Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 26 Vr. VLoch's Wochrnschrifi- Seite 523 Manchmal erbrauste unter ihren Händen ein Sturm von Tönen, der in Seufzer und Klagen ausklang, manchmal verlor sie sich in träumerisches Sinnen, voll melancholischer Entsagung. Dann nach einem Jahre kam ein Kind und mit ihm neuer Geist in Rachel's Spiel. Eine ungekannte Zärtlichkeit erwachte in ihr und besänftigte den stolzen Aufruhr. Bier Jahre nach Baruch's Geburt wurde Rachel ein zweiter Sohn bescheert und wieder freute sie sich dessen und dankte dem Herrn. Sie nannte ihn David. Während der Jahre, da ihre Kinder klein waren, gab sich Rachel mit unermüdlichem Fleiße ihrer Erziehung hin. In einer Weise hielt sie sich für ihre Arinuth und Niedrigkeit verantwortlich. Es war ihre Schuld, so dachte sie, daß sie zu Schmach und Entbehrung geboren waren, und sie wollte, Jo weit es in ihrer Macht lag, ihnen dafür Ersatz bieten. — Sie durften nicht Taglöhner und Handwerker werden wie ihr Vater. Sie sollten Künstler oder Richter oder Aerzte werden, wie sie solche npter den Juden in Moskau gesehen hatte. Sie sollten die Knechtschaft des engen, schmutzigen Ghetto brechen, sie sollten hinausgehen in die Welt und eine Zierde ihres Volkes werden. Mit diesem Ziel vor Äugen schleppte sie die Kinder von ihreni Spiel weg und lehrte sie deutsch und französisch lesen. Sie saß des Nachts aus, um ihre eigenen Kenntnisse anfzufrischen, ja sie begann für sich selbst Latein zu stndiren, um ihren Söhnen bei deren Vorstudien für die Universität Helsen zu können. — Es war vergeblich, daß ihr Gatte, der mit ihrem Eifer nicht zu sympathisiren vermochte, darnach trachtete, ihr Hindernisse in den Weg zu legen und ihr sogar drohte, sie beim Rabbi zu verklagen. Wiewohl sie in vielen Punkten seinen Wünschen gehorsam war, in diesem einen blieb sie unbeugsam. Wenn sie sein Geld für den Einkauf dieser gefährlichen Bücher vergeudet hätte, so hätte er seine Armnth vorgeben und sie vielleicht bestimmen können, davon abzustehen; aber sie hatte mehrere Schüler in Musik und verdiente genug, um von ihm unabhängig zu sein. Groß von Gestalt, ihrer eigenen Liebenswürdigkeit unbewußt, wandelte sie ihres Weges. Ihr Betragen war die Einfachheit selbst, weder Stolz noch Demuth, aber eine schöne Selbstachtung und weibliche Würde verrathend. Eine Mutter in Israel zu sein, war von altersher ein Ehrentitel, und Rachel, inmitten ihrer Armuth, fühlte die unsichtbare Krone der Mutterschaft aus ihrer Stirne. Achtzehn Jahre lang lebte Rachel in friedlicher Verborgenheit, sich der Erziehung ihrer Söhne widmend. Eine schreckliche Enttäuschung war es für sie, als ihnen einem nach dem anderen die Aufnahme ins Gymnasium verweigert wurde. Es bestand eine Vorschrift je nach amtlicher Verordnung die Zahl der jüdischen Schüler einschränkend, und in diesem Falle beliebte es den Autoritäten, Baruch und David unter diejenigen zu reihen, welche ausgeschlossen werden sollten. Vergeblich flehte sie den Rector der Schule an, die Verordnung zu ihren Gunsten anzuwenden. Ebenso vergeblich war ihr Appell an die anderen Amtspersonen, welche alle ihr riethen, die Söhne ihres Vaters Handwerk lernen zu lassen und nicht thöricht über ihren Stand zu streben. Der Rabbi betrieb gleichfalls diesen Rath nachdrücklichst mit Anführungen aus der Bibel, und eines Tages nahm sich Jndah wirklich den Muth, seinen älteren Jungen mit in die Werkstatt zu nehmen. Rachel hatte dies seit Langem vorhergesehen, obzwar es sie tief bekümmerte, so getraute sie sich doch nicht, dazwischen zu treten. Der lange, weite jüdische Kaftan war für sie das Merkmal der Knechtschaft ihrer Race und es schnitt ihr in die Seele, Baruch damit bekleidet zu sehen, wie seinen Vater, ebenso die häßlichen Seitenlocken tragend und unbewußt die gebückte Haltung, den demüthigen Gang des Ghetto annehmend. Aber wenn sie nun schon Baruch vor Elend und Unwissenheit, Arbeit und Entsagung — das Los des jüdischen Handwerkers in Rußland — nicht bewahren konnte, so wollte sie ihre ganze Energie und all' ihre Hoffnungen auf David concentriren. Sie las, bis sie die Augen schmerzten und ihr der Kops schwindelte, aber sie konnte es sich nicht verhehlen, daß sie mit David nur geringe Fortschritte machte. Er weinte über Cäsar, schmollte über Nepos. und als es zu