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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-26 · 26 (26.6.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
26 (26.6.1896)
Date
1896-06-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 512 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 26 ist und die Anzeige erstattet hat! Und, nebenbei bemerkt, dieser Denunciant Pfister hat sich erst nach drei Jahren veranlaßt gesehen, auf diesem Gebiete seinen Patriotismus leuchten zu lassen. Eine heitere Geschichte. Das große und — schmeichelhafte Interesse, welches anläßlich der denkwürdigen Auszeichnung des Herrn . Pfister durch den Gemeinderath den Namen dieser ausgezeichneten Persönlichkeit der wohlthätigen Vergessenheit entrissen und wieder ans alle Lippen gebracht hat, läßt eine kleine, artige Reminiscenz, die uns von einem ehemaligen, sehr bekannten Gemeinderath mitgetheilt wird, als actuell erscheinen. Vor einer Reihe von Jahren war in einem Hause im fünften Bezirke, welches dem damaligen Gemeinderalh Herrn Pfister gehörte, ein Tischler etablirt, der meist für die Commune Arbeiten lieferte. Der Mann arbeitete sehr billig, so billig, daß er nicht aus seine Rechnung kam und in so mißliche Verhältnisse gerieth, daß er nicht in der Lage war, seinem Hausherrn den Zins für Werkstätte und Wohnung zu entrichten und schließlich die Kündigung erhielt. Gegenüber der Bestürzung, in welche der Tischler durch diese Kündigung versetzt wurde, fühlte aber Herr Pfister doch ein menschlich Rühren; er hielt die Kündigung zwar aufrecht, tröstete aber den armen Tischler mit der Zusicherung, daß „etwas für ihn geschehen werde". Und Herr Pfister hielt auch sein Versprechen; er erließ Einladungen zu einem Wohlthätigkeitsball, der, wie es ausdrücklich hieß — „zum Besten eines verarmten kleinen Handwerksmannes" veranstaltet werden sollte. Der Ball fand thatsächlich statt, und zwar in der Wohnung und Werkstätte des Tischlers selbst, welche bereits von ihm geräumt worden war. Das Local wurde entsprechend arrangirt und Lecorirt und das Wohltyät'gkeitssest — das Entre betrug fünfzig Kreuzer — war sehr stark besucht und nahm einen ungemein animirten Verlauf. Natürlich waren — die Geschichte spielt vor der Denunciations-Episode — sämmtliche Gemeinderäthe des Bezirkes der Einladung ihres Collegen gefolgt, ebenso die Bezirksausschüsse und Armenräthe und zahlreiche sonstige Notabilitäten des Bezirkes. Kurz, das Fest war sehr animirt, man aß und trank, daß der in der Nähe etablirte Wirth an dem wohlthätigen Unternehmet! seine Helle Freude hatte, und man tanzte bis zum frühen Morgen. Und als die festliche Stimmung ihren Höhepunkt erreicht hatte, hielt der mildherzige Hausherr eine kleine Ansprache an die Gäste, in welcher er denselben nahelegte,. daß für den armen N. . . . l — er nannte bm Namen des kleinen Tischlers — noch ein Weiteres geschehen müsse. Und der mildherzige Hausherr ließ den Worten die That folgen, indem er sich mit einer Zehnerbanknote an die Spitze der von ihm veranstalteten Collecte stellte. Dieser Großmuth des Hausherrn gegenüber konnten sich die Honoratioren nicht spotten lassen; das Wenigste, das jeder gab, war ein Guldenzettel, und so kam mit dem Erlös für die Entreekarten ein ganz hübsches Sümmchen zusammen. Man war in den betreffenden Kreisen erfreut, daß dem kleinen Tischler doch ein