Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 516 Dr. Bloch's WochenfchrM Nr. 36 suche lieber, welche Rede, welche Handlung, welche Unternehmung oder welcher Umgang zu diesem Verdachte Anlaß gegeben hat; dies suche man nun sorgfältig zu vermeiden. Was hindert uns, unfern Feind zum Lehrer anzunehmen, von dem »vir zu unserem Nutzen lernen können, was uns unbekannt ist? Vieles wird der Feind eher inne als der Freund, denn die Liebe ist gegen den geliebten Gegenstand blind, bei dem Haß hingegen befindet sich nebst dem Vorwitz auch die Geschwätzigkeit." An diese Ausführungen Plutarch's erinnert uns ein Artikel, welchen uns eine jüdische Dame sendet und den wir hier zum Abdrucke bringen, weil er Mancherlei enthält, was von unseren Glaubensgenossen ernstlich beherzigt zu werden verdient. Der Artikel lautet: „Professor Nothnagel hat einmal den in seinem hohen Standpunkte süßenden Ausspruch gethan: „Ich kenne keine jüdischen Unarten, ich kenne nur menschliche Unarten." Ob er mit diesem Worte, wie er es jedenfalls wollte, die Juden gegen ungerechte Angriffe geschützt hat, ist doch sehr fraglich. Für Diejenigen, die wenig oder gar nicht mit Juden verkehren und nur prmcipiell zu ihren Gegnern gehören, ist ein solches Wort bedeuttrngslos. Diejenigen aber, die mit Juden verkehren, vor Allem die Juden selbst, werden eben anderer Ansicht sein. Der Satz, daß es keine jüdischen, sondern nur menschliche Unarten gebe, hat nur insoferne seine Berechtigung, als es keine specifisch jüdischen Unarten gibt, d. h. keine, die nicht bei Nichtjuden auch vorkämen, geradeso wie die krumme „Judennase" nicht das alleinige Erbtheil der Nachkommen der zwölf Stänrme ist, sondern als sichtbarer Erker auch manch arisches Antlitz ziert. Mer die unfehlbare Statistik könnte jedenfalls beweisen, daß thatsächlich ein viel größerer Percentsatz von Juden große gebogene Nasen hat als die Arier, und so verhält es sich auch mit den Unarten. Unsere gewöhnliche, mit den Jahren aber stumpf werdende Waffe gegen Angriffe der verschiedensten Art ist heute noch die Geschichte. Jeden Vorwurf, den man den Juden macht, suchen wir einfach zurückzuweisen, was ja bei effectiv erfundenen Verleumdungen das einzig Mögliche ist oder wir suchen durch die Geschichte unseren Gegnern die moralische Verantwortung für die gerügten Eigenschaften zuzuschieben. Sicher ist, daß die Juden in vieler Hinsicht körperlich und geistig das Product ihrer einstigen Gefangenschaft im Ghetto sind. Viele ihrer guten und schlechten Eigenschaften lassen sich aus diesem concentrirten Zusammenleben, dessen Ergebniß typische Keimculturen der jüdischen Art wurde, erklären. Aber wie lange, nachdem die Thore des Ghetto niedergerissen sind, wie lange darf diese Erklärung noch als Entschuldigung für einzelne Erscheinungen dienen? Die großen, charakteristischen Züge, die die Jahrhundttte ihrer Race aufgedrückt haben, das geisttg Individuelle brauchen die Juden gar nicht abzustreifen. Sie mögen, da die Verhältnisse sie dazu machten, nur weiter ein vorzugsweise handeltreibendes Geschlecht bleiben, mögen immerhin der Kraft des Geistes den Vorzug vor der des Körpers geben, mögen der Musik und der Literaürr mehr Verständniß entgegenbringen als der Plastik und der Malerei, mögen den Familiensinn pflegen und in der Ausbildung des Natursinnes gegen andere Typen Zurückbleiben — damit werden die Juden ihrer Pflicht zur Förderung der menschlichen Culturentwicklung in ihrer Weise und in ihrem Kreise vollständig gerecht werden. Mer die kleinen, häßlichen Züge, die das Bild des Juden entstellen, die jüdischen Unarten, die sollen und können mit der Zeit verschwinden. Die Juden haben im Allgemeinen eine große Wneigung dagegen, sich im täglichen Verkehr den äußeren Formen der Etikette und, um ganz gerecht zu sein, auch sehr oft den Vorschriften des Anstandes zu fügen. Die „historische Erklärung" für diese „Nonchalance", diese Nachlässigkeit in der Haltung und der Handhabung der in der gebildeten Welt als correct und nothwendig angenommenen Aeußerlichkeiten kann im Großen und Ganzen auf das in früheren Zeiten sich ausschließlich im Familienkreise abspielende Leben der Juden zurückgeführt werden. Wer immer nur mit Geschwistern und den nächsten Verwandten verkehrt, gewöhnt sich leicht einen familiären Umgangston an, der, auf Fremde angewendet, eine unangenehme Dreisttgkeft wird. Hat ein solches Familienproduct sich als Mensch noch so viel Feinfühligkeit bewahrt, um im gelegentlichen Verkehr mit Fremden einzusehen, daß seine Umgangsformen unzureichend sind, dann verfällt er leicht in das entgegengesetzte Extrem übergroßer Schüchternheft, die ihm von befeindeter Seite