Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 26 (26.6.1896)
- Date
- 1896-06-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Bloch's Wochrnfchrifi Seite 515 halten. Mögen die Ethnographen und Anthropologen, gestützt auf die Schädelbildung und andere Physische Merkmale, immerhin behaupten, die Juden seien arisch geworden. Der jüdische Geist wird und soll nie arisch werden. „Die einseitige Befangenheit der Geister in naturwissenschaftlichen Denksormen bildet eben den Zopf des 19. Jahrhunderts" (Adolf Exner, Rectoratsrede vom 22. October 1891). Das monumentale Wort des geistvollen Romanisten kann diesen Herren nicht oft genug ins Gesicht gesagt werden. Die Wissenschaft ist ihrem innersten Wesen nach international, die Knust national. Wie ein Baum tief in dem ihn ( umgebenden Erdreich wurzelt und daraus seine Nahrung zieht, so wächst der wahre Künstler aus seinem Volke heraus. Wird der Baum in fremdes Erdreich umgesetzt, dann entartet, _ verkümmert er oder stirbt gänzlich ab. Ein Künstler, der sich seiner Eigenart nicht bewußt ist, der sie, statt möglichst tief und reich auszubilden, verwischt oder gar verleugnet, wird immer unprodnctiv bleiben. Von einem Ausgehen in fremde Elemente kann hier keine Rede sein; es führt zur künstlerischen Impotenz. Dies mögen sich die Herren Assimilationsapostel hinters Ohr schreiben. Jeder Künstler soll mit der Geschichte, der Religion und der Dichtung seines Volkes vertraut sein. Denn diese Factoren bestinnnen den poetischen Bannkreis, in welchem seine Phantasie lebt. Um sich das Verständniß der Volksseele vollends zu erschließen, wird der Tonkünstler sich liebevoll in die Urweisen seines Volkes vertiefen und mit ihrer melodisch-harmonischen und rhythmischen Eigenart seine Phantasie befruchten. , So erscheint die Musik Bach's und Brahms' von deutschprotestantischem Geiste getragen, so haben die nordischen Meister Grieg und Svendsen ihre Melodik am skandinavischen, die Dvorzak, Smetana, Tschaikowsky am slavischen Volkslied genährt. So sehen wir in den Werken Saint-Saöns' die Feinheit, Grazie und Anmuth der altfranzösischen Chansons Hindurchschimmern. Sie Alle haben den Geist ihres Volkes in sich ausgenommen, ihn in die idealen Sphären der Kunstmusik emporgetragen und damit ihrer Nation ein künstlerisches Denkmal gesetzt. In diesem Sinne kann man den heute vielfach unterschätzten Ignaz Moscheles einen jüdischen Künstler nennen. Unter Moscheles' Compositionen (142 Nummern) wird man vielen Werken wegen ihrer originellen Färbung dauernden Werth zuerkeunen miissen. Charakteristisch ist bei ihm ein Pathos, das aber keineswegs als affectirtes bezeichnet werden darf. (Riemann). Es ist jener eminent feierliche Ton, der die hebräische Poesie durchzieht: „Die Himmel sollen der Rede horchen und die Erde soll den Worten lauschen". Es ist jener tiefe mosaische Ernst, der sich von denl protestantischen eines Sebastian Bach wvhl unterscheidet; er ist warnender,, abweisender, mit mehr Trauer gemischt. Nur ein Jude konnte so etwas schreiben, wie die Schlüsse der A-Moll- und der Es-Moll-Etude Op. 70 von Moscheles; desgleichen die Phantasie über den Ruf „Potem Mitzwo". Bei keinem der Vorgänger oder Zeitgenossen dieses Künstlers finden wir diese ganz eigenartige Stimnmngsnuance wieder. Heine's herrliches Wort: „Lechzend klebe mir die Zunge Au dem Gaumen und es welke Meine rechte Hand, vergäß' ich Jemals Dein Jerusalem" war der Leitstern seines Kunstschaffens. Nicht durch anempfindendes Copiren oder durch Eklecticismus, sondern durch Wahrung und Bertiesung der nationalen Eigenart wurde auch Carl Goldmark der achtunggebietende Meister, als der er heute vor der Welt steht. Seine Werke verbinden Wahrheit und Tiefe des Ausdrucks mit blühender Melodik und sind dabei von einer zauberischen Gluth und Farbenpracht erftillt. Seine Oper „Die Königin von Sabba" ist in solchem Maße ein Kind jüdischen Geistes, daß sie in der dramatischen Musikliteratur als ein wahres Nnicum dasteht. Von der gleichen Stimmung getragen sind seine Ouvertüre „Sakuntala", die erste Violin-Suite, das Clavier-Trio E-Moll, das Lied „Fata Morgana" und vieles Andere. Dabei ist Goldmark nicht etwa Manierist; das jüdische Element macht sich bei ihm nicht, wie Manche behaupten, in zudringlicher Weise geltend; es erscheint immer nur fein abgetönt, idealisirt. Wenn es der Gegenstand erfordert, schiebt er es auch ganz bei Seite und schafft dennoch Meisterwerke, wie er erst kürzlich wieder mit seinem „Heimchen am Herd" bewies. Zurückgezogen, meist in ländlicher Weltabgeschiedenheit, lebt dieser Meister seinem hohen Berufe in ungebrochener Schaffenslust fort. Keine