Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 542 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 27 „Sagen Sie meinem Vater, er soll nach Hause gehen und sich nicht kränken .... Ich bin ganz gesund, nur ein bischen schwach", flüsterte Benjy. Coleman war ganz aufgeregt. Er fragte sich gerade, ob er zu einem kleinen Berständniß des Jargons sich bekennen sollte, als das abgezehrte Gesicht auf dem Kissen Plötzlich einen veränderten Ausdruck annahm. Der Doctor kam heran und fühlte dem Knaben den Puls. „Nein, ich will diese Maaßeh nicht hören", rief Benjamin. „Erzähl' mir lieber vom Sambatyon, Vater, der am Schabbes nicht fließen will!" Er sprach Jargon, er war wieder ein Kind geworden. Das Gesicht Moses' leuchtete freudig auf. Sein Erstgeborener war chm nun wieder verständlich. Dann war ja noch Hoffnung. Eine plötzliche Fluth von Sonnenschein strömte in das Zimmer. In der^Stadt würde die Sonne erst nach einigen Stunden durch die Wolken brechen. Moses beugte sich über das Kiffen, sein Gesicht zuckte und eine heiße Thräne fiel auf das emporgerichtete Antlitz seines Sohnes. „SM, still, mein Benjamin!", sagte Benjamin und begann im Jargon seiner Mutter zu singen: „Schlaf, Väterchen, schlaf, Dein Vater ist ein Raw, Deine Mutter bringt Dir Aepfelein, Segen auf Dein Köpfelein." Moses sah seine todte Gittel, wie sie ihren Knaben in den Schlaf lullte. Die Thränen blendeten ihn, er merkte nicht, daß sie auf das kleine, weiße Gesicht fielen. „Nein, trockne Deine Thränen, mein Benjaminchen!", sagte Benjamin in noch zärtlicherem, beruhigenderem Ton und stimmte eine seltsame, klagende Melodie an: „Ach, weh ist mir, Wie schlecht geht's mir. Vertrieben bin ich worden, So jung von Dir." Und Rahel, seine Mutter, sprach zu ihm aus dem Grabe: „Sei getrost, mein Sohn, eine große Zukunft steht Dir bevor." „Das ist das Ende", flüsterte der alte Vierauge dem Vater im Jargon ins Ohr. Moses zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. „Mein armes Lämmchen, mein armer Benjamin", jammerte er. „Ich habe gedacht, Du wirst nach mir Kaddisch sagen, nicht ich nach Dir." (Fortsetzung folgt.) Eine Mutter im Israel. Bon Hjalman Hjonth Bojensen. (Fortsetzung). Am Abend nach dem Begräbniß saß Rachel mit ihren beiden Söhnen in dem einfach möblirten Wohnzimmer, welches des Nachts den Brüdern auch als Schlafftube diente, auf dem Clavier phantasierend. Baruch, der seine Mutter so gerne spielen hörte, saß, das Kinn in die Hand gestützt, sie mit zärtlicher Besorgniß betrachend, während David, wie ein verwöhntes Kind, das er auch wirklich war, mit hochgezogenen Beinen über die Verspätung des Abendbrot murrte. Der große eiserne Ofen in der Ecke ließ sein gleichförmiges Knistern und Knattern vernehmen, und feurige Zungen schlugen aus ihm, so oft die Thürgeöffnet wurde. Zwei Talglichter in hell glänzenden Zinnleuchtern verbreiteten ein mattes Licht um das Piano und ließen den anderen Theil des Raumes in traulichem Dämmerschein. In dieser schwankenden Beleuchtung erschienen Rachels Züge sanft und milde, die Linien, die Jahre des Kummers und der Sorge, die in ihrem Antlitz eingegraben, verschwamme:! und nur der edle Muth, die Kraft und Demuth, die in ihrer Seele wohnten, leuchteten mit mildem Schimmer durch. „Mutter", sagte Baruch, ihren Kopf nach rückwärts zu sich wendend und sie küssend, wie schön bist Du!" „Schön, mein Kind?" wiederholte sie traurig. „Gut, ich fteue mich, wenn ich Euch schön erscheine." Sie ließ chre Finger über die abgenützten, gelblichen Tasten gleiten und sie erwiderten chre Empfindung mit schwachen, zitternden Tönen. Sie bedurfte jetzt, wie jederzeit, des Trostes, und nach kurzem, überaus zartem Präludium begann sie mit ihrer klaren, sanften Stimme den 38. Psalm zu intoniren: „O Herr, straf mich nicht mit Deinem Zorn." Baruch, der die Bedeutung dieses Gebetes fühlte, stimmte mit seinem kräftig klingenden Baß ein und die beiden Seelen schieneir in süßer Harmonie aufwärts zu schweben zum Throne der ewigen Verzeihung. Sie waren eben bei dein Vers angelangt: „Mein Herz bebt, meine Kräfte verlassen mich", als