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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-06-12 · 24 (12.6.1896) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
24 (12.6.1896)
Date
1896-06-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Vloch'» Wochenphrist. Seite 485 „Aber es wäre Dir doch nicht recht, wenn ich Jemanden heiratete, der mir nicht gefällt." „Gott behüte! Meine kleine Hanna soll heiraten, wen sie will." Eine heftige Röthe schoß über das Gesicht des Mädchens. „Das meinst Dn nicht wirklich, Vater", sagte sie kopfschüttelnd. „So wahr, wie die Thora ist. Warum sollte ich es nicht?" „Und wenn ich einen Christen heiraten wollte?", sagte sie langsam. Ihr Herz klopfte, während sie die Frage stellte. Reb Schemuel lachte herzlich. „Meine Hanna hätte einen guten Talmudisten abgegeben. Natürlich, so habe ich es nicht gemeint." „Ja, aber wenn ich einen sehr lauen Juden heiraten würde, wäre es Dir ebensowenig recht." „Nein, nein," sagte der Rabbi kopfschüttelnd. „Ein Jude ist ein Jude und ein Christ ein Christ." „Aber kann man sie immer unterscheiden?", meinte Hanna. „Es gibt Juden, die sich ganz so benehmen wie Christen, ausgenommen natürlich, daß sie nicht an den Gekreuzigten glauben." Der alte Rabbi schüttelte noch immer den Kopf. „Der laueste Jude kann sein Judenthum nicht abthun. Seine ungeborene Seele nahm das Joch der Thora vor dem Sinai auf sich." „Würde Dir also wirklich nichts daran liegen, wenn ich einen lauen Juden heiraten würde?" Er sah sie überrascht an. Ein Argwohn dämmerte ihn ihm auf. „Wer wenn Du ihn liebst, wird er ein guter Jude werden." Die einfache, vertrauensvolle Antwort rührte Hanna zu Thrünen aber sie hielt sie zurück. „Und wenn nicht?" „Ich würde darum beten. Solange das Leben noch nicht geschwunden ist, solange ist noch Hoffnung für den Sünder in Israel." Sie ging wieder zu ihrer alten Frage zurück. „Und läge Dir wirklich nichts daran, wen ich heirate?" „Folg' Deinem Herzen, meine Kleine", sagte Reb Schemuel. „Es ist ein gutes Herz und wird Dich nicht irreführen." Hanna wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, die sie nicht länger zurückhalten konnte. Ihr Vater vertiefte sich wieder in die Thora. Aber er hatte noch sehr wenige Verse gelesen, als ein weicher, warmer Arm sich um seinen Hals schlang und eine feuchte Wange sich dicht an die seine schmiegte. „Vater, verzeih mir" flüsterten die Lippen. „Es thut mir so leid, ich dachte, daß — daß ich — daß Du— Vater, Vater, mir ist, als hätte ich Dich vor heute nie gekannt." „Was gibt es, meine Tochter?", fragte Reb Schemuel, in seiner Angst in den Jargon verfallend. „Was hast Du gethan?" „Ich habe mich verlobt", antwortete sie, unwillkürlich seinen Dialect gebrauchend. „Ich habe mich verlobt, ohne es Dir oder der Mutter zu sagen." „Mit wem?", fragte er ängstlich. „Mit einem Juden", beruhigte sie ihn. „Aber er ist weder Talmudist, noch ein Frommer. Er ist erst seit Kurzem vom Kap zurück." „Ja, dort sind sie sehr lau", murmelte der Rabbi aufgeregt. „Wo bist Du ihm zuerst begegnet?" „Im Verein", antwortete sie. „Auf dem Purimball — am Abend zuvor, ehe Sam Levine herkam, um sich von mir scheiden zu lassen." Der Rabbi runzelte die hohe Stirn. „Ja, Deine Mutter wollte es durchaus", sagte er. „Wie heißt er?" „David Brandon. Er ist nicht wie andere jüdische, junge Leute. Anfangs dachte ich, er sei wie alle übrigen, und spottete ihn aus, als er zuerst mit mir sprach. Aber dann sah ich mein Unrecht ein. Seine Unterhaltung ist angenehm, denn er dentt selbstständig .... Und weil ich dachte, daß Du von einer solchen Partte nichts würdest wissen wollen, und daß es keine Gefahr habe, kam ich mehrere Wende im Verein mit ihm zusammen, und — das Uebrige weißt Du." Erröthend, zerknirscht, glücklich und ängstlich wandte sie das Gesicht ab. Ihre Liebesgeschichte war so einfach, wie sie sie erzählt. David Brandon war nicht der Prinz ihrer