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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-26 · 26 (26.6.1896) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
26 (26.6.1896)
Date
1896-06-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 26 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 521 Geschwätzigkeit und war auf Simon Wolf wie auf jeden anderen Ungebildeten, der die Bevölkerung zu leiten versuchte, ungeheuer eifersüchtig. Als die Versammlung ihm jedoch Gehör schenken wollte, vergaß er, warum er aufgestanden war, und brach nun in leidenschaftliche Schmähungen gegen die Gesellschaft aus. Als das Unzusammenhängende seiner Bemerkungen offenbar ward, wurde er ohne Umstände niedergeschrieen, und seine Nachbarn drückten ihn auf seinen Sitz nieder, wo er unverständlich vor sich hin murmelte und murrte. Wolf fuhr in seiner Fragestellung fort: „Sind Sie zuftüeden mit Ihrem Secretär?" Diesmal erhob sich feilt Widerspruch. Das „Ja" klang wie Donnerhall. „Sind Sie zufrieden mit Ihrem Schatzmeister?" „Ja" und „Nein" tönten durch einander. Die Frage über das Verbleiben dieses Fnnctionärs wurde zur Abstimnning gebracht. Die Majorität stimmte dafür, aber Wolf war noch nicht zufrieden. Er wiederholte seine sämmtlichen Fragen in einer neuen Form, um sie nur recht verständlich zu machen, „Hot Aner etwas zu sogen gegen mir?" „Nein", ertönte es brüllend. „Hat Aner etwas zu sogen gegen den Secretär?" „Nein." "Hat Aner etwas zu sogen gegen den Schatzmeister?" „Nein". Jetzt war Wolf zufrieden und setzte feine Rede fort. Er hatte einen Sieg errungen, und der Triumph erhöhte seine Beredsamkeit. Als er geendet, befanden sich seine Zuhörer in einem Fieber der Entschlossenheit und Ergebenheit. Im Bewußtsein seiner Macht und seines erhöhten Einflusses fand er auch eine Nische für Pinkas' Beredsamkeit. „Brüder im Exil!", begann der Dichter in seinem besten Jüdisch. Als Pinkas aufstand und seine zerrauften Locken schüttelte, erhob sich einiger Beifall; denn Alle, mit denen er je gesprochen hatte, wußten, daß er ein weiser, gelehrter Mann und ein großer Sänger in Israel sei. „Brüder im Exil", sagte der Dichter. „Die Stunde ist gekommen, um die Blutsauger zu Boden zll werfen. Einzeln sind wir Sandkörner, zusammen sind wir der Samum. Unser großer Lehrer Moses war der erste Soeialist. Die Gesetzgebung des Alten Testaments, das Landgesetz, das Jubeljahr, die zärtliche Sorgfalt für die Armen, die Unterordnung der Rechte der Besitzenden unter die Interessen der Arbeiter, das Alles ist der reine Socialisinns." Der Dichter hielt inne und nahm die lebhaften Beifallsäußernngen entgegen. Wenige der Anwesenden wußten, was Socialismus heißt, aber Alle kailirten das Wort als ein Scheboleth der Rettung vor den „Blutsaugern". Socialisinns bedeutet kürzere Arbeitszeit und höheren Lohn und ist zu erreichen, wenn man mit Fahnen unb Musik einhermarschirt. Was braucht man da weiter zu ftagen? „Das Judenthum sagt," fuhr der Dichter fort: „Iß, trink' und fei zufrieden und danke dem Herrn, Deinem Gott, der Dich aus Egypten, dem Lande Deiner Knechtschaft, geführt hat." Aber wir haben nichts zu essen, wir haben nichts zu trinken, wir haben nichts, womit wir zuftiedeir sein können, wir sind noch immer in dem Lande der Knechtschaft. (Beifall.) Meine Brüder, wie können wir das Judenthum halten in einem Lande, wo kein Socialismus ist? Wir müssen bessere Juden werden, wir müssen den Socialismus vorwärts bringen, denn die Zeit des Socialismus und des Friedens und des Wohlstandes und der brüderlichen Liebe ist die Zeit, die unsere Poeten und großen Lehrer unter der Zeit des Messias verstanden." Da und dort erhob sich ein leises Gemurmel des Widerspruches, aber Pinkas fuhr fort: „Was sagt Hillel der Große? „Was Du nicht willst, daß man Dir zufüge, das füge mich nicht Anderen zu". Das ist der Socialisinns. Behaltet nicht Eure Reichthümer für Euch selbst, theilt einander davon mit! Mästet Euch nicht von der Arbeit der Armen, sondern theilet sie! Eßt nicht das Brot, das Andere verdient haben,- sondern verdient es Euch selbst! Ja, Brüder, die einzigen echten Juden in England sind die Socialisten; Gebetriemen, Gebetbücher, das ist lauter Unsinn. Arbeitet für den Socialismus, das ist dem Allmächtigen lieb. Der Messias wird ein Socialist sein." Das Murren verstärkte sich. Die Leute fragten einander zweifelnd: „Was sagt er?" Sie begannen Schwefel zu riechen. Wolf, der unruhig auf seinem Stuhl