Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 24 (12.6.1896)
- Date
- 1896-06-12
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021115-3021140--05713-3029961- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 24 Or. Vlvch's Wochenschrift Beim Festmahle eröfsnete der junge Graf den Reigen der Toaste und feierte besonders feinen Freiind Dr. Kwiecinski, der nicht nur seiner Person, sondern der ganzen Bewegung unschätzbare Dienste geleistet, dann ließ er den edelmüthigen Retter seines Lebens Mordko Szlomowicz, sowie alle ehrlichen Juden hoch leben. Einige zartbesaitete Aristokraten rümpften die Nasen und sahen einander ganz verblüfft an. Dieses bemerkte der Toastirende und beeilte sich, der Gesellschaft die letzten Worte Wisniewskis ins Gedächtniß zu rufen, von deren Richtigkeit er nun vollkommen überzeugt sei. Die Erzählung von der selbstlosen Rettung aus höchster Gefahr durch eilten einfachen jüdischen Dorfschänker, der sein eigenes Leben gefährdete, ohne irgend welche Entlohnung annehmen zu wollen, erregte allgemeine Verwunderung und bewirkte, daß die Inden in Galizien seitens der wirklichen Edelleute durch eilte Reihe von Jahren sich des besten Wohlwollens erfreuten, bis eine neue Generation entstand, welche den Heilslehren des Antisemitismus zugänglicher war, als es ihre Eltern gewesen. Dr. Kwiecinski begann seine Praxis in einer kleinen Stadt seines Heimatlandes und war bei den Edelleuten der Umgebung sehr beliebt, ließ sich aber später, als seine Eltern und seine einzige Schwester der Cholera erlagen, in der "Armee als Oberarzt aetiviren und dient heute noch activ als Oberstabsarzt. Mit Rücksicht auf seine Betheiligung am Polenaufstande und der erfolgten Bestrastmg ist im Grundbuchsblatte ein ganz anderer Namen als der richtige verzeichnet. Graf Wladyslaw G. wurde nach einigen Jahren vom Großgrundbesitz in den Reichsrath gewählt, wo er zu den eifrigsten Bekämpfen: des Judenhasses gehört. Ob auch seine beiden Söhne an der Krakauer Universität den Einflüsterungen des Hetzblattes „Glos Narodn" unzugänglich sind, läßt sich nicht mit Bestimmtheit behaupten. Die „Campagne" war also zu Ende. Die geheime Druckerei der Zeitschrift „Rzad narodowy" sowie die leitenden Personen wurden entdeckt und massenhaft hingerichtet. Endlose Trupps von Verbannten nach Sibirien — von denen die weiften in den Bleibergwerken umkamen, sah man fast täglich abgehen. — Ströme edelsten Blutes flössen und Heidensummen wurden anfgewendet, damit man sich ein Jahr lang halten und die versprochene Hilfe des Franzosenkaisers erwarten kann und das Resultat? Unsagbarer Jammer der' Eltern um die edlen Jünglinge die anszogen, um nicht wiederzukehren, dieses alles hatte richtig vorausgesehen Bogumil Kwiecinski -ecte Bert Blum. Literatur. Zur Geschichte der Agava.*) Das überaus reiche Geistesleben der talmndischen Zeit gelangt in der Agada am deutlichsten zum Ausdrucke. Eine kurze Begriffsbestimmung derselben ist schon wegen ihrer allumfassenden Vielseitigkeit unmöglich. Wohl hat sie Znnz derart definirt, daß die nach Abzug der Halacha noch übrige Thätigkeit des Midrasch die Agada ist; eine solche Bestimmung ist aber schon ihres negativen Charakters wegen nicht als die endgiltig richtige Beantwortung der Frage, was ist Agada, aufzufassen. Man muß das große Labyrinth der Agada betreten, sich in ihm verirrt haben, um die Reichhaltigkeit der agadischen Literatur zu erkennen, man muß die in fünf stattlichen Bänden niedergelegte Arbeit des Herrn Professor Bacher über die Agada gelesen haben, um zu sehen, daß dieser gewaltige, wegen seiner tausendfachen Verzweigung fast unbezwingbare Stoff seinen Meister gefunden hat. Wir sehen da ein Gebäude aufgeführt, das nichts gemein hat mit jenen gezierten, geschnörkelten Werken moderner Architektur, nein, wir sehen einen gewaltigen Cyklopenbau, aus mächtigen Quadern und Riesenblöcken zusammengeftigt. Diese massigen Felsstücke waren begraben im Schutte der Jahrhunderte, sie waren versunken im Schlamme der Vergessenheit, bis daß ein kraftstrotzender, gewandter Baumeister sie ans Tagelicht gezogen, und mit tiefer Sachkenntniß sie zusammengefügt hat. — Als ein neues Stockwerk dieses Monumentalbaues kann der soeben erschienene II. Band der Agada der palästinensischen Amoräer bezeichnet werden, in welchem die agadistische Thätigkeit der Schüler R. Jochanan's enthalten ist. In den neun Capiteln des an 550 Seiten fassenden Buches werden uns die hervor- D l e Agada der palästinensischen A m or ä e r. Zweiter Rand, die Schüler Jochanan's, von Dr. Wilhelm Bacher, Professor an der Landesrabbinerschule zu Budapest. Straßburg i. E., Trnbner 1896, VIII. 545. 