Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 25 (19.6.1896)
- Date
- 1896-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. Bloch’s Jahrgang XIII. 4 für die gesammten Interessen des Iudenthums. Wien, 19. Juni 1896. Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift Wien. Inhalt. Leitartikel: Die Decapitalisnung Wiens. — Im türkischen Spiegel. — Ein militärischer Börsenprophet und seine agrarischen Jünger. — Herder's Ansicht m über das israelitische Schriftenthum und den israelitischen Volkscharaktcr. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine Enttäuschung. Familienähnlichkeit. Ein Schwurgerichis-Urtheil. Der Erpressungsversuch an Baron Albert Rothschild. Eine Antisemitenversammlung. Der antisemitische Curort Roznan. Palec Ehotkowsky. Der Erzbischof von Posen. — C o r re s p o n d e n z e n : Wien, Steinwürfe gegen den Fünfhauser Tempel, Ein polnisches Geimäch, Asfaire Arnvschk-Dergani. Eine Scene von der Straße, Olmütz, Brünn, Lemberg, Oedenburg, Budapest, Berlin, .Karlsruhe, Rom, Paus, London Cambridge, Warschau, St. Petersburg, Moskau. — Vermischtes: Wien, Ein Brief Sonnenlhals, Budapest, Proüuip. Komotau, Nikolsbürg, Mähr.-Ostrau, Prag, Israelische Cultusgemeinde Carolinenthal, Brody, Boulogne-sur-Seine, Pa^'-s. Chanx-dr-Fonds, Berceil, London, Kimberley. — Feuilleton: Kinder des Ghetto. — Die Töne unserer Zeit. — Briefkasten. — Eingesendet. — Inserate. * —. * für ßeftarxibcft: Halbjährig 4 fl. 8 Ät. Einzelexemplare 15 kr. Ittr'» Mwnlemd: halb'^hrig S fl. 10 Xt. ganzjährig IO „ J# „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. Crnlralorgan Li. k. PostsparraNrn-AnN Elraringv erkrhr Nr. 810.976. Lrdartion und Administration Wien jj ., Untere Uugartrnpratze I» 1 Telephon-Nr. 6535.! Die Decapitalistrung Wiens. Die ungarische Quoten-Deputation hat beschlossen, sich mit der Abfassung ihrer Antwort auf das neuerliche Nuntium der österreichischen Deputation nicht zu beeilen, sondern sich mit derselben erst nach Ablauf der Sommerferien zu beschäftigen. Der Vertagungsbeschluß ist umso auffälliger, als die Ungarn darüber einig sind, an ihrem ursprünglichen Standpunkte festzuhalten. Die Hinausschiebung des Rennntiums bedeutet nichts Geringeres, als daß eine Verständigung über die Quote und damit das Zustandekommen des Ausgleiches bis zum 1. Jänner 1897 nicht mehr zu gewärtigen ist. In Ungarn herrscht tiefe Verstimmung, um nicht zu sagen leidenschaftliche Erbitterung über die öffentlichen Beschimpfungen, welche von den zu officiellen Persönlichkeiten avancirten antisemitischen Führern gegen den ungarischen Staat und das ungarische Volk gerichtet werden. In solcher Stimmung lassen sich keine sachlichen Berathungen führen. Wie kann man ruhig über das Verhältniß der Auftheilung der gemeinsamen Ausgaben verhandeln, wenn in der Hauptstadt der diesseitigen Reichshälfte im Parlament, im Gemeinderathe, in Volksversammlungen und in der Presse immerfort von der „Ausbeutung durch die Judäo-Magyaren", von der „Knechtung Eisleithaniens durch Ungarn" gesprochen, wenn Jedermann als „ehrloser Lump" bezeichnet wird, der dem ungarischen Volke anläßlich der Millenniumsfeier seine Sympathien erweist. Das ist offenbar der wohlbegründete Gedankengang der ungarischen Quoten-Deputation. Einst scholl das Wort über die Leitha hinüber: „Wir können warten!" Heute tönt dieses Wort zu uns zurück — die Ungarn haben es nicht eilig, sie können nichts verlieren, wenn sie warten. Der ungarische Staat hat sich wirthschaftlich mächtig entwickelt und die vernünftige Politik seiner Regierungen, welche alle Volkskräfte vorurtHeilslos zusammenfaßt, fördert unausgesetzt diese Entwicklung. So groß auch die Nachtheile eines selbstständigen Zollgebietes wären, Ungarn hat dieselben viel weniger zu fürchten als Eisleithanien, weil die jenseitige Reichshälfte noch immer das größte Absatzgebiet für die Erzeugnisse der österreichischen Industrie bildet. Die Ungarn sagen sich, daß sie es nicht nöthig haben, fortwährend auf dem Qui vive gegen die Anschläge der clerical-feudal-antisemitischen Reaction zu stehen, zu deren Bannerträger sich Herr Lueger gemacht hat. Aber es wäre ein trauriges, die Grundlagen der Gesammtmonarchie und die Zukunft der diesseitigen Reichshälfte schwer bedrohendes Ereigniß, wenn diese Anschauung bei den Ausgleichsverhandlungen zum Siege gelangen würde. Wien hat durch den Dualismus und den gewaltigen Aufschwung Budapests einerseits, durch die Nationalitätenkämpfe anderseits ohnehin schon schwer gelitten. Der Bahn- und Schiffsverkehr nach dem Orient ist zum größtenTheilevon Wien abgelenkt worden und führt über Budapest. Die antisemitische Hetze hat weiter mitgewirkt zurlangsameuDecapitalisirung der österreichischen Reichshauptstadt. Der Saatenmarkt bestand in den letzten Jahren nur dem Namen nach und nunmehr hat der Budapester Börserath in Gemeinschaft mit dem ungarischen Landes-Agriculturvereine beschlossen, den Getreide- und Saatenmarkt künftighin in Budapest abzuhalten. Herr Lueger kann stolz sein auf seinen Triumph, die „Körndl-Juden" werden nicht mehr nach Wien kommen und werden chr Geld nicht mehr bei uns verzehren. Das ist gewiß wieder ein Schritt weiter zur „Rettung" des Wiener Gewerbes, zur „Befreiung des christlichen Volkes von jüdischer Ausbeutung!" Ja mehr noch! Diese böswilligen Judäo- Magyaren fangen an, ihren Bedarf an in dustriell en Erzeugnissen nicht mehr in Wien, sondernim A us lande zu decken. Manufacturwaaren, Eonfectionsartikel, die Produete der Lederindustrie, chirurgische und mechanische Instrumente rc. werden nicht mehr in Wien, sondern in Berlin, München und Paris bestellt. Was das bedeuten will, kann man leicht aus den statistischen Ausweisen über den österreichisch-ungarischen Handelsverkehr entnehmen. Und während auf solche Weise die Lebensadern des Wiener Handels und Gewerbes unterbunden werden, tritt an unser neues antisemitisches Stadtregiment die Aufgabe heran, jene Theorie, wonach das Wiener Gewerbe nur durch die zünftlerische Organisation gerettet werden kann, in die