Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 25 (19.6.1896)
- Date
- 1896-06-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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saavsa&a Sette 490 Dr. Vloch'K Wochrnschrifl Nr. 35 praktische Wirsamkeit umzusetzen. Der gewerbliche Kleinkrieg, dessen Parole lautet: „Des Einen Tod ist des Andern Brod", nimmt immer gehässigere Formen an. Schon präsentireu die Wirthe, die Gemischtwaarenverschleißer, die Fleischhauer ihre Rechnungen. Der tägliche Fleischmarkt soll devastirt, für die Fleischhauer monopolisirt werden, das Publicum soll rettungslos den antisemitischen Fleischhauern ausgeliesert sein. Im Wiener Gemeinderathe gibt das dümmste Krähwinkelthum, die beschränkteste Bezirksbergerei den Ton an. Der Gemeinsinn und der Gemeinwille haben sich in eine Unzahl von Sonderinteressen aufgelöst, welche die Gemeindevertretung zu jeder großen, weitausblickenden Action unfähig machen. Das ist das Bild des Zerfalls, welches Wien in seinem Innern bietet. Nach Außen hin aber ist der „Patriot"' Lueger redlich bemüht, uns die Feindschaft aller Nationalitäten auf den Hals zu laden und so Wien von seiner Bedeutung als Hauptstadt des Reiches aus das Niveau einer Hauptstadt der Provinz Nicderösterreich herabzudrücken. Mit den Ungarn hat er uns verhetzt, nun bindet er mit den Junge zechen und Polen an, die er mit einer Fluth gehässiger Verleumdungen und Verdächtigungen überschüttet. Er hat sich von den Vertretern beider Nationalitäten eine gründliche Abfuhr geholt, aber die Erbitterung gegen Lueger und die antisemitische Partei wird naturgemäß aus Wien übertragen werden, welches der Antisemitismus beherrscht. Man könnte freilich eine gewisse Befriedigung darin erblicken, daß den Jungczechen und Polen, die nur zu s ehr mit dem Antisemitismus kokettirt haben, heute jener Lohn zutheil wird, mit dem Herr Lueger noch allen seinen geheimen und offenen Freunden gezahlt hat — wenn den Schaden in letzter Linie nicht Wien zu tragen hätte. Der antisemitische Tribun hat uns die ganze Welt auf den Hals gehetzt, sein Ehrgeiz hat sich das hohe Ziel erwählt, Wien zu einem großen Dorfe zu machen, den Pulsschlag seines geistigen, wirthschaftlichen und socialen Lebens zu hemmen. Wien wird decapitalisirt — der Patriotismus Dr. Lueger's erstrahlt im hellsten Lichte! Im türkischen Spiegel. Während meines Aufenthalts in Constantinopel ist es mir durch besondere Protection gelungen, einen sehr hochstehenden türkischen Würdenträger interviewen zu dürfen. Ich fand in ihm einen sehr vorurtheilslosen, über die Verhältnisse und Zustände in den europäischen Staaten sehr gut unterrichteten Mann, voll Eifers, sein Land all der Institutionen, Gesetze und Gebräuche theilhästig werden zu lassen, denen alle Bürger der Staaten Europas ihr ungetrübtes Wohlsein, ihre ausnahmslose Zufriedenheit und vollständige Eintracht zu verdanken haben. Und daß dies bei chm fein leeres Gerede sei, daß er auch bereits Schritte zur Verwirklichung seiner Pläne gethan habe, das bewies er mir durch einen seinem Monarchen zur Unterzeichnung vorgelegten Reorganisationsplan für das ganze Reich, in welchem für jedes Gesetz, für jede Maßregel das hierin befolgte europäische Vorbild angeführt war. Besonders auffallend war mir bei dem von der ausschließlichen Wahrheit seiner Religion überzeugten Mohammedaner die Toleranz und vollständige Gleichstellung aller Confefsionen, welche er nach dem Muster europäischer, christlicher (der Ausdruck arischer wurde von ihm als unwissenschaftlich verworfen) Regierungen für das osmanische Reich einführen wollte. Ich kann hier aus Mangel an Raum nicht den vollständigen Organisationsplan wiedergeben und will mich daher begnügen, nur das auf die jetzt brennendsten Fragen Bezügliche, nebst den Erläuterungen des türkischen Staatsmannes mitzutheilen. Die Leser werden daraus ersehen, daß er sich nicht begnügt, Gesetze und Verordnungen zu erlassen, sondern auch für deren sinngetreue Befolgung ganz nach dem Muster mancher europäischer Regierungen Vorsorge zu treffen sucht. „Ich habe mich", sagte er, „in Bezug auf die Gleichberechtigung der Confessionelr nach dem Ausspruch des Ministers einer europäischen Großmacht gerichtet, welcher erklärte, alle Bürger können ohne Rücksicht auf ihre Religion zu allen Aemtern ernannt werden, es entstehe aber daraus für die Regierung keine Verpflichtung, sie auch wirklich zu ernennen. Ebenso werden auch in den bei uns zu errichtenden autonomen Gemeinde-, Bezirks- und