Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-26 · 26 (26.6.1896) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
26 (26.6.1896)
Date
1896-06-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021142--05738-3029988
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 510 Dr Vloch's Wochrufchrist Nr. 36 S t u r d z a (lMt auflachend): Aber lieber Freund, Sie sind doch noch von einer köstlichen Naivetät! Das nennen Sie einen Schritt, der Befremden erregen, mißdeutet werden könnte . . Es ist zu köstlich! Dr. Lueger (irritirt): Nun, da man doch auf R o t h s ch il d stets als einen Repräsentanten des Judenthums hinweist, so hätte ich gemeint . . . Sturdza (lächelnd): Ja, haben wir denn jemals etwas gegen das „jüdische" Capital einzuwenden gehabt, wenn wir es just brauchten? Dr. Lueger: Befürchten aber Excellenz nicht, daß man daraus irgend welche Schlüsse ziehen könnte, die vielleicht.... S t u r d z a: Sie sind kindisch, lieber Doctor. Wenn die französischen Antisemitenführer M o r ö s und D r u m out wegen lumpiger 20.000 fl. zu dem Juden Cornelius Herz gehen konnten, so darf Rumänien sich wegen einer Millionen-Anleihe an Rot hfchild wenden.... Dr. Lueger: Gewiß, aber wäre es doch nicht vielleicht besser, wenn ... S t u r d z a: Aber wozu erinnere ich Sie an Frankreich? Da fällt mir Ihr liebes Wien, Ihr lieber Busenfreund Bergani ein. Wenn der so ganz ungenirt vor Gericht bekennen durfte, daß sein zur Bekämpfung der „jüdischen" Banken gegründetes Blatt von den Geldern existire, daß er bei den „jüdischen" Banken „zusammenschnorrt", dann kann Rumänien getrost mit Rothschild ein Geschäft machen. Dr. Lueger: Ich muß gestehen, Excellenz, die Beispiele von Mores, Drumont und Bergaui sind schlagend, aber ich denke, es ist doch ein Unterschied zwischen Privatpersonen uno den leitenden Persönlichkeiten eines Staates. Sturzda: Da haben Sie Recht, lieber Doctor, da haben Sie ein gescheidtes Wort gesprochen. Aber gerade von diesem Gesichtspunkte aus müssen Sie zu dem Schlüsse gelangen, daß für Rumänien gerade das — Rothschild'sche Geld ein wahrer Schatz ist. Das werde ich Ihnen sofort beweisen. Dr. Lueger: Ich bin gespannt, Excellenz. Sturdza: Sie werden begreifen, lieber Doctor, daß es einem Staate unangenehm ist, wegen seiner Grundsätze und Regierungsprincipien, mögen diese noch so ideal und erhaben sein, von der unverständigen Welt Angriffe erdulden zu müssen. Scheu Sie: so ist es uns unangenehm, fortwährend vom Auslande hören zu müssen, daß bei uns Menschen — und seien es selbst Juden — wegen ihrer Religion „Verfolgungen" erleiden. Dr. Lueger: Das begreife ich. Das thut man, aber es ist ganz überflüssig, daß davon viel gesprochen wird. Sturdza (diplomatisch lächelnd) : Na also, sehen Sie, alle diese langweiligen Vorwürfe und Recriminationen sind jetzt einfach ad absurdum ge führt. Dr. Lueger (naiv): Von wem? Sturdza: Mn, von den Juden selbst! Wer wird den Juden noch glauben, wenn sie über die Vergewaltigung in Rumänien klagen, nachdemihr hervorragendster Repräsentant, Rothschild, uns Geld gibt? Dr. Lueger (ehrfurchtsvoll): Ich begreife .... Sturdza (stolz sortsahrend): Von dem Rothschild'schen Gelde sollen auf Unterrichtsanstalten gegründet werden. Begreifen Sie den köstlichen Spaß? Soll jetzt noch ein Jude die Dreistigkeit haben, auf dem Umstand hinzuweisen, daß in Rumänien die Judenkinder von dem Besuche der Schule ausgeschlossen sind. HahahaN! Die Schulen sind ja von Rothschilds Geld erbaut! Von „jüdischem" Gelde! Dr. Lueger (bewundernd): Ich begreife jetzt Alles: Excellenz. Sturdza: Wenn die Juden jetzt das Ausland mit ihrem Jammer behelligen, so dürste ein H o h n g e l ä ch t e r die AntwoÄdarauf sein. Man wird dem Rothschild mehr glauben als ihnen. Dr. Lueger: Großartig! Sturdza: Sehen Sie, lieber Doctor, so regiert man, so leitet man, so macht man Geschäfte. Da treffe ich drei Fliegen mit einem Schlage. Ich mache mit meinen Juden weiter, was ich will. Ich schaffe mir ihre Klagen vom Halse und besorge das Wes mit oem Gelde des Juden Rothschild! Dr. Lueger: Und ich Thor, ich dachte, daß Sie, Excellenz, sich doch comprimittirt hätten! Sturdza (feierlich): O, was denken Sie. Ich weiß, was ich meinem Volke, dem Staate, der Weltgeschichte, mir selbst schuldig bin. Wenn Jemand bei dem Geschäfte sich compromittirt, — ich bin es nicht! Dr. L u e g e r: Ich werde mir Ihre Regierungsmaximen, Excellenz, vor Augen halten, — wenn ich zur Regierung komme! -i- * Auf