtjahre um 50 gewachsen. Das Bureau hat 38.280 Kanzleistiicke erledigt;' die Ausgaben belaufen sich auf fl. 10.161, die Einnahmen ans fl. 10.173, der Vermögensstand auf fl. 4573'50. Die Lage des Vereines ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen natürlich eine überaus schwierige. Es wäre Sache unserer Glaubensgenossen, durch zahlreichen Beitritt und Anregung des Vereines zu zweckmäßigen Actionen diesen Hebel zur Autoemancipation zu benutzen. Die Intentionen der Vereinsleitung sind offenbar die besten. Es fehlt in der Ansprache des Präsidenten nicht an einer offenen und energischen Kritik der Regierung wegen ihrer Capiinlation vor Lueger. „Wer von uns den richtigen Patriotismus empfindet, d. h. den Patriotismus, der von dem Wunsche beseelt ist, in Fortschritt und Freisinn in gleicher Linie mit dem übrigen Europa zu bleiben, dem muß die Schamröthe über unsere gegenwärtigen Zustände in die Wangen steigen." Wenn man mitten in der gegenwärtigen Ueberflutung Wiens mit dem Abschaum der schmutzigen Wäsche des Herrn Gregorig die Ansprache Baron Suttner's und den Brief Carneri's liest, hat man genau das Gefühl, welches Herr Universitätsdocent Dr. Feilbogen in der Einleitung seines Bortrages, der dem Jahresberichte beigegeben ist, zum Ausdrucke bringt. Man hat das Gefühl, „als würde man aus einer Sintflut von Bosheit und Lüge auf eine hochragende Insel der Wahrheit und Gerechtigkeit entrückt." Der Vortrag selbst behandelt das Thema: „Die Abwehr des Antisemitismus als österreichisches Staatsintereffe". Er ist mit Bezugnahme auf die Ungarnhetze Lueger's der Erklärung der Thatsache gewidmet, daß „der Antisemitismus keinen Schritt nach vorwärts machen kann, ohne an den Grundlagen der österreichisch-ungarischen Monarchie zu rütteln." Zu diesem Zwecke

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