Clique rührt für ihn die Reclametrommel; ein wahrer Künstler, läßt er, jeder lärmenden Propaganda abhold, nur seine Werke für sich sprechen. Die Gegnerschaft des judenreinen Wagner-Vereines vermag ihm ebensowenig anzuhaben, als seinem großen Freunde Johannes Brahms, dem er als vollkommen ebenbürtiger Meister gegenübersteht. Als solchen hoffen wir ihn noch lange zu besitzen und mit Stolz unser Eigen nennen zu können. Sein Beispiel möge den künstlerischen Nachweis unseres Volkes aneifern, aus dem unerschöpflichen Born der Volksseele heraus, nationale Kunstwerke zu schaffen. Heute, wo die sprachliche Verschiedenheit und religiöser Jndifferentismus die ehernen Bande, welchen Alt-Israel seine Macht und seinen Glanz verdankte, vielfach durchbrochen haben, wo feige Seelen sich der Berfolgnngswuth der Gegner durch Fahnenflucht oder Assimilation zu entziehen suchen, jüdisch anklingende Bor- oder Ggennamen durch hyperarische zu ersetzen trachten, konnte ein Erschlaffen des nationalen Solidaritütsgesühls nicht ausbleiben. Daß dieses nie gänzlich ausstirbt, dafür sorgen, wie Theodor Herzl richtig bemerkt, unsere Gegner. An uns aber liegt es nach Abstoßung aller zweifelhaften Elemente die geistige Homogenität der gesammten Judenheit herbeizuführen durch Pflege jüdischer Sitte, jüdischer Dichtung und — last not least — jüdischer Kunst. A. R. Wie man von seinen Feinden Nutzen ziehen kann. In seinen „Moralischen Abhandlungen" schreibt Plutarch; „Was bei der Feindschaft das Schädliche ist, kann für einen aufmerksamen Mann das Allernützlichste werden. Der immer wachsame Feind lauert auf alle Handlungen. Um eine Gelegenheit zu suchen, schleicht er um unfern ganzen Wandel herum. Er späht Alles aus, was wir vornehmen, er durchgräbt und durchforscht alle unsere Anschläge. Hauptsächlich wendet er allen Fleiß an, um die Fehltritte auszuspüren; es fällt ihm nur das in die Augen, was an uns lasterhaft, schlimm und leidend ist, und auf dieses springt er gehässig zu, das fällt er au und zerreißt es. Der Vortheil nun, der daraus entspringt, ist, daß wir so vorsichtig als möglich leben, auf uns selbst Achtung geben, weder in unseren Handlungen noch Reden nachlässig und unbesonnen sind, sondern wie bei einer strengen Diät unseren ganzen Lebenswandel untadelhaft erhalten. Denn eine solche Behutsamkeit, die die Leidenschaften iu Schranken hält und die Vernunft ihre Pflicht beobachten läßt, erweckt in uns ein eifriges Bemühen und den Vorsatz, immer recht und untadelhaft zu leben. Gleichwie Städte, gewarnt durch die unaufhörlichen Kriege ihrer Nachbarn, gute Gesetze annehmen, so können auch die, welche durch Feindschaft gezwungen werden, nüchtern und mäßig zu leben, sich vor Trägheit und Sorglosigkeit zu hüten, durch die Gewohnheit nach und nach dahin gebracht werden, daß sie von Fehlern ganz frei sind und einen tugendhaften Lebenswandel annehmen, wenn nur die Unterweisung dabei ein wenig zu Hilfe kommt. Wer weiß, daß er einen Gegner seines Wandels, einen Nebenbuhler des Ruhms hat, der wird dadurch desto aufmerksamer auf sich selbst, der betrachtet jede Handlung von allen Seiten und richtet sein Betragen auf das Beste ein. — „Wie kann ich mich an meinem Feinde rächen? — Wenn Du selbst ein braver und rechtschaffener Mann wirst." — „Willst Du Deinen Feind kränken, so schimpfe ihn nicht; sei Du lieber selbst ein Mann und tugendhaft, liebe die Wahrheit und betrage Dich gegen Alle, die mit Dir zu thun haben, liebreich und rechtschaffen. Wirst Du aber zu Schimpfreden verleitet, so entferne Dich so weit als möglich von dem, was Du jenem vorwerfen willst." — „Nennt Dich Dein Feind unwissend, so werde um desto begieriger zum Lernen und Arbeiten; nennt er Dich feige, so laff' den männlichen Muth in Dir desto mehr erwachen; nennt er Dich geil und unzüchtig, so verbanne aus Deiner Seele alle, auch die verborgensten Spuren der Neigung zur Wollust. Denn nichts ist kränkender als eine Lästerung, die auf den Lästerer zurückfällt." — „Wer dem Verderben entgehen will, muß entweder echte Freunde oder hitzige Feinde haben; jene bessern ihn durch Ermahnungen, diese durch Lästerungen. Weil die Freundschaft heutzutage zur Freimüthigkeit eine zu leise Stimme hat, zur Schmeichelei geschwätzig und zu den Ermahnungen gar stumm ist, so muß man die Wahrheit von seinem Feinde hören und mehr auf die Sache selbst, als auf die Absicht des Lästerers sehen." — „Wer von seinem Feinde geschmäht wird, muß den Fehler, wenn er ihn an sich hat, sorgfältig wegzuschaffen suchen; wird uns aber ein unbegründeter Borwurf gemacht, so darf man ihn ja nicht deswegen, weil er falsch ist, verachten oder vernachlässigen; man unter-