den weiteren Verlauf des Gespräches dürften wir vielleicht bei einer anderen Gelegenheit zurückkommen: 6. Der „gewisse Lueger". Die „Lueger-Frage" hat nun auch in Ungarn ihren Einzug gehalten. Die Thatsache, daß der erste Vice-Bürgermeister Wiens Tag für Tag das ungarische Volk beschimpft und den ungarischen Staat verhöhnt, daß er Hetzartikel über die Grenze sendet und selber an der porta hungarica erscheint, mit drohendie Faust gegen die „Judäo-Magyaren" zu ballen, ist im und garischen Parlamente nicht unbeachtet geblieben. Man weiß, wohin alle diese Dinge zielen, man weiß aber auch, in welchem Boden diese Agitation wurzelt. In seiner Interpellation an den Minister des Innern erzählt der Abgeordnete Meszlönyi, daß die Agenten Lneger's die deutschsprachlichen Comitate Preßbnrg, Oedenbnrg und Eisenbnrg bereisen, um für den Antisemitismus Propaganda zu machen und unter dem Deckmantel des religiösen Fanatismus gegen die Einheit der ungarischen Nation zu schüren. Diese Agenten verkünden, Lueger werde nach Ungarn kommen und das Volk aufklären, daß die Juden und Magyren es ansrauben. Wir hören bekannte Klänge. Hat denn die Agitation in Wien anders begonnen? Hat man nicht auch hier zu allererst von der Ausbeutung durch die Juden und die Liberalen gesprochen? Wie man für Wien das Wort'„Judenliberale" erfand, so bildete man für Ungarn das Wort „Judäo-Magyaren". Auch in Wien hat die liberale Partei ursprünglich die Hetzereien Lueger's nicht sonderlich ernst genommen und es unterlassen, dagegen wirksame Vorkehrungen zu treffen. Aber Schritt für Schritt wuchs die Macht des Agitators und heute bedroht dieselbe die Wurzeln der liberalen Partei nicht blos in Wien und Niederösterreich, sondern im ganzen Reiche. Wir betonen dies, weil darin schon eine Kritik der Antwort liegt, welche der Ministerpräsident Baron B a n f f y den Interpellanten Hollo und Meszlenyi ertheilt hat. Der ungarische Cabinetschef hat die „Lueger-Frage", wie er selbst sie nannte, ungefähr so abgethan, wie man eilt lästiges oder ekelhaftes Jnsect vom Rockärmel wegschleudert. Er sprach von jenem „gewissen Lueger", dessen Richtung, Ton, Manieren und Anschauungen nicht werth seien, im ungarischen Parlamente ernst discutirt zu werden. Er erklärte es ferner nicht der Mühe werth, auf jene unwürdigen Angriffe zu reflectiren — kurz, Herr v. B a n f f y hat dem ersten Vicebürgermeister Wiens seine volle Mißachtung fühlen lassen. Aber gewisse Jnsecten haben die Eigenthümlichkeit, daß sie sich nicht verjagen lassen. So widerwärtig es auch den ungarischen Politikern sein mag, sich mit dem Buseltfteunde des Herrn Pfister ernsthaft zu beschäftigen, es wird ihnen schließlich kaum erspart bleiben und die „Lueger- Frage" wird auch in Ungarn ihre hohen Wellen werfen. Denn fo wenig der Margarethener Tribun für Cisleithanien ein alleinstehender, lediglich seinem persönlichen Ehrgeiz dienender Agitator war, so wenig ist er dies fiir Transleithanien. Dieselben Drahtzieher, die hier jede seiner Bewegungen lenkten, dirigiren auch seine Hetze gegen Ungarn. Hinter Lueger steht der große Heerbann der clericalen Partei, die auch in Ungarn bereits an die Organisirung einer demagogischen Bewegung schreitet. Hier liegt der große Jrrthum der ungarischen Regierung. Man kann im gesellschaftlichen Leben Jemanden mit schweigender Verachtung strafen, im politischen Leben aber darf man auch die geringste Triebkraft nicht gering schätzen, am allerwenigsten eine solche, die ihre furchtbar aufwühlende Wirkung bereits erprobt hat. Allerdings, der ungarische Ministerpräsident hat durch den weiteren Wortlaut seiner Jnterpellationsbeantwortung bewiesen, daß ihn die Nichtachtung der Person Lueger's nicht verhindern wird, seinen Hetzereien überall dort energisch entgegenzutreten, wo er dazu Anlaß haben wird. „Die Regierung", erklärte er, „hält es für ihre Pflicht, daß jeder Hetzer, ob er nun fteiwillig oder in Folge einer Einladung die Grenze überschreitet, hier nicht geduldet wird!" Das ist eine sehr kategorische Sprache und soweit es sich um die Entsendung cisleithanischer Emissäre des Antisemitismus nach Ungarn handelt, kann man sicher sein, daß dieselben es nicht darauf ankommen lassen werden, den Ernst dieser Warnung an sich zu erproben. Man erinnerte sich da an die fteundnachbarlichen Visiten, welche reichsdeutsche antisemitische Agitatoren zu wiederholten Rialen in Wien abgestattet haben,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.