Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-19 · 25 (19.6.1896) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
25 (19.6.1896)
Date
1896-06-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021141--05718-3029967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 25 Dr. Vlorh's Wochrnfchrifi. Seite 491 uns bereits an die russische Regierung mit der Bitte gewendet, uns den General Murawiew, der vor 33 Jahren die Ruhe in Litthauen mit so gelinden, sanften Mitteln herstellte, abzutreten, oder, wenn er schon gestorben ist, einen ihm ähnlichen Menschenfreund, an denen es in Rußland nicht fehlen soll; als Aushilfskräfte sind wir bemüht die Herren Leist, Wehlau und andere europäische Culturträger, die den Frauen in Afrika fo zart entgegenkommen, zu gewinnen; einige menschenfreundliche Polizeibeamte und unparteiische Richter werden wir aus dem von türkischer Sclaverei befreiten Bulgarien beziehen, und die englische Regierung hat uns versprochen, aus Indien tüchtige Artilleristen zu schicken, welche besonders geschickt sind, Rebellen von Kanonenmündungen „wegzublasen". Wir sind auch bemüht, für minder Schuldige einen Verbannungsort mit einem so milden Klima wie das französische Cayenne ausfindig zu machen und haben einen Beamten nach Sibirien geschickt, um die milde Behandlung der politischen Verbrecher in den Bergwerken zu stndiren." „Das mag wohl für Armenien und Macedonien genügen, aber was werden Sie mit Kreta thun, das sich schon seit einigen Wochen im Aufstande befindet, wo Dörfer verbrannt werden und dem jeden Augenblick von Griechenland Unterstützung kommen kann?" fragte ich. „Ja, Griechenland," antwortete lächelnd der türkische Staatsmann, „auch diesem europäischen Staate streben wir möglichst nahezukommen. Aber leider gelingt es uns nicht ganz; wir haben in echt asiatischer Weise unseren Staatsgläubigern stets noch mindestens 50 bis 60 Percent gezahlt, zu der Höhe des Garnichtzahlens haben wir uns noch nicht emporschwingen können. Und was Kreta betrifft, so werden wir natürlich uns ganz nach europäischem Muster richten; wir haben bereits einen tüchtigen Beamten nach Cuba geschickt, um zu studiren, wie ein europäischer Staat, dessen König den Titel des Katholischen führt, eine rebellische Insel pacificirt. Nach seinen Berichten werden wir uns bemühen, den erst einige Wochen dauernden Aufstand Kretas nach spanischem Beispiel auf Monate und Jahre auszudehnen, wir werden die Inselbewohner durch europäisch-milde Verdoppelung und Verdreifachung der Steuern zufriedenzustellen suchen, die gefangenen Rebellen erschießen lassen, und, wenn einige hundert Dörfer in Rauch aufgehen, deshalb — ebenso wenig wie Spanien — die Sympathien Europas verlieren. Es ist mir auch nicht bekannt, daß irgend ein europäischer Staatsmann Spanien mit Ruin und Zerfall bedroht hätte, falls es nicht die Cubaner zufriedenstellt." „Gewiß", antwortete ich, „wird die Türkei durch solche treue Nachahmung europäischer Muster sich die Allerkennung vieler Staatsmänner erwerben." „Sie werden auch Ursache haben, uns dankbar zu sein," antwortete der Pascha, „denn von der Sorge um die türkischen Unterthanen befreit, werden sie mehr Zeit haben, für das Wohl ihrer Landsleute zu sorgen; sie werden ihnen die schwere Last der Kriegsrüstung erleichtern, Deutsche mit Franzosen, Conservative mit Socialisten, Czechen mit Deutschen, Antisemiten mit Juden versöhnen. Und es wird ihnen noch Zeit bleiben, ihr Neues Testament, das viele beherzigenswerthe Lehren enthält, ebenso fleißig zu studiren wie wir unseren Koran." Erfreut über diese Anerkennung des hohen Werthes der christlichen Lehren seitens des Mohammedaners fragte ich ihn, was ihm im Neuen Testament am beherzigenswerthesten erscheine. „Die ersten fünf Verse im siebenten Capitel des Matthäus-Evaligeliums", antwortete er. Ein militärischer Vörsenprophet und seine agrarischen Jünger.