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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-03 · 27 (3.7.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
27 (3.7.1896)
Date
1896-07-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 Seite 529 Dr. Vlortz's Wochrnptzrist. erkämpfte Existenzen können vernichtet werden. Schon jetzt werdenunter dem Halloh der verhetzten Kanaille dem jüdischen Arzte die Patienten, dem jüdischen Advocaten die Clienten, dem Kaufmann die Kunden abgejagt, wird dem armen Hausirer die Licenz genommen, dem Speculanten die Productenbörse verschlossen, den Commis die Posten gekündigt und ftir die kleinsten bescheidensten Hungerstellen des Staates, der Gemeinde und Vereine werden Taufzeugnisse gefordert. Immer enger wird diese moralische Strangulirung, immer trostloser die Gegenwart und unsicherer die Zukunft. Die Solidarität ist in die Brüche gegangen, jüdische Kaufleute suchen christliche Reisende und Agenten, drängen sich gegenseitig aus den Verwaltungen der von ihnen gegründeten 1 Etablissements und Institute und suchen massenhaft ein Asyl in der katholischen Kirche vor Insulten und Verfolgungen, ohne es zu finden, denn der Renegat wird wie der treu gebliebene Jude mit der Jauche der Gemeinheit beschüttet. In früheren Jahren sperrte man die Juden in Ghettos, überließ ihnen aber neidlos und in vielen Orten concurrenzlos, das Gebiet des Handels, so daß sie von demselben unangefochten leben durften. Heute dürfen — Rußland ausgenommen — die Juden überall wohnen, sie dürfen Alles unternehmen, werden aber überall gestoßen, angerempelt, bekriegt, beschimpft und depossedirt; selbst in Galizien. In diesem wirthschaftlich zurückgebliebenen Lande, ohne Industrie und Capital, waren die Juden in früherer Zeit die alleinigen Träger des Handels, der ihnen unbestritten überlassen blieb, da der herrschende Stand, der Adel, in ihnen bequeme, demüthige Vermittler, Darleiher uud Abnehmer ihrer Producte hatte, mit dem er willkürlich verfahren , durfte, ohne Processe und Schadloshaltungen sonderlich fürchten zu müssen. Die galizischen und russischen Juden kauften von ihren, meist verschuldeten Grundherren, denen Bankcredite eben nicht offen standen, auf spätere Lieferung, das kaum geborene Vieh, das noch unreife Getreide im Halme, den noch ungebrannten Spiritus, Baumstämme, zu deren Fällung die forstbehördliche Zustimmung fehlte und brachten diese Schlüsse auf den Markt. Am Fälligkeitstermin wurde in den seltensten Fällen die verschlossene Maare lieferfähig gestellt, so daß die Mittelsperson dem Bormanne Pönale zahlen, denk Hintermanne zuwarten und meist zu Grunde gehen mußte, wobei die vornehmen Schlachzizen vom Juden immer wegwerfend wie von Erzschwindlern sprachen, die sie aussaugen. Aber auch diese wenig beneidenswerthe Position wird ihnen nun bestritten. Allerorten entstanden Consortien, welche dem Juden den gewohnten Handel entwinden. Selbst der Verkauf des Salzes, eines ärarischen Productes, wurde ihm sonderbarer Weise unter der Finanzverwaltung Steinbach's dadurch abgenommen, daß der alleinige Salzverschleiß für Galizien dem galizischen Landesausschuß übertragen wurde, der seinerseits den Einzelverkauf an die Bezirksräthe, Landedelleute, Gemeinden zuwies, überall, wo es nur anging, unter Ausschluß der jüdischen Händler. In den meisten Städten und Marktorten bestehen jetzt polnische und ruthenische Handlungen, welche alle möglichen Bedarfsartikel führen und bei denen die christlichen Consumenten unter dem Einflüsse der Geistlichen, Beamten und der Grundbesitzer ihre Einkäufe, wenn auch minder günstig als bei den jüdischen Kaufleuten, machen; ja sogar Juden, welche von Natur devot oder in ihrer Stellung abhängig sind, werden veranlaßt, ihren Bedarf in jenen Handlungen zu decken, die zur Besiegung und Verarmung ihrer Brüder errichtet wurden. Das Propinationsrecht, welches in Galizien als Ueberbleibsel feudaler Zeiten noch besteht, wurde abgelöst und überging in das Eigenthum des Landesausschusses, welcher dasselbe parcellirte und.verpachtete. Die Vorbehalte sind aber derart gemacht worden, daß die entschädigten Besitzer zumeist die Ersteher blieben und es dann an Juden mit gutem Nutzen weiter verpachteten, welche jetzt infolge der hohen Pachtzinse, der ungünstigen Ernten und der Enthaltsamkeit der Bauern ihr Geld verlieren, während die Edelleute dabei gewonnen haben. So sieht's jetzt mit unseren Erwerbsverhältnissen aus. Aus Rußland werden wir hinaus geworfen, aus Galizien hinausbecomplimentirt, aber hier wie dort sind wir draußen; hier wie dort entwindet man uns das Stück Brod, das wir in der Hand hielten und drängt uns aus allen innegehabten Positionen hinaus. Es ist ein Verbrechen, einen Menschen zu berauben, aber göttlich schön, ganze Bürgerclassen