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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-19 · 25 (19.6.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
25 (19.6.1896)
Date
1896-06-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 494 Schlangen in der Wüste geplagt wurden, sich eine kupferne Schlange anfertigten, vielleicht um sich an den Anblick zu gewöhnen, und daß dann später diese kupferne Schlange als Götze verehrt worden ist; aber gerade in diesem Falle zeigte es sich, daß das Juderrthum kein „verlebtes Ding" war, daß es aus sich heraus die Heilung fand, für Schäden und Abfall. Denn im Buche der Könige wird gemeldet, daß König Hiskias, der die Götzen und ihre Altäre zertrümmerte, auch diese kupferne Schlange ohne Rücksicht darauf, daß sie ihren Ursprung von Moses herleitete, zerstieß mrd der Anbetung entzog. Wie sonderbar, daß Herder, der doch sonst so bibelfest war, gegenüber diesem ausdrücklichen Zeugniß der heiligen Schrift sagt: „Die eherne Schlange sie stand da und Niemand wagte sie zu berühren." Ist es aber etwas Anderes als Rückfall ins Judenthum, als eine mittelbare Anerkennung desselben, wenn Herder, den für unsere ganze Lebensführung so wichtigen Satz ausspricht: „Alles Schmähen auf das irdische Leben, alles murrende Hinausseufzen aus demselben, ist meistens nur Heuchelei und leerer Wortschwall." Ist nicht das Judenthum so oft getadelt worden, daß es von Himmel und Hölle so wenig meldet und seine Bekenner, fast mehr als recht ist, auf das Diesseits weist? Es ist ein herrliches und tiefes Wort eines englischen Philosophen: „Wir haben genug Religion, einander zu hassen, aber nicht genug einander zu lieben;" d. h. unsere Einsicht reicht meist so weit, um die Unterschiede der Religionen zu erkennen und diese Gegensätze scharf zu markiren und zu betonen, aber sie reicht nicht soweit, um den gemeinsamen Boden zu finden, auf dem sie alle gegründet sind; es ist nicht schön, aber es ist verständlich, daß Herder diesem Erbfehler der Theologie, was außerhalb des eigenen Bekenntnisses liegt, feindlich oder abschätzig zu beurtheilen, einen schwachen Tribut gezollt hat. Das sind seine nebensächlichen Schwächen; aber dreifaches Verdienst hat er sich um uns erworben, da er als ein Poet die Poesie der Bibel aufwies, da er später auch aus dem nachbiblischem Schriftthum und dem vielgeschmähten Talmud so viel Perlen herausholte und zu einem Schmucke vereinigte, der der deutschen Literatur, aber auch dem Judenthum zur Zierde gereicht, und da er als ein Herold der Humanität auch für das Recht der Juden eine Lanze brach. Seine Hauptwerke auf dem Gebiete der Bibelkunde find: die „älteste Urkunde des Menschengeschlechtes, eine nach Jahrhunderten enthüllte heilige Schrift," „Salomo's Lieder der Liebe," „vom Geist der hebräischen Poesie". Die älteste Urkunde und „vom Geiste der hebräischen Poesie" sind Fragmente geblieben, wie man sagt, weil die ewige Geldnoth im Hause des Herrn Generalfuperintendenten ihn zwang, einträglichere Bücher zu schreiben. Witzig nennt Herder seine Frau rmctor auctoris, den Autor des Autors, weil sie am letzten Ende die Urheberin seiner Schriften war durch ihren Hinweis auf die Ebbe in der Casse und weil sie mit ihrem praktischen Sinne auch das Feld bezeichnete, wo etwas zu holen war. Wer heute die Schriften Herder's liest, möchte sich billig wundern, daß sie seinerzeit so lücrativ gewesen sind, daß sie oft nachgedruckt worden sind. Aber es gibt auch Moden im Lesepublicum; in unserem Jahrhundert ist die Politik Mode, im vorigen Jahrhundert war es Literatur; der Zeitgeschmack ist wandelbar, und im vorigen Jahrhundert wurden diese oft so ftostigen literarischen Briefe und Gespräche freudig ausgenommen. Dabei ist das Buch Herder's mit dem Titel die älteste Urkunde ganz im Styl jener dunkeln, mehr berauschten als berauschenden Beredtsamkeit Hamann's geschrieben, und es war ein guter Einfall, daß zwei Freunde Herder's eine Uebersetzung des Werkes ins Deutsche Vornahmen, aus der Sprache der Kraftgenies in die schlichte Rede der Menschen. Allen diesen Büchern wird nicht ihr volles Recht, wenn man sie auf ihren Inhalt prüft, wenn man geradeheraus ftagt, was lehren sie. Ihr höherer Werth besteht darin, daß sie die Augen öffneten für die Poesie der heiligen Schriften, und daß sie nichts nur von der Schönheit dieser Werke schwärmten, sondern vortreffliche Proben in dichterisch beseelten Uebersetzungen gaben. Aber wenn auch für unser modernes Gefühl in der ältesten Urkunde Alles wert und breit auseirrandergesetzt ist, der Grundgedanke ist wahrhaft originell. Die Schöpfungsgeschichte, wie sie im ersten Buche Moses erzählt wird, ist ihm das Bild des Erwachens der Natur am Morgen, wie die Welt vor einem betrachtenden Menschen aus Nebeln aufsteigt. Die Morgenröthe wird sichtbar; wir stehen bei Tagesanbruch auf einem Berge, Dunkel bedeckt den Erdboden, da bricht der erste Lichtstrahl hervor und