Cicero und Sallust kam, wußte sie selbst sich nicht mehr zu helfen. Nur in Arithmetik war er ihr mehr als gewachsen. Er konnte im Kopse mit ganz außerordentlicher Geschwindigkeit eine Rechnung machen und eine Reihe von Zahlen mit einer Art instinctiver Cvrrectheit in kürzerer Zeit aufbanen, als man brauchte, sie niederzuschreiben. Aber über diesen Kreis hinaus erstreckte sich sein Jntellect nicht. Es war ein rührender Anblick, Rachel an ihrem Nähtischchen sitzen zu sehen, ihre Aufmerksamkeit zwischen einem riesigen Flecken, den sie einem paar Kinderhosen einsetzte und dem widerstrebenden Knaben theilend, der sich den Kops darüber zerbrach, zermarterte und zerquälte, wie er der verhaßten Lectivn entrinnen könnte. Eigenthümlicherweise wurde sie es nicht gewahr, daß Baruch mit seiner hohen Gestalt, seinem schönen offenen Antlitz und den großen, intelligenten Augen ihr leibhaftiges Ebenbild war, während der kleine, verkrüppelte David mit seinem alten Gesicht und curios gnomenhaften Ansdruck so ganz seinem Vater glich. Dieselben verschniitzten, lebhaften Äugen, im Hinterhalte hinter starken, schwarzen Brauen liegend, dieselbe zurücktretende Stirne und scharfe Nase, derselbe schmallippige Mund mit dem Zug von Niedrigkeit und Sparsamkeit. Die Murter bestach ihn durch Kuchen und Leckerbissen, aus dem Piano zu üben und ohne Protest seine tägliche Lection abzusitzen, und sie entwickelte eine wahrhaft heroische Geduld, ihn 20mal aus ein- und denselen Fehler aufmerksam zu machen. Die Partitur mit ihrer Stricknadel verfolgend, unverdrossen zählend 1, 2, 3, 4 - 1, 2, 3, 4 -, da und dort zur Verbesserung einen Accord anschlagend. zeigte sie einen Aufwand von Energie der jeden erschöpft hätte, nur nicht eine thörichte, eingenommene Mutter. „O Herr, gedenke des David das war der Anfang und Ende all' ihrer Gebete. Auch Jndah, wenngleich in anderer Weise, schloß David in seine Bitten ein, und als der Knabe 16 Jahre alt war, dachte er, es wäre nun an der Zeit, seinem Müßiggang ein Ende zu machen, Nachdem er jahrelang gegen den Eifer seines Weibes gemurrt hatte, kam er zur Ueberzeugnng, daß es seine Pflicht wäre zu handeln. Er hatte in letzter Zeit niedrere Anfälle von Schwindel gehabt und der Arzt erklärte ihm, daß er zu wenig Bewegung mache und seine Tage gezählt wären, wenn er seine Lebensweise nicht ändere. Hauptsächlich müsse er jede Aufregung vermeiden, Diät halten und seine Arbeitszeit kürzen. Also war es eine absolute Nothwendigkeit, für seine verringerten Einnahmen Ersatz zu schassen. Jndah war sich dessen wohl bewußt, daß eine Schlacht im Anzuge war, wenn er diesen Vorschlag Vorbringen würde, und um seine Autorität zu verstärken, lud er den Rabbi ein, bei ihr» zu Abend zu essen. Dr. Rubinsteiu theilte seine Gefühle und war in allen Zwistigkeiten mit seinen! Weibe seine Stütze gewesen. — Ein Licht des Argwohns entziindete sich in Rachel's Augen, als sie den großen, strengen Rabbi mit ihre«! Gatten eintreten sah. Als das einfache Mahl seinem Ende nahte, erhob er sich und las in hebräischer Sprache den 128. Psalm, indem er langsam und mit furchtbar warnender Stimme jedes Wort des göttlichen Befehles betonte: „Gesegnet sei derjenige, der den Herrn fürchtet und aus seinen Wegen wandelt." „Denn Du sollst essen Deiner Hände Arbeit; und Du sollst glücklich sein und es soll Dir Wohlergehen aus Erden." Nachdem er den Psalm geendet, wendete er sich feierlich zu Rachel, die aus der anderen Seite des Tisches stand und David's Hand fest in der ihrigen hielt. „Meine Tochter", begann er, „Du hast des Herrn Stimme vernommen. „Du sollst essen Deiner Hände Arbeit. Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen." Dein Gatte hat mit meiner Hilfe eine ehrbare Stellung für seinen Sohn David gesunden. Ter Schuhmacher Abraham Cohn will ihn in die Lehre nehmen, und will ihm Kost und Quartier geben, wenngleich er auch mindestens vor drei Jahren hätte beginnen sollen. Obzwar Rachel das Herz bis in den Hals hinaus klopfte und eine tödtliche Angst sie ergriff, bewahrte sie äußerlich ihre Ruhe, und ihre Stimme zitterte nicht, als sie antwortete: „Rabbi, sicherlich meinte der Herr nicht, sein gesannntes Volk solle das Brot von seiner Hände Arbeit essen. Hat Er nicht Staatsmänner, Lehrer, Künstler unter uns erwählt, die die Zierde Jsrael's sind?"