Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 27 (3.7.1896)
- Date
- 1896-07-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 530 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 27 sowie die borgweise Beschaffung der ersten Einrichtung fordern, was abermals, wenn wir dies nur für eine Million Juden taxiren, viele, viele Millionen erheischen wird. Wo diese riesigen Capitalien hernehmen? Geld ist wohl billig und reichlich vorhanden, aber unsere großen Banquiers und Creditinstitute wollen es nur dort placiren, wo es einen Börsencurs hat, im Bedarfsfälle belehnt werden kann, somit mobil bleibt, während hier die Capitalien lange Zeit sestgeankert bleiben müßten. Auf dem von Herrn Dr. Herzl geträumten Wege sehe ich somit nicht die erforderlichen riesigen Summen fließen, und doch soll und muß etwas geschehen, um den verfolgten Juden ein Asyl zu öffnen, ein Refigium gegen die überhandnehmende Schurkerei der Gegner, ein Land, in dem sie ehrlich arbeiten und ruhig leben können. Um ein solches zu erwerben, müßte die Hllianee Israelin Universelle tut Vereine mit einer sogenannten englischen Jewish Company und der Wiener israelitischen Allianz s ä m m t l i ch e jüdische G e m e i n d e n der Welt zu Beitragsleistungen in möglichster Höhe und irr mehrjährigen Jahresraten einzahlbar, aufzufordern. Dieselben müßten für die Idee begeistert, für das großartige, nationale Unternehmen gewonnen und überzeugt werden, daß die eingezahlteu Beträge nach Jahren, in Geld oder Gründen, zurückerstattet werden sollen. Aus diesem Wege stünden dann große Summen seiteits der vielett Tausende von Cultusgeineinden zu erwarten, allerdings lange nicht so viel, als zum Ankauf der großen Ländereien iir Argentinien erforderlich. Zur Erreichung dieses Zweckes müßten A n t h e i lscheine über das erworbene, zu parzellirende Gebiet, nach Hektaren, ausgegeben werden. Diese hätten jedenfalls einen reelleren Werth als die Bons der iir Afrika oder int Mond gelegenen Gold- und Diamantenfelder oder die Actien mancher Bergwerksgesellschaft mit Grafen an der Spitze und wären sogar sehr steigerungsfähig, da durch den Ankauf so ausgedehnter Ländereien und die große Einwanderung der Werth von Grund und Boden in den jetzt noch dünn bevölkerten La Plata-Staaten rapid steigen würde. Die Regierungen dürften dem Unternehmen keine Schwierigkeiten entgegensetzen, denn erstens würden in der ersten Zeit blos jene Classen wegziehen, die keilte erhebliche Steuerkrast repräfentiren, zweitens wäre der, durch den langen Frieden, Alrtiseptik und Heilserum entstandenen Ueberbevölkerung, die sich gegenseitig iin Kampfe ums Dasein zerfleischt, ein Beirtil geöffnet. Die einzigen Unglücklichen wären die Antisemiten, deren Dasein erlöschen und die Redacteure der judenfeindlichen Blätter, die eittgehen würden! Ctchwald bei Teplitz, 23. Juni 1896. Siebenter Gemeindeksg des deutfchisrsrlitischen Gemeindebundes. Berlin, Ende Juni. Die Verhandlungen des Gemeindebundes haben diesmal Themen berührt, die auch über die Grenzen Deutschlands hinaus besonderes Interesse beanspruchen. Die wichtigste Fragen, an die sich auch eine tiefgehende Debatte knüpfte, war der Antrag des Ausschusses, betreffend die Einführung des j ü d if ch e n Religionsunterrichtes in den öffentl i ch e n L e h r a n st a l t e n. Ter Ausschuß stellte auf Gruitd der Berathuitgen, welche dte Lehrabtheilung des „D. I. S. B." gepflogen, folgende Leitsätze betreffs des Religionsunterrichtes in Preußen auf: „1. Die Gemeindeverwaltungen find zu veranlassen, die Attsetzung des jüdischen Religionsunterrichts an allen Anstalten, an welchen eine ausreichende Zahl jüdischer Schüler ist, als integrir enden B e st a n d t h e i l des Lehrplanes zu beantragen. 2. Die Directoren lind Rectoren der Schulett sind durch die Vorgesetzte Behörde darauf hinzuweisen, daß sie diesen Unterricht im Sinne der Ministerial-Verfassung vom 30. April 1875 beaufsichtigen und nur dann von demselben dispensiren, wenn nachgewiesen ist, daß ein anderer ausreichender Unterricht i lt der jüdischen Religion d e n d i s p e n s i r t e n S ch n l e r n e r t h e i l t ui i r d. 3. Die Lehrer, ivelchen der Religionsunterricht übertragen wird, sollen entweder dem Lehrkörper als definitiv angcstellte Lehrer angehöreu oder, wo das nicht angängig ist, Rabbiner oder staatlich geprüfte Lehrer fein. 4. Der jüdische Religionsunterricht soll im unmittelbaren Anschluß an den atrdern lehrplanmäßigen Stunden ertheilt