Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 534 Vr. Vlorh's Wochensttzrtft. Nr. 27 womrenen Erfahrungen in einem übersichtlichen, in der Hettner'schen „Geographischen Zeitschrift" veröffentlichten Aufsatze, dem wir nachstehende Ausführungen entlehnen: Palästina kann heute wieder der „Süden" und die Kornkammer für das ganze südöstliche Mittelmeergebiet und für Europa werden. Wir halten eine Vervierfachung der heutigen Bevölkerung, al>o drei Millionen, 100 Köpfe auf einen Quadratkilometer, für durchaus möglich, lediglich durch Entwicklung des Anbaues des Bodens, ohne Hinzutrcten einer irgendwie ins Gewicht fallenden Gewerbethätigkeit, für welche bei völligem Fehlen innerer Schätze des Bodens, also auch des Bergbaues, eben die Bedingungen nicht gegeben sind .... Im Westjordanlande ist zunächst die ganze Küstenebene mit ihren ungemessenen Waffervorräthen im Untergründe dichtester Besiedelung fähig. Für Apfelsinenzucht, Baumwollen-, Tabak- und Zuckerrohrbau sind dort die Bedingungen im Großen gegeben. Auch auf dem Hochlande des Westjordanlandes bedarf es nur der Berwerthung der vorhandenen und der Aufspeicherung der winterlichen Waffermassen zu Anbauzwecken, um einen sehr großen Theil des Landes in Gartenlandschaften zu verwandeln, wie wir sie heute nur um Bethlehem, Nabulus, Dschenin und einige andere Ort« sehen. lieberall können mit Hilfe künstlicher Bewäfferung werthvollere Erzeugnisse hervorgebracht werden, für die es (z. B. Oel, Apfelsinen, Wein) im südöstlichen Mittelmeergebiet, besonders in Egypten, also in nächster Nähe, an Käufern nicht fehlt. Das Ghor (Jordanthal) ist in seiner ganzen Ausdehnung in einen tropischen Garten zu verwandeln. Die Dattel, die dort reift, wird wie im Alterthum zu den besten gehören, die man kennt, und weit besser sein, als die egyptische. Dazu können Apfelsinen, Baumwolle, Zuckerrohr, Bananen, im Winter vor Allem Gemüse gezogen werden. Jericho, beute bereits über Salonichi nur fünf Tagreisen von Berlin, von Jerusalem aufeinemMorgenspaziergange erreichbar, aber 1050Meterliefer gelegen, im Jänner um zwei Grad Celsius wärmer als Kairo, kann wieder werden, was es zur Zeit des Herodes war, ein prachtvolle Winterresidenz, deren Werth noch durch die dicht dabei sprudelnden heilkräftigen Thermen von Tell el-Hainmam ('Ain es-Sultän), durch das Todte Meer mit seinen großartigen Scenerien und seinen Thermalquellen, wie 'Am Dschidi-Hammum ez-Zerka (Kallichoe) schon im Alterthum ein Luxusbad, 'Ain es-Sara u. A., durch die Fülle anziehender Alterthümer ringsum, durch den fischreichen Jordan u. A. m. erhöht wird. Eine Berieselungsoase von etwa 55 Quadratkilometer Flächeninhalt kann hier geschaffen werden. Wie von Thales v. Milet erzählt wird, daß er einen Spötter den Beweis geliefert habe, daß seine Pyilosophie auch großen praktischen Werth haben könne, indem er, eine reiche Olivenernte voraussehend, alle Oelpreffen in Jonien pachtete und dann, als die reiche Ernte wirklich eintrat, mit großem Gewinn wieder verpachtete, so kann der Geograph heute den Rath zur Errichtung einer Gesundheitsstation in Jericho ertheilen, wie die deutschen Ansiedler von HaisL eine solche auf dem Karmel bereits zu errichten im Begriff sind. Das Ostjordanland in seiner ganzen Ausdehnung, von Moab bis zum Hermon und HaurLn, ist ein natürliches Weizenland, wie es ausgezeichneter kein zweites gibt. Die fruchtbarsten Gebiete, die, wenn Ende Mai der Weizen geerntet ist, bald im Sonnenbrände einer Wüste gleichen