Himmel und Erde, die bisher in der Finsterniß in eins zusammengefloffen waren, trennen sich unserem Blicke; das Nr. 35 Licht steigt, jetzt werden auch die einzelnen Theile des Erdreiches sichtbar, das uns umgibt, wir sehen sodann das ftische Grün, das den Boden schmückt, hierauf den Baum, der am Rande des Flusses steht, demnächst die Vögel, die sich zum Aether aufschwingen, die Thiere, die die Wiese beleben, wir sehen den Menschen, der zur Arbeit schreitet. Das Schöpfungsbild, das uns Mose entrollt, erneut sich täglich dem, der aus dem Chaos der Nacht beim Aufsteigen der Morgenröthe die Natur ringsumher vor seinem Auge aufsteigen sieht. Damit stimmt nun allerdings schlecht die Eintheilung der Schöpfung in sechs Tagewerke; aber diese Eintheilung dient der Absicht, den Sabbath zu verherrlichen, ihn gleichsam mit der Schöpfung selbst in Zusammenhang zu bringen. Herder redet sogleich auf dem Titelblatt von einer nach Jahrhunderten enthüllten heiligen Schrift; das ist die bitterste Verhöhnung der bisherigen Bibelforschung, denn diese nach Jahrhunderten enthüllte Schrift ist ja nichts Anderes als ein Capitel, das seinem Wortlaute nach allbekannt ist, als das erste Capitel des ersten Buches Moses, das aber, wie Herder glaubt, bisher verhüllt gewesen ist. Weit liebenswürdiger und lesbarer ist Herder's Schrift über das Hohe Lied; hier zeigt sich seine Kunst des Anempfindens, wie der Goethe'sche Ausdruck lautet, des Sichhineinversetzens in Stimmung und Gemüth eines Andern von der glänzendsten Seite. Aber Herder verzichtet auf jeden Versuch, das Hohe Lied als ein Ganzes zu erweisen, die einzelnen Lieder in Zusammenhang zu bringen. Die höchste Blüthe Herder'scher Weisheit wird uns in dem Buche, „vom Geist der hebräischen Poesie" geboten. Besonders der zweite Theil ist ein elastisches Buch. Der erste Theil wird in der Form von Gesprächen geboten. Aber dies Frage- und Antwortspiel dient der wissenschaftlichen Beweisführung nur schlecht. Der Leser ist oft noch lange nicht überzeugt, wenn im Gespräch der Gegner sich für überwunden erklärt. Dieser zopfigen Mode gibt Herder noch im ersten Theil seines Hauptwerkes nach; im zweiten Theil unterhält sich der Autor nur noch mit dem Leser; die Sprache ist edel und schwungvoll ohne jemals in den bachantischen Ueberschwung zu gerathen, den er vordem als Nachahmer Hamann's gepflegt hatte; er ist die, lichte Sonne des classischen Weimar, die über dem Buche leuchtet. Moses wird mit hohen Worten gefeiert; -vielfach wird behauptet, der Gott Israels sei nur ein Nationalgott; Herder läßt gelten, daß Mose als Gesetzgeber zuvörderst von Gott als einem israelitischen Schutzgotte geredet habe; aber in seinen Worten lag der Keim zum vollkommenen Gottesbegriffe; denn war Adonaj der Ewige der Schöpfer der Welt, so war er auch der Gott aller Menschen, aller Geschlechter, so gehörte nur Zeit, unbefangene Denkart und ruhiger Geist dazu, diesen reichen Keim zu entwickeln. Die Verfassung Israels, das Gottesregiment, das so oft verspottet worden ist, scheint Herder das Höchste; „gibt es, so ftagt er, eine höhere und reinere Idee, als' die, daß das Gesetz herrsche und kein Gesetzgeber, daß eine freie Nation es ftei annehme und willig befolge, daß eure unsichtbare, vernünftige, wohlthätige Macht uns lenke und rricht Ketten und Bande; alle Regierung ist Bedürfniß und jede zu sichtbare Regierung wird Joch, ja oft eine Schande der Menschheit". Welch ein feines politisches Empfinden offenbart hier lange vor der französischen Revolution der freisinnige Geistliche. Jedes persönliche Regiment, auch das beste ist in gewissen Sinne Sclaverei, die Herrschaft des Gesetzes aber ist die Regierung Gottes. Würdig und richtig vertheidigt er den Mose, daß er im Stamme Levi eine besondere Priesterkaste eingesetzt habe; er erinnert daran, daß Mose selbst anfänglich festgesetzt habe, die Erstgeborenen aller Familien, aller Stämme sollen Gott heilig sein, als aber Israel um das goldene Kalb tanzte, was blieb dem Gesetzgeber anders übrig, als daß er einen Stamm wählte, um durch diesen auf alle übrigen zu wirken. Er preist den Mose, daß seine Gesetze die Familie hochschätzen. Herder citirt das Gesetz, das den, der sich verlobt hatte und der seine Braut noch nicht heimgeführt hatte, vom Kriegsdienste fteisprach; er nennt ihn darob einen edelfühlenden Weisen und ruft: Segen auf den Gesetzgeber, der also dachte. Selbst die Härte, die das Gesetz gegen die Bewohner Kanaans befahl, nimmt Herder, der sonst so humane, in Schutz; er erinnert daran, daß die Kanaaiter so roh, sittenlos und abergläubisch waren, daß die Israeliten nicht mit ihnen leben konnten; sie stöhnten unnennbaren Lastern, daß, wie es in der Schrift heißt, das Land sie ausspie; so blieb nur der eine Weg, das traurige, gemeine Kriegsrecht damaliger Zeiten: das Volk weiche oder gehe unter. Feinsinnig preist Dr. Blorh's Woltzenfchrist.

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