umherrückte, stieß den Dichter an, um ihn an feine eigene Warnung zu erinnern. Aber Pinkas' Kopf berührte wieder einmal die Sterne, und alle weltlichen Bedenke»! blieben irgendwo in dem leeren Raum unter seinen Füßen zurück. „Aber wie kann der Messias sein Volk erlösen?" fragte er. „Heutzutage nicht durch das Schwert, nur durch die Zunge. Er wird das Judenthnm, den Ivcialismns im Parlament vertheidigen. Er wird nicht mit Scheinwundern kommen, wie Bar Kochba oder Sabbathai Zewi. Meine Brüder, bei den Generalwahlen lverde ich candidiren; ich, ein armer Mann, einer von den Euren, werde den Platz in jener mächtigen Versammlung einnehmen und das Herz der Gesetzgeber rühren. Sie werden sich vor meiner Beredsamkeit beugen, wie die Binsen des Nils, wenn der Wind über sie hinfährt. Sie werden mich zum Premierminister machen, wie Lord Beaconsfield. Nur hat dieser sein Volk nicyt geliebt — er war nicht der Messias. Zur Hölle mit den reichen Banqniers und Gvldmaklern! Wir brauchen sie nicht. Wir werden uns selbst befreien!" Die außerordentliche Lebhaftigkeit der Sprache und der Gesten des Dichters verfehlten nicht ihren Eindruck. Die Majorität verstand ihn nur halb, stampfte und lärmte aber. Pinkas schwoll sichtbar; feine kleine, schlanke Gestalt, im Ganzen fünf Fuß hoch, ragte über die Versammlung empor. Sein Gesicht war roth wie Kupfer, seine Angen schossen Blitze. „Ja, meine Brüder", fuhr er fort. „Diese englischen, jüdischen Schweine trampeln rücksichtslos auf den Perlen der Poesie und der Gelehrsamkeit herum. Sie wählen zu ihren Predigern Männer, die vier Geliebte haben, zu Oberrabbinern Heuchler, die nicht einmal die heilige Schrift grammatikalisch schreiben können, zu Dajanim Männer, die ihre Töchter an die Reichen verkaufen, zu Parlamentsmitgliedern Makler, die nicht einmal englisch reden können, zu Philantropen Grünzenghändler, die Gelder veruntreuen. Wir wollen nichts mehr mit diesen Schweinen zu thun haben. (Gelächter.) Ich werde für das Parlament candidiren. Seht, mein Name Pinkas Melchisedek bedeutet ja schon: Parlaments-Mitglied! Es war Bestimmung. Wenn jeder Buchstabe in der Thora feine besondere Bedeutung hat und keiner durch Zufall dort steht — warum soll der Finger des Himmels nicht auch meinen Namen so geschrieben haben, Parlaments-Mitglied — Pinkas Melchisedek? Ja, unser Bruder spricht die Wahrheit, Weisheit strömt von seinen Lippen. Lasset Eure kleinen Streitigkeiten und arbeitet gemeinsam an meiner Wahl ins Parlament! Sv und nur so werdet Ihr ans der Knechtschaft erlöst werden, werdet Ihr ans Lastthieren Menschen, ans Sclaven freie Bürger, aus falschen Inden echte Inden werden! So und nur so werdet Ihr essen, trinken und zufrieden sein und mir danken, daß ich Euch aus dem Lande der Knechtschaft führte. So und nur so wird Judäa die Welt bedecken, wie das Wasser das Meer bedeckt!" Dieser feurige Schluß brachte die Zuhörer ganz aus dem Gleichgewicht, und von allen Seiten außer von der Tribüne erfreute Beifall das Ohr des Dichters. Er kehrte zu seinem Sitze zurück; aber indem er dies that, zog er mechanisch eine Cigarre und ein Zündhölzchen hervor und zündete die erstere mit dem letzteren an. Sofort nahm der Beifall ab und verstummte. Einen Augenblick herrschte erstaunte Stille, dann brach der Aufruhr los. Die Majorität der Zuhörer war noch immer orthodox, was Pinkas, solange er nüchtern war. wohl eingesehen hatte. Diese öffentliche Entweihung des Sabbaths durch Rauchen war unerträglich. Wie konnte der Gott Israels die Verbreitung des Socialisinns, die kürzere Arbeitszeit und die Erhöhung der Preise für einen Rock um einen Penny fördern, wenn so teuflischer Weihrauch zu ihm aufstieg? Die vage Bewunderung für Pinkas verwandelte sich in deutlich ausgesprochenes Mißtrauen. „Apikoires! Apikoires! Meschummed!", ertönte es von allen Seiten. Der Dichter schaute verwundert um sich, er vermochte die Situation lücht zu begreifen. Simon Wolf nutzte die Gelegenheit aus. Mit einem zornigen Ruck riß er dem Dichter die glühende Cigarre aus dem Munde. Ein Geschrei des Entzückens und der Zustimmung erhob sich. Wolf sprang in die Höhe. „Brüder!", brüllte er, „Ihr wißt, ich bin gar nicht fromm, aber ich lasse die Gefühle keines Menschen mit Füßen treten". Bei diesen Worten zertrat er die Cigarre mit seinem Riesen-Absatz. Gleich darauf holte der winzige Arm des Dichters zu einern fehlgehenden Schlage ans. Pinkas war wüthend, die

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