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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-19 · 25 (19.6.1896) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
25 (19.6.1896)
Date
1896-06-19
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 506 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 35 theilen. Das Comite bleibt lange aus. Am Ende hat es in der Versammlung wieder Streit gegeben?" „Ja, das ist ein anderer Punkt", sagte Pinkas. „Warum lassen Sie mich nicht in den Versammlungen reden? Nicht in den kleinen, auf der Straße, sondern in den großen, in der Vereinshalle. Sie wissen doch, Simon, ich und Sie sind die Einzigen in London, die ordentlich englisch reden können." „Ich weiß; aber solche Reden müssen im Jargon gehalten werden. „Gewiß; aber wer spricht ihn so wie ich und Sie? Sie müssen mich heute Abend reden lassen." „Ich kann nicht, wirklich nicht", sagte Simon. „Das Programm ist schon festgestellt. Sie wissen, sie sind auf mich eifersüchtig, ich darf keinen auslassen." „Nein, nein, sagen Sie das nicht!" rief Pinkas, indem er den Finger flehend an die Nase legte. „Ich muß." „Sie zerreißen mein Herz. Ich liebe Sie wie meinen Bruder, beinahe wie ein Weib! Nur eine Rede!" „Ich kann nicht. Ich würde in ein Wespennest stechen." „Nur eine ganz kleine Rede, Simon Wolf." Wieder lag sein Finger an der Nase. „Es ist nicht möglich." „Sie bedenken nicht, wie sehr mein Jüdisch alle Herzen entflammen und Thränen aus den Augen locken wird, wie Moses das Wasser aus dem Felsen schlug." „Ich weiß, ich weiß; aber was kann ich thun?" Mr diesen kleinen Gefallen thun Sie mir, und ich werde Ihnen mein ganzes Leben dankbar sein." „Sie wissen, ich thäte es gern, wenn ich nur könnte." Pinkas drückte seinen Finger noch dringender an die Nase. „Nur diesen einen Gefallen! Thun Sie mir das zu Liebe, und ich werde nie mehr im Leben etwas von Ihnen verlangen." „Nein, nein, lassen Sie mich in Ruhe, Pinkas!", sagte Wolf ärgerlich werdend. „Ich habe sehr viel zu thun." „Ich werde Ihnen nie mehr meine Ideen mittheilen", rief der Dichter aufbrausend, ging hinaus und schlug die Thür zu. Der Arbeiterführer vertiefte sich mit einem Seufzer der Erleichterung in seine Papiere. Die Erleichterung war nur von kurzer Dauer. Einen Augenblick später wurde die Thür leise geöffnet und Pinkas' Kops schob sich durch die Oeffnung. Auf dem Gesichte des Dichters lag sein lieblichstes Lächeln, der Finger war schmeichelnd an die Nase gedrückt. „Nur eine ganz kleine Rede, Simon Wolf! Bedenken Sie, wie ich Sie liebe!" „Gut, gut, gehen Sie nur, ich werde schon sehen", antwortete Simon Wolf, trotz seines Aergers lachend. Der Dichter stürzte in's Zimmer und küßte Wols's Rocksaum. „Oh, Sie sind ein großer Mann!" Dann ging er hinaus und schloß sachte die Thür. Einen Augenblick später zeigte sich abermals die Vision des schwarzen Kopfes mit dem kriechenden Lächeln und dem Finger an der Nase. „Nicht wahr, Sie werden Ihr Versprechen nicht vergessen?" „Nein, nein, gehen Sie zum Teufel! Ich werde nicht vergessen." Als Pinkas nach Hause ging, waren die Straßen voll von aufgeregten Strikenden, die mit orientalischer Lebhaftigkeit die Situation mit Jedem besprachen, der zuhören wollte. Die Forderungen dieser armen Gehilfen (denen von 24 Stunden nur 6 gehörten und die nur durch die Hilfe ihrer Weiber und kleinen Kinder ein Pfund per Woche verdienen konnten) waren mäßig genug. Sie forderten eine Arbeitszeit von acht Uhr Früh bis acht Uhr Abends, eiüe Stunde Ruhepause für das Mittagessen und eine halbe Stunde für die Vesper; außerdem sollten die Regierungslieferanten für den Mantel eines Polizisten zwei Schilling zahlen, statt eines Schillings und neun Pence u. s. w., u. s. w. Ihre Absichten waren vollkommen friedliche. Alle Gesichter trugen den Stempel der Klugheit und der Krankheit; die schmutzige Blässe wurde von dem Blitzen der Augen und der Zähne belebt. Ihr Rücken war gebeugt, chre Brust schmal, chre Arme waren schlaff. Sie kamen zu Hunderten an diesem Abend