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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-26 · 26 (26.6.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
26 (26.6.1896)
Date
1896-06-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 Dr. Vlortz's Wochenschrift. ohne daß die österreichischen Regierungen Anlaß genommen hätten, ihnen den Standpunkt klar zu machen. Nach dieser Richtung besteht schon ein bedeutender Unterschied zwischen Cis und Trans, die Ungarn wissen ihr Haus vor Einbrechern zu schützen. Aber wie ist es mit den schleichenden Gesellen im Hause selbst? Es müssen nicht erst auswärtige Agitatoren über die Grenze gehen, der Jesuitismus findet seine Werkzeuge unter den eigenen Landesgenossen, und man darf nicht übersehen, daß die clerical-antisemitische Volkspartei in Ungarn immer mehr an Anhang gewinnt. Schon dieser Umstand beweist, daß die „Lueger-Frage" nicht, wie Baron Banffy bemerkte, eine blos „ innere Frage Oesterreichs" ist. In dem Augenblicke, wo Herr Lueger alle destructiven Kräfte des Reiches, auch den Haß der Nationalitäten im Reiche der Stefanskrone, gegen die Selstständigkeit Ungarns aufruft, ist diese Frage eine Reichsftage geworden, und die ungarische Regiermng kann sich nicht blos mit der Bemerkung über dieselbe hinweghelfen, daß es „Pflicht der österreichischen Regierung sei, gegen diese Agitationen vorzugehen." Der Abgeordnete Hollo hat mit Recht darauf verwiesen, daß Dr. Lueger von einem viel höherstehenden Factor als dem ungarischen Ministerpräsidenten durchaus ernst und als eine wichtige politische Persönlichkeit behandelt wurde. Der Wink mit dem Zaunpfahl an die österreichische Regierung ist gar sehr am Platze, aber wir meinen, daß die Ungarn nicht klug thäten, ausschließlich sich auf die „eiserne Hand" des Grafen Badeni zu verlassen. Es stehen viel ernstere Dinge in Frage als die politische Resolution eines cis- oder transleithanischen Ministeriums, und man darf nicht vergessen, daß eine Action die von den officiellen Kreisen Ungarns gegen die Hetzereien der Wiener Antisemiten eingeleitet wurde, doch ein ganz anderes Gewicht hätte, als die Abwehr, welche gegenwärtig die Herren Ugron und Franz Kossnth zu organisiren im Begriffe sind. So wenig wir daran glauben können, daß sich das Ministerium Badeni eines Lneger als Mauerbrechers in der Ausgleichssache bedienen könnte, so wenig ist anzunehmen, daß Baron Banffy den Schutz der Ehre und staatlichen Selbstständigkeit Ungarns den Herren vor: der äußersten Linken allein überlassen werde. Der von diesen Herren ansgegebene Ruf: „Kauft nicht in Wien!" ist ja nur Wasser auf die Mühle der Lueger und Genossen. Die liberale Partei in Ungarn ist mächtig genug, sich selbst ihrer Haut zu wehren, nur möge sich die aus ihr hervorgegangene Regierung von den verhängnißvollen Fehlern und Unterlassungen der cisleithanischen Regierung fteihalten. Vom Jahrmarkt des Levens. Der Bildungshatz« Die antisemitische Majorität des Gemeinderath es hat die Subvention des niederösterreichischen Volksbildungsvereines von 3200 fl. auf 500 fl. herabgesetzt, und der Referent — ein Lehrer Namens T o m o l a — hat sich dabei in den gehässigsten Schmähungen gegen diesen segensreich wirkenden Verein ergangen. Da haben wir den unverhüllten Kern der antisemitischen Bewegung. Sie begann mit der Hetze gegen die Inden und sie endigt mit der Verleugnung der modernen Cultnr. Die Lehrer gegen die Volksbildung! Gibt es eine grellere Illustration der menschlichen Verkehrtheit, aber auch zugleich der Dummheit, welche mit protzigem Behagen vierschrötig einherschreitet? Das „christliche Volk" wird von der schrecklichen Last des Bildungszwanges, der Gesittung^ des Wissens erlöst — das Arierthum kehrt zu den seligen Zeiten der Bärenhäuterei zurück. Für uns Juden liegt darin eine große Genugthuung. Wenn die antisemitische Gesinnung unvereinbar ist mit Bildung und Wissen, dann ist damit gesagt, daß das Judenthum einer der mächtigsten Culturfactoren der Menschheit ist, daß Aufklärung und Volksbildung und aller Culturfortschritt des semitischen Elenientes nicht entbehren können. Die Juden sind in allen Vereinigungen zu finden, welche Wissenschaft und Kunst befördern, wie sie zu allen Humanitätszwecken beisteuern. Sie tragen des Lichtes Himmelfackeln, und darum der Haß, mit welchem sie von den Anwälten der Bestialität verfolgt werden. Lassen wir diese kostbare antisemitische Majorität nur gewähren! Seien wir nicht zu ängstlich ob ihrer Scheinerfolge! Sie mögen nur das Thier im Menschen aufwecken, sie mögen den Eigennutz, die Dummheit, die Rohheit pflegen. Je mehr, desto besser! Nur auf solche Weise kann den Massen die Erkenntniß beigebracht werden, welcher Edelsinn und welcher Entwicklungstrieb im Judenthum wohnt. Das kann Jahre dauern, aber die Erkenntniß wird Seite 511 reifen und dann nur