werden. Eine Abweichung hiervon darf in keinem Falle durch die anderweitige Beschäftigung des' Lehrers veranlaßt sein. 5. Die Ausstellung von Zeugniffett in der jüdischen Religion erfolgt nach der Bestimmung der Ministerial-Verfassung vom 30. April 1875 und erstreckt sich nicht nur auf die Zeugnisse am Schluffe bestitnmter Zeitabschnitte, sondern auch auf die Reifezeugnisse." Auf Vorschlag des Vorsitzenden Professor Dr. M. P h il i p p s o n beschloß die Versammlung, die Berathung der Leitsätze auf weitere von Professor Dr. H o r o w i tz, Dr. L a n d a u ttitb Amtsgerichtsrath Levy gestellte Anträge auszudehnen und wurden dann auch von einigen Schulmännern sehr beachtenswerthe Attregungen über die geplante Maßregel gegeben. Bon Seiten einiger Rabbinen ivurde hervorgehoben, wie nothwendig es sei, daß beit Rabbinern die Aufsicht über den Religionsuttterricht eingeräumt werde. Einen Standpunkt, der auf lebhafte Opposition stieß, nahm Herr Justizrath Makower ein, der von der ganzen Sache nichts wissen will, da es in religiösen Dingen keinen Zwang geben dürfe. Ein Argument dafür, daß der Religionsunterricht zur Veredlung der Menschheit nichts beitrage, findet der Redner in dent Hinweise auf die Antisemiten, die doch auch Religionsunterricht erhielten. Es sei daher ausschließlich dein Willen des Vaters aitheimgestellt, ob er seinem Kinde Religionsunterricht ertheilen lassen wolle; die öffentlichen Lehranstalten kümmere aber die Sache gar nichts. Die Ausführungen dieses Redners wurdeit von Professor Philippson unter großem Beifalle der Versammlung widerlegt. In den frühereit Jahrhunderten, meinte der Redner schlagfertig, brauchte es keinerlei Zwanges, damit die Jugend Religionsunterricht erhalte. Damals war eben der ganze Lebensinhalt des jüdischen Hauses die Religion. Heute sei dies ganz anders. Ein religionsloses, weil religionsunkundiges Geschlecht wachse heran, welches keine Ahnung von der Geschichte des Judenthums, seiner Religion habe und daher ohne jeden Kampf zum Abfalle bereit sei. Wer ein Jude sein und bleiben soll, müsse vor Allem das Judenthum kennen. Man dürfe auch den Werth, die Wichtigkeit des religiösen Momentes bei der Erziehung nicht unterschätzen. Die Kenntniß unserer Religion verleiht unserer Jugend die kräftigste Waffe gegen verderbliche Einflüsse, zugleich auch das beste Mittel gegen die Verleumdungen und Anfeindungen unserer Hasser. Wer das Jndenthum erhalten wissen wolle, müsse mit Freuden dafür stimmen, daß an den höherett und mittleren Schulen Religonsmtterricht ex otfu ertheilt werde. Nachdem unter Anderem Rector Dr. Adler über die Maßnahmen referirte, die zur Erziehung vertvahrloster Kinder ergriffen werden sollten und Herr Dr. Hirsch Hildesheimer sehr ersprießliche Vorschläge in dieser Angelegenheit machte, wurden die scheidenden Mitglieder des Ausschusses per Acclamation wiedergewählt und die Sitzung mit einer Rede des Vorsitzenden geschlossen. _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Wiener Demokraten in Ungarn. Der Wiener demokratische Centralverein hat unter Führung Dr. Krottawetter's einen Ausflug nach Budapest unternommen und ist daselbst von der gesammten freisinnigen Bürgerschaft mit rauschenden Ovationen begrüßt worden. Aber nicht in den äußeren Ehren, die dem Wiener Volksmanne und seinen Freunden erwiesen wurden, sondern in der ernsten Mahnung und Warnung, tvelche Kronawetter in seinem vor 4000 Zuhörern gehaltenen Vortrage an das ungarische Volk richtete, liegt die große politische Bedeutung dieser Reise. Kronawetter hat in dieser Rede den Ungarn die Augen geöffnet über die Gefahr, von welcher die ungarische Freiheit, die ungarische Verfassung durch die Fortschritte der Reaction bedroht ist. In der Budapester Presse spiegelt sich die tiefe Wirkung dieser Rede wieder. Wenn man früher geneigt war, die Hetze Ungarns gegen die sogenannten „ Judäo-Magyaren" enttveder mit Verachtung zu strafen oder sie als pathologische Erscheinung anzusehen, so hat man jetzt den inneren Zusammenhang zwischen der Thätigkeit L u e g e r's und den Zielen der clerical-feudalen Partei in vollem Umfange erkannt. Man bat in Ungarn bisher viel versäumt, aber die Warnung K r v tt a wett e r's ist auf fruchtbaren Boden gefallen und alle Parteien Ungarns tverden sich vereinigen zur Abwehr der auf die Selbstständigkeit und die Verfassung des ungarischert Staates unternommenen Angriffe. Auch in den Kreisen der Reaction würdigt man die Fahrt K r o n a w e t t e r's und