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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-19 · 25 (19.6.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
25 (19.6.1896)
Date
1896-06-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 25 Seite 493 Dr. Vkntz's Wochrnkchrift- Herder traute sich, als er, der Frühgereifte, schon auf der Höhe stand, zur Zeit als.er den zweiten Theil feines Buches vom Geist der hebräischen Poesie herausgab, so wenig selbstständige dichterische Talente zu, daß er seinen dichterischen Beigaberr die Bemerkung anfügte, der Leser solle sie überschlagen, und es war im Style jener Zeit, die die wohlseilen, durchsichtigen literarischen Mystificationen liebte, wenn er hinzufügte: die wenigsten. dieser Gedichte sind von mir; Sughan, der eine Musterausgabe der Schriften Herder's geliefert hat, legt mit Recht dieser Notiz Herder's nicht das geringste Gewicht bei; alle diese Gedichte, welche biblische Gegenstände frei bearbeiteten, welche die Gedanken der Bibel weiter führten, oder, den Anregungen der heiligen Autoren folgend, auf andere Zeiten übertrugen, haben trotz dieser offenkundigen Ableugnung Herder zuin Verfasser; diese Verleugnung war ja auch so geschickt abgefaßt, daß man ihn gar nicht fassen konnte, „nur die wenigsten rühren von mir her", sagte Herder; so konnte er bei jedem einzelnen, wenn er darnach gefragt wurde, zugeben, daß er der Verfasser sei; aber jedenfalls bezeugt die Zaghaftigkeit, mit der der hochangesehene und gefeierte Mann die Kinder seiner Muse in die Oeffentlichkeit sandte, daß er, wiewohl er gerne nach dem Lorbeer des Dichters langte, doch kein volles Vertrauen zu seinem Können besaß. Aber wenn auch der volle üppige Lorbeer eigenen Dichterruhms ihn nicht schmückt, so hat er dennoch eine große Wirkung und eine unantastbare Stellung in der deutschen Literatur durch sein feines, von einer universellen Bildung unterstütztes Verstündniß für Poesie; wer hat, wie er, die Volksdichtung, die dann zum Jungbrunnen für die Dichtung überhaupt geworden ist, emporgehoben? Wer hat, wie er, die innige Verwandtschaft zwischen Religion und Poesie erwiesen und die Poesie auch zur Erklärung der heiligen Schrift herangezogen! auch in der Sprache zeigte er die Wege des dichtenden Bolkgeistes. Alls unzähligen Gebieten geistigen Lebens und wissenschaftlicher Forschung finden wir die Spuren seines Genius, obgleich er in strengem und höchstem Sinne weder ein Dichter noch ein Gelehrter gewesen ist; man hat ifjit einen Dilettanten genannt, denn er besaß nicht oder er benützte nicht das ganze Rüstzeug nüchterner, oft abschreckender Gelehrsamkeit, aber er war ein „Liebhaber" der Studien, indem er jeden Gegenstand, denl er sich widniete, mit seiner Begeisterung durchwärmte und durchleuchtete, indem er gleichsam die Poesie durch alle Poren dringen ließ. Freilich mit Lessing dürfen wir ihn nicht vergleichen, mit Lessing, der an den Krücken der Kritik 51t den Höhen unsterblicher Dichtung aufgestiegen ist, dessen wissenschaftliche Arbeiten, auch da, wo sie das Minutiöseste und Entlegenste aufsuchen, heute noch nicht veraltet sind und dem Strebenden jedenfalls die richtige Methode lehren; H. war auch nicht einmal so ehrlich wie Lessing, denn immerhin beengte ihn ein wenig das hohe geistliche Amt, das er länger als ein Vierteljahrhundert verwaltete und das er neben dem eigenen Verdienst der Gunst Goethe's verdankte. Aber nach Lessing der Zweite zu sein, ist auch eine Stellung von hoher Würde. Der Aufenthalt des jungen Herder in Königsberg war bestimmend für seinen Beruf, für seine Studien, für die ganze Richtung, die sein Geist genommen hat; hier hat ein kleines Licht ein größeres entfacht; Herder kanl als junger Student nach Königsberg und traf mit H a m a n n zusammen, der der Welt bekannt war als ein Feind des Rationalismus, der Aufklärnngsphilosophie, die damals weithin im Lande herrschte und auch von den Kanzeln Besitz genommen hatte. Aber Hamann, der viel in der Welt herumgekommen war, der auch viel, allzuviel in der Bncherwelt sich nmgesehen hatte, war kein Orthodoxer gewöhnlichen Schlages; dieser originelle Kopf sträubte sich nur gegen die dürre, nüchterne Prosa der allzuvernünftigen, gemüthsarmen Rationalisten, er vertrug die salzlosen Wassersuppen nicht, die sie dem Volke bereiteten; seine Seele war tief ergriffen von der Poesie der Bibel, deren Worte und Gleichnisse seinen Schriften zum reichen, zum überreichen Schmucke dienten; sein Denken war allerdings weniger ein Leuchten, als ein Aufblitzen aus denk Hintergrund eines tiefdunklen Gewölks, einer verworrenen Sprache, wo ein Wort dem andern im Wege stand, aber diese Blitze zündeten in Herder; will man Herder verkleinern, so kann man sagen, er sei nichts Anderes als der gelehrige Schüler Hamann's gewesen; will man Hamann verherrlichen, so kann man hervorheben, daß Herder in Allem, was er für Volksdichtung, Verstündniß der