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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-26 · 26 (26.6.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
26 (26.6.1896)
Date
1896-06-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 514 Vr. Bloch's Wochenschrift Nr. 26 oder übersehen, wenn man irgendwie die kaiserliche Anerkennung verdient, ist man sicher, bei dieser Gelegenheit einer Auszeichnung theilhaftig zu werden. Zwei hervorragende türkische Glaubensgenossen haben Orden erhalten. Dem Oberrabiner von Kreta, Herrn Avram Esfendi, hat der Sultan die II. Classe, Herrn Juda Kamhi Effendi, Großrabbiner von Janina, die III. Classe des Msdschidije-Ordens verliehen. Diese beiden Auszeichnungen sind unter den Verhältnissen, die zur Zeit im osmanischen Reiche obwalten, von besonderer Bedeutung. Bekanntlich herrschen auf der kanadischen Insel große Unruhen, so daß die Türken, um die Ordnung aufrecht zu erhalten und die Sicherheit zu wahren, als letzte Maßregel die Zuflucht zum Belagerungszustände ergreifen mußten. Während nun die Kretenser ihre Türkenfeindlichkeit öffentlich in herausforderndster Weise bekunden, macht die Haltung der Juden der Insel einen ungemein wohlthuenden Eindruck in den maßgebenden politischen Kreisen der Türkei. Und der Türke ist dankbar, selbst wenn der Dienst, den man ihm erwiesen, ein indirekter ist, in der theilnahmslosen Unparteilichkeit besteht. Den Ausdruck seiner Erkenntlichkeit haben die geistigen und geistlichen Führer erhalten, da die Masse kaum belohnt werden kann. Kurz, diese Thatsache enthält einen neuen Beweis für die tiefe Liebe und treue Anhänglichkeit der Israeliten einerseits und für das Wohlwollen, die Gunst und auszeichnende Anerkennung der türkischen Regierung andererseits. Die Ottomanen brauchen aber auch die Juden nicht zu fürchten, und sie thun recht, geheimen Einflüsterungen, die Israeliten bereiten sich vor, ihnen Palästina wegzunehmen, kein Gehör zu schenken. Der Jadenstaat, wenn er zur großen Freude aller Zionisten je einmal gegründet werden sollte, wird dem osmanischen Reiche nur Nutzen bringen. Schon jetzt sieht die türkische Regierung ein, daß für sie die jüdischen Ansiedlungen im heiligen Lande zum Bortheil sind. Daß sie der weiteren Colonisirung armer Israeliten nichts in den Weg legt, wird sie niemals zu bereuen brauchen. Darum konnten letzthin zwei neue Colonien in Palästina ins Leben gerufen werden. So hat kürzlich die israelitische Gemeinde von Tatar-Bazardschik in Bulgarien ein umfangreiches Landgebiet in der Nähe von Jerusalem im Dorfe Artus angekauft, um dortselbst eine Ackerbaucolonie zu errichten. Eine gewisse Anzahl jüdischer Familien hatte sich früher an diesem Orte niedergelassen. Zu gleicher Zeit hat Herr Baron Edmund von Rothschild in Paris eine neue jüdische Colonie im heiligen Lande gegründet. Dieselbe ist in Galiläa, nicht weit von Damaskus gelegen, hat einen Umfang von 1200 Hektaren und ist besonders reich mit Wasser versorgt, da sich gerade an dieser Stelle die Quelle des Jordan befindet. Herr Baron von Rothschild hat dabei die Absicht, in dieser neuen Colonie, die noch keinen Namen besitzt, 60 erfahrene und erprobte Ackerbauer ansässig zu machen, um auf diese Weise das System individueller Ausbeutung zu versuchen. Die anderen landwirthschaftlichen Ansiedelungen dieses großen Wohlthäters der Juden werden dagegen durch seine eigenen Beamten verwaltet. Es sei hierbei im Vorbeigehen des Schreibens erwähnt, das Herr Hyacinthe Loyson, der ^bekanntlich