Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 27 Seite 541 Dr. Vwch's Wochenschrift. Er blickte instinctiv nach dem Deckblatt. „Ein funkelnagelneues Buch?", fragte er verächtlich. „Da steht ja: „Esther Ansell für Besserung". Wenn einmal ein Buch so verdorben ist, ist nichts mehr dafür herauszuschlagen." „Aber gerade die Aufschrift macht es so werthvoll", stieß Esther weinerlich hervor. „Vielleicht", sagte der runde Mann mürrisch, „Aber glaubst Du, daß ich einen Käufer finde, der auch Esther Ansell heißt? Glaubst Du, daß alle Leute Esther Ansell heißen oder der Besserung fähig sind?" „Nein," hauchte Esther schmerzlich. „Aber ich werde es bald selbst wieder herausnehmen." „In dieser Welt weiß man nichts gewiß," meinte der rundliche Mann skeptisch, den Kopf schüttelnd „Nun, wie viel willst Du dafür?" „Nur einen Schilling", sagte Esther, „und drei Pence", fügte sie, sich bedenkend hinzu. „Schön," antwortete der rundliche Mann besänftigt. „Ich werde heute nicht handeln. Du siehst ja ganz verstört aus. Da hast Du!" Und Esther schoß, das Geld fest umklammert haltend, zum Laden hinaus. Moses hatte seine Gebetriemen mit frommer Genauigkeit zusammengelegt und in einen kleinen Beutel gethan. Jetzt trank er hastig eine Tasse Kaffee. „Da ist der Schilling!", rief sie, „und zwei Pence extra für den Omnibus bis zu London Bridge. Aber nun schnell!" Sie legte den Versatzschein sorgfältig zu seinen Gefährten in eine mißfarbene Lederbörse, die ihr Vater eimal auf der Straße aufgelesen, und drängte ihn zur Thür hinaus. Als seine Schritte auf der Treppe verhallt waren, überkam sie eine große Sehnsucht, ihm nachzulaufen und mit ihm zu gehen. Aber Jsi lärmte um sein Frühstück, und die Kinder mußten in die Schule. Sie selbst blieb zu Hause, denn die Großmutter stöhnte erbärmlich. Als die Geschwister fort waren, machte sie das leere Bett und glättete die Kissen der alten Frau. Plötzlich fiel ihr ein, wie ungern Benjamin seinen Vater vor seinen neuen Gefährten zeigte. Hoffentlich würde Moses nicht uunöthiger Weise aufdringlich sein; freilich, wenn sie mitgegangen wäre, Hütte sie in dieser Hinsicht ihren Takt bewiesen. Sie machte sich Vorwürfe, weil sie den Vater nicht ein bischen hergerichtet hatte. Sie hätte rasch einen neuen Kragen kaufen und darauf achten müssen, daß er sich ordentlich wasche; aber in der Eile und dem Schrecken waren alle Gedanken an Anstand untergegangen. Dann schweiften ihre Gedanken wieder ab, und sie sah ihr Classenzimmer vor sich, wo neue Sachen gelehrt und neue Preise gewonnen wurden. Es kränkte sie, daß sie nun auf Beides verzichten mußte. In der Gesellschaft ihrer Großmutter ftihlte sie sich sehreinsam; sie wäre gern hinuntergegangen, uni sich auf dem Schoß der Holländer-Debby auszuweinen. Dann bemühte sie sich, das Zimmer, in dem Benjy lag, sich auszumalen, aber ihre Phantasie entbehrte der dazu nöthigen Daten. Sie wollte nicht glauben, daß der kluge Benjamin tobt sei, daß er in Sterbekleider gehüllt werden würde, gerade so wie seine arme Mutter, die gar keine literarischen Talente besessen hatte. Ob er wohl so stöhnte, wie die Großmutter? Und so wartete Esther, beim leisesten Geräusch die Ohren spitzend, auf Nachrichten von ihrem Benjy. Die Stunden schleppten sich langsam weiter, die Kinder kamen nach Haus und fanden das Mittagessen bereit, aber Esther wartete noch immer. Ein staubiger Sonnenstrahl stahl sich durch's Dachstubenfenster, als wolle er ihr Hoffnung geben. . . . Benjamin hatte sich von seinen Büchern weglocken lassen, um in der kalten Märzluft Ball zu spielen. Er hatte die Jacke abgelegt und sich bei der ungewohnten Bewegung sehr erhitzt. Die Reaction war ein Frösteln; eine leichte Erkältung folgte, welche, weil er sie vernachlässigte, sich rasch in ein schweres Unwohlsein verwandelte, ohne daß der energische Knabe sich krank meldete. War doch der Tag nahe, an dem „Unser Eigenthum" erscheinen sollte. Die Erkältung verschlimmerte sich mit derselben Schnelligkeit, und kaum hatte der Knabe die erste Klage geäußert, so lag er schon in hohem Fieber, und der Anstaltsdoctor erklärte, daß es Lungenentzündung wäre. In der Nacht delirirte Benjamin. Die Wärterin rief den Doctor und am nächsten Morgen war sein Zustand so kritisch, daß nach seinem Vater