bischen geholfen worden sei — man war aber einigermaßen erstaunt, als Herr N .... l, zu dessen Besten das Fest stattgesunden, in den nächsten Tagen ebenso gedrückt und sorgenvoll aussah, wie zuvor und durchaus nicht die Miene eines Menschen machte, der sich wenigstens für eine Weile von der Existenzfrage befreit sah. Man srug ihn endlich, warum er noch immer so trübsinnig sei, trotzdem der Wohlthätigkeitsball einen so glänzenden materiellen Verlauf gehabt — der Tischler erwiderte endlich kleinlaut, daß er von den Wirkungen dieses materiellen Erfolges bis dato nicht das Mindeste verspürt, "das heißt, daß er keinen Kreuzer vom Erträgniß des Balles bekommen habe. Darüber waren nun die Frager noch erstaunter und sie gaben dem Tischler den Rath, direct zu Herrn Pfister zu gehen und in artiger Form die Sache zur Sprache zu bringen. Das that der Mann denn auch nach längerem Zögern — und als er bei sei seinem ehemaligen Hausherrn erschien, gab ihm derselbe auch völlige Aufklärung. Herr Pfister sagte nämlich zu ihm: „Sie werden begreifen, lieber Freund, daß in erster Linie der Hausherr befriedigt werden muß. Der ganze Zins ist nun freilich nicht zusammengekommen, es fehlen noch ein paar Gulden, aber — und dabei schlug Herr P f i st e r dem Tischler wohlwollend auf die Achsel — die schenk' ich Ihnen!" Wir haben dieser kleinen heiteren Geschichte nur noch hinzuzufügen, daß Herr N . . . . l, der damals von seinem Hausherrn so großmüthig unterstützte Tischler, sich derzeit in sehr guter Stellung bei einem großen industriellen Unternehmen befindet. Marquis Mores. Den „jüdischen" Einfluß lvollte Marquis Mores angeblich bekämpfen, als er mit Drumont, dem Herausgeber der „Libre paroie“, in ein Compagniegeschäft trat. Der Marquis wollte von dem Geschäfte leben, gut leben, reichlich leben und das ging auch eine Zeit lang. Als das Geschäft anfing schlecht zn gehen, aus Gründen, auf die wir zurückkommen werden, _ zog der Marquis aus, um angeblich den englischen Einfluß in Afrika zu bekämpfen. Das war ein noch riskanteres Geschäft, der Marquis verlor dabei das Leben. Ehre, Anseheir, Reputation hatte dieser antisemitisch-anarchistische Lebemann bereits früher verloren, wenn er überhaupt jemals auf solche bürgerliche Eigenschaften Gewicht gelegt hatte. Sein ganzer Lebenslauf spricht dagegen. Es war derjenige eines Abenteurers, wie er im Buche steht. Der Marquis war der Abkömmling eines der vornehmsten Adelsgeschlechter, aber er that Alles, was einem Manne von wahrer edelmännischer Gesinnung widerlich erscheinen mußte. Kartenspiel, Weiberabenteuer, unreinliche Speculationen, das war der ganze Lebensinhalt dieses für die antisemitische Gesellschaft reifen Mannes. Die anticapitalistische und antisemitische Gesinnung des Marquis war nicht der Ausgangspunkt seiner Carriöre. Allein erschloß sich an Drumont an, der den Antisemittsnlus in Frankreich fructtficirte. Nebenbei hatte der Marquis als confequentem Charakter auch anarchistische Allüren, denn man konnte diesem verlotterten, aber begabten Manne nicht das Verdienst absprechen, er habe die Identität zwischen den anttsemittschen und anarchistischen Tendenzerr rechtzeitig erkannt. MorLs und Drumont, der eine der Schwiegersohn eines Juden, der Letztere, wie behauptet wird, sogar der directe Abkömmling von Juden, beuteten die jüngste ftanzösische Mode: den Antisemitismus, nach