Provinzialräthen die Mohammedaner auch jederzeit Christen wählen dürfen; sollten sie die Christen, selbst dort wo sie eine ansehnliche Minorität bilden, ausschließen, so werde ich einen solchen Vorgang von jedem Gesichtspunkte aus bedauern und keinen Anlaß finden, dagegen einzuschreiten. Ich bin überzeugt, daß der Minister des Aeußern des betreffenden Staates in dieser loyalen Durchführung der Gleichberechtigung einen klaren Beweis für unsere Europäisirung finden wird." „Ueberhaupt", fuhr der Pascha fort, „werden wir uns mit der bis jetzt gegen Andersgläubige geübten Toleranz nicht begnügen, sondern sie, stets nach europäischem Muster erweitern. Wir" werden den christlichen Missionären dieselbe Freiheit gewähren, welche die Missionäre des Islam in Rußland, Spanien und andere europäischen Staaten genießen; wir werden uns nicht damit begnügen, daß die Muftis und Ulema nicht gegen die Giaurs Hetzen und nicht zu deren Vertreibung oder Ausrottung auffordern, sondern wir werden sie dazu anhalten, Versöhnung und Brüderlichkeit aller Menschen in der milden Weise christlicher Geistlicher wie Stöcker, Deckert, Scheicher und ihresgleichen zu predigen." „Wie die christlichen Regierungen die Heilighaltung des Sonntags vorschreiben, so wird im ganzen türkischen Reiche jede Arbeit und jedes Geschäft am Freitag, auch den Bekennern anderer Religionen, streng verboten sein; die Regierung wird aber in stricter Uufrechterhaltung der Gleichberechtigung darüber wachen, daß die Christen am Sonntag, die Juden am Samstag feiern können; selbstverständlich dürfen durch solche Heilighaltung ihrer Ruhetage ihre Pflichten als Beamte und Soldaten nicht verletzt werden." „Und da wir von Soldaten sprechen, will ich gleich hinzufügen, daß unser erhabener Monarch allen seinen Unterthanen in gleicher Liebe gestattet, Steuern zu zahlen, als Soldaten zu dienen und sich für das Vaterland zu Krüppeln oder todtschießen zu lassen. Diese Vortheile sollen demnach alle Christen und Juden genießen; auch wird es mit deren Ernennung zu Officieren ganz so gehalten werden, wie mit den Juden in der preußischen Armee. Sollten in Bezug auf die Gleichberechtigung auf Grund unserer Verträge mit andern Mächten an uns weitere Forderungen gestellt werden, wie sie mit gleichem Grund an unfern ehemaligen Vasallenstaat Rumänien gestellt wurden, so werden wir, wie dieser christliche Staat, von dem der Minister einer Großmacht neulich sagte, er habe sich zu einer Höhe emporgeschwungen, um die ihn andere Staaten beneiden könnten, die Verträge heilig halten — und alle christlichen Einwohner für Fremde erklären. Die Unzufriedenen und Nörgler, die sich damit nicht zufrieden geben, mögen auswandern." „Wir sind", fuhr er fort, „noch nicht auf derselben Höhe der Civilisation, wie das Königreich Sachsen und die Republik der freien Schweizer, die sich sogar der Thiere annehmen, und zwar nicht die Jagd, aber das Schlachten der Ochsen nach jüdischem Ritus als Thierquälerei verbieten; aber wir wollen aus Menschenfreundlichkeit — das Glockenläuten verbieten. Die Kirchenglocken bilden ebensowenig als das jüdische Schächten einen wesentlichen Theil der Religion, machen aber auf kranke und nervöse Menschen einen schädlichen Eindruck, stören oft im Schlaf und können, wenn sie Herabstürzen, viele Menschen tödten oder verwunden. Wenn wir sie verbieten, verletzen wir ebensowenig die christliche Religion, als die jüdische durch das sächsische und schweizerische Schacht- Verbot verletzt wird. Der Thierfreundlichkeit dieser Regierungen wird unsere Menschenfreundlichkeit würdig an die Seite gestellt werden können. Ebenso menschenfreundlich wollen wir uns gegen die vom Islam Abfallenden zeigen, indem wir sie ebenso unbestraft lassen, wie die, welche in Rußland von der orthodoxen Confession zu einer andern übertreten." „Alle diese Maßregeln mögen wohl für die Zukunft ihren hohen Werth haben," wendete ich ein, „aber was denken Euere Exzellenz gegen den Aufstand in Kreta, gegen die Gährung in Armenien und Macedonien zu thun? Hat doch erst jüngst ein europäischer Staatsmann erklärt, man werde die Türkei nicht vor dem Ruin behüten können, wenn sie nicht erträgliche Zustände in den Provinzen herbeiführe, den Verfolgungen und Metzeleien Einhalt thue!" „Gewiß wird sie das thun," antwortete der Pascha, „und als Beweis dafür mag Ihnen dienen, daß mit der Durchführung der Pacification keine fanatischen Muselmanen, sondern , europäische, christliche Beamte betraut werden sollen. Wir haben