ein Freund der Religionsfreiheit ist, bei der Rückkehr von seiner Orientreise an Herrn Zadoc- Kahn, den Großrabbiner von Frankreich, gerichtet. In diesem Briefe gibt er seiner Zufriedenheit Ausdruck über das segensreiche Wirken der „Alliance Jsraslite Universelle" in Jerusalem, wo deren „wunderbare" Werke der heiligen Stadt sowohl zum Nutzen, wie zur Zierde gereichen, und über den Stand der jüdischen Landwirthschaft in der Heimat der Vorfahren. Dieselbe sei ein ehrenvolles Zeugniß für Israel, dessen Förderung des Ackerbaues den allgemeinsten Dank verdient. „Fahren Sie fort, Herr Großrabbiner", ruft Herr Loyson, der in Frankreich eine echt volksthümliche Persönlichkeit ist, aus, „fahren Sie fort, Sie und ihre Freunde und ihre Glaubensgenossen in Paris, wie in Jerusalem und in der ganzen Welt, auf solche Weise die dummen und schändlichen Verleumdungen zu beantworten, deren Zielobject Sie in diesen unruhigen Zeiten sind. Israel muß zeigen, was es ist, nicht durch Worte, sondern durch Thaten!" Zum Schluffe erlauben Sie mirj Ihnen über folgende Episode, stattgefunden im Volksgarten von Pßra bei einem Glase Bier, zu berichten. „Sie, feiner Raucher, haben Sie schon die famose Lueger- Cigarre geraucht?" fragte mich halb im Scherze, um mich zu necken, mein christlicher Freund, einer der bedeutendsten Berichterstatter im Oriente. — „Nein, kenne ich nicht. Wo ist das edle Kraut zu haben?" — „Nicht in Pöra. Ist übrigens auch nicht für Sie mein Lieber; dieLueger-Cigarre isteineSPecialität der schönen Wienerstadt, extra fabricirt für die Christlich-Socialen". — Dann danke ich auch bestens; die Lueger-Glimmstengel werden wohl auch so edel fein sein, wie der zweite Bürgermeister von Wien selbst. Nach dieser kleinen Unterhaltung fiel mein Blick auf eine Stelle im „Figaro", dieses große tonangebende Blatt von Paris. Schon die Ueberschrift „Das sonderbare Bild" fesselte mich. Vielleicht wird es den geehrten Lesern der „ Oesterreich ischen Wochenschrift" einen Spaß bereiten, auf dem Umwege über Constantinopel die Meinung des Correspondenten der genannten Zeitung über den „größten Oesterreicher" und den „bedeutendsten von Wien" zu erfahren: »Ein Mann ist in Europa im Begriffe sich durch sein Bildniß zum mindesten eine ebeuso große Volksthümlichkeit zu verschaffen, wie die Popularität, deren sich der General Boulanger erstellte: Das ist der Dr. Lueger, der, zum ersten Bürgermeister gewählt, Demissionär der Stadt Wien ist. Boulanger hatte die Ehre, auf allen Gefäßen und allen Waarenmarkteu zu prangen, ja seine Volksthümlichkeit erstreckte sich bis auf die allergewöhnlichsten Schachteln und Kistchen. Nun gut! Lueger, den Fußtapfen des braven Generals folgend, gibt seinen Namen für Cigarretten her und leiht seine Gesichtszüge zu Etiquetten, die bestimmt sind, die verschiedensten Erzeugnisse zu kennzeichnen. Sehr bezeichnend sind die Reclamen, die in den Zeitungen mit Rücksicht auf den Verkauf abgefaßt sind. Die eine besagt: „Jeder christliche Raucher müßte von seinem Verschleißer das Lueger-Cigarrettenpapier verlangen!" Die andere betheuert, daß ihr Erzeugniß ausschließlich „wohldenkenden" Geschäften verkauft wird. Die dritte, einfach herausfordernd, fürchtet sich nicht, ganz besonders die Lueger-Seife zu empfehlen. Kurz, bis aus die Stoffnamen ist Alles ä la Lueger. Und die Geschäfte, in welchen gewöhnlich Pfeifen, Broschen, Manchettenknöpse, Nadeln, Gläser, Bierseidel, Lassen u. s. w. verkauft werden, zeigen diese Waarensorten mit Photographien des „berühmten