8". Seite 487 ragendsten Vertreter der Agada vom Ende des dritten bis zum Anfang des vierten Jahrhunderts vorgefübrt. Eleazar b. Pedath, Abahn, Ammi und "Assi, Chija b. "Abba, Simon b. Abba, Jizchak, Levi, Simon, Abba b. Kahana und Chanina b. Papa finden eine eingehende Würdigung. Ihre im jerusalemischen und babylonischen Talmud, in den tannaitischen und amvräischen Midraschsammlnngen zerstreuten Sprüche werden sachlich und chronologisch geordnet und mit einer Fülle gründlicher "Notizen beleuchtet. Die verschiedenen "Arten der Schriftdeutung werden uns an einzelnen Beispielen gezeigt, und im Laufe der Darstellungen gewinnen wir einen tiefen Einblick in die Exegese dieser Meister. Bon der Voraussetzung ausgehend, daß "Agada gleichbedeutend ist mit Schrifterklärung, von der einfachen Worterklärnng angefangen, bis hinauf zu den gekünsteltsten Schriftdeutungen, entrollt uns Professor Bacher in seinem Werke ein deutliches Bild jener Geistesarbeit, welche die Tannaiten und Amoräer verrichtet haben. "Aber auf dem Gebiete der "Agada ist das "Abhängigkeitsverbältniß dieser von jenen nicht vorhanden. Die Amoräer haben hier nicht dasjenige weiter entwickelt, was die Tannaiten angefangen, denn die Agada steht mit dem alltäglichen Leben, mit feinen Leiden und Freuden im engsten Zusammenhänge, gewinnt daher immer ein neues Gepräge. Sie ist demzufolge ein treuer Spiegel ihrer Zeit, sie zeigt uns, oft verschleiert, aber immer wahr, das Bild jener religiösen und socialen Zustände, die damals geherrscht. Man kann es dem schwer bedrückten Volke nicht verargen, wenn es sich in bitteren Worten gegen seine Peiniger wendet, ^p. 220, 326, 345) und man muß den Seelenadel dieses Volkes bewundern, wenn man siebt, daß es den bittersten Bedrückungen zum Trotze noch immer ein entschuldigen des, rechtfertigendes Wort für das grausame Rom findet (i». 70, 94, 415). Jenes enge, fast familiäre Verhältniß, das zwischen Israel und seinem Gotte bestand, die "Ausdehnung der religiösen Vorschriften auf alle Momente des Lebens, brachten es mit sich, daß die Agada sich vorzugsweise mit religiösen Problemen zu beschäftigen hatte. Strafe und Vergeltung, Wvhlthätigkeit und Armenpflege, religiöser Lebenswandel und ethische Principien, Sprüche und Gleichnisse, kurz "Alles, was das Denken und Fühlen diese Jahrhunderte ausgemacht, findet in der Agada eine Aufnahme. Es genügt, einen Blick ans das fast 200 Schlagwörter fassende Sachregister zu werfen, um die große Vielseitigkeit der "Agada, und.den schier noch größeren Fleiß des gelehrten Verfassers sich zu vergegenwärtigen. Ist schon eine solche Zusammenstellung agadischer Sätze von einer vollkommenen Beherrschung des endlosen Materials bedingt, so muß jener tiefen Gründlichkeit, mit welcher der Verfasser sein Werk angelegt hat, jener Sachkenntniß, mit welcher er die im Laufe der Jahrhunderte schadhaft gewordenen Stellen ausbessert, ihren entstellten Sinn durch eine einleuchtende Conjectnr wiederherstellt, die höchste Bewunderung gezollt werden. An anderen Stellen wird der dunkle, kaum merkbare Zusammenhang zwischen dem Bibelvers und seiner Deutung aufgedeckt, aus den verschiedenen Lesearten die richtigste hervorgeholt, manch unverständlicher Spruch durch sachliche, lexikalische oder historische Notizen aufgeklärt. Dem gründlichen, unparteiischen Forscher ist nichts unbedeutend, in den scheinbar belanglosen Stellen gelangt dieselbe gewissenhafte, in die Einzelheiten eindringende, aber darum nicht kleinliche, streng wiffenschaftliche Methode zur "Anwendung. Denn sind diese Stellen auch keine neuen Quadern stir den großen Bau, so sind ste doch der Mörtel, welcher diese mit einander verbindet und so dem Gebäude die nöthige Solidität verleiht. Wohl sträubt sich Professor Bacher in seiner Vorrede zum ersten Bande dagegen, daß man sein Werk als ein fertiges Bauwerk, als eine Geschichte der Agada betrachte. Er will vielmehr nur eine grundlegende "Arbeit für dieselbe liefern, er will nur das Material herbeischaffen, welches dazu verwendet werden kann. Aber das ist keine Arbeit, die eines sachkundigen, begabten Architekten bedarf, ein mittelnräßiger Baumeister wird diese Arbeit durch seine ungeschulten Handlanger ebensogut besorgen können. Was er leistet, das ist nicht nur die Vorarbeit, sondern die Geschichte der Hagada selbst. Tenn all jene Sprüche, welche auf bestimmte Tradenten zurückzuführen sind, finden in seinem Buche Aufnahme, und nur jene Sätze, deren Ursprung nicht nachweisbar ist, mußten naturgemäß ausgeschieden werden. Ob aber eine solche Zusammenstellung der in der tannaitischen und amvräischen Literatur nicht enthaltenen agadischen Stellen nicht als ein neuer Band den in "Aussicht gestellten 8 3 Bänden angereiht werden kann, ist eine Frage, die Professor