leicht als „jüdische Duckmäuserei" und „hündische Demuth" ausgelegt wird. Infolgedessen entstehen gerade in seinen veranlagten Naturen Conflicte, die nur die Folge von Erziehungsfehlern sind, gegen die man Generattonen hindurch nachsichtig war und schließlich blind wurde. Die strengen Formen des gesellschaftlichen Verkehrs, wie sie der Engländer in extremster Weise heute selbst in intimer: Kreise fordert, und die dort natürlich auch erst von den obern Zehntausend nach und nach zum Mittelstand herabgedrungen sind, die konnten zu Ghettozeiten bei den Juden noch keinen Boden finden. Unter Druck und Schmähung, bei veränderlichem Wohnsitz, mangelhafter oder einseitiger Bildung, ausgeschlossen von jenen Kreisen, in denen die Grundbedingungen verfeinerter Sitte da sind und sich von Geschlecht zu Geschlecht vererben, lebten die Juden dahin. Wer sich seine Existenz täglich neu erkämpfen muß, wer nur geduldet und getreten unter seinen Menschenbrüdern lebt, dem sind seine Lebensart, maßvolles Benehmen und geregelte Umgangsformen kein ästhetisches Bedürfniß, sondern eine weitere, lästige Bürde. Der russische oder polnische Jude wird sich beim Essen, im öffentlichen Verkehr und in seiner Behausung nicht weniger gut benehmen als der orthodox-russische oder der römischkatholisch italienische Bauer aus dem einfachen Grund, weil sie alle drei nicht wissen, was unter gebildeten Menschen fiir schicklich oder unschicklich gilt. Der gerechte Vorwurf der Unmanier ist nur jene»: Juden nicht zu ersparen, die, mit den Prätensionen des Reichthums und einer Art Bildungsfirniß ausgerüstet, sich absolut keine feine ur:d taftvolle Lebensart anzueignen wußten. Hier ist das Feld, wo unsere Feinde jene Beobachtungen machen können, die generalisirt der „ganzen Race" zur Last gelegt werden. Der Jude soll seiner Person und seiner Familie nicht mehr Relief geben wollen als die Welt jedem ihrer Bürger (auch wenn er zufällig ein Ordensband oder einen Adelstitel trägt) von selbst gibt. Nicht als Freiheftsparvenus beständig auf ihre jungen Rechte pochen sollen die Juden, sondern still und bescheiden sich bettagen, damit kein Unterschied zu merken sei zwischen ihnen und jenen Gebildeten, deren Vorfahren den Fluch des gelben Fleckes nicht in Schmach und Beschämung zu tragen hatten. Und hier ist auch der Punkt, von wo aus der jüdischen Frau die Pflicht erwächst, auch ihrerseits den Ruf ihres Stammes zu schützen. Was inan einst von dem biederen, bescheidenen jüdischen Weibe sang, das sich nur schmückte, um einzig dem ihr angetrauten Main: zu gefallen — in 99 Fällen von hundert stimmt es nicht mehr auf die Judenfrau von heute. Damals, als die Ghettothore sich öffneten und Freiheit in die Häuser der Juden drang, da waren es zuerst die Aeußerlichkeiten des Lebens, für die die Judenftauen ein ungemeine Empfänglichkeit zeigten. Der: großen Strömen, die die Welt des Geistes in Bewegung setzten, blieb sie mit Ausnahme einiger besonders hoch begabter Naturen ftemd, beobachtend, wenn nicht feindselig gegenüber. Schüchtern, wo es sich um Neuerungen handelt, zurückhaltend, wo energische sociale Arbeit zu thun ist, aber bereit, jeden Modeunsinn mitzumachen, — so finden wir die moderne jüdische Frau. Sie ist gutherzig u::d oft klug und besitzt vor Allem eine große Fähigkeit, sich neuen Verhältnissen anzupaffen, darum mache ich es ihr doppelt zum Vorwurf, daß sie feinfühlig den Schwankungen der ftanzösischen Mode folgt, den Reisesport der Engländerin betteibt, ihren Haushalt nach deutschem Muster führt und nur was die Indolenz und Putzsucht betrifft, die Orientalin geblieben ist. Das ist auch einer der Punkte in dem Entschuldigungsgrund, der in „der Geschichte" gesucht wird und schon lange hinfällig ist. Die deutsche Judenftau ist keine Orientalin mehr. So wie sie nach abendländischer Sitte im Festgewande ihre Schultern entblößt und ihr Haupt entweder mit eigener oder mit erborgter, raffinirt ausgedachter Haarfrisur schmückt, statt sich nach orientalischer Sitte züchtig zu verhüllen, so hätte sie dem entsprechend sonst die socialen Pflichten der culttvirten Occidentalin zu erfüllen. Die jüdischen Frauen nennen oft bescheiden sein, wenn sie sich vor: den geistigen Kämpfen im Allgemeinen und der: Jnteressenkämpfen ihrer Geschlechtsschwestern im Besonder» fern halten, selbst da, wo ein kräftiges, gar nicht „bescheidenes" Wort richtiger am Platze wäre. Dagegen halten sie es fiir gar nicht unbescheiden, durch Kleiderpracht und Aufwand voi: Schmuck den Neid und die Unzuftiedenheit Minderbegüterter aufzustacheln. Auf dieses sehr häufig anzutreffende Verhalten ist das Wort „Unart" natürlich nicht richttg angewandt und nur inso-