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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-19 · 25 (19.6.1896) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
25 (19.6.1896)
Date
1896-06-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25 Dr. Vlortz's Wochenfchrifi Seite 495 Herder das Schicksal des Mose, daß er an der Schwelle Kanaans starb, er, der Weise, der Gesetzgeber, soll davor bewahrt bleiben, die harte und doch unumgängliche Blutarbeit zu vollziehen. Besonders der zweite Theil des Werkes „vom Geiste der hebräischen Poesie" ist trotz seines Mangels an wissenschaftlicher Strenge ein Kleinod, es ist ein Denkmal der Größe Herder's, nicht nur seines Geistes, sondern auch seines Charakters, er sollte von Israeliten gelesen werden, wie nur irgend ein Werk, das aus unserer eigenen Glaubensgemeinschaft hervorgegangen ist, damit wir erkennen, welchen köstlichen Schatz wir an unserer heiligen Literatur besitzen. Aber auch die nachbiblische Literatur der Juden hat von Herder manche Förderung erfahren. Der „Aberwitz der Rabbinen", des Talmud ist eine bis auf die neueste Zeit beliebte und sogar von Herder selbst nicht verschmähte Phrase. Nun möchte wohl Keiner, der nüchternen Sinnes ist, für Alles einstehen, was in den vasten Folianten des Talmud und der agadischen Literatur sich vorfindet. Aber der Fehler der Exegeten, die dem Talmud allerhand Unsinn aufbürdeten, bestand darin, daß sie oft absichtlich die räthselhafte Form verkannten, in die der Talmud weisheitsvolle Lehren kleidet, daß sie wörtlich auffaßten, was nur bildlich oder gleichnißweise einen Sinn gibt. Da veröffentlichte Herder eine nicht geringe Anzahl jüdischer Parabeln und wob um sie einen so eigenen Reiz, daß nicht wenige in unsere Schulbücher übergegangen sind; die drei Freunde, jene schlichte und lehrreiche Parabel, ist den meisten Schulkindern aus ihren Lesebüchern vertraut; auch manche andere talmudische Perle ist in der Fassung Herder's allgemein bekannt worden, und wer diese Proben talmudischer Weisheit kennen lernte, der mußte sich doch sagen, daß am Ende jedes Räthsel dem Thorheit dünkt, der es nicht lösen kann, daß es eines kundigen Tauchers bedürfe, um aus dem Meere des Talmud die Perlen heraufzuholen; wer nur Schlamm an's Tageslicht fördert, der hat sich selbst die Schuld zuzuschreiben. Jene Sammlungen talmudischer Legenden, Fabeln, Gleichnisse sind eine Ehrenrettung des Talmud, und das Zeugniß eines deutschen Classikers und eines hervorragenden christlichen Geistlichen steht dem Talmud gegen die Angriffe zur Seite, denen er bis zum heutigen Tage ausgesetzt ist. Aber auch der Emancipation der Juden leiht er sein mächtiges Wort. Im Anschluß an Montesquieu behauptet er, daß die Barbarei in Europa den jüdischen Charakter verderbt habe, und so sagt er, ist es des Europäers Pflicht, die Schulden ihrer Vorfahren zu vergüten und, die durch sie ehrlos wurden, der Ebre wiederum fähig und werth zu machen; er meint, daß es keine Betrüger gäbe, wenn es keine Dummköpfe und keine Gewaltthätigkeit gäbe; und oft vereinige sich Dummheit und Gewaltthätigkeit in einer Person; „wenn der üppig-dürftige Große die Juden mißbraucht und sie ihn siebenfach mißbrauchen, wer trägt die Schuld?" Zu einer Zeit, wo es noch keine Rothschilds, wo es wohl nur wenige jüdische Millionäre gab, entgeht es Herder nicht, daß es für die Juden gar kein Vortheil sei, wenn einer von ihnen zu überschwänglichem Reichthum kommt, weil er Allen Haß und Neid aufladet; „sein Name, er heiße Süß oder Ephraim, wird dann Allen vorgerückt"; er betrachtet es als das uodite officium der Christenheit, dem Juden vertrauend zu begegnen; Gesetze, die den Inden herabdrücken, bekunden nur, daß der Staat im Sumpfe der Barbarei stecke; er behauptet, daß der Jude ein richtigeres Urtheil habe, als sonst einer aus der Menge, „diesen drückt gewöhnlich die Würde seiner Vorgesetzten und der höheren Stände wie Blei und Eisen zu Boden, daß er kaum aufrecht stehen kann, geschweige gerade sehen kann, indem von Kindheit auf seine Begriffe über Stand und Ehre verschoben und irre gemacht werden." Der Jude aber habe ein reineres Gefühl für Ehre, als man ihm gewöhnlich zutraut, indem er Ehre von Complimenten sehr wohl unterscheidet, und Schuldnercomplimente tief verachtet. Mit anderen Worten, dem Juden imponirt so leicht nicht einer durch Titel und äußern Rang, da inmitten der jiidischen Gemeinde ein starkes Gefühl der Gleichheit gepflegt und betont wird. Herder erkennt an, daß Lessing den Nathan ans dem Leben genommen habe, und behauptet, daß der Jude von manchen politischen Vorurtheilen frei sei, die Andere mit Mühe oder gar nicht ablegen; er erinnert an Spinoza, den Denker von unübertroffener Consequenz, an Orvbio Pinto und sagt so, daß manche