*) Berlin, IO. Juni. In diesen Tagen hat ein Proceß stattgefunden, der culturhistorisch und zugleich politisch von nicht geringem Interesse war. Herr F. Kolk, Lieutenant a. D. und, wie er sich wohl auch auf dem Titel einiger seiner Broschüren nennt, Dr. F. Kolk, war angeklagt wegen Unterschlagung. Die Strafverfolgung war eingeleitet wegen „wissenschaftlicher" oder geschäftlicher Beziehungen — das ist nicht ganz aufgeklärt — welche mit Herrn Kolk die Reichstagsabgeordneten von der Groeben-Arenstein und von Herder unterhalten, hatten; der letztere als Parlamentarier ausgezeichnet dadurch, daß man nie von ihm gehört hat; der erstere nicht ohne Berühmtheit durch jenes bekannte Schreiben, in dem er als Zeichen seiner eigenen Selbstständigkeit Herrn von Manteuffel als seinen hohen Chef titulirt hat. Diese Mitglieder der conservativen Partei ftihlten sich durch Herrn Lieutenant a. D. Kolk benachtheiligt, weil beide ihm gemeinsam 500 Mark zu Zwecken der Börsenspeculation gegeben hatten und weil sie von diesen 500 Mark nichts wiedergesehen haben. Daß solches bei Speculationen häufiger sich ereignet, wird man zugeben müssen, und da auch der Gerichtshof eine strafbare Handlung als vorliegend nicht erachtete, so hat der Proceß, durch den klargestellt wurde, daß ein paar conservative Abgeordnete am „Giftbecher der Börse" nippten und als der Trunk ihnen nicht bekam, das Gesicht schief zogen, Interessantes und Bemerkenswerthes an und für sich durchaus nicht. Denn daß conservative Abgeordnete, die sich gegen Speculationen an der Börse mit Wuth öffentlich erbosten, im Geheimen an der Börse „kitzeln", ist alltäglich und bekannt genug, auch wenn Herr von Ploetz und Herr Graf von Schwerin-Löwitz, Herr von der Groeben-Arenstein und Herr von Herder ihre Geständnisse nicht in wenigen Tagen hintereinander im Reichstag und vor Gericht abgelegt hätten. An diesem Proceß ist dagegen der Beachtung vor Allem werth, wem Herr von der Groeben-Arenstein, der Vertreter des preußischen Volkes von Heiligenbeil-Pr. Eylau, und Herr von Herder, der Vertreter des sächsischen Volkes von Marienberg, ihr Vertrauen geschenkt haben. Herr F. Kolk ist eine typische Erscheinung unserer Tage: ein früherer Lieutenant, der heute Schriftsteller und Politiker ist und der das deutsche Volk retten und reformiren will durch den Verein mit dem schönen Namen „Bonnival"", der „internationaler, nicht politischer Natur" ist, und der „die Mißstände, die Auswüchse des Börsenunwesens vernichten soll". Herr Kolk gehört geistig zum Schlage der Liebermann von Sonnenberg. Dasselbe Pathos, das'durch unrichtige kraftmeierische, dichterische Citate und durch Schwulst der Prosa den Beifall des schlechten Geschmacks sich erwirbt; ein bischen miles gloriosus, der in Brochüren über die Börse von Kriegsabenteuern der Jahre 1870/71 erzählt; daneben selbstverständlich „Ethiker" und Apostel eines schneidigen „deutschen Idealismus" ist, der unsere Nation vor dem Treiben der semitischen Feinde zu retten sich berufen fühlt — was ebenso selbstverständlich ist; zugleich großer Entdecker der Fäden der jüdischen Weltverschwörung. Seine Entdeckungen sind von so hohem Reize, wie sie imr in einem schlechten Colportageroman zu finden sind; endlich völliger Banause auf dem Gebiete realer Kenntnisse — alle diese bemerkenswerthen modernen Eigenschaften, vorgetragen in selbstsicherem Phrasengeklingel und selten nur von grammatikalischen Schnitzern belebt, entbehren des Eindruckes nicht, und wenn Herr Lieutenant a. D. Liebermann von Sonnenberg einen Reichstagssitz errungen hat, so ist es eine Tücke des Schicksals, daß Herr Lieutenant a. D. Kolk noch nicht dem Parlamente mit antisemitisch-consecvativer Hilfe angehört. Daß eine Erscheinung wie diese auf die conservativen Abgeordneten v. d. Groeben-Arenstein und von Herder des Eindrucks nicht entbehrte, ist nur natürlich; er fascinirt vor Allem durch seine Enthüllungen wie Ahlwardt; kurz Herr Kolk besitzt Alles, um in dieser Sphäre Erfolg zu haben; vom Lieutenantstitel, den ja auch der geschäftliche Vertrauensmann des Herrn von Ploetz, Herr Arnold, führte, bis zum geschmacklosen Pathos und der Kenntnißlosigkeit; fteilich, diese letztere nur nach den Anschauungen veralteter und überlebter Wissenschaftlichkeit. Herr _ Kolk hat nämlich eine sehr große Entdeckung gemacht. Auf Seite 18 seiner sehr unterhaltlichen Broschüre „Schlachtenbilder von der Börse"*) sagt er, nachdem seine Schüler genügend vorbereitet sind, das Folgende: „Die Mehrzahl unserer Leser . . . wird es glauben, auf Grund ihres eigenen Nachdenkens, trotzdem noch alle Bücher, Zeitschriften, Tagesblätter, von denen manche eine hohe Autorität in Anspruch nehmen (!), mit rührender Treuherzigkeit weiter fabeln von der nationalökonomischen Mythe; reelles Angebot und Nachfrage dictiren die Curse." Das war im Jahre 1894 noch eine einigermaßen neue Wahrheit; heute hat sie ihren Weg bereits gemacht bis in das Centrum und d:e nationalliberale Partei des Reichstages, wie *) 1894. Verlag der Geschäftsstelle der antisemitischen Bereinigung für Norddeutschland. R. Ja^ob, 81V., Jnnkerstr. 5/6. *) Aus der „Nation".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.