Mädchentrüume, und ihre Leidenschaft für ihn war nicht so, wie sie sich dieselbe vorgestellt hatte. Sie war stärker, seltsamer, und das Bewußtsein der Heimlichkeit und des drohenden Widerstandes hatte ihrer Liebe einen Beisatz von herber Süßigkeit verliehen. Der Rabbi streichelte schweigend ihr Haar. „Ich würde nicht so rasch „Ja" gesägt haben, Vater", fuhr sie fort, „aber David mußte nach Deutschland fahren, um den alten Eltern seines Kameraden, der in den Goldfeldern starb, eine Botschaft zu bringen. David hatte dem Sterbenden versprochen, sie persönlich auszusuchen, sobald er nach England zurückkehre — ich glaube, es war eine Bitte um Vergeben und Vergessen. Aber nachdem er mich kennen gelernt hatte, schob er die Abreise hinaus. Als ich davon erfuhr, machte ich ihm Vorwürfe, aber er sagte, er könne sich nicht losreißen und wolle nicht fort, bis ich ihm gestehen würde, daß ich ihn liebe. Endlich sagte ich, wenn er gleich, am nächsten Morgen nach Deutschland führe, würde ich zugestehen, daß ich ihm ein bischen gut bin. Und so kam es. Er fuhr letzten Mittwoch fort. O, Vater, ist es nicht schrecklich, daß er mit Liebe und Freude im Herzen zu den Eltern seines todten Freundes kommt?" Der Vater hielt den Kopf gesenkt. Sie zwang ihn, auszublicken, und schaute flehend in die großen, braunen Augen. „Du bist doch nicht böse aus mich, Vater?" „Nein, Hanna. Aber Du hättest mir Alles von Anfang an sagen sollen." „Ich wollte es, Vater, aber ich fürchtete mich. Dich zu kränken." „Warum? Der Mann ist ja ein Jude, und Dn liebst ihn, nicht wahr?" „Wie mein Leben, Vater." Er küßte sie aus den Mund. „Das genügt, meine Hanna. Da Du ihn liebst, wird er fromm werden. Wenn ein Mann ein gutes jüdisches Weib hat, wie meine geliebte Tochter, die ein gutes jüdisches Haus halten wird, so kann er nicht lauge ein Sünder bleiben. Das Licht eines jüdischen Hauses wird seine Schritte zu Gott zurückführen." Hanna schmiegte sich schweigend an ihn. Plötzlich legte Reb Schemuel seine Hände aus ihren Kopf und murmelte: „Gott mache Dich wie Sarah, Rebekka, Rahel und Leah." Dann fügte er hinzu: „Geh, meine Tochter, und erfreue das Herz Deiner Mutter!" Hanna schien es, daß diese Worte einen Schatten von Satyre enthielten; aber ganz genau wußte sie es nicht. * * Der rauschende Sambatyon des Lebens ruhte nun in dem Ghetto. Das Licht des Sinai leuchtete über Tausende von armseligen Wohnungen. Die Sabbathengel flüsterten Worte der Hoffnung und des Trostes in das Ohr der wegmüden Hausirer und der abgearbeiteten Maschinisten, erfrischten ihre ausgettockneten Seelen mit himmlischer Labsal und machten sie für eine Stunde zu Königen, welche Muße hatten, von den goldenen Stühlen zu träumen, die ihrer im Paradiese harrten. Das Ghetto bewillkommnete die Sabbathbraut mit stolzen Gesängen und einfachen Festen; ihr Scheiden wurde mit optimistischen Symbolen von Feuer und Wein, von Gewürz, Licht und Schatten begleitet. Ringsum suchten in den Schänken ihre andersgläubigen Nachbarn Zerstreuung, und ihr trunkenes Gebrüll klang durch die Sttaßen. Da und dort tönte die Sttmme einer geprügelten Frau durch die Luft. Aber kein Sohn des Bundes war unter denen, die tranken oder ihre Weiber schlugen; die Juden bleiben eine auserwählte Race, ein eigenes Volk, das Fehler genug besitzt, aber wenigstens von den gröberen Lastern erlöst ist. Sie bilden eine kleine, menschliche Insel, die der Genius einstiger Ingenieure den Wassern des Criminalismus abgerungen hat. Der Genius der Griechen und Römer, der Egypter und Phönizier hat sie nur in Wort und Bild überdauert; das hebräische Wort allein ward Fleisch. Neunzehntes Capitel. Der Strike. „Diese Eselsköpse!", ries Pinkas am Morgen des nächsten Freitags. „Ihn machen sie zu einem Rabbi und geben ihm das Recht, religiöse Fragen zu beantworten, obwohl er vom Judenthum" — der patriottsche Dichter hielt inne, um einen Biß in

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