treffliche Aussprüche und Parabeln der Rabbinen sich auf die feinste Bemerkungen gründen und daß kein Verständiger sie ohne Achtung lesen werde! Dem Pöbel der Schriftsteller wären zwar oft die sinnreichsten Parabeln nur Haß und Verkehrtheit, bald lächerlich, bald verächtlich, woher aber? weil er in ihnen den Sinn nicht faßte und sich an die oft kindisch erscheinende Einkleidniig muthwillig hielt; es sei zur Ehre christlicher Nationen Zeit, baß diese Possen über das Judenthum endlich aushörten. Entzückt lauschen wir aus die Frage Herder's, ob sich irgend eine andere Nation unter selchen Drangsalen ans dem Grade der Cultur erhalten hätte, aus dem uns die heilige Schrift festhielt, so daß jeder Jude auch in vraktischem Wissen bewandert ist und schreiben und rechnen kann. Das war int Zeitalter Herder's, wo bei aller Bildung ans den Höhen im Volke die Analphabeten beiweitem überwvgen, ein großer Vorzug; er rühmt ihren Scharfblick, ihre Treue gegen einander, ihre leidenschaftslose, man möchte sagen, gesetzliche Großmuth und Wohlthätigkeit. Wie gut ist dieses Wort „gesetzliche Großmuth", wenn wir daran denken, daß unsere Vorfahren itir Zehntbüchlein führten und den Zehnt pflichtgemäß den "Armen gaben, als stünde ein Steuervogt hinter ihnen, der diesen Zehnt einsvrdert; Herder begeistert sich an der Aussicht, die Inden, ein so scharfsinniges Volk der Cnltnr, den Wissenschaften, dem Wohl des Staates und andern der allgemeiiten Menschheit nützlichen Zwecken treu ergeben zu sehen; „abgelegt die alten stolzenNationalvorurtheile. Nicht auf den nackten Bergen Palästinas, des engen verherrten Landes, allenthalben stünde da geistig ihr Tempel aus seinen Trümmerir empor; alle Nationen verehrten mit ihnen, sie verehrten mit allen Nationen den Weltschöpfer, indem sie sein Bild, Vermtnst und Weisheit, Großmuth und Wohlthätigkeit im Menschengeschlecht ausbildeten und erhoben. Ihr Palästina ist dann da, wo sie leben and edel wirken, allenthalben." So schrieb Herder kurz vor seinem Tode; wer merkt es nicht, daß das Herz des Mannes in diesen Worten pnlsirt. Kant, der sonst mit Herder wahrlich nicht glimpflich tungeht, rühmt an ihm den Muth, „mit dem er die alle Philosophie einengenden Bedenklichkeiten seines Standes überwunden hat." Dieser freie Geist ist aber auch die höchste Zierde; durch sie wird der Gelehrte zum Denker, zum Weisen; wer Herder Vorhalt, daß er nicht vollständig das Rüstzeug der gelehrten Zunft besessen hat, dem erwidern wir: er lvar weit mehr als ein Gelehrter, er war ein echter Sproß der Propheten. B. R. Voni Jahrmarkt des Lebens. Eine Enttäuschung. Man erinnert sich noch an die hochmüthige, von Dünkel und Selbstüberschätzung strotzende Rede, in welcher Dr. Lueger vor wenigen Wochen seinen Anhängern über seine Audienz beim Monarchen berichtete. Tie Art, in welcher der Agttatvr stets seine eigene unbedeutende Person jener des Kaisers von Oesterreich gegenüber stellte, die Weise, in welcher er diese Andcenz als die Zusammenkunft von eüiander fast gleichen Factvren darstellte, hat allgemein peinlich und verletzend berührt. Ja, ist das ein patriotisches Gefühl, den Monarchen, den obersten Hüter des Rechtes urid der Gerechtigkeit, den Vateraller seiner Unterthanen auch nur in einem Athem ntit einem Lueger nennen zu müssen, dessen ganze Thätigkeit darauf gerichtet ist, die Begriffe der Gerechtigkeit, der Gleichheit zu verwirren und zu vernichten. Und doch unwillkürlich drängt es jeden Beobachter unserer öffentlichen Verhältnisse, eine Parallele zu ziehen zwischen den enthusiastischen von Liebe erfüllten Aeußerungeit, die der Monarch über Ungartt und sein Volk, über seine Ziele, über seine Freiheitsideale macht und die beispiellos rohe, brutale, rüpelhafte Weise, in der der Führer der österreichischen "Antisemiten, Lueger, über die Schwesternation herfällt. Die Ungarnhetze Lueger's bildet nichts als einen großen, unzweideutigen, rücksichtslosen Protest gegen die von dem Monarchen in feierlicher Weise verkündetert Anschauungen über Ungarn. Wir brauchen an dieser Stelle nicht noch eininal daraus hinzuweisen, wie der Kaiser die Zusammengehörigkeit der beiden Reichshälften betonte, wie er die Gemeinsamkeit ihrer Interessen hervorhob und den Wunsch äußerte, daß die Sympathien der Angehörigen der beiden Staaten gegenseitige sein mögen. Ter Kaiser hat seiner Meinung auch in nicht officieller Form in noch herzlicherer Art "Ausdruck verliehen. Tie Wiener Antisemiten haben es zu ihrer Parole gemacht, den Besuch von Budapest zu vervehmen, ihn als ein unwürdiges, sträfliches, nnpatriotisches Beginnen zu brandmarken. Der Kaiser hat in den jüngsten Tagen, gelegentlich des Schützenfestes in Budapest, Anlaß genommen, seine Freude über

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