Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 25 (19.6.1896)
- Date
- 1896-06-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. L5 Dr. Bloch's WochenftipM. Seite 505 Feuilleton. Rinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) (Nachdruck verboten.) „Unsere armen Brüder haben kein anderes Mittel, sich au^ der Sklaverei zu retten, als indem sie sich gegen die Blutsauger vereinigen," fuhr Simon Wolf fort. „Dann können die Juden im Westend sich aufhängen." „Ja, ja, das ist auch meine Politik", sagte Pinkas. „Das war meine Politik, als ich die Palästina-Liga begründete. Helft Euch selbst, und dann wird Pinkas Euch helfen! Ihr müßt Euch vereinigen, und dann werde ich der Moses sein, der Euch aus dem Lande der Knechtschaft führt. Nein, ich werde mehr sein als Moses, denn er hatte nicht die Gabe der Beredsamkeit." „Und er war der bescheidenste Mensch, der je existirt hat," fügte Wolf hinzu. „Meinetwegen," sagte Melchisedek Pinkas unerschütterlich. „Ich stimme mit Goethe überein: „Nur Lumpe sind bescheiden." Ich bin nicht bescheiden. Ist der Allmächtige bescheiden? Ich weiß, ich fühle, was ich bin, was ich kann." „Hören Sie, Pinkas, Sie sind ein kluger Mensch, das weiß ich, und ich freue mich, daß Sie mit uns halten: aber vergessen Sie nicht: ich habe diese Bewegung seit Jahren organisirt, habe sie ausgedacht, während ich mich in Belkowitsch' Schneiderzimmer abplagt, habe darüber geschrieben, bis ich den Krampf bekam, habe darüber gesprochen, bis ineine Stimme ausging — ich habe die Juden im Ostend aufgerüttelt und das Echo ihrer Lieder bis in das Parlament dringen lassen: ich werde mir also nichts von Anderen dreinreden lassen, hören Sie!" „Ja, ich höre. Warum hören Sie mir nicht zu? Sie verstehen nicht, was ich meine." „O, ich verstehe Sie gut genug. Sie wollen mich aus meiner Position verdrängen." „Ich?! Ich?!" wiederholte der Dichter in beleidigtem und erstauntem Tone. „Was? Ohne Sie würde ja die ganze Bewegung zerfallen wie eine Mumie in der Lust. Seien Sie kein solcher Narr! Zu Allen habe ich gesagt: „Ah, dieser Simon Wolf ist ein großer Mann, ein sehr großer Mann; er ist der Einzige unter den englischen Juden, der die Armen retten kann. Er sollte Parlamentsmitglied werden und nicht dieser Narr Gideon. Seien Sie kein Thor! . . . . Noch ein Glas Sherry und noch ein paar Schinkenbrode!" Der Dichter fand ein kindliches Vergnügen daran, gelegentlich die Rolle des Wirths zu spielen. „Schön, ich glaube Ihnen," sagte der besänftigte Arbeiterführer, „aber Sie wissen, wie es zugeht. Nachdem ich nun jahrelang an der Sache arbeite, will ich nicht, daß eine Drohne sich hineinmischt und mir den Ruhm wegnimmt." „Ja, SIL vos, noa vobis,“ wie der Talmud sagt. „Wissen Sie, ich habe bewiesen, daß Virgil alle seine Ideen aus dem Talmud gestohlen hat — —" „Zuerst kam Schwarz und dann Kohn zu uns; jetzt glaubt Gideon, das Parlamentsmitglied, daß er in der Presse daraus Reclame schlagen kann, und will bei den Versammlungen den Vorsitz führen. Diese Parlamentsmitglieder sind eine elende Bande!" „Ja, aber Sie dürfen Ihnen den Ruhm nicht wegnehmen. Ich werde Artikel schreiben und sie bloßstellen. Die Welt soll erfahren, was für Schwindler sie sind; wie alle die reichen Juden vom Westend dabeistanden und die Hände in den Taschen der Arbeiter hielten, während Sie das große Werk bauten. Sie wissen, alle Jargonblätter reißen sich um das, was ich schreibe. Sie drucken meinen Namen Melchisedek Pinkas in sehr großen Lettern unter Alles, und ich bin über diese Huldigung so erfreut, daß ich keine Bezahlung verlange; denn sie sind arm. Heutzutage bin ich sehr berühmt, mein Name hat sogar in den Abendblättern gestanden, und wenn ich über Sie in die „Times" schreibe, werden Sie so berühmt wie ich; und dann müssen Sie über mich schreiben. Wir werden zusammen candidiren, wir werden beide Parlamentsmitglieder werden, ich und Sie. He, was sagen Sie dazu?" „Ich fürchte, dazu ist nicht viel Aussicht." „Warum nicht? Es sind ja zwei Sitze frei. Warum sollten Sie nicht den anderen bekommen?" „Vergessen Sie die Wahlkosten, Pinkas?" „Nein," sagte der Dichter nachdrücklich. „Ich vergesse nichts. Wir müssen einen Fonds aufbringen." „Wir können doch nicht einen Fonds für uns