Bibel, Philosophie, Geschichte geleistet hat, meist den Anregungen gefolgt ist, die er von Hamann empfangen hat. „Der Bibel zuliebe bin ich Theologe geworden", sagte Herder; dies Grundwort erklärt gleichsam sein ganzes Leben; und da damals, als Herder dies Wort sprach, wesentlich das Alte Testament ihn beschäftigte, so gehen wir wohl nicht fehl, wenn man die Liebe zur Bibel, die ihn für die Theologie gewonnen hat, wesentlich aus die ästhetische Schönheit, aus die Gedankenfülle, aus die schlichte Hoheit des Pentateuch, der Psalmen, der Propheten, des Hohen Liedes, Job beziehen. Die Bibel hat noch heute vielfach dasselbe Schicksal wie zur Zeit Herder's, die Religionsseinde und die Orthodoxie, die sich sonst auf Tod und Leben bekämpfen, begegnen sich darin, daß sie die Erzählungen der Schrift mit krasser Wörtlichkeit auffassen, daß sie keine Deutung zulassen, die diese Berichte unserem Geiste und Gemüthe irgendwie näher bringen. In 'Amerika ist vor einiger Zeit ein Buch erschienen: „Die Jrrthümer des Mose", das die Schöpfungsgeschichte des Pentateuch gerade so wörtlich genau nimmt, wie irgend ein alter, weltsreurder Rabbi oder ein um die Wissenschaft unbekümmerter Dorfpastor, und nun weist der Amerikaner, indem er jedem einzelnen Schöpfungstage ein langes Capitel widmet, mit ermüdender Weitschweifigkeit nach, was wir gerne glauben, daß Moses die neueste Geologie, Astronomie, kurz die neueste Naturwissenschaft nicht gekannt habe; wer aber einen Schöpfungsbericht schreibender mit der Wissenschaft in Widerspruch stehe, dem sei überhaupt kein Glauben beizumessen, damit ist denn nach der Ansicht des Amerikaners Mose und seine Religion beseitigt und abgethan. Im vorigen Jahrhundt haben außerdem die Rationalisten so lange die Erzählungen gedeutet, bis nichts Wunderbares darin blieb und während die Orthodoxen der Vernunft, haben sie dem Texte förmlich Gewalt angethan. Jonah war drei Tage und drei Nächte in einem Walfisch, der ihn dann ausspie. Alle Schwierigkeiten, die diese Erzählung bietet, sind natürlich spielend gehoben, wenn der Wattfisch ein Gasthaus ist, in dem Jonah geweilt hat und aus dem er dann, wahrscheinlich weil er kein Kleingeld bei sich hatte, hinausspedirt worden ist. Wenn wir von den rationalistischen Erklärungen absehen, die die aus natürlichem Wege nicht zu erklärenden Berichte der heiligen Schrift wegdeuten, so stellte sich der Gegensatz zwischen den Vertheidigern und den Gegnern der Religion in der Frage dar: sind diese Berichte Wahrheit oder Lüge? Ein drittes, so sollte mau glauben, gibt es nicht. Herder findet dies Dritte und sagt: sie sind Poesie. Ist der Dichter ein Lügner, der uns eine anmnthige Thiersabel erzählt, bahnt er nicht umso sicherer der Wahrheit einen Weg, weil er sie in amnuthigem Gewände zeigt, weil er die Phantasie zu Hilfe ruft. Lüge und religiöser Mythos sind nicht verwandte Begriffe, sondern der Mythos ist eine Form, in der irgend eine tiefere Wahrheit sich kund thut. Das ist das große Verdienst, das sich Herder um die Bibel und dadurch mittelbar um die jüdische Religion erworben hat. War Herder dem Judenthume wohlgesinnt? Es ist nicht zu vergessen, daß Herder General-Superintendent gewesen ist, und dem Strengkirchlichen gegenüber das Decorum wahren mußte. Er hat von Jahr zu Jahr immer fteiere religiöse Anschauungen öffentlich bekannt; kurz vor seinem Tode z. B. hat er bei einer Consirmation einer Prinzessin von Weimar die junge Fürstin auf die Frage: „Was ist Offenbarung?" die Antwort geben lassen: „Leitung zur Erkenntniß der Wahrheit durch vorzügliche Gaben und günstige Umstände." Da ist alles Uebernatürliche sorgfältig ausgefeilt. Wer so kühn gegen das religiös Herkömmliche sich erhob, der brauchte einen Blitzableiter und da war es denn nicht unbequem, alle die Anschauungen, die er bekämpfte, schlechtweg jüdisch zu nennen und dadurch herabzusetzen; es war ein dialectisches Kunststück, das gemeine Vorurtheil sich zu Nutze zu machen, das wir dem freisinnigen Manne, der sich unter seinen Amtsgenossen vereinsamt fühlte, nicht zu hart anrechnen dürfen. Ganz ähnlich, aber weit weniger entschuldbar verfährt in unseren Tagen die kirchliche Orthodoxie; sie wirft den liberalen Theologen, welche sich nicht strick zu den Dogmen der Kirche bekennen, vor, daß sie judaisiren, daß sie in das Judenthum zurückfielen, und es ist interessant zu sehen, wie sich die Extremen von rechts und links in einem Borwurfe begegnen, der nichts weiter ist, als die Berwerthung eines im Volke wurzelnden Vorurtheiles. So lesen wir z. B. einmal bei Herder folgenden Satz: „Jndeß war und blieb das Judenthum ein verlebtes Ding; die eherne Schlange, die Niemanden mehr heilte, oder gar ein Idol der Anbetung geworden war. stand da und Memand wagte sie zu berühren." Was ist an dieser Beschuldigung Herder's wahr? Nichts; allerdings wird erzählt, daß die Israeliten, als sie von

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