Kräften aus. Sie lebten davon, daß sie die Juden nicht leben ließen. Das ist heutzutage ein Geschäft, das seine Leute allerorten erhält. Marquis Mores hatte aber Pech mit den Juden. Nicht daß sie ihn verfolgten und sich an ihm rächten, umgekehrt, er verfolgte sie und rächte sich an ihm. Der antisemitische Marquis brauchte eines Tages zur Zahlung einer Spielschuld 20.000 Frcs. In den aristokratischen Kreisen, in denen man ihn kannte, borgte man ihm kein Geld; die ihn nicht kannten, fanden die Summe zu groß. Er bat Drumont um die Summe, mit der Bemerkung, er müsse zur Pistole oder zum Strick greifen, wenn er sie ihm nicht gebe. Hätte Drumont nach dem Beispiele Schönerer's gehandelt, er würde dem Marquis zu dem plebejischen Sttick, im besten Falle zur aristokratischen Pistole gerathen haben. Aber Drumont hat ein gutes Herz. Er wollte beu Freund und das Geld behalte:: und fand einen genialen Ausweg. Einen genialen, eines Anttsemiten würdigen Ausweg. „Gehen wir zu Cornelius Herz sagte er, der hat ein gutes, jüdisches Herz, er wird Dir das Geld borgen, damit Du Dich nicht aufzuhängen brauchst". Und so gingen die Bekämpfer der „jüdischen" Corruption Drumont und Mores — die Analogie mit Wiener Vorbildern liegt auf der Hand — zu dem Juden Cornelius Herz, der in der That das Geld hergab, damit Mores am Leben bleiben und weiter seiner hehren Mission sich widmen könne. Mores entging dem Strick und der Pistole, doch der Nagel zu seinem Sarge war schon in seinem Besuche bei Herz gelegen. Die Enthüllung, daß er, der Anttsemit, den Juden „angeschnorrt", machte seiner Carricre in Paris ein Ende. Die Enthüllung wurde nicht von Herz gemacht, sondern von Clemengeau, der den Marquis mit infernalischem Hasse verfolgte. Mores behauptete, Clemengeau habe englisches Geld genommen, aber er konnte die Verleumdung nicht beweisen. Clemengeau behauptete, Mores habe „jüdisches" Geld genommen und er erbrachte solch belastende Beweise, daß Mores nicht einmal zu leugnen wagte. Der corrupte Corruptionskämpfer wurde durch diese Enthüllung schier lächerlich und das war für ihn schlimmer als entehrt sein. Er wandte dem undankbaren Vaterlande den Rücken und zog gegen die Semiten im dunklen Afrika aus. Diese scheinen für den Marquis nicht so wohlwollende Gesinnungen gehegt zu haben, wie Cornelius Herz. Sie benützten die erste Gelegenheit, um ihm todtzuschlagen. Er fiel durch Semiten. Ein klägliches Ende für einen Mann, der als Anttsemit gelebt. — a. — Eine Jüdin als Wachtmeister in den Freiheitskriegen 1813—14. Man weiß, daß auch einige Mädchen im Jahre 1813 dem Ruf des Vaterlandes folgten und in Männerkleidern als Soldaten in den Krieg zogen, von dem Theodor Körner sang, e r sei ein „Kreuzzug, ein heiliger Krieg" gewesen. Aber es ist wenig bekannt, daß auch eine Jüdin darunter gewesen, die W a ch t m e i st e r geworden und das e i s e r n e K r e u z fiir ihre Tapferkeit erhalten. Die „Vossische Zeitung" vom 9. December 1815 schreibt darüber: „Luise G r a f e m u s (eigentlich E st her Manuel aus Hanau gebürtig, 30 Jahre alt, jüdischer Abkunft und Religion) Witwe des Wachtmeisters Grafemus im Regiment Constantin Garde-Uhlanen, wollte ihrem Manne, der sie und zwei Kinder (ein Mädchen, jetzt 10 Jahre und einen Knaben 8 Jahre alt) verlassen hatte, im Jahre 1813 nach Schlesien nachziehen,

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