im Volksbewußtsein desto fester gegründet sein! Die Pststerei. Herr Lueger ist eine dankbare Statur! Kaum zur Macht gelangt, hat er Herrn Pfister für die Folgen jener Schandthat entschädigt, mit welcher dieser Mensch vor Jahren die antisemitische Sache bei allen Haderlumpen populär machte. Der Denunciant Pfister erhielt die goldene Salvator- Medaille, und dieselben Persönlichkeiten, die sich einst mit Abscheu vor dieser Jncarnation antisemitischer Gewissenlosigkeit abwendeten, haben dabei assistirt. Wenn die Verweigerung der dem Volksbildungsvereine zugesagten Subvention das intellectnelle Niveau beleuchtet, auf welchem der Antisemitismus bereits augelangt ist, so beleuchtet die Zuerkennung der Salvator-Medaille an Pfister das moralische Niveau dieser Bewegung. Fürwabr, die Juden dürfen die Köpfe hoch tragen! Von einer Partei gehaßt zu werden, die einen Pfister auszeichnet, ist eine Ehre ohne Gleichen! Und mich hier rufen wir unseren Glaubensgenossen zu: Warten wir geduldig ab! Tr. Karl Lueger ist heute der mächtigste Mann in Wien, aber so weit reicht seine Macht doch nicht, daß er der Wiener Bevölkerung den letzten Rest von Ehr- und Schanigefühl aus dem Herzen reißen könnte. Auch die schlimmste sogenannte „Tarnopoler Moral" wiegt leicht gegenüber der Moral, zu der sich der antisemitische Wiener Gemeinderath mit der Auszeichnung eines Pfister bekannt hat. Georg Schönerer über Dr. Lueger und Pfister. Der „Bund deutscher L a n d w i r t h e i u der O st m a r k" hielt über Einladung von Mitgliedern des Bauernvereines ftir das südöstliche Oberschlesien am Sonntag den 21. d.M. in Franz Rvleder's Saale zu Odra u seine 56? Versammlung ab, bei welcher sich an 600 Grundbesitzer aus: Bülten, Tobischwald, Dörfl, Emaus, Fnlnek, Groß- und Klein-Glockersdvrf, Groitsch, Halbendorf, Heinzendorf, Henndvrf, Klein-Hermsdorf, Deutsch - Jaßnik, Jogsdorf, Köttnitz, Kunewald, Kunzendorf, Lautsch, Mankendorf, Neudörfl, Oberdorf, Odrau, Klein-Petersdorf, Sedlnitz, Seitendorf, Sponau, Taschendorf, Trvppan, Tschirm, Waltersdorf, Werdenberg, Weffiedel, Wigstadtl, Mährisch- Wolfsdorf, Schlesisch-Wolfsdorf und Zauchtel einfanden. Georg Schönerer hielt die Rede und preist sich und seine Genosseii glücklich, daß sie jede Gemeinschaft mit den unter L u e g e r's Führung und des corrupten B e r g a n i journalistischer Vertretung stehenden Christlich-Socialen entschieden abgelehnt haben. Blitzartig beleuchte den moralischen Tiefstand dieser Partei die Verleihung der Großen goldenen Salvatormedaille an den Dennncianten Pfister. An die sachgemäße Erzählung des Falles knüpft Schönerer folgende Bemerkung : „Die Denunciation kann niemals vergessen werden und ich behaupte: es gibt kaum etwas Gemeineres, kaum etwas Niederträchtigeres, als das Denunciantengewerbe und namentlich dann, wenn es freiwillig geübt wird. Wenn an einen Familienvater der Hunger herantritt, wenn seine zahlreiche Familie nach Brot schreit und er läßt sich in dieser Lage zum Denunciantengewerbe anwerben, dann ist dies allerdings gemein, niederträchtig, allein es könnte Leute geben, die dies mit der Begründung entschuldigen: die bittere Noth hat diesen Auswürfling dahingebracht. Wenn man überdies in angesehener Stellung freiwillig thut, dann gibt es Gott sei Dank keinen Ausdruck in der deulschen Sprache, der ausreichend genug wäre, um dieses D enunciantenthum entsprechend gerecht bezeichnen zu können. (Zustimmung.) Wer älter ist und es in Wien erlebt hat, wie sich in den Fünfziger-Jahren das sogenannte Nadererthum eingeschlichen hat bis in die Familien, wer gehört hat, wie da der Neffe den Onkel, der Sohn den Vater denuncirte, der muß die Hände zum Himmel heben und bitten, daß ähnliche Verhältnisse doch bei uns niemals mehr eintreten mögen! Und was geschah zu Wien vor dreimal vierundzwanzig Stunden? Diesem Denuncianteu Pfister wurde über Antrag des Referenten Dr. Lueger die höchste Ehre zu Theil, er wurde mit einer Auszeichnung geschmückt, die doch dazubestimmtwar, edle Bürgertugenden und edlen Bürger sinn zu belohnen! (Entrüstete Ruse: Pfui! Schande! Erbärmlich!) Wenn gewisse Christlich-Sociale sich veranlaßt finden, Denuncianten aus;uzeichnen und dies durch Medaillen zum Ausdruck bringen, dann sollen sie hiefür eine Lueger-Medaille prägen lassen, nicht aber mit der Salvator medaille ein solches Spiel treiben! (Bravo! Bravo!) Und was sagt das Organ dieser Partei, das „Deutsche Bolksblatt"? Es sagt: „Es wird dem Pfister vorgeworfen, er habe einmal einen jüdischen Friseur wegen Majeftätsbeleidigung denunrirr. Wie uns mitgetheilt wird, war Herr Pfister nicht der Anzeiger." Das wagt dieses Lügenblatt zu schreiben angesichts des Protokolles des Bezirks-Polizeicommissariates Margarethen, welches ausdrücklich vermerkt, daß Pfister freiwillig erschienen

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