in die Vereinshalle, aber da es ein Freitagabend war, weigerte sich ein großer Theil von Strikenden den Sabbath zu entweihen, indem sie der Versammlung beiwohnten. Das waren jedoch die „Zeloten", darunter Moses Ansell; denn auch er strikte. Da er ohnehin keine Arbeit hatte, verlor er mchts, indem er die numerische Bedeutung der Agitation erhöhte. Die gemäßigten Frommen behaupteten jedoch, daß es sich um keine finanziellen Geschäfte handelte, das Anhören der Reden sei keine Arbeit; außerdem wäre es zu Hause bei der leeren Speisekammer ein trauriger Sabbath gewesen, auch hatten sie die Synagoge schon hinter sich. So degenerirt die alte Frömmigkeit unter dem Druck moderner, socialer Probleme. Die Minorität gehörte der leichtherziger denkenden Partei an, und die Majorität nahm die Dienste Wolf's nur an, weil sie ihr unentbehrlich schienen. Im Augenblick war er der einzige Führer. Obwohl Wolf auf die Versammlung am Freitag Abend nicht verzichten wollte, weil zu dieser Zeit auch die Schneider kommen konnten, die noch nicht strikten, so hatten Pinkas' politische Rathschläge doch tiefen Eindruck auf ihn gemacht. (Fortsetzung folgt.) Die Tönr unserer Zeit*)- Stimmungsbild von I. L. P e r e z. Nach dem Hebräischen, deutsch bearbeitet von Theodor Z l o c i st i Drunten Ms der Straße drängten sich die Leute, in andachtsvollem Schweigen den Tönen lauschend, die aus einem der Fenster in die Abendlüste hineinbebten . . . Immer leiser wurden die Töne, zarter, weicher, und als die letzten Klänge wie verhaltene Seufzer von den Tasten emporbebten, erbrauste drunten aus der Menge donnernder Beifallsjubel, begeistertes Händeklatschen. Sie schloß den Deckel des Pianos schmerzdurchzuckten Gemüthes. Was galt ihr der Beifallssturm der Menge, die sich an dem linden Abend auf der mondbleich umflossenen Straße drängte. Ihre ganze Seele, die lohende, verzehrende Liebesgluth, ihr ungestümes Sehnen hatte sie in der Töne wirbelndes Spiel ergossen — denn nur zu seinem Herzen wollte sie sprechen . . . zu seinem Herzen. „Hast Du denn gar nicht zugehört?" fragte sie mit bebender Stimme. Er regte sich nicht. Gluthröthe stieg in ihr auf. Die zarten Lider ihrer träumerischen Augen zitterten auf und nieder. „Was ist Dir, David", ruft sie erschreckt. „Was ist Dir? Dein Auge flammt blutigroth und Deine Wange ist weiß, weiß wie Kalk. Du bist doch nicht krank?" Hastig preßt er die Worte hervor, als fiele ihm das Sprechen zur Last: „Ach nein doch — gesund wie immer!" Er stand vom Stuhle auf und ging . . wankte durch das Zimmer. Aber bald sank er erschöpft auf dem Divan nieder, das bleiche, leidende Gesicht zur Wand gewendet. Sie blickte ihn fragend an . . . ängstlich, todtängstlich ftagend. Der Blick erstarrte, als dämmerte in ihr selbst die Antwort auf. Sie fühlte, wie es in ihr aufsüeg . . ein ungewisses Etwas, das sie packte . . mit scharfen Krallen packte. Immer klarer ward es ihr, es hat sich ein Fremdes in die traute Harmonie ihres beseelenden Liebesglückes geschlichen. Ihr war es, als sähe sie seine Liebe ins Grab steigen; und dieses bohrende Schmerzgefühl zerpreßte ihr den Busen, daß er keuchend — nach Athem ringend — auf- und niederflog und die hemmende Gewandung zu durchreißen drohte. Nervös nestelten ihre Finger im Haar, daß die Spangen sich lösten und den weißen Nacken herab dunkle Locken wallten. „Sag doch, was ist Dir? Oder hat Dich mein Spiel verletzt??!" „Laß doch! Du hast gut gespielt, sehr gut gespielt", antwortete er kalt und mißmuthig und ohne säst die Lippen zu regen. „Warum also?" Keine Antwort. „Weißt Du noch", begann sie wehmuthsleise, „einst gab es Tage —" Sie konnte den Satz nicht vollenden. Thränen quollen ihr aus den Augen und perlten ihr die Wange herab . ., die leidgebleichte. Sie stand auf und ging zum Balcon hinaus und dort stand sie und blickte auf das Funkeln und Leuchten und Blitzen *) Vorgelesen am ersten neuhebräischen Dichterabend des jüdisch- Ä nationalen Vereines „Jung-Jsrael".

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