telegraphirt wurde. Die Wissenschaft vermochte wenig zu thnn. Alles hing von der Constitution des Patienten ab. Ach, die vier int Wohlleben und in der Laitdlnft verbrachten Jahre vermochten nichts gegen die Jahre, die der Knabe unter Entbehrungen in der schlechten Luft verlebt hatte, umso weniger, da er eifriger darauf bedacht war, sich mit Thackeray bekattnt zu machen, als die Vortheile seiner jetzigen Lage auszunützen. Als Moses ankam, wälzte sich sein Sohn unruhig in einem kleirten Bette, das in einem kleinen, ziemlich weit von den großen Schlafsälen entfernten Zimmer stand. Die Hatismntter, eine junge Dame mit eiltem sanften Gesicht, beugte sich zärtlich über über ihn, und danebett saß eine Wärteriit. Der Arzt stand prüfend zu Füßen des Bettes. Moses ergriff die Hand feines Sohnes. Die Hausmutter trat schweigend zurück. Benjamin starrte den Vater mit großen Angen an, er erkannte ihn nicht. ,Wie geht's Benjamin?", rief Moses auf jüdisch mit erkünstelter Heiterkeit. „Danke, alter VieraugeEs ist sehr gut vvtt Ihnen, daß Sie zu mir kommen. Ich habe immer gesagt, daß man in der Zeitung keine Anspielungen auf Sie machen soll. Ich habe den Jungens immer gesagt, daß Sie ein sehr anständiger Kerl sind." „Was sagt er?", fragte Moses, sich zu den Anderen wendend. „Ich verstehe kein Englisch." Sie konnten auch feine Frage nicht verstehen. Aber die Hausututter errieth sie. Sie deutete statt der Antwort auf die Stint und schüttelte den Kopf. Benjamin schloß die Angen, und es entstand lautlose Stille. Plötzlich öffnete er sie wieder und sah seinen Vater an. Als Benjamin das gebeugte Wesen erblickte, dem er sein Leben verdankte, flammte ein tieferes Roth auf seiner brennenden Wange ans. Moses trug ein schmutziges, rvthes Halstuch uttter seinem ungekämmten Bart, seine Kleider waren fettig, sein Gesicht noch nicht gewaschen, und das Schlimmste war, er hatte beit Hut nicht abgelegt, obwohl noch andere Rücksichten als die der Etikette ihn hätte bewegen sollen, den Hut nicht zu zeiget!. „Ich hielt Dich für den alten Vierauge," murmelte der Knabe verlegen. „War er nicht gerade hier?" „Holen Sie Herrn Coleman!", sagte die Hausmutter zur Wärterin. Sie mußte unter Thränen lächeln, weil ihr der Spitzname des Lehrers bekannt war. Welchen Kosenamen sie selbst wohl unter den Kindern ftihren mochte? „Nimm Dich zusammen, Bettjamiu!", sagte sein Vater, als er sah, daß der Knabe sich seiner Anwesenheit bewußt war. „Du wirst bald gesund sein. Du warst schon einmal viel kränker." „Was sagt er?" fragte Benjamin, indem er die Hausmutter anblickte. „Er sagt, es thut ihm leid, daß Dtt krank bist," entgegnete die Gefragte auf's Gerathewohl. „Aber ich werde doch bald aufstehen können, nicht wahr? Ich kann „Unser Eigenthum" nicht verschieben", flüsterte Benjamin. Mache Dir keine Sorgeit über „Unser Eigenthum", liebes Kind!", murmelte die Hausmutter, indem sie die Hand ans seine brennende Stirn legte. Moses machte ihr respectvoll Platz. „Was sagte er?", fragte er. Die Hausmutter wiederholte die Worte, aber Moses verstand sie nicht Der alte „Vierauge" erschien. Es war ein sanfter, bebrillter junger Mann. Er schaute den Doctor an, und dessen Auge sagte ihm Alles. „Ach, Herr Coleman," flüsterte Benjamin mit fteudig heiserer Stimme, „bitte sorgen Sie dafür, daß „Unser Eigenthum" auch diese Woche erscheint. Sagen Sie Jack Simonds, er soll nicht vergessen, um die Seite, auf der Bruno's Grabschrift steht, den schwarzen Rand mit dem Lineal zu machen. Die Beinase — ich, ich meine Herrn Bernstein — hat sie uns in Küchenlatein ausgeschrieben. Ist das nicht ein Spaß? Bitte sagen Sie ihm : einen dicken, schwarzen Rand. Er war ein guter Hund und hat in seinem Leben nur einen Knaben gebissen." „Schön, ich werde es ihm sagen," antwortete der alte Bierauge, und seine Stimme klartg ebenfalls heiser. „Was sagt er?", fragte Moses hilflos den Lehrer. „Ist es nicht traurig, Herr Coleman," meinte die Hausmutter. „Sie können einander nicht verstehen." „Sie sollten einen Dolmetsch auf Lager halten," sagte der Doctor und schneuzte sich. Coleman kämpfte mit sich selbst. Er verstand und sprach den Jargon tadellos, detm seine Eltern sprachen ihn noch immer, aber er hatte sich immer so gestellt, als hätte er keine Ahnung davon.