Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021142--05750-3030000- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Seite 522 Nr. 26 I Dr. Vloch's Wochenfchrist. Adern auf seiner Stirne schwollen und das Herz klopfte ihm rasend in der Brust. Wolf hielt dem Dichter lachend seine knöcherne Faust vor die Nase, und Pinkas verzichtete auf jeden weiteren Versuch, eine andere Waffe als seine Zunge zu benutzen. „Heuchler!", kreischte er. „Lügner, Macchiavelli, ein schwarzes Jahr auf Dich! Ein böser Geist fahre in Deine Knochen und in die Knochen Deines Vaters und Deiner Mutter! Dein Vater war ein Proselyt und Deine Mutter ein Scheusal! Alle Flüche des Deuteronomiums mögen auf Dich fallen! Mögest Du mit Beulen bedeckt werden wie Hiob! Und Ihr", fügte er gegen die Zuhörer gewandt hinzu, „Ihr Amrazim, Ihr Thiere! Wie lange werdet Ihr noch Euren Nacken unter das Joch des Aberglaubens beugen, während Euer Magen leer ist? Wie dürft Ihr es wagen, mir meine Cigarre wegzunehmen, heißt das Schabbes halten?" Er wandte sich zu Wolf und versuchte seinen Fuß von der Cigarre wegzustoßen. Eine kurze Rauferei entstand. Mehrere sprangen auf die Tribüne und zerrten den Dichter weg, der sich krampfhaft an das Bein des Arbeiterführers geklammert hatte. Ein paar Gegner Wolf's schrieen: „Laßt den Mann in Ruhe! Gebt ihm seine Cigarre zurück!" und warfen sich dazwischen. In der Halle herrschte ein furchtbarer Tumult und von der Galerie ertönte wieder die Stimme des verrückten David: „Verfluchte Blutsauger! . . . Dunkel und Schmutz! Verflucht! Sprengt sie in die Luft! Verflucht!" Pinkas wurde trotz einer schwachen Opposition durch die aufgeregte Menge getragen und außerhalb der Thüre niedergesetzt, wobei er hysterisch kreischte und sich bemühte, seinen Träger in den Arm zu beißen. Wolf hielt noch eine Rede und besiegelte damit den großen Eindruck, den er gemacht hatte. Dann gingen die armen, engbrüstigen Männer durch die kalte Nachtlust heim, um in ihren stickigen Hinterzimmern und Dachstuben das große Lied Salomon's herzusagen. „Siehe, Du bist schön, meine Geliebte", stimmten sie in einem seltsamen Singsangton an. „Siehe, Du bist schön. Du hast Taubenaugen. Siehe, Du bist schön, meine Geliebte, ja, Du bist lieblich; und unser Lager ist grün. Aus Cedern sind die Balken unseres Hauses und unsere Dachsparren aus Fichten — — Denn siehe, der Winter ist vergangen, die Blumen "erscheinen wieder auf Erden; die Zeit ist gekommen, da die Vögel singen und die Stimme der Turteltaube ertönt in unserm Lande-Deine Pflanzen sind im Garten von Granatäpfeln mit lieblichen Früchten. Kalmus, Zimmt, mit allen Sträuchen des Weihrauchs, Myrthe und Aloe, mit allerfeinsten Gewürzen; eine Quelle von Gärten, eilt Bronnen von lebendem Wasser und Strömen von Libanon — — Erwache, o Nordwind, und komm, Du Süd, wehe über meine Gärten, damit dessen Düfte hervorströmen!" Zwanzigstes Capitel. Die Hoffnung erlischt. Der Strike nahm bald daraus ein Ende. Zum Entzücken von Melchisedek Pinkas intervenirte in elfter Stunde Gideon, das Parlamentsmitglied, indem er ohne Umstände Simon Wolf aus seiner Position verdrängte. Ein Compromiß kam zu Stande, und einige Monate herrschte Jubel und Ruhe, bis die Verderbtheit der wetteifernden menschlichen Natur den alten Zustand der Dinge wieder herbeiführte; denn Arbeitgeber Pflegen Verträge wie Diplomaten zu ehren, und die brüderliche Liebe der Angestellten bricht unter der Sorge für die Familie zusammen. Zu seiner eigenen Ueberraschung fand Moses Ansell wenigstens drei Tage der Woche Arbeit; die anderen drei strich er um die Werkstätten herum, um auf diese Arbeit zu warten. Das Verfertigen von Confecttonswaare ist ein ungewisses Gewerbe, und wenn man nicht bei der Hand ist, kann einem die Arbeit leicht entgehen. Ein Glück kommt selten allein, und so sttömte noch mehr Glück zur Dachstube des Hauses Royal Stteet Nr. 1 herein. Esther gewann in der Schule fünf Pfund. Es war der Henry GoÜffmith-Preis, ein neuer jährlicher „Preis für allgemeines Wissen", den eine Dame, Frau Henry Goldsmith, die eben in das Comitä getteten war, gestiftet hatte. Die „Halbgöttin" selbst, ein blendend schönes, strahlendes Wesen, gleich einer Prinzessin im