und von den Bewohnern verlaßen werden müssen, können, wenn man die winterlichen Regenmengen anfspeichert, dauernd bewohnbar gemacht werden. Sie waren in der Blüthezeit bis zum Einbruch der Araber von hochgesitteten Menschen dicht besiedelt, wie die vielen Hunderte in Trümmern liegende Städte und Dörfer bezeugen. Die Natur leitet selbst dazu an, da die Winterwaffer sich vielfach in felsigen Vertiefungen von selbst sammeln und erhalten. Roch heute sind diese Anlagen, riesige offene oder bedeckte Cisternen, mit deren Hilfe sich allein Bosra (Bostra) als Knotenpunkt römischer Straßen zu einer Großstadt im Wettbewerb mit Damaskus entwickeln konnte, erkennbar, ja vielfach noch in Benützung; noch heute lassen sich die Wasserleitungen verfolgen, deren eine, noch heute die pharaonische genannt, beispielsweise in einer Länge von 44 Kilometer mit zum Theil großartigen Viaducten aus dem noch heute vorhandenen reichen Quellbecken El Gab bei Dilli, mitten in En Nukra, nach Der'at (Adraa) heute schon wieder ein ansehnlicher Ort, an dessen antiken Ringmauern noch jeder Stein einen vier Zoll hohen griechischen Buchstaben, das Steinmetzzeichen, trägt — und von da nach Westen des MukLs oder Um Kes (Gadara), 5 Kilometer von der Mündung bis Jarmük führte. Vermuthlich waren damals, wo das ganze Land angebaut und große Flächen berieselt waren, auch die Mißernten seltener. Die Cultur von ganz Palästina, das von zwei Seiten von der Wüste umgeben wird, aber namentlich dieser Grenzlandschaften ist eine zarte Pflanze, die sorgsamer Pflege und starken Schutzes bedarf; sie verdorrt, sobald beide nicht mehr gewährt werden können. Diese Grenzlandschaften sind der Schauplatz des ewigen Kampfes der Wüste mit dem Culturlande und darum, weil der am besten gekannte dieser Schauplätze, von besonderer Bedeutung für den Geographen. In Zeiten, wo eine starke Hand sich schützend über das Land breitet, eine geordnete Verwaltung herrscht, drängen sich die Ansiedler in diese Grenzlandschaften, sie schieben die Grenzen des Culturlandes immer weiter vor, immer dichter werden die Ansiedlungen, immer wohlhabender die Bewohner, immer hoher der Bildungsstand, das Culturland siegt über die Wüste. Das Umgekehrte tritt ein, sobald die Macht der Bewohner des Culturlandes unter irgendwelchen Einflüssen erlahmt. Dieser Vorgang hat sich nachweisbar hier mehrmals wiederholt. Am auffallendsten waren diese Gegensätze in spätrömischer Zeit, über die wir auch, fast nur aus den Denkmälern selbst, am besteil unterrichtet sind. Wie ausgezeichnete Organisatoren und Verwalter die Römer waren, ist bekannt. Fünf römische Legionen deckten die Grenzen von Syrien, römische Straßen verbanden die Greuzlandschaften mit dem Innern, römische Castelle umsäumten das Culturland. Ja, noch mehr! Die Wüstenbewohner sind zum Theil, sollen ihre Herden nicht verhungern und verdursten, gezwungen, im Sommer in die niederschlagsreicheren (und Gebirgs-) Gegenden zu wandern; es ist einfach ein Kampf ums Dasein. Wie die Franzosen in Algerien so gezwungen waren, um das Culturland zu schützen, immer weiter gegen die Wüste vorzudringen, sich die Bewohner derselben zu unterwerfen, so verfolgten die Römer die Nomaden der arabischen Wüste bis in ihre anscheinend unangreifbaren Schlupfwinkel. Einen solchen bildet heute, von den Rhiat-Arabern bewohnt, die Lavaküste der Harra östlich vom Hauran. Mitten in ihr liegt, mit fruchtbarsten vulkanischen Zersetzungsstoffen gefüllt, im Winter reichste Weizenernten