in ihrer Existenz zu vernichten und aus erwerbsfleißigen Menschen Bettler zu machen. Es gibt allerdings Länder, in denen die Position der Juden minder ungünstig ist, wie z. B. England, Frankreich, Belgien, die Mederlande — aber wie verschwindend klein ist die Zahl der in diesen Ländern lebenden Juden gegenüber Jener, welche in dichten Massen Rußland, Polen, Galizien und Rumänien bevölkern und das Leben des Wurmes unterm Fußtritte, ein Leben fortwährenden Kampfes, des schwersten Druckes und der unerbittlichen Verfolgung führen! Merdings können Zeiten kommen, wo der Antisemitismus von starker Herrscherhand in die Zwangsjacke gesteckt, oder von der aufflammenden Sonne der Freiheit wie Unholde der Nacht verscheucht wird — doch auf wie lange? Der Aera des Lichtes kann, wie schon oft, eine Periode der Finsterniß folgen, an die Stelle des Liberalismus mittelalterliche Reaction wieder treten und nach kurzem Waffenstillstand der Kampf gegen das wehrlose Volk der Juden abermals entfesselt und hunderttausende Familien dem Elend preisgegeben werden. Das Wort einer mächtigen, auf den Höhen des Lebens stehenden Persönlichkeit, wie Bismarck, kann genügen, die Bauern auf den Gütern, die Arbeiter in den Fabriken, die Knappen in den Schachten der Juden gegen ihre Herren zu revoltiren und in Einer Stunde zu vernichten, was Jene durch die Arbeit und Mühe eines ganzen Lebens erworben. Dies Bewußtsein, von Feinden und Neidern umgeben zu sein, die nur auf die Gelegenheit lauern, uns in den Abgrund, an deffen Rand wir stets wandeln, hinabzustoßen, muß in uns das Verlangen wecken und stärken, ein Land zu gewinnen, wo wir, ohne Angst vor drohenden Ereignissen und gewaltsamen Erschütterungen, unser Haupt ruhig niederlegen könnten, und dazu dürfte sich in der That nach dem Vorschläge des Dr. Theodor Herzl Argentinien vermöge seiner Ausdehnung, seiner dünnen Bevölkerung, seiner klimatischen Verhältnisse am besten eignen. Nun gilt es, die Sache zu prüfen, die von so colossaler Bedeutung ist. Zur Gründung eines unabhängigen, souveränen Staates, in welchem die Juden aller Länder, wenn sie die Freiheit und Sicherheit den gegenwärtigen unerquicklichen Zuständen vorziehen, sich sammeln könnten, bedarf es eines dem Kronlande Galizien an Ausdehnung ungefähr gleichkommenden Gebietes, da die meisten Einwanderer sich dem Ackerbau und der Viehzucht zuwenden dürsten. Dies wäre allerdings blos etwa der zwanzigste Theil der La Plata-Staaten — bei welchen die Pampas als für unsere Zwecke werthlos in Abfall kämen — müßte aber auch der ertragfähigste, somit werthvollste, arrondirte, für sich abgeschlossene Theil sein. Zur Anlage von Colonien genügen einzelne, durch fremden Besitz getrennte Landstriche, während ein Staat ein einziges, untrennbares Gebiet umfassen muß. Man denke welche Capitalien die Erwerbung solcher Ländereien erfordert. Dr. Herzl veranschlagt das Erforderniß auf eine Milliarde; ich , will mit ihm über die Summe nicht feilschen, mir wie ihm kommt es auf hundert Millionen mehr oder weniger nicht an; er ist aber entschieden Idealist und hat in seinem Leben keine Milliarde in der Hand gehalten, wenn er glaubt, daß eine Bank unter der Patronanz der „Jewish Company" diese Summe aufbringen könnte. — Und warum nicht statt der „Jewish Company" die altbewährte, gut accreditirte „Alliance Israelite Universelle-1? — Ich halte dies für weniger als problematisch, geradezu auf diesem Wege für unrealisirbar, ebenso wie im Subscriptionswege, oder gar daß die Antisemiten beitragen würden, diese meist armen Teufel, die ihr Hepp-Hepp für ein Freibier brüllen, diese Handwerker ohne Arbeit, diese unbeschäftigten Advocaten, diese rauhen Krämer mit der Crida um den Hals. Und selbst die wenigen, reichen Antisemiten ä ia Schönerer würden nicht einen Heller für die Entfernung der Juden zeichnen — was wären sie ohne uns? Nichts! Sie müßten sich ja gegenseitig zerfleischen, wie schon jetzt in ihren Mußestunden. Und die Juden? Ich denke nicht, daß gleich zu Beginn die reichen Juden ihre Güter, Fabriken und Effecten verkaufen, mit ihren Capitalien nach Argentinien auswandern und sie dort placiren werden. Zuerst werden vielmehr jene hingehen, welche nichts abzuwickeln und aufzugeben haben, somit nichts besitzen und nichts mitbringen; Jene, die Herr Dr. Theodor Herzl mit „unskilled Labonrers" nennt; Leute, denen die russische und rumänische Regierung die besten Landtheile und die meisten Erwerbsquellen verschlossen, denen der Antisemitismus die Hausirpässe und andere Licenzen entzogen und die mit ihren Familien vor Noth und Elend stehen. Wohl werden auch bessere Handwerker, junge Aerzte, Bautechniker in den neuen Staat wandern, aber die meisten die unentgeltliche Ueberfuhr,

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