Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 25 (19.6.1896)
- Date
- 1896-06-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 28 Dr. Vloch's WochenschrM Seite 507 der Sterne, auf den Mond, der, ein einsamer Wanderer, am Firmament aus der Hülle dunkler Wolken hervorlngte, blickte mit umschleierten Augen zum Himmel empor — andachtversunken wie im stummen Gebet. Und Bilder verrauschter Tage stiegen in ihrer Seele aus. Einst gab es Tage . ., sie sind dahin, dahin aus ewig. Zerstoben ist der goldige Traum. Daß doch Alles hieuiedeu ersterben muß — auch die Liebe. Blumen welken, Farben bleichen, Töne verhallen und die armen Menschenherzen werden gebrochen, wie elende Scherben. Und doch mag mein Herz nicht lassen vom Träumen, vom Träumen geschwundenen Glückes. Es war einmal . . . Es war ein linder Frühlingstag, als ihre Herzen sich fanden im Lenzesweben. Sie spielte des Abends auf dem Piano, und er stand im Garten, das Haupt an einen Baum gelehnt — tranmversnnken. Er war ja der Einzige, der die Sprache ihres Herzens verstand, der die Gefühle nachempfand, die sie in ihr Spiel verwob, der mit innerem Auge die ätherischen Gestalten sah, die, aus ihren Fingern und den Tasten emporschwebend, die Lüfte im rhythmischen Reigen durchschwirrten. Es war in der Dämmerung. Tiefschwarze Wolken stiegen vom Westen empor wie grimme Riesendrachen ltitb verschlangen den Rest des sinkenden Tages. Dumpfgrollend rollten Donner und hallten wieder von den Bergen. Es zuckten Blitze, Regen strömt stürzend nieder. Und in dieses Wuthgebrause tosender Elemente dringen wie im Wettstreit des Pianos dröhnende Accorde. Sie fühlte, daß er auch heute am Baume lehnte, trotz des stürmenden Wetters — und ihr Herz trügte sie nicht: er stand am Baume. Sie sprang vom Sessel auf und ihr Auge bohrte sich durch's Dunkel, suchte sein Antlitz, das schwarzlockig umrahmte, suchte sein blitzleuchtendes Auge — suchte vergeblich. Da zuckt ein Blitz auf — plötzlich — kurz: Ihre Blicke hatten sich getroffen . . Ein winziger Moment und doch die Ewigkeit unendlichen Glückes.. . .! O, ich Thörin, ich wähnte, ja ich wähnte, daß ich ewig die Seele seines Liedes, die Seele seines Lobes wäre, ich wähnte — doch ach sein Lied ist dahin, dahin seine Liebe. Eilt Abgrund furchtbar, unüberbrücklich scheidet das Heut vom Gestern . . . „Zeugen seid Ihr, Blitze des Zornes" so sang er damals, doch ich schloß ihm den Mund, mit schwellenden Lippen ihn küssend — küssend. Wozu Worte? Nur Küsse sind die Sprache, geheimnißflüsternde Sprache der Liebe. Doch, was soll das Sinnen, was sollen mir die schmerzlichen Erinnerungen. Die Rosen sind verblüht — die Dornen sind geblieben und zerstechen mir das Herz." „Mirjam" drang es zn ihren Ohren leise . . „Mirjam", eine Stimme weichen Flehens, ergebener Liebe. Sie bebte zusammen, doch wagte sie nicht anfzuschauen, denn sie bangte, daß ein Traum sie narrte, daß Fieberphantasien ihr die Sinne täuschten. „Mirjam", klang es wieder leise flehend. Er stand hinter ihr. Sie wandte sich um und sank in seine Arme. Er führte sie ins Zimmer zurück, zum Divan, leise das Lied singend: „Zeugen seid ihr Blitze, Blitze des Zornes". Doch'nicht wie ehedem hemmte ein Küffeschwall das Lied. Nein — ihre Hand deckte seine Lippen . . . eine kleine, weiße, kalte Hand. Und durch die Finger dieser Hand, die seinen Mund umschloß, drang in Mirjam's Herz wieder flehend der Ruf: „Mirjam, Mirjam, was ist Dir?" Sie antwortete nicht — sie weinte. „Mirjam, kam diese Wehmuthsstimmung über Dich, weil ich Deinem Spiel nicht lauschte?" „„Ist das nicht ein Zeichen erstorbener Liebe?"" „O nein doch. Nicht erstorbene Liebe. Es waren fremde Lieder, fremd meinem Denken, fremd meinem Fühlen." „„Und warum das?"" „Weil — ja, weil ein neuer Geist über mich gekommen, ein Geist, den Dein Spiel nicht kennt, ein Geist, der mich in feine Fittige riß,.und mächtiger ist, als Deine Lieder, mächtiger als die Liebe." * „„Und ist das nichtein Zeichen erstorbener Liebe, wenn Dein Sinnen mir umhüllt ist, wenn andere Gedanken, andere Empfindungen Deine Seele durchzittern, daß unsere Seelen nicht ineinanderklingen, wie die Saiten einer