sie durch ein Geräusch in der Vorhalle unterbrochen wurden, und ehe sie sich noch umwenden konnten, wurde die Thüre durch einen Schlag aufgestoßen und drei uniformirte Polizeibeainte traten ein. Rachel brach jäh ab und erhob sich mit ruhiger Würde vom Piano. Aber Schrecken lag auf ihren! weißem Angesicht und ihre Glieder waren wie erstarrt, so daß sie den Boden unter sich nicht fühlte. Denn in Rußland ruft ein Besuch der Polizei schreckliche Visionen hervor, von Sibirien, Galgen und blutigen Martern. „Erlaubt mir die Frage," begann Rachel zitternd, ängstlich jede Bewegung der Männer beobachtend „welcher Auftrag führt Euch her zu dieser Stunde? Wäre es nicht möglich, daß Ihr Euch in der Adresse geirrt hättet?" „Es ist kein Jrrthum, ich versichere, Madame," antwortete derjenige Officier, welcher den Oberbefehl zu haben schien, während er ein fürchterlich aussehendes Document mit rothen Siegeln entfaltete. „Dies ist,!vie ich glaube, Frau Memlinger, Witwe nach Judah Memlinger, Kürschnergehilfe?" „Ja, ich bin Judah Memlinger's Witwe!" „Ihr verstorbener Gatte," fuhr der Beamte in rauhem, geschäftsmäßigem Tone fort, „hatte als Handwerker das Heimatsrecht in Odessa. Aber nun, da er tobt ist, hört dieses Recht natürlicherweise ans, und ich mache Ihnen hiemit die Mittheilnng, daß, laut kaiserlichen Ukas vom Februar 188*, Sie und Ihre Söhne aufgefordert werden, diese Stadt von jetzt in 48 Stunden zu verlassen." Rachel stand wie betäubt, hilflos vor sich hinstarrend. „Verzeihung, mein Herr," begann sie endlich, ihr Beben bekämpfend, „aber tvohin sollen wir gehen und wie? Wir haben kein Geld; und binnen 48 Stunden kann ich meine Einrichtung nicht verkaufen und etwas dafür bekommen. Wir sind arme Leute und haben nichts zurückgelegt. Es ist mitten im Winter, wir werden am Wege zu Grunde gehen." „Madame," sagte der Beamte im Tone ärgerlicher Abweisung, „das ist nicht meine Sache; Alles, was ich zu thun habe, ist, Ihnen im Namen der kaiserlichen Regierung anzuzeigen, daß Ihnen und Ihren Söhnen besohlen wird, das russische Reich innerhalb 48 Stunden zu verlassen. Er faltete das Papier zusammen und war daran, es in der Brusttasche seines weiten Militärrockes zu bergen, als er plötzlich inne hielt und beim Zwielicht die Einrichtung des Zimmers mit einem raschen Blick übersah. „Ich will Euch zehn Rubel für dieses Piano geben," sagte er nachlässig; „es ist zwar ein alter Klimperkasten, aber vielleicht ist das Holz als Brennmaterial so viel werth." „Zehn — zehn — Rubel?" schrie Rachel. Sie erinnerte sich genau des Tages vor 25 Jahren, als ihr Vater sie mit diesem Kostbarsten all ihrer Güter beschenkte, nachdem er dafür in Paris 500 Rubel gezahlt hatte. Wie hatte ihr Auge sich an den Mosaik-Figuren ergötzt, welche aus Elfenbein und Perlmutter auf dem Deckel eingelegt waren! Sie wußte nicht, daß es nun unmodern war, ihr schien es noch immer, inmitten seiner geringen Umgebung ein Kunst-, ein Meisterwerk. Hatte es nicht mit ihrem Kummer geweint, mit ihrer Traurigkeit geseufzt, mit ihrer Freude gelacht, während eines Vierteljahrhunderts, als ob es in seiner Brust ein menschliches Herz hätte. Und jetzt sich davon trennen zu müssen und für zehn Rubel — es einem grausamen Polizeibeamten überlassen, der aus ihrem Unglück Vortheil ziehen wollte! Rachel stand einen Augenblick wie gelähmt, die Augen wie irr ins Leere gerichtet. Doch mit einem Male loderte eine wilde Glut von Zorn, Leidenschaft, beleidigter Würde darin auf. Ohne eine Wort sprang sie zu dem Block beim Ofen und die Axt ergreifend und über ihrem Haupte schwingend ließ sie dieselbe mit furchtbarein Streiche auf dem Clavierdeckel niedersausen, so daß er in Stücke zersplitterte. Nochmals schwirrte die Axt in der Luft und die Claviatur gab einen schrillen Klang, während die Tasten zu Boden kollerten. Ein dritter Streich, der den Resonanzboden traf, welcher einen klagenden Laut von sich gab und das ganze kostbare Instrument war ein unförmiger Trümmerhaufen. Mit zitternden Händen erhob sie die Axt nochmals, aber es gebrach ihr an Kraft, sie zu führen und sie fiel zu Boden.