Märchen, beglückwünschte Esther zu ihrem Erfolg. Das Geld war erst in einem Jahr zu beheben, aber die Nachbarn beeilten sich, der Familie zu ihrem Wohlstand zu gratulieren. Selbst Levi Jacob's Besuche wurden häufiger, obwohl dieselben schwerlich geldsüchtigen Motiven zuzuschreiben waren. Die Belkowitsch anerkannten die verbesserte Lage der Ansells insoweit, als sie hinaufschickten, um sich Salz ausborgen zu lassen: denn in der Colonie Royal Stteet Nr. 1 herrschte ein ausgeoreitetes System gegenseittger Aushilfe. Kohlen, Kartoffeln, Stücke Brot, Kochtöpfe. Nadeln, Holzäxte gingen täglich hin und her; selbst Kleidungsstücke und Schmuck wurden bei den großen Gelegenheiten ausgeliehen, und wenn die gute, alte Frau Simon zu einer Hochzeit ging, so war sie mit Beittägen aus zwölf verschiedenen Garderoben heransgeputzt. Die Ansell's selbst waren zu stolz, um zu borgen, aber dem Leihen waren sie nicht abgeneigt. Es war früh am Morgen, und Moses sprach in seinen großen Tefillin das Gebet. Seine Mutter hatte einen Krampfanfall gehabt; er betete daher zn Hanse, um im Nothfalle zur Hand zu sein. Alles war schon ans, und Moses überwachte seinen Haushalt sogar, während er seine Andacht verrichtete. Er hielt gerade bei der „Schemonoh Eßreh" oder achtzehn Bitten, und wenn Moses damit beschäftigt war, hätte keine Botschaft eines irdischen Monarchen eine Antwort aus ihm herausgelockt. Das war der Grund, warum auch die Ankunft eines Depeschenboten, für welche es keinen Präcedenzfall gab, ihn nicht zu rühren schien. (Fortsetzung folgt.) Eine Mutter in Israel. Von Hjalmün Hjonth Boyesen. „Ein Kind mehr — eine Sorge mehr", murmelte Judab Memlinger. „Schande über Dich Judah!" rief Rachel, sein Weib, das Neugeborene an ihre Brust drückend. „Der Name des Herrn sei gepriesen!" „Der Name des Herrn sei gepriesen!" wiederholte demüthig, gesenkten Hauptes der Gatte, mit kummervollem Blicke den winzigen Eindringling anstarrend. „Das Kind ist nicht gut ausgebildet", bemerkte er nach einer langen Pause. „Es ist ein Knabe; der Herr hat gut an ihm gethan", antwortete Rachel strenge. Baruch, der ältere Sohn, vier Jahre alt, hatte sich in die stille Krankenstube hineingestohlen und stand nun an der Thüre, mit unterdrückter Gemüthsbewegung seinen Daumen beißend. „Komm, Baruch, und sieh Dir Dein neues Brüderchen an", sagte die Mutter. Baruch trottelte zum Bette hin. Darin lag ein kleines, gebrechliches, gelbes Ding mit schwarzlockigem Haar, ein runzliges Fäustchen unter einer winzigen Nase geballt. Baruch stand lange in sprachloser Verwunderung. Plötzlich in einem Anfall von Unternehmungslust, erhob er die Hand und berührte versuchsweise des Kindes Wange. „Baruch", warnte die Mutter, „gib acht, daß Du Deinem neuen Bruder nicht weh' thust!" Schnell zog Baruch seinen Finger zurück, als ob er sich verbrannt hätte. Judah Memlinger war seines Zeichens Kürschner und arbeitete für einen jüdischen Meister, der den größten Laden in Odessa hatte. Er war weder ein schöner, noch ein gewandter Mann. Er ttug die zwei Seitenlocken des orthodoxen Juden und sein schwarzer, getheilter Bart war an den Spitzen rostroth und wettergebleicht. In seinen Augen lag etwas Scheues und Gehetztes, und ein eigenthümlich ängstlicher, unsicherer Blick war ihm eigen. Von Gestalt war er klein, gekrümmt und rundschnlterig; der weite Kaftan schlotterte um seine mageren Beine und die bleiche Wachssarbe seines Gesichtes erzählte von sitzender Lebens - weise und vielstiindiger Arbeit in der geschlossenen, überheizten Werkstatt. Jedermann wunderte sich darüber, daß Nathan Rosenhain, ein Arzt und ein Gelehrter, seine Tochter einem so geringen Manne wie Judah zum Weibe gab. Man flüsterte sich zu, er habe es aus Sttafe dafür gethan, daß sie ihrem Herzen gestattet hatte, über das Ghetto hinaus zn schweifen. Später, so wurde erzählt," hätte sich Nathan etwas besänftigt und sgestattet, daß sie ihr Piano in ihr neues Heim mitnehme. Denn dieses Picuw war ihr Augapfel. Es war weit hergekommen, von Paris, hatte einen überaus lieblichen Klang und war prächtig mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegt. Die Nachbarn hielten oft vor Rachels Fenstern inne und lauschten ihrem wundervollen Spiel.