gleichgestimmten Harfe?"" „O nein, Mirjam! Der Geist, der mich in seine Fesseln zwang, ist nicht geboren in der Welt unseres gemeinsamen Liebeslebens, er kam von Außen, aus der Ferne." „„Doch warum kam dieser Geist nicht auch über mich?"" „Weil die Liebe sich selbst liebt. Ich habe den letzten Rest meiner Kraft gesammelt, um Dir zu verbergen, daß ein anderes Liebesühlen meine Seele erfüllt. Ich hatte den Muth nicht. Dir ins Auge zu schauen, zu sehen, wie Deine Wangen erzitterten, erbleichten; denn ich fürchtete, ich könnte meines Himmels Sterne verlöschen." „Aber, wie kam das Alles über Dich?" fragte sie mit einer Stimme, in die ein vorwurfsvoller Ton sich mischte. „Jüngst schaute ich aus unserem Ziminer, das unser Heiligthum ist, hinaus auf die Ghettogasse. Und da ich sehe, was ich so oft geschaut, wie sich wirbelnd drunten das Leben hastet, tritt es mir vor die Seele — erst schwach wie ein leiser Tadel, dann machtvoll anschwellend wie drohende Anklage! . . Ja, ich hatte in den liebeweicheu Stunden kosenden Glückes die Welt ringsum vergessen — die kampfringenden Menschen, das Leid des Lebens . . . mein Volk, mein jüdisches Volk. Ja, ich vergaß sein Leiden im selbstischen Glücke." Sie schlang ihren Arm um ihn, und mit flehendem Blick ihm in die Augen schauend, bat sie um Verzeihung. Und wie sich jeder Ansturm neuer Empfindungen in ihrer Brust zu Tönen verdichtete, so näherte sie sich nun auch dem Piano. Ihr war das Spiel der Töne — Selbstbefreiuug. „Was willst Du am Piano?", ftagte er recht erregt. „„Ich möchte Dich hören lassen Melodien,"" antwortete sie leicht lächelnd, „„Melodien"" . .. „Ach, lass' das, ich kann, ich mag jetzt nichts hören!" Aber wie eine stolze Gebieterin sagte sie mit fast schalkhaftem Ernst: „Tritt näher" — und er trat näher. „Nun setze Dich" — und er setzte sich nieder. „Geliebter" sagte sie darauf, „Du weißt doch, wie ich leide, wenn auch nur einen Augenblick unsere Seelen disharmoniren, wenn unser Sinnen und Fühlen andere Wege wallt. Und weil unsere Seelen im Liede zusammenrauschen, so singe Du das Lied unseres Volkes — und ich will Dich begleiten." „„Das geht wirklich nicht."" „Und warum?" „„Weil es für solch hehre Lebensangenblicke in der Welt der Töne keine Töne gibt!"" „Zweifle nicht an unserem Können." „„Wenn Du willst, versuch Du's, zeig mir im Liede unseres Volkes Bedrückung, Hunger und Durst, Verachtung und Schande, Knechtschaft und Haß und Verfolgung. Lass' im Liede erstehen die elendgepeinigten Gestalten mit dem leidesvollen Herzen, dem ermatteten Hirn, den vom Jammer erschlafften Gliedern!"" „Hör auf, Dein Herz vor mir ausznschütten,"" bat sie, mit unschuldreinem, liebeverklärten Blick ihn anstehend. Er schüttelte wehmuthtraurig sein Haupt. Sie begann zu spielen. Leise drangen die Aecorde aus dem Piano in die lastende Stille, aber bald schwollen sie an, laut drohend — ein Meer quellender Thränen. Tonwelleu rauschen seufzerbang, und es wogen die Klagen gebrochener Herzen, ein klagendes, bitterlich klagendes Gewein, das zum Himmel empordringt. „Versöhnnngstag" — - Kolnidre" flüstern seine Lippen. „Auch unserer Sünden machst Tu gedenken." Und ihre Finger glitten über die Tasten und mächtiger ertönten die Seufzer, herber, wilder, leidenschaftlicher — verzweifelter. „Klagemauer Zions" sliisterten seine Lippen, „es ringen trauernder Inden Stimmen zur Höhe." Die wuchtigen, markigen Töne erstürben und zerfließen in ein Meer der Thränen, und die Thränen rollen sich wälzend hin und her. Bald erbraust es wieder von Aecvrden — es ist, als ob über dem wogenden Meer ein Donnner dahinrollt, Blitze zuckend aufleuchten. Immer stürmischer, schäumender immer fließen die Wogen heran — da taucht es aus den Wogen empor . . . eine Gestalt ... mit dem Blicke eines ziellosen, unstetigen Wanderers. Der Genius des jüdischen Volkes! Und wie er langsam, langsam über die Fluten wallt, erstirbt das Rauschen des Meeres und es klingt, als ob über die Wogen eine liebliche Melodie, ein leichtgemuthes Lied wehe. Das Lied des Ackerbauers, der am sonnenumglänzten Tage hinter dem Pfluge geht frohsinnig, sorgenbar, tyrannenbefteit. Das Lied der Hoffnung vertrau-