hervorbringend, das Becken der Ruchbe. Im Sommer, wo alles Wasser verschwindet und die einzige in der ganzen Harra vorhandene Quelle von Nemara nicht ausreicht, muß die ganze Bevölkerung, nachdem die Getreidevorräthe verborgen oder in sicherem Schutze eines Heiligen untergebracht sind, davon ziehen. Die Römer suchten die Feinde auch in diesem Schlupfwinkel auf, unter unsäglicher Mühe wurde eine Straße durch die Steinwüste gebahnt, Castelle schützten die Quelle von Nemara und die Ruchbe, selbst Ansiedler drängten nach und sicherten sich Seßhaftigkeit durch Aufspeicherung der Winterregen. Mit dem Niedergänge des oströmischen Reiches erlagen die schützenden Bollwerke dem gewaltigen Vorstoße der durch eine neue Idee begeisterten und zusammengeballten Söhne der Wüste im Jahre 635 v. Chr; Araber schlugen mitten im Culturlande ihre Zelte auf. So wurden die steinernen Städte fast unversehrt bis auf unsere Tage erhalte». In diesem Berichte fällt den Römern der Löwenantheil an der Landescultur in Palästina zu, sehr aber mit Unrecht; denn, wie man sich leicht aus jedem halbwegs besseren Geschichtswerke belehren kann, hatte schon König Salomo ein ausgedehntes Wassernetz über das Land ziehen lassen, und zur Zeit des Falls vor 1900 Jahren zählte Palästina nach der Berechnung moderner Statistiker eine Bevölkerung von fünfthalb bis fünf Millionen Seelen. Unter den Römern erlebte das Land eine kurze Zeit wirthschaftlicher Nachblüthe, die im Bürgerkriege der christlichen Arianer und der Bilderstürmer gar bald verwelkte. Die Nachfolger. Mohammeds zogen in ein verwüstetes Land ein. Burschenschaften. Im Jahre 1815 gründeten einige Jenaer Studenten eine Vereinigung, welche bald in ganz Deutschland Anhänger fand, weil die Idee, welche dieser Schöpfung zu Grunde lag, eine hohe, edle war. Das nach den Freiheitskriegen darniederliegende Vaterland hatte viel vom Despotismus seiner Fürsten zu leiden; ihn abzustreifen, die Freiheit zu erringen, war Aufgabe der Studentenverbindung, bis schließlich im Jahre 1848 die Frucht dieser Bestrebungen in glänzender Weise gepflückt wurde. Selbstverständlich war man Höherenorts von dieser Bewegung nicht entzückt und der damals allmächtige Premierfürft Metternich unterdrückte alle diese Vereinigungen; aber im Geheimen organisirten sie sich wieder und nichts war im Stande, den Freiheitssinn der jungen Leute zu brechen. Damals waren die Burschenschaften mit ihrem ernsten Streben berufen, eine segensreiche Thätigkeit zu entfalten — sie hatten ein Programm. — Wenn auch die eine Partei die Einigung des Reiches als Ziel vor Augen hatte, die andere wieder mehr einen politischen, Zweck verfolgte, alle waren sie ernstlich bemüht, etwas Edles anzustreben; die raison d’etre für diese Vereinigungen war damals vorhanden. Wie sieht es mit dieser Institution heute aus? Was haben die Burschenschaften seit 48 geleistet? Welche Tendenzen verfolgen sie? Um es gerade herauszusagen, die Existenzberechtigung fehlt den meisten; der alte Geist ist geschwunden und sie existiren nur mehr noch dem Namen nach. Bemerkt muß nochmals werden, daß dies von den meisten derartigen Verbindungen gilt — die Ausnahmen sind sehr spärlich — Pauken, Trinken bildet zumeist den Endzweck, geschieht aber einmal etwas Anderes, dann gibt es eine fürchterliche Blamage. Im „Stoff"vertilgen und Dreinschlagen wird wirklich großes geleistet. Indessen wäre es ungerecht, über alle studentischen Vereinigungen so zu urtheilen; nicht unerwähnt seien die in