selbst aufbringen?" „Seien Sie kein Narr! Natürlich nicht; Sie für mich, und ich für Sie." „Sie werden nicht viel zusammenbringen," sagte Simon, wider Willen über die Idee lachend. „Meinen Sie? Vielleicht. Aber Sie für mich, ja. Uebrigens gehe ich bald an] den Contineut, um die übrigen Exemplare meines Buches anzubringen. Ich werde Tausende damit verdienen: denn drüben weiß man, wie man Gelehrte und Dichter zu ehren hat. Dort haben sie keine Esel von Banqniers, wie Gideon, das Parlamentsmitglied, oder Prediger, wie Seine Hochwürden Herrn Elkan Benjamin, oder Rabbis, wie Reb Schemuel, außen mit langen Bärten und innen ganz hohl, die ihre Töchter verkaufen." „Soweit denke ich noch gar nicht," sagte Simon Wolf. „Vorläufig müssen wir diesen Strike durchführen. Wenn wir einmal unsere Forderungen bei den Meistern durchgesetzt haben, ist viel gethan. Dann werden zehntausend Arbeiter mehr Geld und mehr freie Zeit, etwas weniger von der Hölle und etwas mehr vom Himmel haben. Aber ich glaube, es ist unmöglich, unter ihnen Einigkeit zu erzielen. Ein großer Theil scheint mir zu mißtrauen, obwohl ich Ihnen schwöre. Pinkas, daß ich bei der Sache nie an mich selbst denke. Möge dieses Stück Brot mich ersticken, wenn mich je etwas anderes antreibt, als Mitgegefühl mit ihren Leiden! lind doch! Sahen Sie nicht jenes boshafte, jüdisch geschriebene Pamphlet, das gegen mich verbreitet wird? Dieses dumme, ungebildete Geschreibsel." „O nein," sagte Pinkas. „Es war sehr schön — scharf wie der Stich der Hornisse. Aber was können Sie erwarten? Alle großen Wohlthäter müssen leiden. Bin ich glücklich? Aber Sie müssen nur Ihrer eigenen Narrischkeit die Schuld geben, wenn Uneinigkeit im Lager herrscht. Die Gemoreh sagt: „Wir müssen weise Chachomim sein, wir müssen Takt haben. Nun sehen Sie, was Sie gethan haben? Sie schrecken die orthodoxen Juden ab; sie werden bedrückt, sie schwitzen, aber sie glauben, daß ihr Gott sie schwitzen läßt. Warum sagen Sie ihnen, nein? Befreit sie zuerst von Hunger und Durst, und dann kommt die Befreiung von ihrem Aberglauben von selbst. Jeschurun wird fett und schlägt aus. Sie sind auf dem Holzweg." „Soll ich mich vielleicht für einen Frommen ausgeben?", fragte Simon Wolf. „Und weint? Was liegt bannt? Sie sind ein Narr! Sie sind kein Staatsmann! Sie erschrecken die Leute, Sie führen am Schabbes Processionen mit Musik und Fahnen in die Schul. Viele, die sich gern von Ihnen befreien lassen würden, zittern vor denr Blitz des Himmels und gehen darum nicht in der Procession mit. Was wird geschehen? Die Orthodoxen sind die Majorität; auf einmal wird ein Führer kommen, der orthodox und zugleich ein Socialist ist oder zu sein behauptet. Was wird dann aus Ihnen werden? Sie bleiben mit ihren zwei, drei Atheisten stehen — nicht einmal genug ftir ein Minjan. Nein, wir müssen Chachomim sein, wir müssen die Menschen nehmen, wie wir sie finden. Gott hat zwei Elasten von Menschen geschaffen, Kluge und Narren. Ein Kluger geht auf eine Million Narren, aber er sitzt auf ihren Köpfen, und sie müssen ihn tragen. Wenn diese Narren am Jomkippur in Schul gehen und fasten wollen, dürfen Sie nicht Schweinefleisch essen, wenn Sie wollen, daß Sie an Ihren Socialismus glauben sollen. Wenn Sie Schweinefleisch essen wollen, dann können Sie es hier thun, so wie jetzt, ohne daß Sie Jemand sieht. In der Oeffentlichkeit müssen wir ausspeien, wenn wir Schweinefleisch sehen. Ach, Sie sind doch ein Narr! Ich bin ein Staatsmann, ein Politiker, ich werde der Macchiavelli der Bewegung fein." „Pinkas, Sie sind ein Teufelskerl," sagte Wolf lachend. „Und doch geben Sie sich für den Dichter des Patriotismus und Palästina's aus?" „Warum nicht? Warum sollen wir hier in der Knechtschaft leben? Warum sollen wir nicht unseren eigenen Staat und unseren eigenen Präsidenten haben, einen Mann, der hohe Politik mit der Kenntniß der hebräischen Literatur und der Feder eines Dichters vereinigt? Nein, wir müssen kämpfen, um unser Land wieder zu erobern, wir dürfen unsere Harfen nicht an die Weiden Babylons hängen und weinen, wir müssen unser Schwert ergreifen wie Esra und Juda Makkabäus und ..." „Alles zu seiner Zeit", unterbrach ihn Simon Wolf. Vorläufig müssen wir bedenken, wie wir diese Speisemarken ver