christlichen politischen Mannes" an. Es liegt selbst das Lueger-Spiel in allen christlichen Geschäften zum Verkaufe aus; ebenso die „Lueger-Laterne", um diejenigen zu „erleuchten", die auf dem guten Wege wandeln wollen. — Glücklicher als sein Genosse von Paris, erfreut sich der Wiener Drumont aller Ehrenbezeugungen der Volksthümlichkeit. Man erinnert sich wohl noch, welches Ende der berühmte General genommen. Ob ein Vergleich nicht manchmal ein böses Omen ist? O s c a r H o r o w i tz. Kunst und Nationalität. Sind wir Juden, gleich anderen Culturvölkern, in den Künsten, speciell in der Tonkunst durch nationale Meister vertreten und wodurch wurde die Bildung einer jüdisch-nationalen Kunstschule vereitelt? Wenn Liszt in seinem Buche „Des Bohemiens et de leur nmsique" erzählt, er habe bei Sulzer's Tempelgesang zum ersten und einzigen Mal den Eindruck von einer wirklichen national-jüdischen Kunst empfangen, während alle anderen, selbst trefflichsten Leistungen jüdischer Tondichter, Poeten und Maler, doch nur ein Nachbilden und Wiederholen christlich - abendländischer Kunst seien, so gibt dieser Ausspruch jedenfalls zu denken. Die wechselnden Schicksale der Juden, die sie bisher noch wenig zu physischer und geistiger Ruhe kommen und daher auch nicht jener Sammlung und Concentration der Psyche theilhaftig lverden ließen, ohne die eine künstlerische Production nicht gedacht werden kann, mögen wohl in erster Linie daran Schuld haben. Baterlandslvs, unvermögend sich durch dauernde Niederlassungen eine zweite Heimat zu gründen, waren sie durch die Ungunst der Verhältnisse in allen Richtungen zerstreut und dadurch mehr oder weniger gezwungen worden, sich mit fremden Elementen zu vermischen. Heute beginnt man in weiten Kreisen einzusehen, daß das Abstreisen der Individualität, das Ausmerzen des jüdischen Geistes aus Erziehung und Unterricht ein beklagenswerther Mißgriff war. Ueber die verfehlte Wirkung dieser Maßregel, von vielen als Universalelexir gegen den Antisemitismus empfohlen, ist heute wohl alle Welt einig. Die Reaction gegen diese des jüdischen Volkes unwürdigen Bastardirungsversuche konnte nicht ausbleiben. Sie erscheint als „zionistische Bewegung", die plötzlich mit wunderbarer Spontaneität wiederauflebt und neuerdings ungeahnte Dimensionen erreicht hat. Sie ist das Banner, um das sich ganz Israel schaaren soll, um das zurückzuerobern, dessen es im Laufe der Jahrhunderte verlustig gegangen: das altjüdische Vaterland, den altjüdischen Volksgeist. In diesem Kampfe mögen Juden aller Couleur, vom orthodoxen Gläubigen bis zum ausgesprochenen Atheisten, Schulter an Schulter kämpfen, solidarisch für einander einstehen. Das mitleidige Lächeln, mit dem die Herren Naturwissenschaftler und ihr gedankenloser Anhang über diese Bewegung hinwegzugehen glauben, vermag dieselbe nicht zu discreditiren. Es war ein merkwürdiges Schauspiel, das wir jüngst erlebten. In Leitartikeln, Feuilletons, Resolutionen, die von Afterweisheit troffen, suchte man der national-jüdischen Studentenschaft haarscharf zu beweisen, wie unbegründet und aussichtslos ihre Bestrebungen seien. Koryphäen der Völkerkunde wurden citirt, um darzuthun, daß man hier nur ein Häuslein jugendlicher Phantasten vor sich habe und die Menge der Philister sagte dazu „Amen". Die junge Heldenschaar möge nur weiterhin auf ihrem exponirten Posten treu ausharren und sich von künstlerischer Seite des congcnialen Verständnisses ihrer Bestrebungen versichert

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